Be, Be, Be. Eine Trancemeditation

Wenn du die Gefahr nicht liebst, dann solltest du an dieser Stelle nicht weiterlesen. Jede Zeile, die du jetzt liest, könnte dein Leben verändern. Du wirst sexy, falls du es nicht schon bist, bekommst Lebensfreude, und wenn du schon Power hast, drehst du vollkommen ab. Du wirst extrem ekstatisch, tanzt dich in Trance. Kurzum, du wirst orgiastisch.

Alles, was du brauchst, ist ein Computer, eine Internetverbindung, eine gute Soundkarte und einen richtigen Kopfhörer. Ich habe einen soliden AKG K240, vollkommen out, hat aber einen tollen Klang und fällt nicht vom Kopf, wenn ich mich heftig bewege. Was noch? Frische Luft, Kerzenlicht, Räucherstäbchen, Salbei oder Sage, um das „Große Geheimnis“ zu rufen. Ein Tuch, um die Augen zu verbinden und einen Timer, um dich wieder auf die Erde zu holen.

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Wenn du vor deinem Monitor sitzt, fängst du am besten jetzt an. Womit? Ganz einfach. Mit „Burundi Black“. Das ist eine Maxiversion; steht auf der Verpackung drauf. Also, sieben Minuten Discoversion, zum Einschwingen. Dein Körper, dein Geist und deine Seele brauchen Zeit, um sich an das Klangmuster zu gewöhnen; selbst, wenn du es kennst und total auf diesen Sound abfährst, solltest du nur ZUHÖREN, damit sensibilisierst du deine Sinne und baust gleichzeitig eine Energieblockade auf, die du für die zweite Phase brauchst. Du schaffst dir einen inneren Space, um dich wohlzufühlen.

BURUNDI BLACK | MAXI SINGLE VINYL

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Das eigentliche Spiel geht jetzt los. Dreißig Minuten „Burundi Black“ auf YouTube. Du brauchst nur zu stehen, dein Körper sagt dir, was passieren soll. Mach die Augen zu. Denk nicht an die anderen. Fühle. Und gehe in deine Kraft. So toll du kannst, so wild du kannst. Du hast kein Ziel, du wirst EINS mit der Musik, dein Körper will nichts anderes als TANZEN. Tee, Ahhh, Enn, Zettt, Eeehhh, Ennn. Nichts anderes. TANZEN. Du brauchst nicht zählen, du machst keine Gymnastik, dein Körper sagt dir alles, auch wie du atmen musst. Es ist das Beste, wenn du stundenlang vorm Computer gesessen hast, stundenlang davor sitzen wirst oder Spaß im Bett haben willst. Aber daran denkst du jetzt nicht, weil du vollkommen ausflippst. Kein Alkohol, kein Joint, keine Pillen. Du kommst von alleine in die Welt, die dich high macht.

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Die Kugel

Liebste,

in dem Dorf, aus dem ich stamme, kenne die Männer ihre Frauen nicht; meine Mutter versteckte sich im Kleiderschrank, während ich gezeugt wurde, weilte mein Vater an der Theke, schaute der Wirtin tief ins Dekolleté, sein Kumpan hörte ihm  zu, als er von seinen Heldentaten erzählte, wie er den Partisanen im Zimmer der Hure erschoss, der angeblichen, zunächst ihn, dann sie. Vater hat es mir nie erzählt, aber ich weiß es. Ich war dabei.

Hörst du, wie es mich zerreißt, wie ich sie liebe, meine geliebte polnische Partisanin, die alles gab, die ihn verführte, um einen Nazi zu töten; du ahnst, es war ein unfairer Kampf, ich meine den der Deutschen gegen das polnische Volk, wäre ich sie, ich hätte genauso gehandelt, und doch, ohne ihn wäre ich nicht, ich habe seine Ohren geerbt, seine Fähigkeit zu hören, die ihm das Leben gerettet hat, als er das Geräusch wahrnahm, wie die Pistole im Kleiderschrank entsichert wurde.

In meinem Dorf kannten sich die Menschen nicht, egal, ob Mann oder Frau. Die Männer kannten die Männer nicht, die Frauen nicht die Frauen. Eines Tages schoss mein Vater in einer Mittagspause zur Übung, mal wieder, mit einem Kleinkalibergewehr; die Kugel flog, durchschlug den Zaunpfahl, flog weiter, die Grenze durchbrochen, über den grünen Rasen, den friedlichen, überquerte die nächste Grenze, ein Gebüsch, flog über blaurote Pflastersteine, durchschlug eine schwere Eichentür, ohne zu klingeln, flog über die Fliesen, die sauber geschrubbten, blieb in der nächsten Tür stecken, rechtzeitig, weil. Kein Weil, einfach so. Die Frau, der Mann, hinter der Küchentür, sie aßen; ob es Suppe war, oder Eintopf, hat mein Vater mir nie erzählt. Er hat überhaupt nicht gesprochen, weder über diese Kugel noch über die anderen. Ich habe es zufällig erfahren.

Kannst du dir vorstellen, dass er sich nicht einmal entschuldigt hat? Keiner hat je darüber gesprochen. Die gute Frau, die das Essen gekocht hatte, schwieg; der Mann, der nicht weiter aß, dachte nicht, dass die Russen kommen, wagte nicht, aufzustehen, es hätte noch ein Schuss kommen können. Er flüchtete nicht in die Arme seiner Frau, sie liebte ihn nicht. Da, wo er war, blieb er sitzen. Nach einer halben Stunde öffnete er ungläubig die Tür, in deren Futter das kleine Projektil steckengeblieben war.

