„Hier ist ein Streich von Eric, den ich nie verstanden habe,“ fing Oma Lisbeth an. „Eric hat mir die Geschichte eines Abends gebeichtet. Zu dem Zeitpunkt des Streiches im Jahr 1970 war er sechzehn Jahre alt; erzählt hat er die Geschichte vor zwanzig Jahren. Für mich ist es ein großes Rätsel geblieben, was ihn bewegt hat, diesen Dummen-Jungen-Streich auszuführen. Obwohl Eric sich für seine Tat schämte, konnte er niemanden die Hintergründe erläutern. Vielleicht habt ihr eine Lösung.“
Plötzlich war es im Dorfcafé still geworden. Der Geheimbund hörte sich die Geschichte an, als ob es sich um ein spannendes Hörspiel handelte. Oma Lisbeth berichtete, dass Eric damals ein Telefonbuch von Göttingen aufgeschlagen und wahllos einen Namen heraus gesucht habe. Anschließend habe er bei einem nahe gelegenen Supermarkt eine größere Bestellung für diesen Namen aufgegeben und um Hauslieferung gebeten. Zwei Tage später habe er bei der Telefonnummer angerufen und sich nach dem vermeintlichen Wohlbefinden erkundigt. Nach einer Schimpfkanonade seines Opfers habe er nur aufgelegt und die Geschichte als Heldentat seinem besten Freund erzählt.“
Matthes und Marcus guckten sich an und prusteten los. Marcus sagte: „Ich kenne eine Handvoll von Leuten, mit denen wir das auch machen können.“ Matthes nickte: „Ich tue noch meine Handvoll dazu und wir haben eine Woche lang was zu tun. Lummershausen, die Rache ist unser.“ Lucy schaute ihn verständnislos an und schüttelte den Kopf. Matthes fing an, seinen Plan auszuschmücken. „Bei uns im Dorf gibt es zwei Leute, die mich noch nie gegrüßt haben. Einer versohlt ständig seine Frau, wenn er von der Kneipe nach Hause kommt.“ Marcus schnitt ihm das Wort ab. Das war zwar ein Verstoß gegen die Kommunikationsregel, aber Matthes überließ ihm die Rede. „Ich kenne zwei Typen, die sind nur arrogant. Und dann dieser Typ, der seine Kinder immer anbrüllt, wenn die nicht sofort nach seiner Pfeife tanzen.“
„Und dann und dann und dann.“ Sigrid unterbrach die beiden. Sie signalisierte mit beiden Händen ihren Einspruch. „Was ist bloß heute mit euch los? Mein Papa hat vor langer Zeit Dummpfiff gemacht und wir sollen eine Neuauflage machen?“ Sigrid legte eine eindrucksvolle Pause ein. „Erinnern wir uns mal zusammen an die Indianergeschichte, in der sich ein Junge beim Nachbarkind entschuldigen soll, weil er ihn im Traum verprügelt hatte. Wir sind im Geheimbund, um andern zu helfen oder um andere zum Lachen zu bringen. Aber wir sind keine rachelüsternen Jugendlichen. Damit machen wir alles nur viel, viel schlimmer.“
Matthes und Marcus, die Gründer des Geheimbundes, liefen bei Sigrids Worten rot an. Matthes fand als Erster sein inneres Gleichgewicht wieder. „Gut,“ sagte er, „Eric war also ein Täter, der anonym handelte. Er suchte sich zwei Opfer. Eins von ihnen – der Mensch vom Supermarkt – wurde zum unwissenden Täter. Schließlich verhöhnte Eric sein Opfer durch einen gemeinen Telefonanruf und prahlte mit seinem angeblichen Heldenmut. Aber ich verstehe nicht, warum er so etwas gemacht hat.“
LUCY SIEHT KLAR
Lucy, die sich mit dem Buddhismus angefreundet hat, meldete sich und sagte: „Es lässt sich mit einer bestimmten Methode ganz einfach deuten. Weil Eric anonym handelte, fehlte ihm das notwendige Ich- oder Selbstbewusstsein. Er rächte sich für irgendetwas, was ihm andere Menschen angetan haben und inszenierte eine Situation, die er beherrscht. Wahrscheinlich ist er einmal in seinem Leben sehr gedemütigt worden.“ Während sich Sylke und Sigrid bedeutungsvoll anschauten und zustimmend nickten, unterbrach Oma Lisbeth die tief greifende Analyse. „Haltet Eure Gedanken fest. Wir können am Sonntag Nachmittag mit Eric sprechen, wenn er damit einverstanden ist.“
Der Geheimbund beschloss, die Sitzung zu vertagen. Nach dem Ruhe ins Dorfcafé eingekehrt war, las Oma Lisbeth aus dem blauen Heft vor. „Schon als kleines Kind hatte Eric mehrmals am Tag Streiche gemacht. Ich dachte immer, er könne der Bruder von Michel aus Lönneberga sein. Irgendwie war für ihn jeder Tag wie der Erste April. Da war jeder Scherz erlaubt und mochte er noch so dumm sein. Vielleicht war das ja sein Leitmotiv. Wir können ihn mal fragen, ob er mit uns ein großes Buch der Streiche schreiben will. Was haltet ihr davon?“
Eric stimmte es froh, aus alten Zeiten plaudern zu können. Gerne öffnete er seine Erzählkiste, so nannte er den Platz seiner Erinnerungen. Erst nach zwei Stunden traute sich Sigrid die entscheidende Frage nach dem Dummen-Jungen-Streich zu stellen. Lucy erklärte ihre Theorie mit der Demütigung genauer und schaute Eric fragend an.
