Deutschland hat ein neues Abenteuer. Es heißt Busfahren. Die Zeiten von Autoskooter, Achterbahn und Taxifahren sind passé. Für einen dreiviertelstündigen Adrenalinschock vom Land zur Stadt bezahlt man in meiner Region Vier-Euro-sechzig. Der Nervenkitzel beginnt kurz nach dem Einsteigen.
Eine ältere Dame wollte heute von der Stadt aufs Land fahren. Der Busfahrer kannte wohl alles Mögliche, nur die Eingabenummer des gewünschten Zielortes nicht. Doch in seinem Einfallsreichtum griff er nicht zum Handy, um sich bei der Zentrale schlau zu machen, sondern nahm der lieben Frau Vier-Euro-zwanzig ab. Der Einfachheit halber. Den Rest könne sie nach dem Umsteigen bei seinem Kollegen bezahlen. Dann düste er ab.
Eine halbe Stunde später erklärte die gute Frau dem nächsten Busfahrer ihr Anliegen. Der wiederum knöpfte ihr weitere Zwei-Euro-fünfundneunzig ab. Schließlich könne er ja nichts dafür, dass sein Kollege den Preis nicht gewusst habe. Für ihn gelte der übliche Tarif von diesem Ort zum nächsten Ort. Als unsere Busreisende sich damit (in einem höflichen Ton) überhaupt nicht einverstanden erklärte, stauchte er sie recht ungehobelt und lautstark zusammen. „Ich bin Busfahrer,“ schrie er, „ich bin doch nicht der Busarsch.“
Vier Tage zuvor stieg ein ganzer Kindergarten in die gleiche Linie ein. Fast zwanzig Kinder und ihre Erzieherinnen wagten das Abenteuer Busfahren. Sie mussten nicht lange warten. Unser Busfahrer gönnte uns ein Paradebeispiel seines Könnens. Er fuhr flott auf die Hauptverkehrsstraße zu, als er erkannte, dass von links mehrere Lkws heranbrausten. Auch von rechts näherte sich der Verkehr brisant. Jeder normale PKW-Fahrer hätte an dieser Stelle gehalten. Dieser flinke Busfahrer jedoch nicht. Er nahm die Kurve besser als jede Großstadttaxifahrer.
Vor einer Woche hatte ich das Vergnügen, den spurtigsten Fahrer der Gesellschaft kennen zu lernen. Sein Bus verspätete sich nur um zehn Minuten an meiner Haltestelle; ich dachte schon, dass ich auf Kosten der Gesellschaft alleine mit einem Taxi nach Hause fahren müsse. Die Tour, die nach dem Bezahlen folgte, war das Beste, was ich je auf einem zwölf Meter langen, rollenden Gefährt erlebt habe. Kaum hielt ich meinen Fahrschein zwischen meinen Lippen gepresst, Rucksack auf dem Rücken und zwei Taschen in den Händen, startete der Kollege voll durch. Als erstes presste ich meine Lippen noch mehr zusammen, um den Schein nicht zu verlieren. Dann flog ich nach vorne, genauer genommen nach hinten in den Bus hinein. Hätte nicht ein vollbusiges Weibsbild meinen Flug nach drei Metern gebremst, hätte ich heute kaum diese Zeilen schreiben können.
Vierzig Minuten später düste der Bus auf meinen Heimatort zu. In jeder Kurve wurde ich mal zur einen Seite, mal zur anderen Seite geworfen. Aufstehen und Klingel drücken war überhaupt kein einfacher Akt. Beinahe hätte ich beim Klingelversuch einem älteren Herrn die Brille aus seinem Gesicht gefegt. Koordinierte Bewegungen sind unmöglich. Während ich klingelte, öffnete der Busfahrer seine Bremsfallschirme. Also flog ich wieder durch den Innenraum. Nachdem der Bus endlich stand, sammelte ich meine Taschen und meine ramponierten Nerven ein. Zuhause angekommen, hatte ich endlich mal wieder Etwas zum Erzählen.
Es gibt auch Busfahrer, die sind von der ruhigeren Sorte. Wir sind mal wieder unterwegs. Vor einer Ampel ordnet sich der Pilot in die Linksabbiegerspur ein. Sichtkontakt zur entfernten Haltestelle. Keiner steht dort. Schwupsdiwupp ordnet er sich wieder in den fließenden Verkehr ein. Klasse. Sehr galant. Ein anderes Mal fährt er mit dem Bus über den Bahnübergang. Leider ist seine Bushaltestelle vor dem Bahnübergang. Was macht er also nach seinem Fauxpas? Er hält sofort unseren Bus mitten auf den Gleisen an; schaut, ob jemand von hinten kommt, läßt sich vom anrückenden Verkehr überholen, legt den Rückwärtsgang ein, fährt über den Bahnübergang hundert Meter zurück und schafft es schließlich, in die gewünschte Straße einzubiegen. Noch ein anderes Mal. Diesmal eine Variante des Rückwärtsfahrens. Also. Am gewünschten Abzweig zweihundert Meter vorbei, den Bus ganz langsam auf offener Strecke zum Stillstand bringen, zweihundertunddreißig Meter im Rückwärtsgang fahren, abbiegen.
Adrenalinspiegel anheben ist die neueste Kunst des öffentlichen Nahverkehrs. Auf meiner Linie gibt es vier Busfahrer, die diese Kunst nicht beherrschen.