Dieser Vorfall war allen Leuten im Dorf bekannt; keiner redete darüber. Schweigen breitete sich aus. Mein Vater fing an. Er schwieg am besten. Er erzählte keinem etwas über die Geschichte; so musste er sich nicht entschuldigen. Die Opfer schwiegen noch besser; es hätte ja angehen können, dass diese Kugel ernst gemeint war. Der Mann ging nicht zur Polizei, weil er noch Blindstellen hatte, eigene, aus der Zeit, als die Möbel von den Juden gekauft wurden, nicht direkt, auch nicht unter der Hand, alle wussten, woher sie kamen, selbst das Gold aus den Kehlen wurde nicht verabscheut. Schweigen lässt sich lernen, auch dann, wenn der Krieg vorbei ist. Erst recht, weil es galt, neu anzufangen. Bescheiden, man war keiner, der ganz oben war. Schweigen, ganz unten.

Es war das Gras, das mir die Geschichte erzählte. Ich habe versucht, das Gras wachsen zu hören, als es über diese eine Geschichte wuchs, lange nachdem es über die anderen braunen Geschichten gewachsen war. Ich mache mir Sorgen, ob du mich kennenlernen willst. Die Angst, so zu werden wie mein Vater, steckt so tief in mir, dass ich dir davon nichts erzähle. Ich habe nicht die Kraft, mir das anzuschauen, was in mir steckt. Die Menschen reden vom Erbe nach dem Tod, doch mein Erbe steckt in mir, seitdem meine Mutter sich im Kleiderschrank versteckt hat.

Eines Tages, kurz bevor es Zeit ist, dich zu heiraten, weil ich mit dir schlafen will, werde ich weglaufen. Ich habe Angst, wie mein Vater zu werden. Jetzt weißt du, warum ich trinke. Sollte ich dich je schlagen? Solltest du je Angst vor mir haben?

Eher gehe ich.

Verzeihe mir, bevor ich gehe. Ich liebe dich.

Postscript

Kannst du dir vorstellen, dass er sich je entschuldigt hat? Er ist niemals nach Polen gefahren, war kein zweites Mal in Sewastopol und besuchte keinen freundlichen Bauern aus der Ukraine. Das einzige, was er mir beibrachte, war ein französischer Satz. „Voulez vous coucher avec moi.“

Hausgemachte Psychologie

„Beek,“ sagte die alte Frau und schaute die Psychologin vergnügt an, „jetzt weiß ich es wieder. Ich heiße Beek.“

Dann machte sie eine Pause, richtete den Blick auf den Blumenstrauß, der auf dem Tisch stand.

„Komischer Name, nicht wahr? Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern dabei gedacht haben. Muß wohl an den Zeiten gelegen haben.“

Die Psychologin verstand nichts. Der Name Beek war ihr sehr geläufig. Warum regte sich die alte Frau bloß über diesen Namen auf? Und was sollte die Geschichte mit den Eltern bedeuten? Sie ärgerte sich über die verlorene Zeit und über die Kraft, die sie ihrer Ansicht nach in den Gesprächen mit Demenzkranken verlor. Plötzlich stand die alte Frau vor ihr.

„Sehen Sie,“ sagte sie, „hier steht Beek drauf.“

Die Psychologin, die ihren Gedanken schon weit voraus geeilt war, warf einen Blick auf die kleine Karte, die die Frau mit der Hand wedelte.

„Frau Katarak, das ist ihre Versichertenkarte von der BEK. Nun setzen Sie sich bitte wieder hin.“

Die Psychologin führte Frau Katarak vorsichtig zu ihrem Stuhl.

Drei Minuten später versuchte sie es noch einmal.

„Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?“

Frau Katarak nickte.

„Wollen Sie wissen, wie ich heiße oder wer ich bin?“

„Meinetwegen auch das,“ antwortete die Psychologin mürrisch.

„Ich erinnere mich da an eine Fernsehsendung mit einem braunen Schweinchen, einem Gong und einer Tafel, auf der der jeweilige Künstler ein Häkchen machen durfte, je nachdem, ob er angestellt war oder nicht. Dann gab es ein Team. Ich glaube, Guido Baumann war mit von der Partie. Und Hans Sachs. Und Annette von Klarentin. Oder Arentin? Und eine gewisse Marianne Koch. Und der Showmaster hieß…“

Frau Katarak stoppte. „Erinnern Sie sich gar nicht mehr, mein junges Fräulein, an diese schöne Sendung? Sagen Sie mir mal, wie der Showmaster hieß?“

„Robert Lembke,“ antwortete die Psychologin pflichtbewußt.

„Eigentlich,“ fuhr Frau Katarak fort, „hätte die Sendung nicht „Wer bin ich?“ heißen dürfen, sondern „Was bin ich?“ Finden Sie nicht auch? Oder hieß die Sendung doch „Was bin ich?“ Huuuch junge Frau, jetzt haben Sie mich durcheinander gebracht.“

Die Psychologin schüttelte den Kopf und versuchte es erneut.

„Frau Katarak, wie heißen Sie mit Vornamen?“

Nach einer kurzen Pause stöhnte die alte Frau kurz auf, lächelte und sagte zu der Psychologin: „Können Sie mir bitte ihr Handy geben? Ich setze den Joker und frage meinen Sohn. Einverstanden?“

Die Psychologin holte ihr Handy aus der Handtasche.

