Finishing

Immer, wenn sich das Ende einer Geschichte ankündigt, kann ich es zunächst nicht fassen, dass es soweit ist. Das Kunstwerk bestimmt den Anfang, den Werdegang und das Ende, ich brauche mich nur darauf einzulassen; in jeder Phase ist es für mich spürbar, wenn sich etwas in mir ausdrücken will; der Tag, der schriftstellerische Tag hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, und ich wundere mich immer wieder, mit welcher Vehemenz, mit welcher Kraft sich das Innere ausdrücken will. Es ist jedes Mal ein Geburtsvorgang; das Leben hat mich schwanger gemacht, meine Seele ist die Gebärmutter; und eines Tages ist es soweit, die Wehen kündigen sich an, und eigentlich brauche ich als Mensch nicht viel zu tun, um als schriftstellerische Hebamme die Geburt zu begleiten.

In der Tat, irgendwie ist es mit einer Geschichte wie mit einem Kind; es ist die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst – das Kind gehört sich selbst – wir können es nur liebevoll annehmen und begleiten. Nicht einmal in unseren kühnsten Träumen wissen wir, was das Innere des Kindes ausmacht, und das ist auch nicht nötig, wenn wir einander in Würde begegnen. Selbst ich fange an, die Novelle immer wieder aufs Neue zu sichten, anzuschauen, auf unterschiedlichste Weisen anzunehmen, lieb zu gewinnen, zu hinterfragen, spielerisch neue Aspekte einzufügen, innerlich, aber nicht praktisch, frage mich, was mit all den Ideen passiert, die ich nicht realisiert habe, weil die Geschichte ihre eigene Melodie singt und nicht immer meinen Ausstattungswünschen folgt.

Beispielsweise hätte ich liebend gerne ein paar BMWs in die Geschichte eingefügt; Danae fährt einen weißen Einser-BMW, Miriam und Janto fahren Dreier-BMW, Miriam eine schwarze Touring-Variante und Janto einen M3, in dunkelblau. In der Loftwohnung steht ein alter Barockengel, ein BMW V8, vielleicht als Cabrio. Nach einem Traum, in dem der Regenwald eine große Rolle spielte, habe ich die Idee wieder verworfen, um nicht eine aggressive Autogesellschaft zu unterstützen, in der sich die Persönlichkeit eines Menschen über die Automarke und das jeweilige Modell definiert, abgesehen von den Umweltschäden, die fast irreparabel erscheinen. Weil es sich um das Selbst dreht, das erkundet werden will, kann nicht ein gesellschaftlich pervertiertes Bild in dieser literarischen Geschichte auftauchen. Gerne hätte ich eine Geschichte mit Janto und Miriam in einem künstlerischen Atelier hinzugefügt, aber die Anspielung auf Khajuraho, dem alten indischen “Liebestempel” reicht vollkommen aus, um neugierig auf andere Welten zu machen.

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Maria, Maria

DANAE, MIRIAM UND JANTO

2. KAPITEL, 2. Teil

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„Wir können es tun,“ sagte Janto, als alle Koffer in seiner Wohnung waren, „doch jetzt geht es nicht. Ich bin zu müde für die Dynamische und ich habe in anderthalb Stunden einen wichtigen Termin.“

„Dann verschieb ihn,“ erwiderte Miriam. Sie blickte Janto wütend in die Augen. „Mit mir kannst du nicht machen, was du willst. Ich spring nicht nach deiner Pfeife. Das hast du mit meiner Mutter gemacht, nicht mit mir. Wir machen jetzt die Dynamische, ich habe das Recht darauf.“

„Meditation is your birthright,“ hatte Osho einmal gesagt, aber Janto machte sich nichts aus Sprüchen, egal, von wem sie kamen. Er ging in die Küchenzeile, suchte die Flasche, die Danae für Miriam vorbereitet hatte. Es war eine Fünf-Liter-Flasche levitiertes Wasser, eine durchsichtige Flasche, normalerweise ohne Etikett, doch Danae hatte ihren Spaß gehabt, einen originellen Aufkleber zu entwerfen. „Vine. Bachblüte für den kleinen Hausdrachen. Trinke fünf Liter täglich.“ Er stellte die Flasche zwischen sich und Miriam.

