Ein lernfreudiger Schüler

Als Francesco Noval im Herbst 1997 siebzehn Jahre alt wurde, war er trotz vieler äußerer Umstände ein glücklicher Mensch. Kurz vor dem Abschluß seiner Realschulzeit machte er sich auf, um an einer schamanischen Visionssuche teilzunehmen. Anschließend stand er vor der schwierigen Aufgabe, seine erste Bewerbung zu entwerfen. Heute ist Francesco Noval Tischlermeister in einer niedersächsischen Kleinstadt. Er war so freundlich, mir sein erstes Bewerbungsschreiben zur Veröffentlichung zu überlassen.

BEWERBUNG UND LEBENSLAUF

von Francesco Noval

17 Jahre

Anrede

Also. Jetzt fängt es an, in meinem Kopf zu kreisen. Mein Gedanken kreisen um ein Thema. Wie soll ich Sie nur anreden? Wenn ich es mit „Sehr geehrter“ versuche, fällt mir ein, daß ich Sie ja nicht kenne. Wenn ich Sie nicht kenne, weiß ich als erstes nicht, ob ich Sie auch tatsächlich „ehren“ kann, d.h. ich weiß nicht, ob ich Sie rein persönlich, aber bitte nehmen Sie es jetzt nicht persönlich- überhaupt so ehrenvoll finde. Wenn ich diese vermeintliche Ehre auch noch mit einem „sehr“ steigere, kommt es mir vor, als ob ich Sie besonders ehrenwert halte, sozusagen für verehrungswürdig. Da ich Sie, wie gesagt, nicht kenne, fällt es mir schwer, Ihnen den Status eines Idols oder eines Heiligen zu geben.

Mit „Würdiger“ oder mit „Lieber“ kann ich Sie leider auch nicht anreden, da, und es tut mir leid, daß ich mich wiederhole, ich Sie nicht einschätzen kann. Eventuell sind Sie ja ein unwürdiger oder hassenswerter Mensch; oder nicht so extrem negativ betrachtet, nur ein lebendiges Mittelmaß. Vielleicht sollte ich Ihnen ja einfach Würde oder Liebe positiv unterstellen, aber wenn es nicht stimmen sollte, erwecke ich in Ihnen sofort einen falschen Eindruck. Denn ich möchte nicht, daß Sie annehmen, daß ich aus irgend einem Grund der Schmeichelei oder Hochstapelei verpflichtet sei. Nehmen Sie es mir also nicht übel, wenn ich eine einfache Begrüßungsformel benutze, die nach den menschlichen Gepflogenheiten bei Begegnungen von Bekannten und Unbekannten immer Zustimmung erhält: Guten Tag!

Nun stehe ich vor einer Aufgabe, die für mich kaum zu lösen ist. Mit meinen 17 Jahren habe ich also 17 Jahre lang gelebt, doch wie ich weiß, sind meine Erlebnisse, Abenteuer und Ansichten für Ihre Entscheidung non-relevant. Geboren, ledig, Schulbildung. Schluss. Und damit können Sie eine Entscheidung treffen? Mir jedoch kommt es vor, als ob ich mit meinem gelebten Leben für Sie erst einmal nicht existent bin.

Ja, wenn ich 40 Jahre alt und Manager wäre, dann könnte ich Ihnen das Eine oder auch das Andere erzählen. Oder auch nicht. Wie ich einem Handbuch für Bewerbungsschreiben entnommen habe, sind die meisten Führungskräfte nicht mal in der Lage, so eine einfache Addition ihrer Arbeitsstellen auf die Reihe zu bekommen. Für mich wäre das einfach, Ihnen zu schreiben, den und den Betrieb habe ich platt gemacht, die und die Gifte sind mir bestens geläufig, könnte Ihnen seitenlange Ausführungen über Rationalisierungs-, Kontroll- und Einsparungstechniken schildern, so daß Ihnen der Mund nur noch wässrig werden könnte. Vielleicht, so als persönlicher Nachtrag, damit wenigstens etwas Persönliches in meinem Brief drin stünde, eine kleine Abhandlung, wie man mit Gewissen, egal ob gut oder schlecht, auch diese Zeiten erfolgreich durchsteht. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, daß mein Leben weder so noch anders gelaufen ist.