Frau Katarak gab eine zwölfstellige Zahl ein, drückte auf die Verbindungstaste, wartete, legte die Hand auf das Mikrofon, flüsterte mit einem Seitenblick auf die Psychologin „Falsch verbunden“ und legte dann wieder auf.

„Noch einmal,“ sagte sie dann energisch und gab wieder eine Abfolge von zwölf Ziffern ein. Nachdem sie gute zwanzig Minuten mit ihrem Sohn über das schlechte Essen in der Klinik gesprochen hatte, klappte sie das Handy zu und gab es der Psychologin zurück.

„Elvira,“ sagte sie dann, „Elvira.“

Die Psychologin kam sich langsam dumm vor.

„Ja, ich heiße Elvira,“ antwortete sie mit einer deutlich unwirschen Stimme. „Aber ich möchte gerne wissen, wie Sie heißen!“

„Ich heiße Elvira Katarak,“ sagte die alte Dame. Die Psychologin wurde rot. Sie hatte völlig vergessen, daß ihre Klientin den gleichen Vornamen hatte wie sie. Dann klopfte es an der Tür und der Sohn von Frau Katarak betrat das Zimmer. Spontan erhob sie sich und sagte: „Frau Katarak, Sie haben gleich den Termin mit dem Sozialberater. Da verabschiede ich mich schon mal.“

Der Sohn von Frau Katarak war anderer Ansicht.

„Meine Mutter ist schon fast wieder so schnell wie eine Antilope. In drei Minuten hat sie den kurzen Weg geschafft.“

Die Psychologin setzte sich wieder hin und hielt einen kurzen Vortrag über das Beziehungsdrama von Müttern und deren Söhnen unter besonderer Berücksichtigung von Vorspiegelung falscher Tatsachen, Illusionen und emotionaler Abhängigkeit und daraus resultierender Falscheinschätzung.

„Außerdem benötigt ihre Mutter ein Gedächtnistraining. Suchen Sie mit ihr nach der Entlassung aus der Klinik unbedingt die Evangelische oder Katholische Kirche auf. Oder eine andere Beratungsstelle. Vielleicht gibt es auch ein Seniorenheim mit einem Gesprächskreis und Gedächtnistraining.“

„Meine Mutter ist mental weitaus besser drauf als vor ihrem Unfall,“ sagte der Sohn, während Frau Katarak heftig widersprach. Schließlich verabschiedete sich die Psychologin mit einem erneuten Hinweis auf die Zeit.

Frau Katarak fing an zu lachen, als die Tür geschlossen war.

„Du bist mir ein Schelm,“ sagte sie zu ihrem Sohn gewandt, „erst sagst du mir, daß ich den Leuten was vormachen soll. Dann gebe ich mir beste Mühe und du brauchst nur zwei Sätze, um meine Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Und wie soll ich jetzt die Pflegestufe bekommen?“

*** *** ***

Kurzgeschichte

aus:

Die Göttin in der Schule

Mehr als ein Lesebuch

Burcado Nowak

Epubli.de, 336 Seiten

Erscheint Frühjahr 2012

2010/2011

Paradiesische Momente

GESCHICHTEN AUS DER HÖLLE (3)

Paradiesische Momente

1971

Meta – Norddeich

.

„Meta ist Name. Meta ist spirituell. Meta ist Dimension.“

Andreas schaute auf den See, freute sich über die Aussicht vom Dach einer kleinen Datscha, die vom Eigentümer ohne das Wissen der Behörden gebaut worden war. Er nahm einen tiefen Zug von einem Joint, dass ihm die Lungen barsten.

„Meta ist ein absolutes Muss.“

Nach einem weiteren Zug gab er die Zigarette an Serge weiter. Sein Körper verwandelte sich in eine Orange, wurde größer und nahm die Ausmaße eines Balls an. Als der Joint ihn wieder erreichte, rauchte Mond-Andreas – so nannte er sich beim Kiffen – und fing an zu kichern.

„Wenn sich der Vollmond im Wasser spiegelt,“ fragte er Serge, „weiß dann die Spiegelung, ob sie, wenn Wolken aufziehen, ebenfalls verschwinden muss oder beginnt die Mondspiegelung ein eigenes Leben?“

„Natürlich,“ sagte Serge, „ist eine Spiegelung als solches nicht determiniert. Da Spiegelungen jedoch vor zweitausend Jahren von einem unbekannten ägyptischen Pharao in der dekadenten Hapschiphase fixiert worden sind, müssen sie sich zwangsweise dekonditionieren, bevor sie den Anker in den Untiefen des Gewässers lösen und spielerisch in deiner Sandkiste versinken, um alte Traumata zu durchdringen.“

Serge lachte , nahm einen Shitbrocken aus dem Tabaksbeutel, entfernte die Aluminiumfolie und sog den Geruch tief ein.

„Ich finde, wir sollten unsere Füße mit Hilfe der Spiegelung in Bewegung setzen,“ sagte Andreas, „bevor die nächste Hapschiphase beginnt. Der Mond ist aufgegangen und ich will zu Meta. Es ist Zeit, die Hölle zu verlassen. Lass uns aufbrechen.“

Serge wunderte sich. Sein Freund würde Ärger bekommen, wenn sie heute Abend nach Norddeich in die Disco trampen würden. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 50 Kilometern würden sie mehr als zweieinhalb Stunden benötigen, um dort zu sein. Dann wäre es zehn Uhr. Die Rücktour – inklusive Fußweg von der Kreuzung ins alte Himmelreich – sogar drei Stunden. Also wären sie frühestens um zwei Uhr, wenn nicht um drei Uhr morgens wieder zurück.