„Die ist für dich.“ Janto wartete die Reaktion von Miriam ab, dann sprach er weiter. „Du hast Recht und du kannst gerne die Dynamische oben machen. Ob ich dazu komme, und wann ich dazu komme, hast du nicht zu bestimmen. Wir können erst etwas gemeinsam machen, wenn du meine Würde siehst.“ Eigentlich wollte Janto seine Wut nicht äußern, aber jetzt hatte er es getan. Er hatte laut gesprochen, mehr gekrächzt, weil seine Stimmbänder noch von der AUM angekratzt waren.

Miriam schlug mit der Faust auf den Tisch. Eine Tasse von Jantos Lieblingsservice, ein Erbe seiner Großmutter, fiel hinunter, doch Miriam fing sie im nächsten Augenblick auf, weil sie Janto nicht verletzen wollte. Sie machte sich nichts aus Türen, um sie zuzuschlagen, sie liebte es nicht, Zuckertöpfe oder Tassen an die Wand zu schmeißen. Dennoch wurde Janto zornig. „Das geht nicht,“ rief er, „das Geschirr darf nicht kaputtgehen, selbst wenn du wütend bist, dürftest du dich soweit beherrschen können. Das Geschirr kann nichts dafür.“

„Ist die blöde Tasse wichtiger als ich?“ schrie Miriam zurück, „ich bin ein Mensch und kein Ding, das du abschieben kannst, bloß wegen einem blöden Termin. Es dreht sich um mich, nicht um Geld und um Termine. Jetzt bist du in meinem Leben, ich brauche dich Janto. Sei mein Vater, siehe das kleine Kind in mir, nicht den großen erwachsenen Körper. Ich bin gerade ein paar Monate alt, ein paar Wochen, ein paar Tage, ich weiß es nicht. Ich brauche deine Unterstützung, nicht später, – jetzt. Ich stehe unter Strom, aber ich kann nicht anders. Ich habe alles versucht, Dynamische in Poona, rauf und runter, Born again, Mystik Rose, therapeutische Sitzungen und Massagen, alles, alles, was ich tun kann. Ich habe so viel getan und doch brauche ich dich. Ein Kind braucht seinen Vater.“

Dann schwieg Miriam. Stille kehrte in den Loft ein. Nach einer Weile nahm Janto sein Xperia und verschob den Termin um zweieinhalb Stunden. „Wir gehen nach oben,“ sagte er, „aber ohne die Verkleidung. Das machen wir ein anderes Mal. Wenn du nicht meine Tochter wärest, würde ich sagen, lass uns die Dynamische nackt machen, das ist die ehrlichste Weise, um in der Welt zu sein.“

„Warum nicht,“ unterbrach ihn Miriam, „dann bist du verletzlicher und ich bin es auch. Außerdem haben wir Augenbinden auf.“ Doch weil Janto partout nicht wollte, einigten sich die beiden auf rote Roben auf nacktem Körper.

***

Diese Dynamische hatte es für beide in sich. Janto hörte, wie Miriam atmete, wie ihre Seele sich im Tempel ausbreitete, wie ihre Schmerzen schrien, wie sie weinte und wieder schrie und wieder weinte, auch wenn er in seiner Mitte blieb und sich seine Verletztheit, sich seine Wunden patriarchalischer Erziehung meldeten, spürte er, wie sein Herz berührt war, wie er empathisch wurde für dieses Wesen namens Miriam, die seine Tochter war. Sonst waren alle Menschen mit ihm im einem Raum, sie waren in ihrem Film, auch, wenn er die anderen Menschen dadurch besser fühlen konnte, Miriam hatte ihn als Vater erreicht und bewegt.

Miriams Durchbruch kam in der Stille. Sie spürte, dass sie beide zusammen etwas angingen und dass sie es schaffen würde, ganz zu werden, den Vater und die Mutter in sich zu integrieren. Miriam fühlte, wie Dankbarkeit in ihr aufstieg, Dankbarkeit, sich selbst gegenüber, Dankbarkeit für Janto, dass er sie als Tochter annahm und Dankbarkeit für Osho, der diese wunderbare Meditation geschaffen hatte und Dankbarkeit gegenüber dem Universum. „Existence, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich,“ flüsterte Miriam lautlos, Tränen flossen leise und heiß aus ihren Augen, Tränen des alten Schmerzes, Tränen der Dankbarkeit und Tränen der Liebe. Janto verstand sie, auch ohne Worte. Der Tanz auf dem Vulkan würde zu einem neuen Anfang führen.