Aber ich gönne mir noch einen Versuch. Meine Oma hat mir ihre Bibel ausgeliehen, weil sie ohnehin keine Zeit hat, da hineinzuschauen. Als ich den Lebenslauf des Herrn Jesus von Nazareth gelesen habe, war ich wirklich optimistisch gestimmt. Also, wie der dem Publikum vorgestellt wird, einfach phantastisch. Der kommt nicht in Verlegenheit, seine Existenz mit guten oder schlechten Schulnoten zu begründen. Nein, da fangen die Erzähler erst einmal mit einer langen Ahnenreihe an. Über 14 Generationen, Namen für Namen. Allein literarisch, ganz frei dem assoziativen Gedankengang folgend, höchst interessant. Leider verfüge ich nicht über den Zugriff zu meiner wohl noch längeren Ahnenstory, aber vielleicht reicht es ja aus, wenn ich Ihnen versichere, daß ich mich in näherer Zukunft darum bemühen werde, Ihnen die fehlenden Glieder meiner Ahnenkette vorzustellen.

Momentan bin ich bis in das 17. Jahrhundert meiner Vorvorvorväter und Vorvorvormütter meiner Vorvorvoropas und Vorvorvoromas vorgedrungen. Rein exemplarisch stelle ich Ihnen jetzt einige meiner Ahnen vor. Da gibt es beispielsweise den königlichen Seefahrer, der zahlreiche Expeditionen nach Südafrika und Ostasien unternahm. Oder den einfachen Schriftsetzer, der so einfallsreich war, daß er binnen weniger Lebensjahre selbst lehrreiche Schriften schreiben konnte. Leider wurde er von der römischen Inquisition grausam enthauptet, was aus heutiger Sicht mehr für, als gegen ihn spricht. Auch kann ich einen russischen Mystiker vorweisen, der beinahe im indischen Yogisitz gestorben wäre. Einen holländischen Maler, der Leonardo da Vinci so echt kopieren konnte, daß er und seine Familie nicht am Hungertuch leiden mussten. Da gab es auch eine Prinzessin, die einen Raubritter ehelichte, eine königliche Kurtisane, die Gedichte schrieb und bezaubernde Lieder zu ihrem lauten Spiel singen konnte. Irgendwann zu dieser Jahrhundertwende kommen wir zum kaiserlichen Werftarbeiter mit drei Häusern und neun Kindern oder zur könig-kaiserlichen Konditorin, die einen Husaren heirate und mit ihm ein Friseurgeschäft ganz in der Nähe Wiens führte.

Nun müssen Sie aber keine Angst bekommen, in mir flösse blaues Blut. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch. Mein Blut scheint gut gemischt zu sein und es ist keine Spur von dörflichen oder adeligen Inzestgebarens sichtbar. Weder äußerlich, noch innerlich. Das hat mir auch mein Hausarzt versichert. Auf Wunsch, so meinte mein Doktor, könne er diesen Nachweis auch ärztlicherseits attestieren. Darauf habe ich erst einmal verzichtet, in der Hoffnung, daß Sie meinen Aussagen bei einer persönlichen Begegnung offensichtlich Vertrauen schenken können.

Im Gegensatz zu Jesus bin ich keine Wundergeburt, jedoch römisch-katholisch erzogen worden. Wenn diese Tatsache ein Positivum für Sie sein sollte, bitte ich Sie darum, mich aus der Liste der Bewerber zu streichen. Sollte es andererseits ein Negativum für Sie sein, so möchte ich Ihnen zu bedenken geben, daß auch aus Lämmern Wölfe werden können. Außerdem besuche ich regelmäßig, genau genommen, dreimal in der Woche, eine Psychotherapeutin, die mir in der 23. Sitzung mit strahlendem Gesicht verkündete, daß mein Fall doch nicht so hoffnungslos sei, wie sie es zuerst angenommen hatte.

(Ach ja, während meiner Lehrzeit möchte ich Sie bitten, mich zu diesen Terminen freizustellen.)

