Die Zeiten der Nicht-Entnazifizierung

Wer ist Ulrike Meinhof? Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Wenn ich ehrlich bin, so hatte ich mein ganzes Leben lang Angst, mich irgendwie in ihre Nähe zu begeben. Als ich mich 1974/75 mit dem Tod von Holger Meins beschäftigte, kam ich nicht auf die Idee, mehr von dieser Frau wissen zu wollen. Warum auch?

Erst im vergangenen Jahr entdeckte ich, daß Jutta Ditfurth ein Buch über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Mich interessierte jedoch das Denken der Autorin und Politikerin; nicht ihre Beschäftigung mit einem Kapitel der RAF-Geschichte, die mich nicht im geringsten interessierte, weil ich Gewalt grundsätzlich ablehne. Ulrike Meinhofs Name war für mich mit negativen Attributen besetzt; durch die Mediensprache wirkte ihre Person fast „entmenschlicht“.

Es war Franz-Josef Degenhardt, der mein festgefahrenes Denken öffnete. Er, derjenige, der mich vor mehr als vierzig Jahren zum Nachdenken brachte, mehr als einmal; er, den ich für sympathisch befand, weil er mit seiner rauhen, frechen Stimme gegen die alten Nazis sang; er, der für mich soweit weg war. Politisch. Künstlerisch. Menschlich. Und doch so nah.

Dieser Franz-Josef Degenhardt hatte vor geraumer Zeit den Mut, eine Botschaft an eine Enkelin zu schreiben, eine fiktive, die vielleicht von Ulrike Meinhof stammen könnte. Aus der Sympathie für den einen Menschen ein Aufflackern für das Interesse an der anderen. Gleichzeitig meine Angst, ein Lied zu veröffentlichen, das unverstohlen – ob all ihrer Schwächen und Fehler – eine politische und menschliche Sympathie für Ulrike Meinhof zum Ausdruck bringt.

Erst mein eigenes Anliegen, mich mit der bundesrepublikanischen Geschichte zu Zeiten der Entnazifizierung, also zu Zeiten der Nicht-Entnazifizierung oder zu den Zeiten, als Nazis wesentliche Stellen der jungen Republik in Rang ohne Würde besetzten…

Also. Noch einmal. Erst mein eigenes Anliegen, die Suche nach Zeitzeugen, die über die Nicht-Entnazifizierung berichten, läßt mich offen werden für ehrliche Aussagen und Beschreibungen. Es war Franz-Josef Degenhardt, der den neuen Zug ins Rollen brachte, dann stieg ich ein und traf in der nächsten Station – im Roten Buchladen Göttingen – Jutta Ditfurth.

Also ihr Buch, das von dem Leben Ulrike Meinhofs handelt. In den nächsten Tagen werde ich mehr erfahren. Ich brenne darauf.

Nicht schweigen, nicht verschweigen

Aber so oft ich mich erinnert habe, ist mir das Zittern gekommen, und so wie heute bin ich noch nie daran erinnert worden. Doch das Schlimmste ist, ich habe nie aufgehört, nicht ein einziges Mal, auch nicht in der ersten Zeit. Nicht, damit du es nicht merken solltest, ich habe es einfach nicht gewagt.

Aus dem Roman

Jakob der Lügner

von JUREK BECKER

Können wir jemals aufhören, uns zu erinnern? An das Schwarze, an das Dunkle, an das Unendliche Grauen? An das Unvorstellbare?

Wie sich einfühlen in das Leben der Menschen, die von den Nazis verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet worden sind?

Niemals werde ich vergessen. Ich habe nicht gelebt zu dieser Zeit, doch die Erinnerung ist tief in meinen Zellen eingeprägt. Wir sind durch Zeit und Raum miteinander verbunden.

Vor einem Jahr habe ich Jurek Beckers Roman zum ersten Mal gelesen; und ich war zutiefst bewegt, zutiefst erschüttert, zutiefst verbunden. Mit den Opfern.

Als Kind war ich erschrocken, als ich erfuhr, daß mein Vater ein Nazi war. Als Jugendlicher begab ich mich auf die Spurensuche. In Bremen, in Esterwegen, in Warszawa. Immer wieder habe ich versucht, das zu durchdringen, was mir von meinem Vater, meiner Mutter und von den meisten Lehrern verschwiegen wurde. Systematisch verschwiegen wurde.