„Und was machen wir jetzt?“ Die Frage kam von Miriam, doch auch Janto hatte die Frage im Sinn. „Tanzen?“ Janto nickte. In seiner Plattensammlung war das Lied für diesen Moment, das einzige, was wirklich passen würde. Maria, Maria. Carlos Santana. Es gab nicht Besseres in diesem Hier und Jetzt. Miriam stellte den Player spontan auf „Repeat“, und dann tanzten sie, Vater und Tochter, Tochter und Vater, zwei Menschen, die Lust auf das Leben hatten, und Wege fanden, sich auszudrücken.

Nach der zweiten Wiederholung wollte Miriam stoppen, doch Janto wollte das Stück noch einmal spielen lassen. Er bat sie, auf die hochgelegene Brücke zu gehen und dort zu meditieren, während er von der unteren Plattform des Tempels ihre Seele rufen würde, zusammen mit Carlos Santana, Wyclef Jean und Jerry “Wonda” Duplessis. Anschließend stellte er die Musik aus und rief, zunächst mit leiser Stimme, dann wurde er immer lauter: „Miriam, Seele, geliebte Seele, Miriam, komm in mein Leben, Miriam, Miriam, ich bitte dich, werde meine Tochter, Miriam, komm in mein Leben.“

Miriam saß auf einer Wolke. So hatte sie sich die Begegnung mit ihrem Vater nicht vorgestellt. Ihr Herz war so berührt, dass ihre Tränen flossen. Dies war der Moment, in dem sie „Ja“ sagen konnte, zu sich selbst, zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, egal, was passiert war, wie es passierte und warum es passiert sein mag. Miriam war angekommen.

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SANTANA: MARIA MARIA

Big Spender

DANAE, MIRIAM UND JANTO

2. KAPITEL

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Warum er die Kraft hatte, nach zwei Stunden Schlaf konzeptionell zu denken, verstand Janto nicht, weil es ihm vor seiner Freundschaft mit Danae anders ging, doch an diesem Morgen fühlte er sich noch frischer als sonst, er kam sich vor wie neugeboren. Die tantrischen Nächte waren ein Durchbruch zu einer unbekannten Seite seines Leben. Gerne hätte er sich mit der spirituellen Dimension hinter dem vordergründigen Geschehen beschäftigt, doch die Zeit und die Ideen drängten ihn, sich an das Notebook zu setzen, ohne Meditation, ohne Frühstück und ohne Trinken. Schon seit Wochen wartete er auf eine Inspiration für eine ausgefallene PR-Kampagne, die einen Film weltweit bekannt machen sollte, ohne dass die eigentliche Produktion begonnen hatte. Sein Auftraggeber, die „Khaju-Group Inc.“ war ein junges Unternehmen von drei Freunden, die im exklusiven Geschäft der Telekommunikation innerhalb von vierzehn Jahren steinreich geworden waren. Jetzt sollte die Geschichte eines weiteren Freundes über Khajuraho, einem tantrischen Tempel in Indien, von einem erfahrenen Team filmisch umgesetzt werden.

Die Idee war genial und einfach zugleich. Die Khaju-Group würde im ersten Schritt junge Menschen aus der ganzen Welt einladen, in Khajuraho zu meditieren. Ein Reportageteam würde das Event behutsam begleiten und das Material für Fernsehstationen, Nachrichtensender, Printmedien und für das Internet aufbereiten. Die Teilnehmer würden zunächst im „Netz“ von der Meditation in Khajuraho erfahren, dann würden sie einen Fragebogen online zu Sexualität, Freundschaft, Liebe und Spiritualität ausfüllen, um in eine engere Auswahl zu kommen, und und und. Die weiteren Modifikationen würden ihm mit der Zeit einfallen, aber die Grundidee gefiel ihm. Der finanzielle Rahmen würde sein Budget nicht überschreiten, das hatte er im Gefühl, auch wenn er die Zahlen erst später konkretisieren würde.