Sollten Ihnen meine Ausführungen nicht ausreichen, so bleibt mir nur noch übrig, die Bibel zu zitieren. Ohne Anflug von Größenwahn teile ich Ihnen mit allem Nachdruck mit: Ich bin, der ich bin. Da diese Übersetzung aus dem Hebräischen nicht immer geläufig ist, glaube ich auch, daß es angebracht ist zu sagen: Ich werde, der ich werde.

Und wer, so vielleicht Ihre letzte Frage, wer wollen Sie werden? Auch darauf gibt es eine Antwort: „Werdet so wie die Kinder“, das soll jedenfalls dieser Jesus gesagt haben, auch wenn er der historischen Forschung nach nicht aus Nazareth stammte. Ich hoffe, daß Sie es weder damit noch mit meinen kleinen Lügen so genau nehmen. Womit ich eigentlich bei meinem Berufswunsch, was ich machen möchte, gelandet bin: Ich will ein Tischler mit hohem handwerklichen Wissen und Können werden. Mein Spezialinteresse gilt den Spielzeugen für kleine und große Menschen. Und das zweite Augenmerk möchte ich auf die Inneneinrichtungen von Lebensräumen richten.

Zwar möchte ich Ihnen nicht arrogant erscheinen, dennoch ist es mir wichtig zu betonen, daß ich bestimmte Erwartungen habe. Ich gehe davon aus, daß Sie sich in Wort und Schrift hervorragend ausdrücken können. (Mein Vater kannte einmal einen Tischlermeister, der tatsächlich Schwalben und Zinken verwechselt hat. Angesichts der vielen Spinnweben in seiner Werkstatt war zumindest dieses Manko leicht verständlich.) Ebenso dürfte es nützlich sein, wenn Sie sich im Laufe der Jahre eine originäre Philosophie angeeignet haben, die das Wesen des Menschen in seinem Sein erklärt und somit die Grundlagen für eine quasi erleuchtende Tischlerarbeit in sich trägt. Auch ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Psychologen, Meditationslehrern und Ökologen sowie mit Maurern, Architekten und Künstlern im Interesse eines menschlichen Wachstums.

Ich selbst erkläre mich bereit, auf den oberflächlichen Berufsschulunterricht zu verzichten. Anstelle dessen werden Sie mich – und ich mich selbst – fachlich auf einer hohen Ebene ausbilden. Insbesondere bin ich daran interessiert, Spiritualität und Handwerk miteinander zu verbinden. Sollte das nicht in Ihr Spezialgebiet fallen, so bin ich gerne bereit, diese Kenntnisse autodidaktisch zu erlernen, um sie so dann in Ihrem Betrieb anzuwenden und weiterzugeben. Einmal in der Woche sollten Sie sich ausführlich für fachliche Erörterungen mit mir Zeit nehmen.

Ein lernfreudiger Schüler erwartet Sie.

In der Hoffnung, Sie und Ihre Frau demnächst in angenehmer Atmosphäre kennenzulernen, verbleibe ich mit ernst gemeinten und spielerischen freundlichen Grüßen.

Francesco Noval

PS.

Gibt es in Ihrer Tischlerei auch einen Meditationsraum und eine Stereoanlage? Es würde mir auch reichen, in Ihrem Wohnhaus eine stille Ecke einrichten zu können.

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Ein Hahoresh, Education in Israel, zwischen 1940 und 1950, Ein Hahoresh Archive via the PikiWiki – Israel free image collection project CommonSense,Wikipedia

Künstliches Maya

AUS DEM LEXIKON DER BEFREIUNG

Schule, die

Definition

Die Schule ist ein Primärgefängnis der dunklen Mächte; sie fungiert mit unterschiedlichen Zeit- und Raumdimensionen.

Anmerkungen

Sowohl das räumliche als auch das zeitliche Gefängnis werden als Schule bezeichnet, um den Insassen, seine Freunde und seine Verwandte über den relativen und absoluten Freiheitsentzug hinwegzutäuschen. [siehe auch: Künstliches Maya]

Die Gefängnisaufseher werden als Lehrer bezeichnet, der Gefängnisdirektor wird Rektor, Direktor oder Schulleiter genannt.