„Es geht nicht,“ sagte er, „du musst pünktlich um elf Zuhause sein.“

„Nein,“ antwortete Andreas entschlossen, „heute nicht. Ich will nach Meta. Und was willst du?“

***

Die beiden hatten Glück. Kaum standen sie an der Kreuzung, hielt ein Opel Commodore an und nahm sie bis nach Wittmund mit. Das nächste Auto, ein Mini-Cooper mit einer kraftvollen Stereoanlage, brachte sie bis nach Aurich, und schon das dritte Auto, ein buntbemalter VW-Bus, wollte zu Meta. Andreas schätze die Fahrerin auf dreiundzwanzig Jahre. Irgendwie war sie sympathisch, obwohl im Wagen alles nach Patchouli roch.

„Wie heißt Du?“ fragte er, „ich bin Andreas und der gute Mensch zwischen uns ist Serge, der Käufer.“

Ihre Fahrerin grinste. „Ich bin Luna. Früher hieß ich Kriemhild, schrecklich, nicht wahr, was haben sich meine Eltern nur dabei gedacht; also habe mir den Namen „Luna“ gegeben. Okay?“

Andreas holte seine Kamera, eine Practica LLC, aus der Tasche, machte ein paar Aufnahmen von Luna, die ihn mit ihren langen, gelockten braunen Haaren an Marsha Hunt erinnerte. Und dann, ohne zu fragen, legte er seine Lieblingskassette in den Rekorder. Bei „Riders on the Storm“ fuhr Luna auf einen Parkplatz, stieg aus, ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür, legte die Arme um Andreas Schultern, zog ihn an sich und küsste ihn solange, bis das Stück zu Ende war. Dann fuhren sie zusammen weiter; diesmal saß Serge an der Außenseite.

Serge fand, als sie um neun Uhr in Norddeich ankamen, dass es zu früh für Meta sei. Luna schüttelte den Kopf, und Andreas, der zum ersten Mal bei Meta war, stürmte auf die Tanzfläche, als „Old King Cole“ seine „Musical Box“ öffnete. Auch Luna begann zu tanzen. Die beiden gingen von der Tanzfläche, als es kurz vor elf Uhr war.

„Komm, lass uns nach draußen gehen,“ sagte Luna. Hand in Hand gingen die beiden durch den Ort. Als es elf Uhr war, kicherte Andreas. Er dachte an seinen Vater, der gleich einen Tobsuchtsanfall bekam. Doch er, sein Opfer, würde nicht da sein. Für Andreas war sein Vorgehen ziemlich einfach. Stress würde er auf alle Fälle bekommen, egal ob er zwei oder drei Minuten, eine Stunde oder fünf Stunden zu spät kommen würde. Da sich der Zorn seines Vaters nicht steigern ließ, hatte Andreas geschlussfolgert, in dieser Nacht zu tun, was er tun wollte. Er knabberte an Lunas Ohrläppchen.

„Ich will mit dir schlafen,“ flüsterte er in ihr linkes Ohr, „jetzt, gleich. Ich will.“ Mit seinen Armen zog er Luna an sich.

Luna genoss es, ihn zu spüren und dann küssten sie sich wieder, bis sie keinen Atem mehr hatten.

„Ich will rennen,“ flüsterte sie. Die beiden stürmten los, kletterten über einen Zaun und erreichten das Meer. Ein wenig später fanden sie einen Platz, an dem sie ungestört ihre Lust genießen konnten.

Das war die erste Nacht, in der Andreas eine Vorstellung vom Paradies bekam.

Ein kleines Paradies

GEHIRNWÄSCHE

2.Teil

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Sollte ich es so machen wie mein Vater, sollte ich mit diesem Wesen als Erstes eine Musik aus der großen Sammlung suchen? Meine Lieblingsmusik war oben in meinem Zimmer, also ging es nicht. Irischka konnte ich nicht um Hilfe bitten, sie war verschwunden, wahrscheinlich war sie in ihrem Zimmer.

„Ich heiße Inneke,“ sagte das Wesen, diesmal mit einer Stimme, die meinen Körper in Aufregung versetzte, „ich habe nichts dagegen, wenn wir du mir deine Musiksammlung zeigst.“ Sie konnte Gedanken lesen, und wenn ich ruhiger wäre, könnte ich auch ihre Gedanken lesen. „Hey,“ sagte ich, gab ihr meine Hand und bat sie, mir zu folgen.

„Warte mal,“ entgegnete sie und blickte mir in die Augen, „hast du Angst vor mir?“

Ich hatte keine Angst, ich war aufgeregt, sonst nichts. Eigentlich. Ich hatte nur Angst vor dem ersten Schritt, wenn ich eine Frau ansprach, um mit ihr anzubändeln, weil ich es nicht mochte, einen Korb zu bekommen. Darunter lag die Angst, sie könne schwanger werden, falls. Man weiß ja nie.

„Das hast du von mir,“ erzählte mir Vater in einer ruhigen Minute, „mein ganzes Leben war erfüllt von Angst.“ Er konnte nie orgiastisch werden, welch ein schönes Wort, das all meine Wünsche und Träume zusammenfasst, jedenfalls lange Zeit nicht, bis er Tantriker wurde.