Kaum war er fertig mit dem Mindmapping fertig, öffnete Miriam die Tür. „Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen,“ dachte sich Janto, „aber ein paar Spielregeln wären nicht schlecht.“

***

„Hallo Vater,“ sagte Miriam und küsste ihn zur Begrüßung auf die Wangen, einmal links, einmal rechts und wieder links, so, wie es in Frankreich in der Familie und unter Freunden üblich ist. „Komm mal mit runter, ich habe uns etwas mitgebracht. Oder wollen wir erst frühstücken?“

„Dauert es lange?“ Janto war müde und hungrig zugleich. Bewegung würde ihn fit machen, aber ein Müsli mit Orangensaft, ein guter Kaffee, ein paar Brötchen und ein Ei würden ihm gut tun. Außerdem brauchte er Zeit, um Miriam kennenzulernen.

Während des Frühstücks erzählte Miriam ihren Plan. „Wir können viel miteinander reden, das liebe ich, Geschichten hören und Geschichten erzählen, Fragen stellen. Magst du das auch?“

Janto nickte und hörte weiter zu.

„Am liebsten würde ich die „Dynamische“ mit dir machen. Jeden Morgen. Und wenn wir keine Lust mehr auf diesen Prozess haben, machen wir abends die „Kundalini“ zusammen. Ich brauch jetzt was Deftiges.“

Janto wusste, was Miriam meinte. Sie sprach nicht von Sommersalami, Bierschinken oder Schweinebraten, auch nicht von „Ham And Eggs“, sie sprach über ihre Gefühle. Er war sich sehr gewiss, dass sich allerhand bei Miriam angestaut hat, freute sich aber, dass sie ihm nicht das Porzellan zerschlug, sondern einen weisen Weg wählte, um zu sich zu kommen.

„Und was könnte es für dich bedeuten?“

Menschen, die Gedankenlesen konnten, waren Janto vertraut, dass Miriam es auch beherrschte, irritierte ihn. „Ich lasse es an mich herankommen, schließlich bist du meine Tochter.“

„Kannst du dir vorstellen, dass du es für dich tust – und nicht wohlwollend für mich?“ Miriam schmollte. „Ich will, dass du dich deinen Gefühlen stellst. Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was damals passiert ist. Hast du meine Mutter vergewaltigt?“

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Nouvelles de Radha

BIG SPENDER

Von Gipfel zu Gipfel

Auftritt des Theaterregisseurs

„Das, was folgte, ist rasch erzählt, ein Zeitraffer, der es ermöglicht, das Thema von „Vater und Tochter“ nicht aus dem Auge zu verlieren, auch wenn die neue Meditation von Danae es wert gewesen wäre, genauer betrachtet zu werden, nicht nur rein literarisch. Selbst wenn Miriam in Danae ihre neue Meisterin gefunden hatte, loderten Funken des Hasses in Jantos Tochter.

Es ist nicht so, dass Miriam einen offensiven Kampf gegen ihren Vater und seine junge Freundin führte, jedoch war es gegeben, dass die alten Verletzungen, die Janto Miriam und ihrer Mutter Heike Connor zugefügt hatte, zu einem komplexem Gebilde führte, das das Verhalten, die Emotionen, die Stimmungen und die psychische Konstitution von Miriam weitgehend steuerte. Miriam wurde auf der Party als „Miriam“ vorgestellt, nicht als Jantos Tochter, was sie wiederum ärgerte und sie zu neuen Aggressionen veranlasste. Danae hätte gerne auch die gemeinsame AUM modifiziert, aber Janto bat sie, das Konzept, das er genau wie Danae als zu künstlich empfand, an diesem Abend beizubehalten.

Vierzehn Menschen hatten ihre Freude, in Jantos Tempel ihre Gefühle auszudrücken, verrückt zu spielen, zu schreien, zu lachen und zu weinen. Oberflächlich betrachtet, half ihnen die soziale Meditation, das weite Spektrum von Hass und Liebe gemeinsam anzugehen, in einer Atmosphäre, die sexuelle Triebe, Lust und Erotik bejahte. Kaum hatten sie die Abschlussmeditation beendet, verabschiedeten sich die ersten Gäste. Ein halbe Stunde später waren Danae und Janto alleine im Loft; selbst Miriam hatte ihren Plan geändert, weil sie Lust bekam, Anandi, eine jüngere Sannyasin, in dieser Nacht zu verführen, und weil Anandi Lust darauf hatte, verführt zu werden und zu verführen. Miriam hatte sich für den kommenden Abend zur Gute-Nacht-Geschichte eingeladen.