In vielen Büchern und Archiven bin ich fündig geworden. Eines Tages konnte ich die alltägliche Arbeit, sich mit dem Grauen dieser Zeit zu beschäftigen, nicht mehr ertragen. Ich wollte, ich mußte ans Licht, um leben, um überleben zu können.

Jurek Beckers Erinnerungen, Jurek Beckers Geschichte hat mich wieder dran erinnert, daß die Taten noch nicht gesühnt sind. Fast ohnmächtig nehme ich wahr, daß ich um meine Kindheit und Jugend betrogen worden bin. Denn die Nazis, die in der einen oder anderen Form an den Verbrechen beteiligt waren, hatten Machtpositionen inne.

Ich hatte das Glück, daß es mutige Menschen gab, die in den sechziger Jahren andere Wege gingen; Menschen, die mich wissen ließen, daß in der jüngsten Zeitgeschichte eine Zeitbombe lag, Menschen, die versuchten, einen humanistischen Weg zu gehen.

Irgendwann, in den achtziger Jahren, begann das Klima umzuschlagen. Es begann der Gesang “Wir sind wieder wer.” Ein Nationalgefühl, ein starkes, ein betrunkenes, ein arrogantes Nationalgefühl.

Doch zuerst die heimliche Militarisierung, der Wiederaufbau der Bundeswehr, die Notstandsgesetze, die illegalen Rüstungsgeschäfte. Der Schoß war fruchtbar.

Heute kann mein Herz nicht loslassen, noch immer schwebt das Thema in mir. Im Kopf, im Herzen. Ich glaube, es ist wichtig, sich in das Thema erneut hinein zu begeben.

Das Ende des Krieges und des Faschismus war am 8. Mai 1945; die Auseinandersetzung mit Gewalt und Faschismus endet erst dann, wenn all die Seelen erlöst sind, die durch Gewalt, Krieg und Faschismus gestorben sind.

Meine eigene Aufgabe sehe ich auf drei Ebenen. Die Entwicklung des eigenen Bewußtseins, mit der ständigen Sensibilisierung für Recht und Unrecht. Das Kommunizieren über den Faschismus, das Auseinandersetzen mit dem Phänomen, seinen Erscheinungen und seinen möglichen Ursachen. Und schließlich die eigene spirituelle Verantwortung im Alltag, im liebevollen Miteinander mit den Menschen und Lebewesen, mit denen ich mein Leben auf diesem Planeten für eine Zeit lang teile.

Akzeptierst Du Propaganda?

Propagandabotschaften müssen stets so gestaltet sein, dass sie

a) mit den Interessen und Zielen der Propagandisten in Einklang stehen
b) durch das Mediensystem freiwillig oder auf Grund von Zwang transportiert werden können und
c) vom Publikum im Sinne der Propagandisten aufgenommen werden.

Letzteres, die Akzeptanzfähigkeit der Botschaften bei ihren Empfängern, ist in der Propagandakommunikation der zentrale Punkt, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Überlegungen und Spekulationen auf Seiten der Propagandisten über die vermuteten Eigenschaften des Publikums und die psychologischen Faktoren des Wirkungsprozesses stehen so im Mittelpunkt jeder Reflexion über Propaganda.

Thymian Bussemer
Psychologie der Propaganda
Homepage des Bundestags 11.2007

Beilage 4

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Manchmal stelle ich mir Fragen. In den letzten Tagen stelle ich mir eine Reihe von Fragen. Auch, wenn ich weiß, daß jede Frage einen rhetorischen Aspekt haben könnte. Die Frage, die mir heute in den Sinn kam, ist gewissermaßen eine historische Frage. Zunächst.

Nun die Frage. Warum überfiel der SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks zusammen mit fünf oder sechs in Zivil gekleideten SS-Leuten den Sender Gleiwitz am Abend des 31. August 1939 – wenige Stunden vor Beginn des Zweiten Weltkrieges? Warum benötigte Adolf Hitler, warum benötigte der deutsche Faschismus einen Vorwand, um Polen zu überfallen, um Krieg gegen andere Völker zu führen?

Schon am 22. August 1939 soll Adolf Hitler gesagt haben:

„Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.“

Welche Aufgabe übernimmt die Lüge, welchen Zweck verfolgt der Vorwand, welche Aufgabe hat die Propaganda?