„Du kannst es beschließen, keine Angst zu haben,“ empfahl er mir, „du kannst es drei Wochen ausprobieren, so zu tun, als ob du keine Angst hättest, dann machst du deine Erfahrung und wirst sehen, was passiert.“ Genau das tat ich, ich nahm mir vor, jetzt keine Angst zu haben, komme, was da kommen wolle.

Inneke fand die „Kelly-Family“, auch wenn meine CDs nicht nach Alphabet geordnet sind, und dann gingen wir ins Atelier zurück. Und dort sagte sie mir, wie sie sich die Gehirnwäsche vorstelle.

„Ich verzaubere dich, dass du mit Leichtigkeit in mich hineingelangen kannst. Du wirst noch kleiner sein als eine Fliege, dann fliegst du mit einem Staubwedel in mein linkes Ohr, machst dich an die Arbeit, und wenn du alles gereinigt hast, sagst du mir Bescheid und gelangst durch das rechte Ohr wieder in diese Welt.“

Als sie fertig war, schaute sie mich mit einem Lächeln an, als würden wir uns seit langer Zeit kennen, nur ich wusste nicht, woher. Déjà vu? Wer weiß. Für die Ausführung ihrer Idee brauchte ich nicht nur Mut, sondern Vertrauen. Ich liebte Jules Verne, und eine Reise zum Mittelpunkt der Erde wünschte ich mir schon immer. So sagte ich Ja, ohne groß nachzudenken. „First jump, than think.“ Mein Lieblingsgedanke, der immer kommt, wenn mich etwas reizt und ich die Folgen nicht abschätzen kann. Erst springen, dann denken.

Inneke schaute auf die Uhr, ging zur Eingangstür, schloss sie ab und bat mich, die andere Tür zu verriegeln und das Telefon und alle Handys lahmzulegen. Wir tanzten zwanzig Minuten wie verrückt, ich weiß auch nicht, warum ich mitspielte, aber es sollte so sein und dann, als ich verzaubert war, flog ich in ihr linkes Ohr hinein. Ich setzte mich auf den Amboss, hielt vorsichtig den Staubwedel in der Hand und gewöhnte mich an die Dunkelheit. Die Zeit hier drinnen würde anders verlaufen als in der äußeren Welt, hatte Inneke mir verraten, langsamer, weil ich kleiner geworden bin, noch kleiner als ein Kind, und Kinder würden sich für alles Zeit nehmen, was wichtig für sie ist. Die meisten Erwachsenen verstehen nicht, dass Kinder „innocent“ sind, „unschuldig in ihrem Wesen“ ist ein zu schwacher Ausdruck, auch kommt Schuld darin vor, das englische Wort drückt besser aus, was ich meine. Ich fühlte mich „innocent“, als ich Innekes Räume betrat, hielt vorsichtig den Staubwedel an mich, um sie in den engen Gängen nicht zu verletzen. Inneke hatte mir eine „Laterna Mystika“, ein rot scheinendes Licht mit auf den Weg gegeben, so dass ich mit Leichtigkeit in die linke Hirnsphäre gelangte.

Ich wusste nicht, ob mir dieser Ort gefiel, meine Gefühle erschienen mir widersprüchlich. Es war eine Städtelandschaft, mit riesigen Wolkenkratzern, rechtwinkligen Straßen und einer künstlichen Beleuchtung, mal in reinem gelben Licht, mal im Spektrum des Regenbogens. Dann veränderten sich Bereiche, die mich mehr an elektronische Schaltkreise erinnerten. Überall lag feiner Staub zwischen den Relais, und ich brauchte zwei gefühlte Arbeitstage, um meine Arbeit zu tun. Am dritten Tag überquerte ich die Brücke, die die beiden Gehirnsphären miteinander verband. Hier sollte ich mir besonders viel Mühe geben, hatte Inneke verlangt, und das tat ich auch, obwohl kein Staub oder Verunreinigungen zu erkennen waren.

Schließlich gelangte ich in die Zauberwelt der rechten Gehirnhälfte. Zunächst begrüßte mich ein Rosengarten, dann erfrischte mich eine Quelle und ich gelangte bald in eine verzauberte Höhle, fand einen magischen Wald, entdeckte auf einem türkisen See ein kleines Boot, setzte mich hinein und ruderte zu einer kleinen Insel. Ich war überrascht, als ich Inneke dort antraf. „Na, wie findest du es hier?“

„Himmlisch, göttlich. Ein kleines Paradies.“ Das „S“ zog ich in die Länge, warum, weiß ich nicht, aber ich pustete es vorsichtig in ihr linkes Ohr.

Inneke lud mich zu einem Picknick ein, und dann trennten wir uns wieder, weil die Zeit knapp wurde. In der rechten Seite gab es kaum Arbeit für mich, die Natur reinigte sich von alleine, es gab einen angenehm frischen Wind, manchmal gab es einen warmen Regen und es schien mir so, als ob eine Sonne aufgegangen wäre. Ich stand auf einem Berg, als ein Adler vom Himmel herab stieß und mich ergriff. Jetzt hatte ich Angst, aber ich sagte zu mir, dass ich sie ignorieren würde, auch wenn ich bibberte. Wir flogen nach draußen, der Adler flog sanft über Innekes Nase und setzte mich am Rand ihrer Oberlippe ab.

Meine Zauberin hatte einen ausgesprochen guten Tastsinn; sie wusste, dass ich angekommen war. Vorsichtig schob sie ihre Unterlippe vor, hauchte mich noch liebevoller an, nahm mich auf ihre Fingerkuppe, küsste mich und ich fühlte, dass ich wuchs. Sie küsste mich noch einmal, dann hatte ich meine richtige Größe erreicht.