Danae und Janto bereiteten sich ein kleines Mahl aus Salat und Pizza aus der Tiefkühltruhe vor, genossen es, sich gegenseitig zu füttern, bis Janto es sich erlaubte, vorsichtig zu fragen, was aus ihrer tantrischen Nacht werden würde. Danae schaute in die Kerze, blickte dann auf die gelben, orangenen und roten Sitzkissen des Podests, und sah dann Janto in die Augen. „Morgen. Morgen haben wir genug Zeit für die fünfte Nacht.“

Postscript

Willst Du weiterlesen, lade ich Dich ein, mit mir Radha zu besuchen, da findest du die Fortsetzung des Zwischenspiels.

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Jantos Meisterin

„Stairways to heaven,“ war Danaes Gedankenblitz auf dem Weg zum Tempel. Schon oft war sie mit Janto die Treppe hochgegangen, doch noch nie hatte sie sich die Frage gestellt, warum der Loft in der höchsten Etage untergebracht war. Janto hätte ihn im Souterrain installieren können, um mit den niedrigen Emotionen und dem kollektiven Gedächtnis intensiv arbeiten zu können. Immer nur arbeiten, und immer nur im Keller, in der Dunkelheit, das wäre zu viel für die menschliche Psyche. Hier oben war der Blick frei, erzählte die Geschichte des alten Holzhafens, wenn man an einigen Relikten mit dem Auge hängen blieb, die Höhe machte die Gegenwart des Himmels erfahrbar, am Tag sowie in der Nacht.

***

Leise öffnete Danae die Tempeltür; sie fühlte, dass sich Miriam Reiki gab. Wie eine Indianerin durchquerte Danae lautlos den Raum, um für sich einen Platz zu finden, während Miriam ungestört in ihrer Welt zur inneren Ruhe fand. In einer Nische befand sich eine übergroße Reproduktion eines Gemäldes von Jan Gossaert van Mabuse. „Das ist Danae,“ hatte ihr Janto erklärt, als sie sich kennengelernt hatten, „ich bete sie an, und weil ich sie anbete, möchte ich mir bewusst darüber werden, warum ich sie anbete.“ Als Janto sie in Sannyas einweihte, hatte sie sich „Danae“ als ihren neuen Namen ausgesucht – Ma Prem Danae.

Danae hatte sich entschieden, dass sie schon bald Mutter werden wollte, noch vor dem Studium, und Janto sollte der Vater sein. Nach dem Abitur würden sie in sieben aufeinanderfolgenden Nächten ihre Hochzeit mit der Erdgöttin Freya feiern, zusammen mit ihren Freunden und Freundinnen, und bald darauf würden sie ein Ritual kreieren, um die Seele ihres Kindes zu rufen, sie würden um Schutz für ihre Familie bitten, um in Liebe und in Kontinuität zusammen sein zu können, solange, bis das Kind die Jugendreife bekäme. Würden sie dann weiter in Liebe miteinander sein, gäbe es keinen Grund, auseinanderzugehen.

