In jedem Menschen schlummern satanische Anteile. Während ich dir erzähle, wie ich sie in mir entdeckte, besteht deine Aufgabe darin, deine eigene Biographie zu entschlüsseln.
Schon als Kind hatte ich eine besondere Vorliebe für den kleinen roten Teufel. Eines Tages, ich war gerade drei Jahre alt, entwendete ich meinem Vater eine handgeschnitzte Figur aus seiner Puppenspielerkiste. Sie war in meinen Augen wunderschön, irgendwie fühlte ich mich mit ihr magisch verbunden, weil sie eine kräftig dunkelrote Farbe besaß. Das Teufelchen, wie mein Vater sie nannte, schien mir lebendig zu sein, doch seine Hörner störten mich. Als ich die Hörner abbrach, wollte mich mein Vater verprügeln; hielt jedoch plötzlich inne, weil er eine Idee bekam, die er für einzigartig hielt. „Das ist es,“ jauchzte er auf, „du hast mich auf eine phänomenale Idee gebracht; ein Teufel, der nicht auf den ersten Blick als Teufel erkennbar ist, der mal eine rote, mal eine weiße und mal eine braune Robe tragen kann oder,“ und an dieser Stelle atmete er tief ein, blickte durch die Zeiten, atmete aus und fuhr fort, „das surreale Gewand eines Zauberes.“ Ab diesem Tag durfte ich mit seinen Puppen spielen, ohne das er mich boshaft ermahnte, denn er liebte meine Einfälle.
Eines Tages gingen wir beide in die Kirche, die während meiner Kindheit immer geöffnet war. Vater öffnete die schwere Tür, drückte mir den Teufel in die Hand und wartete auf meine Einfälle. Vorsichtshalber hatte er einen Stenoblock und einen Bleistift dabei, um meine kindlichen Spiele, “meine Aufführung”, wie er sie nannte, in einer unbekannten Schrift aufzuzeichnen. „Ein Teufel benötigt einen Platz, an dem er einen guten Überblick hat,“ durchfuhr mich ein Gedanke, und so erklomm ich die Kanzel, nur die Worte fehlten mir. Als der kleine rote Kerl langsam über dem Rand der Kanzel erschien, lachte mein Vater auf und schrie vor lauter Freude: „Genial, geliebter Poppenspieler.“ Schnell erinnerte er sich daran, dass er Zuschauer war, während ich von der Kanzel rutschte, um den großen Altar zu erobern.
Sechs Jahre später mochte ich andere Spielchen und untersuchte alle weiblichen Verwandten, die jünger waren als ich, so genau ich es vermochte, und näherte mich noch lieber den jungen Mädchen meines Alters. Weitere drei Jahre vergingen, bis ich rotgekleidet als Eckeneckepenn einen infernalischen Freudentanz auf einer Schulbühne aufführte und noch zwei weitere Jahre, bis ich als Jugendlicher meine satanische Einweihungsfeier zu den Klängen von „She’s A Rainbow“ im Kleiderschrank einer Freundin zelebrierte, ohne den Namen meiner ersten erotischen Triebschaft verraten zu wollen.
Mein Leben hatte in den späten siebziger Jahren angefangen, hedonistisch zu werden. Ich machte nur das, was ich wirklich machen wollte, lehnte es ab, mich den Spielregeln einer spießbürgerlichen Gesellschaft zu unterwerfen, kultivierte recht früh ein Bohèmeleben in den Kaffeehäusern Bremens, verfügte immer über das nötige Kleingeld, ohne genau zu wissen, woher es eigentlich kam. Als ich Osho kennenlernte, genauergenommen seinen Geist – das war Anfang der neunziger Jahre -, befand ich mich rein zufällig in einer Lebenskrise, die ich nicht besonders ernst nahm. Mir war nach aufregendem Sex zumute, ich liebte die Aussicht Millionär zu werden, wie der ehemalige Geldguru, als er noch unter den Namen Bhagwan in seinem Körper weilte. Dass sich das satanische Geschehen in eine spirituelle Angelegenheit verkleidet hatte, amüsierte mich. Schon Jahre zuvor hatte ich das Konterfei von Jörg Andrees Elten, einem Schüler des teuflischen Meisters, mit kleinen Hörnern versehen und fand, dass ich eine nette Vorlage für eine neue Kasperlefigur geschaffen hatte.