Die Inhalte der Schule dienen der vollkommenen Erhaltung der dunklen Mächte, die Schüler werden für die Dienste der Herrschenden hinreichend qualifiziert sowie notwendigerweise für die Aufrechterhaltung der Macht psychisch konditioniert.

Der Machtbereich der Gefängnisschule erstreckt sich über das gesamte Zeitgefüge eines Tages, einer Woche, eines Halbjahres und eines kalendarischen Jahres.

Die Hauptzelle des Gefängnisses heißt ebenfalls Schule, die Nebensektionen erhalten die Bezeichnung Klassenzimmer, die unsichtbaren Sektionen sind Hausaufgaben.

Der primäre Gefängnisaufenthalt ist staatlich geregelt, der Beginn wird in der Regel in die frühen Morgenstunden gelegt, das Ende spät nach Auftauchen des natürlichen Hungers oder in die Nachmittagsstunden. [siehe auch: Künstliche Steuerung von Nahrungsaufnahme]

Der sekundäre Einflußbereich erstreckt sich auf den gesamten Nachmittag, gegebenenfalls in den frühen Abend, zuweilen bis in die späte Nacht. [siehe auch: Künstliche Steuerung natürlicher Bedürfnisse]

Der tertiäre Einflußbereich arbeitet mit der Vereinnahmung der Nacht, der Morgenstunden und der Frühstückszeit, um gezielte psychische Manipulationen mit langfristiger Tiefenwirkung vornehmen zu können.

Das Gruppenwesen Mensch, das schon lange seines Stammeslebens beraubt ist, wird weitgehend einem natürlichen Dorf- oder Nachbarschaftsleben entfremdet.

Der permanente Leistungsdruck über Noten, Klassenarbeiten und Zeugnissen führt zu Lebensängsten, sado-masochistischen, cholerischen oder hysterischen Charakterzügen. Insgesamt dienen alle Maßnahmen zur Erschaffung einer atomisierbaren, steuerbaren Persönlichkeit im Sinne eines menschlichen Leistungsroboters.

Erwünschte Nebenwirkung wie Gewalt oder Gewaltbereitschaft sind die kalkulierbaren Reaktionen von Freiheitsentzug, begünstigt durch strenge Reglementierungen, die den Aufenthalt und die Bewegung in natürlichen Lebensräumen untersagen oder verhindern. Der Gefängnishof sollte in der Regel asphaltiert sein.

Sonne, frische Luft und Bewegung, Entfaltung der natürlichen Sexualität und kollektives Gemeinschaftsleben – feindliches Potential der dunklen Mächte – dürfen den Schüler nicht erreichen; es sei denn, daß es für seine Verwendung als menschlicher Roboter notwendig sein könnte.

Als Hilfsaufseher der Gefängnisinsassen fungieren Eltern als auch sogenannte Nachhilfelehrer.

Gegen das Halten von Lieblingsschülern ist nichts einzuwenden [siehe auch Elitebewußtsein, Steuerung von Unterwürfigkeit].

Äußerst umstritten ist der Umgang mit sexuellen Lustsklaven, unabhängig des Geschlechts, auch wenn es in der Regel weitgehend toleriert werden kann.

Grundsätzlich wird das Kind in seiner Kindhaftigkeit zerstört, der Jugendliche von einem selbstbestimmten Leben abgehalten.

Talente und Fähigkeiten werden, wenn nicht funktionalisierbar, absolut unterdrückt, das Erkennen der Lebensaufgabe wird unmöglich gemacht. [siehe künstliche Steuerung der linken und rechten Hirnsphäre]

Die Zerstörung und Unterdrückung eines freien und sexuell selbstbestimmten Lebens wird durch permanente Entfremdung als auch zeitliche Anwesenheitspflicht reglementiert. Aus natürlichen und gleichberechtigten Subjekt-Subjekt-Beziehungen werden künstliche Objekt-Objekt-Beziehungen, die freundschaftliche Verbindungen schon im Ansatz verhindern. [siehe auch Ehe, Prostitution]

Die Einheit von Kirche und Staat wird geleugnet, arbeitet jedoch sichtbar Hand in Hand, um Selbsterkenntnis und spirituelle Entwicklung zu verhindern.

