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Göttingen 2009
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Es gibt Tage, die sind anders. Heute war so ein Tag. Eine viertel Stunde, bevor der Wecker klingelte, wachte Bjoerc auf. Er stellte die Heizung an, rückte sein Meditationskissen an der Wand zurecht, legte sich die warme Bettdecke um den Körper und gönnte sich dreißig Minuten Stille im Schneidersitz. Anschließend vollzog er ein Schutzritual und wollte unter die Dusche; doch Samarpan, die Oshonase, hatte ihn einen Tag zuvor mit einer neuen Idee verführt.
Bjoerc öffnete seinen CD-Schrank, fand Eight Miles High von Golden Earring, legte sie in den CD-Recorder und wollte sich und seinen Körper zehn Minuten lang schütteln, um einfach für den Tag gut drauf zu sein. Angesichts der Zeitknappheit schaute er ständig auf das Display vom Recorder; die acht Meilen dauerten fast zwanzig Minuten und er war ohnehin knapp dran.
Als er bemerkte, dass er sich wegen der Zeitkontrolle verkrampfte, änderte er seinen Plan, das Schütteln schon frühzeitig zu beenden. Aus dem Schütteln kam er ins Tanzen und fühlte sich langsam wohler. Die Zeit blieb für ihn auf einmal stehen; er zog Is als Runenkarte, fragte sich, wovor er denn Angst habe und schaute nach Innen. Die Dusche machte ihn ein bisschen frischer, so dass er in der Küche wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit für eine Banane und ein halbes Brot blieb.
Gut gelaunt kam er bei seinem ersten Termin an. Bjoerc wusste genau, wovor er Angst hatte. Früher brachte er deswegen alle Arbeitstermine durcheinander und alle Teilnehmer gegen sich auf. Heute entschied er sich genau wie früher für die Wahrheit, doch irgendwie gelang es ihm, sich so auszudrücken, dass die anderen ihn verstanden. Aus Bjoerc-gegen-den-Rest-der-Welt war ein Bjoerc-darf-so-sein-wie-er-ist geworden. Dennoch hatte er Angst und Bedenken gehabt, sich zu zeigen. Irgendwie stand er während des Termins neben sich und dachte „Das bin ich nicht.“ Es war eine gute Übung, so-sein zu dürfen und die anderen so-sein zu lassen. Es war eine neue Form des Miteinanders.
Zur Mittagszeit traf er in Göttingen ein. In seinem Lieblingsfotogeschäft lieh er zwei neue Digitalkameras aus, ging ein paar Straßen weiter ins Lotus Cargo Café und brachte damit seinen Tagesplan vollends durcheinander. Eigentlich wollte er am frühen Abend in Worpswede sein, um Anamo wieder zu treffen, doch dann ließ er sich von den Buddhas im Bali-Laden zu einer Fotosession verführen. Als er feststellte, dass er nicht genug Speicherkapazitäten für die neuen Geräte hatte, besorgte er rasch zwei 2-Gigabyte-SD-Karten. Sein Weg allerdings führte ihn immer noch nicht zum Bahnhof. Sein Hunger leitete ihn zum Inti, einem angenehmen bolivianischen Café und Restaurant. Er freute sich auf die leckeren Teigtaschen mit dem Namen Empanadas, doch als er die farbenfrohen Kissen sah, ließ er sich zum dritten Mal verführen.
Ohne etwas getrunken und gegessen zu haben, eilte er zum Bahnhof. Beim Waschbären stellte er die neue Canon Powershot A 2000 IS auf die Probe, machte rasch fünf Aufnahmen von einem Farbrausch, der auch nicht eingeplant war, kaufte zweiundzwanzig Tücher, verstaute die Tücher und die Kameras tief im Rucksack, um sich nicht noch einmal zu versuchen und stürmte gen Bahnhof. Der ICE öffnete seine Türen, als Bjoerc die letzte Stufe zum Bahnsteig nahm. Und noch einmal brachte er seinen Plan für das Tagesgeschehen durcheinander. Mithilfe des Notebooks wollte er eine neue Form des Zeitreisens kreieren.
Die Visualisierung des Media-Players war auf Batterie/Welten eingestellt; anfangs konzentrierte sich Bjoerc auf ein Zeitensprung-Mantra, dann countete er die Jahreszahlen rückwärts von 2009 nach 1964. Es war gigantisch; der ICE erreichte Höchstgeschwindigkeit in der Dunkelheit und Bjoerc wusste, dass seine Zeitreise eine neue Dimension annehmen würde. Er blickte fasziniert auf die Spiralnebel, die sich parallel zur Reisegeschwindigkeit bewegten. Doch als er im Jahr 1964 angelangt war, ließ er sich zum vierten Mal verführen. Er reiste weiter, durchquerte unbeschädigt den Faschismus und stoppte 1927. Bjoerc ließ sich von einem lange gehegten Wunsch leiten; er benötigte dringend Informationen aus seiner letzten Inkarnation.
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lustig und leicht geschrieben, eine schöner einblick in ein einfaches, abenteuerliches leben, du glücklicher!
beste grüße
samarpan