„Du darfst mich nicht noch einmal küssen,“ sagte ich lachend, „sonst wachse ich über mich hinaus.“ Auch Inneke lachte und gab mir einen Kuss auf den Hals.

„So eine Gehirnwäsche ist etwas Feines,“ sagte sie, „das sollte man jeden Tag machen.“ Seit dem üben wir beide zusammen. Nicht jeden Tag, aber sieben Nächte im Monat. „Das reicht, damit die Birne ordentlich durchgepustet wird,“ findet Inneke. Das finde ich auch, obwohl es besser ist, täglich Staub zu wedeln.

KELLY FAMILY | FELL IN LOVE WITH AN ALIEN

Gehirnwäsche

Bevor ich meine Geschichte erzähle, ist es notwendig, dass ich dir etwas über meinen Vater erzähle. Mein Vater ist ein Friseur, oberflächlich betrachtet. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen hat er keinen Friseursalon, sondern ein Atelier, ein Haaratelier, ungefähr auf einer Fläche von sechs mal sechs Quadratmetern. Die Leute halten ihn für verrückt, weil er nur einen Kunden zu einer Zeit empfängt. Empfangen, genau, das ist der richtige Ausdruck, denn das, was er tut, wenn seine Gäste bei ihm sind, kann keiner so genau sagen, nicht einmal er selbst. Er ist ein sonderbarer Friseur, bei ihm gibt es keine Dauerwelle, keine Strähnen, nicht einmal richtige Haarschnitte. „Das Haar muss in seiner vollen Pracht erhalten werden,“ pflegt er seinen Kunden regelmäßig zu sagen, „das Haar ist einzigartiger Ausdruck individueller Vitalität.“ Obwohl er eigentlich nichts tut, kommen die Menschen gerne zu ihm; er ist freundlich, hört ihnen gerne zu, macht Scherze, führt gelegentlich sogar ernsthafte Gespräche. Es gibt allerdings Leute im Dorf, die mögen meinen Vater nicht. „Er tickt nicht ganz richtig,“ ist wohl die freundlichste Bemerkung seiner Gegner, „er hat einen Sprung in der Marmel,“ sagen andere. Allen gemeinsam ist die Furcht, dass er ein Magier ist. Obwohl er nichts tut, jedenfalls aus ihrer Sicht, scheint er der reichste Mann in unserem Dorf zu sein.

Aus irgendeinem Grund hat sich mein Vater dafür entschieden, nur einen Kunden zu einer Zeit zu „bedienen“, im Sinne der Sprache seiner Berufskollegen an, wenn er bemüht ist, sein Metier zu erklären. „Vielleicht hängt es mit der Musik zusammen,“ erinnert er sich, „eines Tages hatte ich die herkömmliche Arbeit satt, machte eine lange Pause und schaute mir viele Friseurgeschäfte auf der ganzen Welt an. Am besten fand ich die Idee, ein Atelier zu haben. So wurde ich ein Haarkünstler, der Interesse nicht nur an den Haaren, sondern am ganzen Menschen hat. Schon wenn jemand das Atelier betritt, fühle ich sein Wesen, seine Schwingung, seine Aura. Damit dieser Mensch sich bei mir wohlfühlt, stelle ich ihm meine Musiksammlung zur Verfügung und er darf sich eine CD aussuchen. Weil das allen gefällt, nämlich dem Kunden und mir, kreieren wir eine gemeinsame Atmosphäre, die von alleine den Gang der Dinge bestimmt.“

Das Atelier wird von Licht durchflutet; es hat natürliches Oberlicht, das partiell abgedunkelt werden kann, und geführtes Seitenlicht. Die Wände sind alle getupft, die Grundfarbe ist gelb, eine kräftiges Sonnengelb, das an einigen Stellen in das Weiße übergeht, an anderen Stellen in das Orange. Der Friseursessel, mehr Sessel als Friseur, befindet sich genau im geometrischen Mittelpunkt, mein Vater dahinter, so dass er sich genau in der Schnittlinie des Soundsystems befindet, neben sich die Fernbedienung, eine Zimbel, ein Sortiment von Bachblüten und ein Kartenset indianischer Krafttiere. Der Sessel wird, ähnlich wie ein moderner Fernsehsessel, in die jeweilige richtige Position gebracht. Meistens behandelt Vater seine Kunden mit Kopfmassagen und Reiki. Gelegentlich schneidet er Haarspitzen, manchmal flechtet er die Haare, manchmal arbeitet er Perlen und Bänder in die Haarpracht.

Vor zwei Jahren, als sein Unternehmen in der Krise war, er sagt Unternehmen, obwohl er sich als Künstler fühlt, schloss er das Atelier für drei Monate. Anschließend stellte er Irischka ein, eine junge Frau, die er auf einem Besuch eines russischen Photographen kennengelernt hatte. „Ihre einzige Aufgabe ist es, präsent zu sein,“ so hatte er ihre Anwesenheit begründet, „Irischka ist so schön, ihr Gesicht ist schöner als der Mond,“ er nutzte die Sprache der Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht, um zu beschreiben, was sich nicht in sterbliche Worte fassen ließ. Sie hat lange wilde blonde Haare, ihr Gesicht strahlt die Jugend einer fünfzehnjährigen aus, obwohl sie neunzehn ist, ihre langen Beine sind wohlgeformt und ihre Brüste sind göttlich rund. Seitdem Irischka bei uns ist, hat Vater wieder gute Laune und die Krisenzeiten sind vorbei.