Elten hatte mich eines Tages auf die Idee gebracht, ein verrücktes Theaterstück aufzuführen, das als Dynamische Meditation in Insiderkreisen zum exklusiven Zeitvertreib genutzt wurde. Noch war ich nicht gebrandmarkt, irgendwie fürchtete ich mich doch vor der Perspektive, mein Leben dem Teufel zu opfern. In einer kleinen Stube, die sich in meinem Hinterkopf befand, las ich sicherheitshalber Märchen ostfriesischer Bauern; meiner Vorfahren, die schon seit Ewigkeiten erfolgreich zu ihren Gunsten Geschäfte mit dem Teufel abgeschlossen hatten, ohne ihre Seele oder die ihrer Töchter zu opfern. Elten, den ich irgendwie rein literarisch nicht mochte, weil sein Stil zu abrupt war, eher einer harten Schreibschule entlehnt, transportierte das geniale Werk meines zukünftigen Meisters, wenn er denn meiner würdig war.
Aus meiner Schallplattensammlung suchte ich mir spontan vier Scheiben aus, die das fünfgliedrige Konzept eines glorreichen Einzuges in die Hölle untermalen sollten. Ganz intuitiv, ohne mir wirklich Böses dabei zu denken – und auch nichts Gutes, wählte ich für die Phase zur Erschließung außergewöhnlicher Kräfte ein Stück von den Rolling Stones aus, das nicht treffender sein konnte. Mit „Sympathy For The Devil“ vollzog ich die Annäherung an den Teufel, der sich diesmal die Rolle eines Sexgurus ausgesucht hatte.
Sechs Wochen nach meiner Einweihungsfeier starb mein Vater auf eine ominöse Weise, die jedoch nur mir eine kleine Spur zu meinen unsichtbaren Wünschen und schwarzmagischen Künsten verriet, sonst ohne Beanstundung zu einem brauchbaren Totenschein führte. Vater war nur auf der sichtbaren Bühne des Lebens nett, jedoch im wirklichen Leben ein grausamer Tyrann, der mich und meine Familie gleich zweimal hintereinander im Abstand von drei Jahren umbringen wollte. Die Erbschaft konnte ich leider nicht antreten, weil er einen Treuhänder eingesetzt hatte, der mich zehn Jahre lang verfolgen sollte, um sicher zu gehen, dass ich mich aus den Fängen des Gurus befreit hatte. Schon drei Jahre später hatte ich einen anderen Weg gefunden, reich zu werden.
Meister Aleister Crowley, Georges Gurdjieff und Bhagwan Rajneesh alias Osho schulten meine grauen Gehirnzellen für unternehmerische Zwecke, so dass ich schon bald die erste Million mit einem trickreichen Pyramidensystem erwirtschaftet hatte, investierte in ein neues Unternehmen, das ich World Oasis nannte und schaffte spielend zwei weitere Millionen mit Kreuzfahrten. Die nächste Million, natürlich netto, brachte mir, trotz wirklich harter Konkurrenz eines Kollegen aus dem eigenen Lager – schon länger im Geschäft als ich – ein legendärer Heilerkongress, bei der alleine die Eintrittskarten 110 Euro kosteten, abgesehen von den phantastisch hohen Standmieten und unverschämt hohen Kosten für Annoncen in der Begleitbroschüre. “Esoterik sells,” dachte ich mir und erspielte weitere Millionen als Eventbrooker. In meiner Freizeit schrieb ich den Bestseller: “Das Tao der zweiten Million.”