Eric schluckte, bevor er sich entschloss, über vergangene Zeiten zu sprechen. „Mensch, ihr Lieben,“ sagte er, „nun habt ihr mich auf einen Zusammenhang gebracht, den ich alleine niemals hergestellt hätte. Also. In der siebten Klasse habe ich eines Tages Klassenkeile bezogen. Mein Vergehen bestand darin, dass ich mit dem Französisch-Lehrer befreundet war und mich gut mit ihm verstand. Beispielsweise hat er mir Dostojewskis Brüder Karamasow ausgeliehen. Niemals zuvor hatte mir jemand zugetraut, dass ich Weltliteratur lesen könne. In meiner Klasse gab es nun jemanden, dem die Entwicklung nicht gefiel. Dieser Jemand hetzte zwei, drei Jungen gegen mich auf. Am Ende einer Französisch-Stunde packten sie mich, legten mich auf einen Tisch und jeder gab mir mit dem Zeigestock einen Hieb auf den Hintern. Es gab viele, die nicht mit machten. Doch es war grausam, vor allen Dingen, weil die Mädels meine Hilflosigkeit erleben mussten. Der Lehrer hat zugeschaut, ohne einzugreifen.“
„Dein Lehrer? Warum hat er das zu gelassen?“ fragte Sylke ihren Vater. „Mir wird es erst jetzt klar,“ fuhr Eric fort. „Der Pauker war schwul und er hatte Angst, von den heranwachsenden Jugendlichen, die über ihn Bescheid wussten, an den Pranger gestellt zu werden. Die Klassenkeile war Erniedrigung und Demütigung mir gegenüber. Ihm machten die – ich sag mal – Täter klar, dass er entmachtet war. Ich selbst war ahnungslos und hatte von Homosexualität keine Ahnung. Die zweite Demütigung kam für mich zu Hause. Meine Eltern unterstützten mich nicht. Sie gingen auch nicht zur Schule, um die Angelegenheit aufzuklären und um mich zu schützen. Auf einmal war ich innerlich zusammengebrochen; ich war allein. Das war wohl der Keim dafür, dass ich der Welt lange Zeit gegenüber misstrauisch und feindlich gestimmt war.“
Alle schwiegen. Eric fuhr fort. „Auch mein Vater hat im Alkoholrausch eine Reihe von Sachen gemacht, die grausam waren. Einmal hätte er beinahe unsere Familie umgebracht; dann hat er einen Diaprojektor von mir gegen die Wand geschmissen und zertrümmert. Doch nun ist er schon lange tot. Erst als er aufgebahrt war, habe ich ihm verzeihen können. Jetzt habt ihr mir geholfen, dass ich mich besser verstehen kann. Danke.“ Es dauerte eine Weile, bis alle verstanden hatten, worum es sich in Wirklichkeit drehte.
Nach einem Monat machten sich Eric und der Geheimbund an die Arbeit. Einmal in der Woche trafen sie sich bei Eric und machten eine Lachmeditation; danach wurde fleißig erzählt und geschrieben. Nach drei Monaten war das Buch fertig. Es hatte den schlichten Titel: „Das lustige Buch“.