Demokratisches Zusammenleben wird erfolgreich verhindert. Instrumentarien der kreativen Kommunikation wie Redekreise werden durch sogenannte Aussprachen ersetzt oder geschickt okkupiert.

Alle möglichen Freiheitsideale, Utopien und Visionen werden im Ansatz als illusorisch bezeichnet. Individuelles Entwicklungspotential, Selbstverwirklichungsgedanken und Selbsterfahrungsprozesse werden konsequent abgewertet und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Auf geschlossene Fensterfronten sind zu achten. Sieben Mal in frischer Luft tief ein- und auszuatmen reicht aus, um eine Verbindung mit Spirit, dem Großen Geheimnis herzustellen.

Fazit:

Das Gefängnis Schule soll den Menschen abhalten, sich selbst zu verwirklichen und solidarische Prozesse mit anderen Lebewesen verhindern.

Aus MAYA, Tammos Tagebuch

Maya 1

Während sich die freien Kräfte zielstrebig manifestierten, ohne den Anspruch zu erheben, existent zu sein, verbunden mit dem jahrtausendalten Wissen, daß jedes Individuum – das Mensch geworden ist, zumindest körperlich -, seine Zeit benötige, um die Schleier der Illusion wahrzunehmen, ihre Geheimnisse zu entziffern, um zum eigentlichen Gehalt des eigentlichen, essentiellen Gehalt des eigenen Lebens in Verbundenheit mit allen anderen Lebewesen fortzuschreiten, machten sich die restriktiven und regressiven Kräfte bereit, das Erwachen des Spielers zu erschweren, wenn nicht sogar von seiner Bestimmung, vom Erkennen seiner Lebensaufgabe, von der Entfaltung seiner Talente und Fähigkeiten fernzuhalten.

Die dunkle Macht, dessen Irrsinn unvorstellbar vielen Mensch Qualen, Folter, Tod gebracht hatte, öffnete zeitweilig Sektionen, vor allem, um sich selbst nach den Kämpfen zu regenerieren, mit der Gewißheit, währenddessen das neue Leben zu beobachten, zu kontrollieren und zu funktionalisieren sowie aufs Neue zu foltern und zu zerstören.

Die Zeit, die falsche, verschlang alles, was mir wichtig war. Kaum hatte ich Freude gewonnen, Hausaufgaben der Eliteschule schöpferisch zu lösen und beispielsweise das Biologiepensum malend zu illustrieren, lustvoll, kreativ und voller Hingabe, verriet mir die Dunkelheit der beginnenden Nacht, daß das Zeitkontingent nicht ausreichte, um alle Aufgaben gewissenhaft und liebevoll anzugehen. Um die innere Gesetzmäßigkeit von Ruhe und Anspannung nicht wissend, fühlte sich alles in mir schon bald verbraucht an, gequält und perspektivlos.

Ich war erschrocken, zutiefst erschrocken, als ich feststellte, daß ich meine kindliche Unbefangenheit, meine Innocence, meine Unschuld verloren hatte, nicht mehr fliegen konnte, nicht einmal mehr in Gedanken – die äußeren Zwänge hatten meine Flügel gestutzt, während der Vater meine Haarpracht mit einem amerikanischen Militärhaarschnitt verstümmelt hatte – oder war es die Brutalität eines Nazifriseurs, der den jüdischen Menschen die Haare vom Kopfe riß? Die Leichtigkeit des Seins, das gewisse Ursprüngliche, war unter diesen Lasten zugeschüttet worden.

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Do it. Do it again.

Die Qualität der Wiederholung? Wiederholen? Ich mochte als Kind nicht Federball oder Fußball spielen, weil ich keine Lust hatte, etwas wieder zu holen. In den Wald ging ich gerne, jedoch ohne meine Eltern, weil ich neue Wege entdecken wollte – jenseits der Wege, um den Bäumen, Gräsern und Sträuchern, den Spuren der unbekannten Verwandten, wie es die Indianer sagen, und dem Gefühl der Unberührtheit, der Innocence, ganz nah sein zu können, immer wieder auf Neue, immer wieder neue Wege, die keine Wege waren, findend. Das war meine Art zu wiederholen, es mir wieder zu holen, das Gefühl, das die anderen Menschen, die ich kannte, vermeinte zu kennen, vergessen hatten, jedenfalls die meisten.

