ERFAHRUNGSBERICHT EINES FOTOJOURNALISTEN
Eine Humoreske von Burcado Nowak
So wie sie aussah, gab es keinen Zweifel. Die Frau, die vor mir stand, und die ich mit aller List und Raffinesse – und das nicht einmal aufdringlich, eher dezent, wie es meinem Wesen entsprach – zu überzeugen versuchte, freundlich in die Kamera zu schauen, tat sich nicht leicht, ein Fünkchen Schönheit in sich zu entdecken, geschweige, dass sie bereit war, es einen Fremden für sich zu tun zu lassen. Sie kandidierte für irgendein langweiliges Amt in der Kirche, und ich konnte es mir nicht verkneifen, einen jungenhaften Witz über die Rolle eines Kirchenvorstehers zu machen, intellektuell getarnt, versteht sich. Sie war jedoch nicht zu doof, um mich misszuverstehen, denn wenn ich in diesen Angelegenheiten meinen Mund aufmache, auch wenn mein Lächeln bei meinen Worten noch so süffisant erscheinen mag, weiß der andere Mensch sofort Bescheid, was gemeint ist.
Da half keine nette Überleitung, um sie vergessen zu lassen, wie ich mir im ersten Augenblick unserer Begegnung vorstellte, sie würde jetzt eine Amtszeit lang täglich vor der Kirche stehen. Und auch keine Ausflucht, dass die Sprache von uns Menschen nicht immer gut behandelt werde, weil mein Unterton zu deutlich verriet, dass es gewisse Menschen gab, die die Sprache aushöhlten, ihren Sinn zerstörten und aus der Hülse ein gewichtige Sache machten. Und selbstverständlich implizierte mein trockener Humor, dass ich mir im Grunde genommen nichts aus Leuten machte, die ihr Ego durch ein Amt, und sei es noch so beschissen, aufblasen.
So wie sie aussah, machte sie sich nichts aus Blasen. Sie hätte vielmehr die Gründerin einer klerikalen Ortsgruppe – oder einer Liga – gegen Jugendsexualität sein können, doch ehrlich gesagt, sie war zu jung dafür. Wahrscheinlich war es ihre Mutter oder ihre Großmutter, die die örtliche Sektion vom Bund Deutscher Mädel gegründet hatte. Aus meinen Unterlagen ging hervor, dass sie nicht immer abstinent gewesen war, zumindest musste es einmal Sex in ihrem Leben gegeben haben und der Ruf, der ihrer Tochter vorauseilte, die, wie ich hörte, eine junge Frau im besten Alter sei, war eher das natürliche und sexuell bewusste Komposit ihrer Mutter, so, wie ich es mir manchmal in meinen kühnsten Träumen vorstellte.