Archiv für den Monat Dezember 2010
Des Teufels Versteckspiel
In jedem Menschen schlummern satanische Anteile. Während ich dir erzähle, wie ich sie in mir entdeckte, besteht deine Aufgabe darin, deine eigene Biographie zu entschlüsseln.
Schon als Kind hatte ich eine besondere Vorliebe für den kleinen roten Teufel. Eines Tages, ich war gerade drei Jahre alt, entwendete ich meinem Vater eine handgeschnitzte Figur aus seiner Puppenspielerkiste. Sie war in meinen Augen wunderschön, irgendwie fühlte ich mich mit ihr magisch verbunden, weil sie eine kräftig dunkelrote Farbe besaß. Das Teufelchen, wie mein Vater sie nannte, schien mir lebendig zu sein, doch seine Hörner störten mich. Als ich die Hörner abbrach, wollte mich mein Vater verprügeln; hielt jedoch plötzlich inne, weil er eine Idee bekam, die er für einzigartig hielt. „Das ist es,“ jauchzte er auf, „du hast mich auf eine phänomenale Idee gebracht; ein Teufel, der nicht auf den ersten Blick als Teufel erkennbar ist, der mal eine rote, mal eine weiße und mal eine braune Robe tragen kann oder,“ und an dieser Stelle atmete er tief ein, blickte durch die Zeiten, atmete aus und fuhr fort, „das surreale Gewand eines Zauberes.“ Ab diesem Tag durfte ich mit seinen Puppen spielen, ohne das er mich boshaft ermahnte, denn er liebte meine Einfälle.
Eines Tages gingen wir beide in die Kirche, die während meiner Kindheit immer geöffnet war. Vater öffnete die schwere Tür, drückte mir den Teufel in die Hand und wartete auf meine Einfälle. Vorsichtshalber hatte er einen Stenoblock und einen Bleistift dabei, um meine kindlichen Spiele, „meine Aufführung“, wie er sie nannte, in einer unbekannten Schrift aufzuzeichnen. „Ein Teufel benötigt einen Platz, an dem er einen guten Überblick hat,“ durchfuhr mich ein Gedanke, und so erklomm ich die Kanzel, nur die Worte fehlten mir. Als der kleine rote Kerl langsam über dem Rand der Kanzel erschien, lachte mein Vater auf und schrie vor lauter Freude: „Genial, geliebter Poppenspieler.“ Schnell erinnerte er sich daran, dass er Zuschauer war, während ich von der Kanzel rutschte, um den großen Altar zu erobern.
Sechs Jahre später mochte ich andere Spielchen und untersuchte alle weiblichen Verwandten, die jünger waren als ich, so genau ich es vermochte, und näherte mich noch lieber den jungen Mädchen meines Alters. Weitere drei Jahre vergingen, bis ich rotgekleidet als Eckeneckepenn einen infernalischen Freudentanz auf einer Schulbühne aufführte und noch zwei weitere Jahre, bis ich als Jugendlicher meine satanische Einweihungsfeier zu den Klängen von „She’s A Rainbow“ im Kleiderschrank einer Freundin zelebrierte, ohne den Namen meiner ersten erotischen Triebschaft verraten zu wollen.
Ein vornehmes Rollkommando
Als Journalist sollte man viele Menschen kennen, nicht, um sie zu vereinnahmen oder um sie aus niederen Beweggründen auszuhorchen, sondern um die Mosaikteilchen des Lebens zu einem neuen Bild zusammenzustellen, um sein Ohr und sein Herz am Puls der Zeit zu haben. Manchmal haben mich die Ansichten und Erzählungen anderer Menschen ermutigt, genauer hinzuschauen.