Daß ich meine Ablehnung gegenüber dem Wiederholen eines Tages aufgeben würde, hätte ich nicht von mir erwartet. Als es soweit war, als ich zum ersten Mal, ich glaube, ich war dreizehn, der Kraft der Wiederholung folgte, hob ich das Gesetz der Langeweile, das der Wiederholung innewohnt, im gleichen Moment auf, indem ich in mir etwas veränderte. Das Äußere – es waren eine Reihe von Tonbandaufnahmen wie Judy in Disguise, Do it again, Hello Goodbye, Sitting on dock of the bay – war in einer festgelegten Reihenfolge aufgezeichnet, das Innere war jedoch im Fluß, einer fortwährenden Bewegung des Wohlgefühls, eines Schwimmens inmitten einer Klangwelt, die meine Gefühle lebendig werden ließ, es war kein Aufbrausen, es war mehr ein Gefühl des Entkommen-Seins, verbunden mit einer stillen Dankbarkeit, weder stupide für die Schule leben zu müssen und nicht mehr die Knute des Alten zu spüren.

Das Wiederholen der neuen Stücke war ein Beenden.lassen der verhassten Umstände, und je stärker das Feuer der Hölle brannte, desto intensiver hörte ich die Klänge, eigentlich mehr den Sound von, naja, Love, Peace and Happiness kam erst später, ich hörte – ich hörte den Klang des Aufbruchs, der rebellischen Abwehr, ich hörte den stampfenden Beat von Beinen, die dort, wo sie zusammen kamen, Lust auf Wiederholung machten, kurzum, ich hörte eine Welt, die frei war von der Welt, die Hass, Kriege und Unglücklich-Sein vereinte.

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Laß dir Zeit

Laß dir Zeit.

Welch wunderbares Mantra.

Laß dir Zeit.

Es ist ein Geschenk des Himmels, es ist ein Geschenk der Weisen, die unter uns weilen.

Der Engel, der mir dieses Mantra schenkte, hatte sich als Vater verkleidet, und er tat dies, weil er wußte, daß mein Vater in diesen Angelegenheiten vergeßlich war und verführte ihn zum Kauf einer runden schwarzen Scheibe, nicht besonders groß, und mit Goldlettern, die das Mantra darstellten. Unser Engel flüsterte dem Chef des Hauses ins Ohr, er müsse das wertvolle Mandala sichtbar aufhängen, in einem Raum, in dem er, der Vielbeschäftigte, sich oft aufhielt – jenseits des Geschäfts.

Vater, der zu jener Zeit noch zugänglich für Eingebungen war, ließ sich von seiner Intuition leiten, und entschied sich für ein Zimmer, das das Licht des Ostens in sich aufnahm, die Lichtstrahlen reflektierend, die Spirit überliefern wollte, Botschafter des Großen Geheimnis, Wesenheit des Ostens.

Das Zimmer war mehr meine Schatztruhe als Refugium meines Vaters, auch, wenn er all das, was für seine Entspannung wichtig war, hineinstellte, wenngleich es das Zimmer meines großen Bruders war. Seine Entscheidung, genau hier inmitten eines kleinen Paradieses mit einer Musiktruhe, einen Platz für das Mantra zu finden, eröffnete mir ungeahnte Möglichkeiten.

„Laß dir Zeit,“ das war zunächst die Weisheit, die das Mantra selbst erfüllte, geduldig wartend mit einer unendlichen Freizügigkeit, bis jeder auf seine Weise sich den eigentlichen Gehalt des Mantras zu eigen machte; zunächst arbeitete sich das Mantra in das Unbewußte, indem es einfach da war; keiner konnte umhin, das schwarze Rund mit dem goldenen Schriftzug nicht wahrzunehmen.

Da sein, nichts zu sagen, einfach nur zu wirken mit der Macht der Symbolik des Kreises – alleine das war unendlich weise.