Immer, wenn Danae vor dem Bild Gossaerts meditierte, stellte sie sich die Frage, „Wer bin ich?“ Der Bezug zu des Künstlers Danae war frappierend, ihr Gesicht war ähnlich, nur ihr eigenes Gesicht war eher oval-rund als rundlich, ihre Haar lang, gewellt oder ungewellt, je nachdem und blond; ihre eigenen Brüste waren lebendig, runder und weicher, obwohl sie natürlich und straff waren. Janto hatte einmal einen Bleistifttest gemacht, eine Verrücktheit seiner Jugend, wie er sofort zu gab, doch der Bleistift fiel zu Boden und Janto lag zu ihren Füßen, mehr bildlich als in Realitas, auch wenn er sie begehrte. Janto war in Liebe, er war nicht in sie verliebt, wie er sagte, Janto war ein spiritueller Meister, und dennoch war er angenehm irdisch, geil und verliebt. Danae schau sich die Knospen der gemalten Danae an, und stellte sich vor, was der Künstler und sein Modell alles miteinander gemacht hatten, damit Lust, eher stille Wollust, sichtbar werden konnte. Ihre eigenen Knospen waren voller, wenn sie sich der Lust hingab oder der Wind ihre Brüste streichelte. „Wenn es dich nicht gäbe,“ hatte Janto bei ihrem ersten Treffen gestanden, „würde ich dich erfinden. Wenn du willst, werde ich dein Swami und dein Zeus.“ Immer, wenn sie den Goldregen anschaute, fing sie an zu lachen. Auch ihr Vater hatte sie eingesperrt, und doch es war ihm nicht gelungen, Jantos Goldregen zu verhindern. Seit der Zeit mit Janto hatte sie angefangen, den Regen zu lieben, nicht nur den warmen Sommerregen, der sie an Jantos warme Lust erinnerte, auch den kühleren Regen und seit einiger Zeit fing sie an, die grauen Wolken zu lieben, weil es die Tage waren, in denen sie ohne große Worte sofort in Jantos Himmelbett landeten, nachdem sie sich geduscht und zweiundzwanzig Kerzen angezündet hatten. Sie brauchten keine Musik und keine Rituale, wenn sie tagsüber Sex hatten. Gossaerts Danae war Kindfrau, Danae war Frau, auch wenn sie alle Rollen spielen konnte – Kind, Jugendliche, Kindfrau, Lolita, Frau, Hure und Göttin.

Danae räusperte sich auf eine Weise, dass Miriam wach werden konnte.

***

„Soll ich dir jetzt Reiki geben?“ fragte die ahnungslose Reikimeisterin. Danae verneinte. „Lass uns die AUM machen. Wir verändern die Spielregeln, und dann geht es los.“

„Wie bitte?“

„Die alte Version von Veeresh und Osho trifft es nicht mehr, jedenfalls für uns beide nicht. Ich schlage vor, dass wir aus der Hassphase eine tantrische Übung machen. „Return to hell“ läuft zweimal, jeweils mit vertauschten Rollen. Beim ersten Mal ist einer von uns aktiv, der andere passiv. Die passive von uns sitzt in Meditation, während die aktive einen Hassangriff durchführt.“

Miriam hatte nichts verstanden. Das neue Konzept kam zu schnell für sie. Sie war ein spiritueller Roboter geworden, dachte sich Danae.

„Ich erkläre es dir noch einmal. Es dreht sich um Hass, wir spielen Angriff und Verteidigung. Die Angreiferin kann alles tun, was sie will, ohne die Verteidigerin physisch anzugreifen. Sie kann den Angriff planen, sie kann ihre Energie aufbauen, sie kann tanzen, sich um tausend andere Sachen kümmern, sie kann schreien, sie kann einen lautlosen Angriff unternehmen, egal, wie auch immer, sie kennt die gesamte Hasspalette und genießt ihren Angriff. Währenddessen fokussiert sie ihre Bewusstheit auf ihre Psyche, warum sie diese Spiele spielt, ohne sich dabei zu verurteilen. Sie nutzt ihre Lust, um in Zorn, Jähzorn oder Hass zu sein. Die Verteidigerin nimmt ihre Ängste wahr, transformiert sie, baut ihre Energie auf, erstellt einen Schutzschild, wehrt alle Angriffe ab. Dabei achtet sie auf die unsichtbaren Komponenten des Angriffs, versucht die Schwingungen wahrzunehmen, entwickelt die Lust, mit der Angriffsenergie umzugehen. Es ist ihre Aufgabe, eine Bewusstheit über alle Komponenten von Angriff und Verteidigung zu entwickeln.“

Miriam schüttelte den Kopf. „Hat Janto dir das beigebracht?“

„Ich bin eine Indigofrau, ich war ein Indigokind, wenn dir das was sagt.“ Miriam nickte. „Indigos sind mehrfach mit dem Göttlichen verbunden. Du musst es dir mühsam erarbeiten, und du weißt nicht, ob du es schaffst, ob du jemals erleuchtet wirst. Ich bin erleuchtet, deswegen weiß ich, während du ahnst oder Janto ahnt. Janto ist Meister, ich bin.“