Ich hatte endlich den Zugriff auf ein Konto, das von Millionen Euros überquoll, ich fuhr einen schwarzen M3, einen dunkelblauen Van mit eingebauter Spielwiese und für die neugierigen Nachbarn, die von dem Spiel nichts wissen sollten, einen schnuckeligen weißen Fiat 500. Mehrmals im Jahr machte ich Urlaub, mal auf den Osterinseln, die ich als Kind schon faszinierend fand, mal in Wolgograd, um dem Fotografen Gregory Galitsin über die Schulter zu schauen, mal in Pune und in Khajuraho, um neue Gespielinnen kennenzulernen.
Meine rotorange Karriere ging jäh zu Ende, als ich mich in eine junge Frau aus der Bretagne verliebte. Sie hatte etwas an sich, was ich mochte. Wir hatten viel Spaß im Bett, aber erst dann, nachdem ich mein gesamtes Geld einer relativ unbekannten indianischen Stiftung geschenkt hatte. Lange Zeit davor testete ich sie, ob sie mich liebte oder meinen Reichtum, bevor ich ihr mein Vertrauen schenkte. Irgendwie hatte sie eine liebevolle Ausstrahlung, die mir weitaus besser gefiel, als die Gefühlskälte vieler meiner Kollegen und manch einer Haremsfrau aus Oshos Reich. Weil ich keine Lust mehr auf mein kaltes Leben hatte – Kälte kompensierte ich durch längere Aufenthalte in der Hölle von Veeresh in Egmont -, begann ich mich für die Bretonin zu interessieren.
Obwohl sie mit zweiunddreißig Jahren noch relativ jung war, entdeckte sie schon früh, dass es um meine Gesundheit nicht gut bestellt war. „Du nimmst entweder Opium oder du hast eine Fatigue,“ sagte sie ziemlich unpassend, wie ich damals fand, während eines Frühstücks am 14. Februar 2008 auf dem Pariser Montparnasse, „irgendetwas stimmt mit deiner Aura nicht.“ Als ich ihr verriet, dass auch mein Meister müde war, zählte sie eins und eins zusammen und stellte mich vor die Wahl. Spiritueller Machtmissbrauch, kombiniert mit korruptem Unternehmertum, hat auch im Reiche Satans seinen Preis. Außerdem versprach ich ihr, all mein Wissen aufzuschreiben und es als Buch zu veröffentlichen.
Es fiel mir schwer, mich von meiner Welt zu trennen; irgendwie war sie halt teuflisch gut. Der Ostfriese in mir tauchte eines Nachts in einem Traum auf und erinnerte mich daran, dass es jetzt die letzte Möglichkeit sei, meine Seele zu retten. Nun geht es mir besser, denn immer, wenn wir Sex miteinander haben, mal tantrisch und mal einfach so, fühle ich, wie die Liebe in mir wächst. Falls wir mal ein Kind haben werden, und das wird vielleicht bald sein, freue ich mich auf ein Wesen, das natürliche Liebe in die Welt bringt. Bevor ich den Kinderwagen schiebe, habe ich viel Zeit, um meine alten Geschichten zu erzählen. “Teuflisch gut,” wollte ich gerade schreiben, sollen die Geschichten sein, aber das klingt nicht so passend. Naja, jeder Mensch braucht seine Zeit, um sich von alten Gewohnheiten zu befreien.
„Warum nicht,“ meinte meine Liebste abends auf dem Sofa, als ich ihr die Idee für den Titel meines neuen Romans verriet, „die Leute lieben solche Geschichten. Dann wirst du diesmal ein Erfolgsautor wie Wallraff, bloß – du hast mir versprochen, schön ehrlich zu bleiben. Und aus deinen Tantiemen unterstützen wir diesmal eine afrikanische Stiftung, mein lieber Schatz. Oder hast du eine bessere Idee?“ Weil es jedoch schon ein Buch mit diesem Titel gibt, löste ich mich von der Idee. Irgendwann, und sei es im Schlaf, komme ich auf einen Gedanken. Bis dahin üben wir noch.
THE ROLLING STONES | SYMPATHY FOR THE DEVIL
PS
Have a good Time. Nice to meet you, hope you’ll guess my name.