Die eigentliche Künstlerin in unsrem Haus ist Irischka. Ich weiß nicht, woher sie das Geld hat, aber ich glaube, dass sie jeden Tag etwas Neues anzieht, eine eigenwillige Kreation, die sehr dezent ist und sie wie eine Königin aussehen lässt. Sie schminkt sich nicht, trägt manchmal Ohrschmuck, doch sonst habe ich nicht einmal eine Kette an ihr wahrgenommen. Noch nie habe ich gesehen, dass Irischka eine Schere zum Haarschneiden in der Hand gehabt hat. Meistens steht sie an der Staffelei und portraitiert; sie braucht einen Menschen nur einmal anzusehen und schon ist sie in der Lage, sein Gesicht genau zu Papier zu bringen. Neulich war ich dabei, wie ein Kunde sie frug, wie teuer denn sein Bildnis sei.

„250 Euro,“ sagte Irischka so belanglos, als ob es üblich sei, diesen Preis zu verlangen.

„250 Euro, mein schönes Kind,“ sagte der dicke Bauunternehmer, „und was sind die Extras?“ Irischka würdigte ihn keinen Blickes.

„Darf ich denn handeln?“ Der Dicke war interessiert; woran, war offensichtlich.

„Du feilscht doch auch nicht, wenn du deinen dicken Mercedes kaufst,“ antwortete Irischka.

„Oh, doch, das tue ich wohl.“

„Na, dann strenge dich an das nächste Mal beim Feilschen, dass du dir das Geld für dein schönes Portrait verdienst.“

Der Kunde bezahlte die Rechnung meines Vaters, dann ging er zu Irischka, gab ihr das verlangte Geld und verabschiedete sich mit einem Augenblinzeln. Dass er keinen Erfolg mit seinen Ambitionen hatte, zeigte das Achselzucken, mit dem Irischka reagierte, woraufhin Vater flüchtig nickte.

Das war vor zwei Monaten. Heute, in der Mittagspause war mein Vater zu einer wichtigen Besprechung außerhalb, und ich beeilte mich, rechtzeitig im Atelier zu sein, um Zeit mit Irischka zu haben. Kaum war ich im Salon, da öffnete sich die Tür, Vater oder Irischka hatten vergessen, abzuschließen. Eine Frau in meinem Alter, ich hatte sie noch nie zuvor in unserem Dorf gesehen, trat ein. Unter ihrem weißem samtenen Mantel trug sie ein dunkelrotes Kleid, von einer besonderen Machart, auch mit vielen Spitzen und Rüschen versehen, ein Kleid, das mich an das Mittelalter denken ließ, obwohl ihre schwarzbraunen Nylonstrümpfe die heutige Zeit signalisierten. Ich überlegte, welchen Spruch ich nehmen sollte. „Darf ich Ihnen beim Ausziehen behilflich sein,“ das passte mehr in das Repertoire eines neunjährigen Jungen; „Wir haben Mittagspause,“ eher in das Weltbild eines Beamten. Am besten würde ich nach einer freundlichen Begrüßung abwarten, was passieren würde.

„Ich hätte gerne eine Gehirnwäsche,“ sagte das Wesen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich sofort antworten ließ: „Mein Vater ist nicht da.“ „Eben,“ antwortete sie, „deswegen komme ich. Ich will von dir behandelt werden.“

Fortsetzung folgt.

Abschied vom Himmelreich

GESCHICHTEN AUS DER HÖLLE (2)

Abschied vom Himmelreich

1968

Friesland

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Das lang ersehnte Paket war endlich gekommen. Andreas ließ das Mittagessen warten, nahm ein Messer, schlitzte die Klebestreifen durch und öffnete vorsichtig die Paketwangen. Sein erster Diaprojektor, ein Braun Paximat 1600, war offensichtlich gut verpackt. Nach fünf Minuten konnte er das Gerät anschließen, suchte die jüngsten Bilder von Inneke heraus, steckte sie um 180 Grad verdreht ins Magazin und verdunkelte sein Zimmer.

Die weiße Rauhfasertapete war nicht für eine Vorführung gedacht, doch es störte ihn nicht. Andreas fädelte ein Band von den Beatles auf seinem Grundig TK 140 ein, wählte Hey Jude als Hintergrundmusik und drehte den Rundknopf auf Start. Zunächst Regenbilder – absichtliche Unschärfe, nur Regentropfen an Fensterscheiben zeigten klare Konturen. Dann die Bilder seiner Freundin. Inneke umarmte einen Baum; den Kopf tief im Nacken, ihre langen blonden Haare. Es war ein regnerischer Tag, doch Andreas liebte den Regen. An diesen Tagen waren die Hauttöne intensiver, alles war wie neugeboren.

Die nächste Sequenz. Mit einem Regenschirm hockte sie vor einem See und beobachte, wie die Blätter im Herbstwind tanzten. Durch Zufall kam ein Blatt auf sie zu, der Wind wurde still, nur das Blatt schob Wellen vor sich her; Sternstunde der Fotografie. Andreas hatte vier Filme mitgenommen, um sich Innekes Gesicht zu widmen. Inneke liebte es, wenn er sie anschaute. „Wie mag er mich wohl sehen, worauf achtet er, warum gefalle ich ihm?“ Inneke hatte viele Fragen, doch sie schwieg, um den Fotografen bei seiner Arbeit nicht zu stören.