Welche Lügen benötigt ein Herrschaftssystem, um die eigenen Funktionsträger zu manipulieren? Wie werden Soldaten mobilisiert? Wie werden die Untertanen fanatisiert oder neutralisiert? Wer muß außerhalb des eigenen Herrschaftsbereichs getäuscht werden?

„Fingierte Stories,“ so reformiert-info.de – Homepage des Reformierten Bundes, „verweisen auf den kritischen Vernunftgebrauch, dessen es zur ethischen Urteilsbildung bedarf.“

Ein Herrschaftssystem ist niemals ein monolithischer Block; es ist aus meiner Sicht ein kompliziertes Gebilde und sensibler Komplex von Menschen, die durchaus nicht immer und nicht in ihrer Gesamtheit à priori negative, menschenverachtende, lebensfeindliche Ziele verfolgen. Die ideologische – oder propagandistische – Ausrichtung ist ein Teil von Gehirnwäsche, um Kriege vorbereiten und durchführen zu können. Ein Krieg setzt voraus, daß weite Teile des Herrschaftssystems systemgerecht denken und handeln. Die Menschen, die nicht mitspielen, werden offen oder versteckt unterdrückt.

Die Nazis haben nicht nur Millionen von Juden umgebracht. Die Systemgegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten und Aufmüpfige – wurden eingeschüchtert, gefoltert oder ermordet. Sie besaßen das Wissen und den Mut, der Kriegspropaganda entgegen zu treten.

„Es ist leichter, über ein zurückliegendes Ereignis zu lügen, als ein aktuelles Gefühl zu kaschieren“, so der kalifornische Emotionspsychologe Paul Ekman.

Die Lügen, um über den Charakter des Faschismus hinwegzutäuschen…

…sind einfach und derb gestrickt. Dennoch war es das deutsche Großkapital, die Rüstungsindustrie um Krupp und Thyssen, die IG Farben, die Finanzmagnaten wie Abs von der Deutschen Bank, die den Faschismus an die Macht gehievt haben.

Und dann stellt sich die Frage, was passierte mit den Mächtigen nach 1945? Wo blieben die alten Nazis, als was arbeiteten sie? Fand eine Entnazifizierung wirklich statt?

Fragen über Fragen. Nicht aus propagandistischen Gründen, sondern um Klarheit zu bekommen. Um Wege zu bahnen, die ein Leben in Frieden ermöglichen.

Vorausgesetzt, wir sind in der Lage zu erkennen, wie die unkaschierte Wirklichkeit aussieht.

Eine Frage, die Dir wichtig ist

ZEITUNGSCAFÉ – EIN NEUES PROJEKT

Miteinander ins Gespräch kommen * Lernen, einen eigenen Artikel zu schreiben * Fotos sprechen lassen * Bloggen lernen * Freunde finden

Zeitung machen ist viel einfacher, als es erscheint. Alles, was Du brauchst, um den Einstieg zu bekommen, ist eine Frage, die Dir wichtig ist und die Dir keiner so leicht beantworten kann oder möchte. Oder Du bist Spezialist für ein Thema und kannst anderen Menschen etwas beibringen, was sinnvoll ist. Ein Journalist unterstützt Dich bei der Vorbereitung Deines Themas. Du erzählst, was Dich beschäftigt und gemeinsam entstehen Ideen, wie daraus etwas entstehen kann. Zunächst ein Rechercheplan, um sicherzustellen, daß der Hintergrund gut erforscht ist.

Die Absprache über eine gute Vorgehensweise. Ob ein Erfahrungsbericht ausreicht, um das Thema ins Rollen zu bringen. Oder ob mehrere Leute interviewt werden sollen, um die Bedeutung einer Angelegenheit zu unterstreichen. Oder ob viele Freunde am gleichen Thema arbeiten.

Spannend wird es, wenn Du etwas verändern möchtest und Gespräche mit Menschen führen willst, die Dir dabei helfen können. Oder die die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen, die Dir und anderen das Leben einfacher machen.

Daraus einen Text, einen verständlichen Artikel zu machen – das ist die Krönung der Arbeit. Meistens braucht die Redaktion gute Bilder – Portraitfotos, Reportagefotos, Dokumentationen, um die LeserInnen gut ansprechen zu können.

Deine Ideen…

…Deine Wünsche, Deine Vorschläge machen das Leben eines Zeitungscafés aus. Und Deine Freude, sich für Etwas einzusetzen. Denn ohne Dein Engagement, ohne Deine Arbeit geht es nicht.