„Du bist was?“

„Ich bin und ich bin Jantos Meisterin.“

Miriams Augen wurden größer, ihr Mund öffnete sich. Sie schloss ihre Augen, atmete tief durch, mehrmals und dann spürte sie es. Danaes Aura entsprach dem, was sie in der Gegenwart von Bhagwan wahrgenommen hatte. Der Funke sprang auf Miriam über und ließ sie demütig werden. „Verzeih mir bitte, ich habe dich unterschätzt, entschuldige, ich habe dich nicht gesehen. Ich ehre die Göttin in dir.“ Und während sie sich tief verbeugte, verbeugte sich Danae ebenfalls vor Miriam und sagte: „Namasté Miriam, ich verehre Osho in dir.“

Quelle:

Novellen von Burcado Nowak

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Ruhe vor dem Sturm

… Danae sah Miriams jugendliche Schönheit, wunderte sich, dass ein erwachsener Körper so schön, so unendlich schön sein konnte, betrachtete die entspannten Falten, ließ sich von Miriams Fähigkeit erzählen, das Leben so zu leben, wie es passiert, staunte, dass diese Frau, die so unschuldig auf dem weißen Futon lag, offensichtlich den Zugang zum Geheimnis gefunden hat. Danae sah die Mutter in ihr, die Bilder von Heike Connor, sie konnten nicht gefälscht sein. Noch mehr verblüffte sie, dass sie Janto erkennen konnte, seine Wangen, seinen Mund, selbst die Augenbrauen und die Stirn. Sie war beruhigt, dass sie mit ihren eigenen Augen und mit ihrem Gefühl die unglaubliche Geschichte überprüft hat. Vor ein paar Jahren hätte sie die Story geschluckt, um sich danach immer wieder zu fragen, warum sie sich kein eigenes Bild von der Situation gemacht hatte. Jetzt gestand sie sich ein, dass zu tun, was sie wollte.

„Dringe in das Innere eines Menschen ein,“ sagte Miriam auf einmal, „und du wirst sehen, vor was für Richtern du dich fürchtest.“

„Nein,“ antwortete Danae, „in das Innere einer Menschenseele. Und ich werde sehen, was sie für Richter über sich selbst sind.“„Hut ab,“ frotzelte Miriam, „die Kleine kennt ja Marc Aurel.“

„Ich hasse dich,“ gab ihr Danae zu verstehen.

Die beiden schauten sich an, ohne die Lider zu bewegen.

„Wie hast du ihn dir geangelt?“ fragte Miriam spöttisch, „oder hat er dich geangelt, sollte ich netterweise sagen – verführt -, oder bezahlt er dich?“

Danae spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. Es gab nur wenige Menschen, die ihre Knöpfe drücken konnten. Miriam gehörte mit dazu.

Um die Ruhe vor dem Sturm vollständig zu lesen, wechseln wir wieder einmal das Ambiente. Klicke beim Alters- und Reifecheck, wenn du es willst und darfst, auf, JA, ICH HABE VERSTANDEN UND ICH MÖCHTE FORTFAHREN.

Enjoy.

Love, Burcado.

URIAH HEEP: LOOK AT YOURSELF

Wenn du nach dieser Musik tanzt, bekommst du eine Ahnung von „Ekstase, Bliss and Trance“. Dann machst du weiter mit Oshos Meditationen und erfährst etwas über Liebe und Meditation. Kommst du dann zurück zum Ursprung, zu Uriah Heep in diesem Fall, brauchst du keine Minute, und du bist in der Ekstase. Probiere es aus, du wirst sehen.

Jerk of life

„Und nun?“ fragte Danae, legte ihre linke Hand auf Jantos rechten Oberschenkel, und legte ihre Zunge an die Oberlippe „was machen wir nun?“

„Nicht das, was du jetzt willst,“ sagte Miriam, griff Danaes Hand, zog sie an sich und sagte, „du hast so schöne Hände, die könnten gleich Essen vorbereiten, Pfannkuchen, wenn du das schon kannst, und Janto schreibt mir eine Gute-Nacht-Geschichte.“

„Du spinnst wohl,“ erwiderte Danae, und zog es dennoch vor zu schweigen, weil sie sich nicht schlüssig war, was sie tun wollte, „und was machst du?“

„Ich gehe nach oben, um zu spielen, während Danae und Papa ihr Bestes tun, um das Kind zu versorgen. Ach ja, Vater, die anderen Stichworte. Sie lauten „Bindungsfähigkeit“ und „Seele“. Es soll eine richtig schöne Geschichte werden, bitte. Mach keine Inhaltsangabe, sondern etwas Lebendiges. Ich liebe Geschichten.“

Miriam grinste Janto freundlich an, als sie den Schlüssel zum Loft-Tempel nahm. „Ich mache die Kundalini, dann habe ich Hunger. Tschüss, bis denne.“

***

„Ist sie die Bestimmerin?“ fragte Danae, als die Tür ins Schloss gefallen war.