Am Ende des Songs machte Andreas eine Pause, wechselte zum nächsten Magazin, spulte zu All you need is love und sah, wie Inneke lächelte, den Kopf senkte, wieder hob und dann ihre Augen schloß. Ihre Lippen formten einen offenen Mund, sie legte den Zeigefinger an die Lippen und kokettierte mit ihm. Dann öffnete sie ihre Strickjacke, ließ sie zu Boden gleiten, öffnete die Bluse, dass ihre Schultern sichtbar wurden. Andreas mochte den Übergang von Schulter, Hals und Innekes lange Haare.

Als die Mutter ihn erneut aufforderte, sein Essen warm zu machen, ging er in die Küche. Linsensuppe mit Griessnockernl und Wiener Würstchen. Es war eines seiner Lieblingsessen, das er gerne mit ein paar Spritzern Maggi würzte. Nachdem er seine Schulaufgaben gemacht hatte, halbwegs, schnappte er sich seine Yashica-Electric und ging zu Inneke.

*****

Andreas wusste, dass Inneke alleine war. Langsam ging er zum Wald, wo sie wohnte; er ging lieber zu Fuß, auch wenn es regnete, weil es ihm so mehr Spass machte, seine Erregung beim Gehen zu spüren. Das, was er vor hatte, war nicht erlaubt. Doch sein Verlangen, Inneke nackt zu sehen, war so groß, dass er sich über Konsequenzen keine Gedanken machte.

Die beiden küssten sich lange, und Andreas zog Inneke vorsichtig auf ihr Bett. Das Küssen, so sagte sie ihm eines Tages, würde ihren ganzen Körper verzaubern und am liebsten würde sie mit ihm schlafen, doch das ginge nicht, weil sie mit dreizehn nicht Mutter werden wolle. Langsam schob Andreas seine linke Hand in Innekes Ausschnitt. Er tastete sich vorwärts und fragte sich, ob sie widersprechen würde. Doch Inneke genoss die Wärme und das Verlangen der Berührung.

Nach einer Weile stoppte sie seine Hand. „Weiter nicht,“ flüsterte sie, „ich verliere mich.“ Andreas war enttäuscht und wütend. Die Energie in ihm war so stark, dass er nur noch den Drang verspürte, in ihr zu sein. Oder dass sie ihn bis zum Orgasmus streicheln würde. „Ich möchte, dass wir in den Wald gehen,“ sagte Inneke, „du darfst mich da fotografieren.“

Die Aufnahmen im Wald verliefen ganz anders, als es sich Andreas vorgestellt hatte. Auf einmal war in ihm Stille eingekehrt, und er fühlte sich wohl, als Inneke posierte. „Ich bin glücklich,“  sagte er, „es ist so schön.“ Er wollte noch etwas sagen, aber er tat es nicht. Inneke hatte sich ausgezogen. Nicht auf einmal, sondern nach und nach. Doch ihr Kopftuch und ihre Bernsteinkette hatte sie anbehalten. Und ihre Jeans.

Als die Dämmerung nahte, trennte sich die beiden. Andreas machte die Diafilme fertig, brachte sie zur Post, erledigte die verhassten Hausaufgaben, legte ein Klavierkonzert auf und freute sich aufs Abendessen.

*****

Am Abend schaute er sich Dias von der Rhön mit dem neuen Projektor an. Den vergangenen Sommer hatte er auf einem CVJM Camp verbracht. Die Zeit war nicht gut für ihn gewesen, alles war reglementiert. Er hatte neue Freunde kennengelernt, doch es wurde zuviel gebetet. Auch wurde gemunkelt, dass man “Hängolin” ins Essen mache, um die jugendlichen Triebe zu dämpfen.

Immer wieder seilte er sich ab, um jenseits des Camps Fotos zu machen. Für ihn war die hügelige Landschaft Abwechslung und Herausforderung zugleich. Ihm gelang es, sich aus dem Lager zu schleichen, wenn alle noch schliefen, wenn es dämmerte, um die Besonderheiten des Lichts und der Landschaft einzufangen.

Mit gemischten Gefühlen betrachtete Andreas die Bilder aus dem Urlaub. Ihm fiel ein, dass er viel erlebt hatte. Gerade, als er bei den Bildern vom Trampen angelangt war – und das war nicht ungefährlich, weil der Wagen plötzlich vor einem Abgrund stand – hörte er eine Auseinandersetzung im Treppenhaus. Sein Vater und seine Schwester stritten sich; gewaltig.

Später wusste Andreas nicht genau, wie alles gekommen war. Seine Mutter und seine Schwester kamen in sein Zimmer, außer sich, unfähig etwas zu sagen. Im Flur schrie der Vater: „Ich bring euch alle um!“ Der Junge wurde zum Helden, sprang auf, verriegelte die Zimmertür, schob die Frauen ins nächste Zimmer, verriegelte die Verbindungstür. Der Vater hämmerte mit einem Gewehrkolben an die erste Tür.

Andreas öffnete ein Fenster und ordnete den Ausstieg an. Währenddessen brach der Vater die erste Tür auf, schnappte sich den Diaprojektor und zerschmetterte ihn an der Wand. Dem Jungen, der die Geräusche genau deutete, blieb keine Zeit zum Schmerz; Andreas sprang als Letzter aus dem Fenster und zog die Frauen mit sich in die Dunkelheit. Nach zehn Minuten waren sie gerettet. Die Eltern der Mutter gewährten ihnen Obdach.

Das war die erste Nacht in seinem Leben, als das Himmelreich zur Hölle wurde.