Und doch soll die Arbeit viel Spaß machen. Gerade, weil mal mehr, manchmal weniger gedacht wird, ist gute Laune wichtig. Und guter Humor, tolle Witze oder auch lockere Geschichten. Aus dem Bauch heraus. Zum Wohle von allen.

Das Konzept des Zeitungscafés arbeitet mit einfachen und schönen Ideen, die uns das Leben miteinander erleichtern. Dort, wo Deine Talente und Fähigkeiten sind, entwickelst Du Dich mit Leichtigkeit.

Lebendige Texte sind nicht abstrakt und abgehoben. Lebendige Texte lehnen sich an Deine gesprochene Sprache an. Du wirst kein weltfremder Gehirnakrobat. Aber Du lernst, gute Argumente oder Ideen verständlich auszudrücken.

Mit Hilfe des Zeitung-machens kannst Du auch andere Lebenswelten entdecken, die interessant für Dich sind. Vielleicht ist es am Anfang gut, wenn Du Dich für die Fotografie entscheidest. Dadurch lernst Du es, gut zu beobachten, eigene Entdeckungen zu machen und Dich anderen mitzuteilen. Du wirst Fotos von Deinen Freunden machen, an die Du Dich immer gerne erinnerst. Vielleicht kannst Du damit auch Geld verdienen.

Der Journalist…

…heißt Burkhardt Nowak. War als Schüler nicht sprachbegabt, hatte vor allem in Deutsch schlechte Noten. Fotografierte jedoch leidenschaftlich gerne.

Lernte das journalistische Schreiben als freier Journalist Anfang der achtziger Jahre in Bremen als (un)freiwillige Zugabe des Broterwerbs als Fotograf.

Hielt sich gerne auf Terminen auf, um „Land und Leute“ kennenzulernen. Verschwieg, wie so viele andere Kollegen auch, die kleinen Bestechungen vor, während und nach den Terminen. Starrte lange auf das weiße Blatt Papier in der Schreibmaschine, um zu neuen Schreibideen zu kommen. Hatte keine Lust, mit Lügen den Lebensunterhalt zu verdienen; gehört keiner journalistischen Machtelite an.

Entfaltete eine Reihe von Talenten als Redakteur für ein Zeitungsmagazin in der Gemeinde Friedland. Baut momentan eine Fotoschule und Medienwerkstatt auf. Arbeitet auch als Diplom-Sozialpädagoge in einem Göttinger Altenheim im Bereich der Beschäftigungstherapie.

Mitmachen…

…kann jeder, kann jede, der oder die möchte.

Vielleicht willst Du nur mal vorbeischauen. Mal was erzählen. Oder eine Frage stellen. Oder nur dabei sein, wenn gearbeitet wird.

Es kann auch angehen, daß Du Deine Talente und Fähigkeiten weiterentwickeln willst. Unabhängig davon, wie Deine Noten in der Schule (gewesen) sind. Viele Leute haben erst das Schreiben gelernt, als es um ihre Interessen oder um einfache Dinge des Lebens ging.

Du kannst lernen, wie ein Journalist zu schreiben. Oder wie ein Autor, eine Autorin zu erzählen und zu schreiben. Es kommt auf Deine Wünsche an.

Oder Du willst fotografieren lernen. Portraits von Dir, von Deinen Freunden und Freundinnen, Bilder aus Deinem Leben. Reportagen machen aus Lebenswelten, die Du magst oder nicht.

Oder Du bloggst gerne oder willst lernen, wie Du Dich – und Dein Leben – interessant und spannend darstellst. Oder Du hast einfach Lust, tolle Seiten zu gestalten.

Egal, ob Du spontan, manchmal oder regelmäßig vorbeischauen willst – Du bist immer herzlich willkommen.

Anmerkung

Das Projekt läßt ab sofort jederzeit organisieren. Als Zeitungscafé für bestehende Gruppen, für Schulklassen, für Vereine, Verbände oder Initiativen, für Bildungseinrichtungen, für Mehrgenerationenhäuser, für Gewerkschaftsgruppen. Auf Deinen Kontakt freue ich mich. Ruf doch mal an oder schicke mir eine Email.

Kontakt:

Burkhardt Nowak

Autor, Photograph und Journalist
Am Thieberg 1
37133 Friedland
05504.8057938
burkhardt.nowak (et) gmail.com