„Nein, aber sie ist mein Kind. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so kompromisslos das tut, was sie will, ohne eine Waffe einzusetzen, oder eine Drohung auszusprechen oder subtil zu erpressen. Sie zeigt ihre Gefühle – sehr dominant, aber das dürfte sie spätestens als Sannyasin gelernt haben. Ich stehe in ihrer Schuld, und deswegen darf sie das.“

„Genau, ich wette mit dir, dass sie mit deinen Schuldkomplexen arbeitet, und sie wird der Haustyrann, wenn du mitspielst. Ich gehe jetzt nach oben, ich habe Lust zu tanzen.“

„Kundalini?“ Janto hatte keine Lust auf Konflikte, jedenfalls jetzt nicht. Wenn Danae nach oben ginge, würden sich die Frauen schon alleine kennenlernen. „Früher gingen die Mädels zusammen auf die Toilette, heute machen sie zusammen Kundalini. Wie sich die Zeiten ändern.“

Danae nickte.

***

Während Danae die Treppen hochging, spürte sie ihre Wut. Sie würde einen wunden Punkt bei Miriam finden, das wusste sie genau. Sie stampfte laut mit ihren Schuhen auf, Stufe für Stufe, bis sie im Tempel angelangt war. Als sie die Tür öffnete, war klar, dass Miriam schon angefangen hatte. Schnurstracks ging Danae zur Anlage, schaltete sie aus und schimpfte mit Miriam. „Du darfst nicht alleine Papas Anlage anstellen,“ sagte sie energisch, „Kinder können leicht etwas kaputt machen. Das nächste Mal wartest du auf Mami, die hilft dir.“ Danae zog sich ihre rote Robe an, nahm die Fernbedienung, während sie sich ihren Platz mit einem weißen Kissen und einer weißen Decke zu recht machte. „Hier hast du eine Augenbinde, da kannst du besser mit dem Großen Geheimnis reden. Wir fangen jetzt an.“ Und dann startete sie „Jerk Of Life“ von Kraan, nachdem sie die Anlage verriegelt hatte. „Warm tanzen, mein Kindchen, dann machen wir schön die Kundalini. Mama liebt Kundalini. Du auch?“

Miriam kochte. Aber weil es genau der erwünschten Rolle entsprach, spielte sie mit. „Du bist nicht meine Mama,“  sagte Miriam, „du bist Jantos Freundin. Ich hätte Papa erschießen können, aber dann wäre Danae unglücklich gewesen, und natürlich auch Janto und schließlich ich selbst, weil ich keinen Papa mehr habe, und dann habe ich mir schlechtes Karma organisiert. Nun beruhig dich, Danae, denn Janto sieht es als karmische Wiedergutmachung an und braucht keine Angst vorm nächsten Leben zu haben. Du machst eine Übung draus und, ich finde, du machst es schon ganz gut. Du solltest früh genug damit anfangen, dir das Leben mit Kindern vorzustellen. Können wir jetzt die Kundalini machen?“

„Komm mir nicht auf die arrogante Tour,“ sagte Danae, laut, aber kontrolliert. Sie hatte eine Kampfstellung eingenommen, die Miriam klar machte, dass die junge Frau eine Karateka war.

„Ich habe Hunger, lass uns Frieden schließen und fang bitte mit der Kundalini an.“ Miriam verband sich die Augen mit einem dunkelblauen Schal. „Ich habe Hunger. Können wir jetzt anfangen?“ Danae zögerte, Kraan war zu Ende und sie lenkte ein. „Ich gebe dir ein paar Bachblüten, damit du schön lieb bist. Wie wäre es mit Vine?“ Als Miriam etwas erwidern wollte, sagte Danae, „Ruhig jetzt. Spring.“ Und dann fingen die beiden Frauen an, sich zu schütteln, um wild zu tanzen und zu meditieren.

KRAAN: JERK OF LIFE