Einer meiner Lieblingsengel ist Michael. Als ich in Bremen wohnte, hatte ich jeden Tag Gelegenheit, ihm am Eingang der Böttcherstraße „Guten Tag“ zu sagen. Doch ich tat es nicht. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem goldenen Relief, weil der Künstler – Bernhard Hoetger – in der Partei gewesen ist; in der Partei, die so viel Leid und Elend, Barbarei und Grausamkeit in die Welt gebracht hat.
Mit Bernhard Hoetgers kleinem Buddha, dem „Bonzen des Humors“ in Worpswede, hatte ich keine Schwierigkeiten. Während mir die Symbolsprache eines Buddhas vertraut war, wusste ich mit einer Figur, die ein Schwert führt, nichts Positives anzufangen. Das Schwert war für mich eine Metapher des Krieges an sich; des Krieges für diejenigen, die sich zu Unrecht ermächtigt hatten – damals wie heute.
Dennoch initierte der goldene Engel einen Arbeitsauftrag. War der Engel über Bremens Böttcherstraße ein Apologet des Krieges? Oder hatte er andere Aufgaben? In mir war eine gewisse Faszination für dieses Wesen; doch meine Berührungsängste erlaubten mir nicht, den Engel näher anzuschauen. Die Geschichte des Grauens war zu mächtig, als dass ich mir erlaubte, vorurteilsfrei hinzuschauen. Ich konnte sehen und war dennoch blind.
Michael wählte eine andere Ausdruckssprache, um Menschen wie mich zu erreichen. Wir hatten schon das neue Jahrtausend erreicht, als ich eines Abends Michael sah. Im Fernsehen. Ich war ein paar Minuten zu spät, doch als ich die ersten Bilder sah, rührte sich in mir Etwas. Ich wusste sofort, dass dieser Film Qualität besaß. Gott sei Dank wusste ich nichts Genaues, weder, dass es sich um John Travolta handelte, noch dass er den sogenannten Erzengel Michael spielte. Mein Timing war das Timing eines Blinden, der gerne sehen wollte und dem aufgrund seiner Vorurteile nichts anderes übrig blieb, als den Vorspann zu verpassen. Denn sonst hätte ich die Flimmerkiste – trotz William Hurt in einer weiteren Rolle – ausgeschaltet.
Dieser Michael jedoch hatte es in sich. Michael liebte Zucker. Michael liebte das Tanzen. Michal hatte Sexappeal. Und er hatte einen fantastischen Humor. So fing ich an, einen Engel sympathisch zu finden. Nach dem Film – ich habe immer wieder lange und herzlich gelacht – vergaß ich Michael. Doch der Samen einer Freundschaft war gesät – ohne dass ich wahrnahm, dass dieser Samen in mir keimte, um eines Tages zu einer bezaubernden Pflanze zu werden.
Michael scheint kosmischen Humor zu lieben. Am Dienstag erlebte ich eine neue Variation seines Könnens. Ich trampte von Göttingen nach Friedland. Plötzlich hielt ein Auto; der Fahrer schaute nicht so, als ob er wirklich meinte, mich mitnehmen zu wollen. Mein Eindruck war eher, dass er anhielt, um anzuhalten. Und um dann weiterzufahren, weil er nur eine kleine Pause brauchte. Dennoch ging ich zur Beifahrertür.
Es dauerte seine Zeit, bis der Platz freigeräumt war. Das Einzige, was vor meinem Sitzplatz stand, war eine verpackte Signallampe. „Für Notfälle,“ erklärte mir der Fahrer, der nickte, als ich ihm sagte, wohin ich wollte. Der gute Mann fuhr mich direkt nach Hause, obwohl sein Ziel in der Stadt lag. „Ich liebe Autofahren und bin früher, als ich noch laufen konnte, auch getrampt.“ Kurz vor meinem Wohnort öffnete ich mein Portemonnaie, holte eine Engelskarte von Gabriele-Diana Bode heraus und schenkte sie ihm als Dankeschön für seine Wohltat.
„Leg sie in die Konsole,“ sagte der Fahrer, „ich schaue sie mir nachher an.“ „Ich weiß nicht, ob Du Dir was aus Engeln machst,“ sagte ich, „dass hier ist ein Engel, der Michael heißt.“ Der Fahrer nickte wieder und sagte: „Ich heiße auch Michael.“
Michael ist Informatiker und Moderator bei www.radio-harzfun.de; trägt den Nick „Gummibaerchen“ und liebt deutsche Schlager. Aber das macht nichts. Das erste Lied, das ich in seinem Auto hörte, handelte von einem schwarzen Engel, der gerne für Chaos sorgt.
Timing? Absolut Michael. Die Engelssprache kann ich nicht mit meinem Verstand begreifen. Aber wozu auch. Engelsdimensionen sind auf das Herz programmiert.
Dies passierte an dem Tag, als ich „Gabriel“, den Engel der Kraft, zog. Wahrscheinlich lieben die Engel Teamwork.
PS
Gabriele-Diana Bode – die Künstlerin, die seit 1997 Engel malt – und Hans Blazejewski vom Sichtweise-Verlag gaben ihr Einverständnis, dass ich mit diesen Engeln meine engelhaften Beiträge „illustrieren“ darf. Danke schön.
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Copyright „Michael“
Mit freundlicher Genehmigung
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Guten Morgen.
Das ist aber ein schöner Text. Freu mich auch zu Deinem Erlebnis.
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Herzlichst
Hans