Aus dem Tagebuch von Janto Hayen
Eines Tages, wir schreiben das Jahr 2009, erfuhr Janto Hayen neue Interna aus dem Leben einer größeren Osho-Kommune, die sich mitten in der Pampa, sagen wir mal – um niemanden zu kompromittierenden oder zu unnützen Gedanken zu verleiten – irgendwo in der Bretagne befand, vielleicht in der Nähe vom Mont Saint Michel, irgendwo ganz in der Nähe eines Wasserschlosses im Department Ille de Vallaine, wunderbar eingerichtet auf dem Gelände eines ehemaligen Gutshofes. Schälkisch hatte ihm einmal eine liebe Freundin erzählt, daß sie dort nie wohnen könne, mit der lustigen Begründung, für ein orangenes Altersheim mit gelegentlichen Sexkontakten durch den Tagungshausbetrieb fühle sie sich noch viel zu jung. Dabei war sie 64.
An diesem Tag machte sich Janto Hayen, der aus beruflichen Gründen das französische Meditationscenter aufgesucht hatte, früh auf den Weg, um den Mont Saint Michel in der Morgendämmerung zu fotografieren, zu einer Zeit, wenn noch keine Touristen die kleine Metropole im Meer besuchen würden. Er fand eine Mitgefahrgelegenheit und wurde von einer guten Bekannten mitgenommen, die aus Studienzwecken ebenfalls fotografieren wollte. Ungestört und unkontrolliert konnten sie sich auf der Fahrt über das Verhalten von Oshos Jünger unterhalten. “Aber eines kann ich dir sagen,” verriet sie ihm zum Abschied, “diese Leute verstehen es zu nehmen. So etwas an Habgier habe ich mein ganzes Leben noch nicht erlebt.”
Die Morgenzeit in der salzhaltigen Luft tat ihm gut. Anstatt zu fotografieren, suchte er sich eine schöne Stelle, schaute, ob sich andere Menschen in der Nähe befanden, dachte: “Und wenn schon”, setzte die Hörer eines MP3-Players in seine Ohrmuscheln, suchte sich ein paar Stücke von Sade, lauschte und tanzte, bis er wußte, was er an dieser Stelle wollte. Janto legte sich auf die Erde und fühlte die starke Energie dieses Ortes. Endlich bekam er die Oshozeit, zumindest einige Aspekte, gedanklich in Griff, während er die Klänge von „No Ordinary Love“ nachschwingen ließ.
Sades Musik versetzte ihn in einen Rausch, der ihn mit seinen ureigenen Kraft verband, während ihn die Musik aus Oshos Welt einlullte und ihn beständig ermahnte, die Übermacht eines falschen Gottes namens Osho anzubeten. Hier, an dieser Stelle fand er die Klarheit, die betörende Wirkung der Oshomusik in sich zu zerstören. “Die Mönche wußten schon, warum sie sich hier ansiedelten,” schrieb er in sein Tagebuch, bevor er das Meer fotografierte, die Wolken und seine gute Bekannte namens Madelaine, die Lust hatte, sich und ihre Gefühle zueinander in Szene zu setzen.
Am späten Nachmittag kehrten die beiden vergnügt in das Center zurück. Madelaine ging direkt zur Kundalini, während Janto das Gesicht einer lieben Sannyasin ausfindig gemacht hatte, die er schon immer einmal näher kennenlernen wollte. Sie hatten schon ein paar Mal miteinander getanzt, waren sich nach Veereshs AUM-Meditation spielerisch näher gekommen. Sie hatte etwas, das ihn interessierte. Ihr Blick verriet ihm, daß er willkommen war; die Blicke der anderen Frauen ignorierte er. Zigarettenqualm vernebelte die Situation; die Bierflaschen vermehrten sich auf dem Tisch, der viel zu französisch und zu klein war, um den hohen Alkoholkonsum zu vertuschen.
Die Pflicht, Mißstände offenzulegen
Das umfassende Ziel von Journalismus sollte ausschließlich ein Service sein. Die wahre Aufgabe von Journalismus ist es, den öffentlichen Verstand zu unterrichten, das Denken des Landes zu erkennen und definitiv und furchtlos alles auszudrücken, um diesen Verstand zu erreichen. Die Öffentlichkeit hat das Recht, die Wahrheit zu kennen. Die Öffentlichkeit muß objektiv informiert werden, was passiert. Die Presse hat tatsächlich Macht, und sie zu mißbrauchen, ist ein Verbrechen.
Mahatma Gandhi