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Waschen und Legen

ERFAHRUNGSBERICHT EINES FOTOJOURNALISTEN

Eine Humoreske von Burcado Nowak

So wie sie aussah, gab es keinen Zweifel. Die Frau, die vor mir stand, und die ich mit aller List und Raffinesse – und das nicht einmal aufdringlich, eher dezent, wie es meinem Wesen entsprach – zu überzeugen versuchte, freundlich in die Kamera zu schauen, tat sich nicht leicht, ein Fünkchen Schönheit in sich zu entdecken, geschweige, dass sie bereit war, es einen Fremden für sich zu tun zu lassen. Sie kandidierte für irgendein langweiliges Amt in der Kirche, und ich konnte es mir nicht verkneifen, einen jungenhaften Witz über die Rolle eines Kirchenvorstehers zu machen, intellektuell getarnt, versteht sich. Sie war jedoch nicht zu doof, um mich misszuverstehen, denn wenn ich in diesen Angelegenheiten meinen Mund aufmache, auch wenn mein Lächeln bei meinen Worten noch so süffisant erscheinen mag, weiß der andere Mensch sofort Bescheid, was gemeint ist.

Da half keine nette Überleitung, um sie vergessen zu lassen, wie ich mir im ersten Augenblick unserer Begegnung vorstellte, sie würde jetzt eine Amtszeit lang täglich vor der Kirche stehen. Und auch keine Ausflucht, dass die Sprache von uns Menschen nicht immer gut behandelt werde, weil mein Unterton zu deutlich verriet, dass es gewisse Menschen gab, die die Sprache aushöhlten, ihren Sinn zerstörten und aus der Hülse ein gewichtige Sache machten. Und selbstverständlich implizierte mein trockener Humor, dass ich mir im Grunde genommen nichts aus Leuten machte, die ihr Ego durch ein Amt, und sei es noch so beschissen, aufblasen.

So wie sie aussah, machte sie sich nichts aus Blasen. Sie hätte vielmehr die Gründerin einer klerikalen Ortsgruppe – oder einer Liga – gegen Jugendsexualität sein können, doch ehrlich gesagt, sie war zu jung dafür. Wahrscheinlich war es ihre Mutter oder ihre Großmutter, die die örtliche Sektion vom Bund Deutscher Mädel gegründet hatte. Aus meinen Unterlagen ging hervor, dass sie nicht immer abstinent gewesen war, zumindest musste es einmal Sex in ihrem Leben gegeben haben und der Ruf, der ihrer Tochter vorauseilte, die, wie ich hörte, eine junge Frau im besten Alter sei, war eher das natürliche und sexuell bewusste Komposit ihrer Mutter, so, wie ich es mir manchmal in meinen kühnsten Träumen vorstellte.

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„Schreiben wurde Herausforderung“

Ein Weg zur Erzählkunst


Arthur Conan Doyle 1913

Mit Literatur groß zu werden, mit einem schriftstellerischen Etwas, das aus irgendeinem Grund gesellschaftlich hoch gelobt wird oder tatsächlich gut ist, weil es einem gefällt, erzeugt ein inneres Abbild, das Ansprüche stellt, wann eine Geschichte oder ein Roman persönliche Wertschätzung ersten Ranges bekommt. Ich habe als Kind Krimis geliebt und alle möglichen Edgar Wallace Krimis verschlungen, die ich in der väterlichen Bibliothek heimlich oder offiziell ausleihen konnte. Schnell kam Georges Simenon hinzu, ein wenig später Agatha Christie, gefolgt von Sir Arthur Conan Doyle.

Bücher sind wie Filme Leben aus zweiter Hand, haben jedoch einen Unterhaltungswert, der irgendwie aus unterschiedlichen Kombinationen besteht. Lust auf Abenteuer und Erzählkunst; Freude auf Abwechslung und Entspannung, Lernen auf Metaebenen – und ganz profan, die Kunst, die Zeit zu gestalten, entweder, weil es nichts anderes gibt, dann wird der Krimi zum Medikament ohne schädliche Nebenwirkungen, oder in Ermangelung wirklichen Lebens zum preiswerten Home-Entertainment.

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