ALLES IN DER LUFT

Autor: Ihsan Selcuk

Eines habe ich gelernt: Nicht an etwas zu glauben, das ich nicht selber sehe, fühle oder erlebe. Also – ich glaube nicht an das Sterben, weil ich noch nicht gestorben bin. An meine Geburt kann ich mich nicht mehr erinnern. Als wir noch kleine Kinder waren, haben wir fast an alles geglaubt, wie an das Sterben, Religion und Nationalität. Diese Dinge sind in unseren kleinen Gehirnen gespeichert worden. Meine Eltern sagten mir, ich wäre ein Kurde. Die Türkei verlangte von mir, ein Türke zu sein, weil ich dort geboren bin. Und beide sagten, dass ich dem Islam angehöre. So sind wir alle in unseren Ländern mit einem Ausweis abgestempelt worden.

Als ich angefangen habe, mein Gehirn selbst zu waschen, sah ich klar und deutlich, dass ich nur ein Mensch bin. Was über mich in meinem Ausweis steht, ist falsch. Sogar meinen Namen habe ich mir nicht selbst gegeben. Inzwischen hat mich die Türkei von ihrer Staatsangehörigkeit befreit, da ich nicht zum Militär gegangen bin. Ich wollte nie lernen, wie man andere Menschen tötet. Einige Zeit war ich staatenlos.

Jetzt habe ich einen neuen falschen Ausweis:
Staatsangehörigkeit: Deutsch
Religion: X
Alle Ausweise sind gefälscht, weil keiner sie sich selbst ausgesucht hat.

Ich lebe in dir und du in mir. Wir gehören zusammen. Wer uns durch Religion oder Nationalität getrennt hat, hat gleichzeitig einen Mord begangen. Die Mörder haben sich vermehrt.
Wir haben angefangen, uns gegenseitig zu töten. Ich und Du, Sie und Er sind Feinde geworden, nur weil wir so unterschiedliche Ausweise besitzen. Die ganze Geschichte der Menschheit ist mit Blut befleckt. Eine große Schande.

Woher kommen wir und wohin gehen wir? Wenn ich weiß, woher ich komme, dann werde ich wissen, wohin ich gehe. Ich bin mir sicher, dass alle Geheimnisse in uns selbst liegen. Ich hätte nie gedacht, dass meine Vergangenheit mir eines Tages so über den Kopf wachsen würde, mich überholt und ihre Wirkung auf mich für immer lebendig hält. Manchmal wünsche ich mir gar keine Erinnerungen zu haben und alles was in meinem Kopf gespeichert ist, löschen zu können. Aber dann wird mir bewusst, dass dies gar nicht möglich ist. Ich sollte sie einfach aufschreiben.

Unsere Vergangenheit ist verantwortlich für unsere Gegenwart, so wie die Gegenwart für unsere Zukunft. Am Besten fange ich sehr früh an, in dem Moment, in dem meine Erinnerungen beginnen. Das war Anfang der Sechziger Jahre, ich war etwa fünf Jahre alt und lebte in einem sehr kleinen Dorf, weit weg von der Zivilisation in der Südosttürkei. Ich dachte damals, die ganze Welt bestehe nur aus meinem Dorf, und dass ich bis zum Tod dort bleiben würde. Allzu viele Träume hatte ich noch nicht, außer dass ich nur mit meinem Körper fliegen wollte und mich daher „Sohn des Windes“ nannte.

Der Himmel dort war ziemlich nah am Boden, dass man dachte, ihn mit einem Sprung erreichen zu können. Ich machte meine Arme so breit wie Flügel und lief sehr schnell, bis ich meinen Hals pochen fühlte. Dann wurde mir Schwarz vor den Augen, ich konnte aber immer noch nicht fliegen.

Das Dorf gehörte einem Scheich, der sich auch als Heiliger ausgab. Er war gleichzeitig Gesetz, Arzt und überhaupt Alles in einer Person. Die Einwohner des Dorfes glaubten an ihn und arbeiteten für ihn. Er besetzte auch ein anderes Dorf, damit die Menschen dort ebenfalls für ihn arbeiteten. Er war sehr reich, alles Land gehörte ihm und er wohnte mit seiner Familie in einer eigenen Villa in Istanbul. Sie hatten natürlich auch im Dorf ein großes Haus für die Zeit ihrer Besuche dort. Sie kamen meistens zur Erntezeit und holten ihr Futter für die schönen Zeiten in anderen Orten. Seine Kinder amüsierten sich meistens, in dem sie andere Kinder schlugen. Sie würden seine Nachfolger, die Scheichs der Zukunft sein.

Die anderen Bewohner wohnten in selbst gebauten Häusern aus Kuhmist und Erde, die nach starken Regenfällen immer neu erbaut wurden. Die Menschen hier kannten außer ihrem eigenen Dorf so gut wie nichts von dieser Welt. Sie waren eine Art moderne Sklaven und gehorchten nur dem Scheich. Man könnte glauben, dass sie ihre Köpfe gar nicht brauchten, denn der Kopf des Scheichs reichte, um für alle zu denken. Wenn jemand sich gegen ihn wehrte, wurde das als große Sünde angesehen und der Betreffende wurde aus dem Dorf verbannt; deshalb traute sich auch keiner, sich ihm und seiner Familie entgegen zu stellen. Die Dorfbewohner waren nicht dumm, aber trotzdem versuchten sie nicht einmal anders zu denken als der Scheich. Sie glaubten vielleicht, es wäre von Gott so gewollt. Den Kindern wurde erzählt, dass, würden sie sich gegen die Kinder des Scheichs wehren, ihre Eltern sterben oder ihnen anderes Unglück geschehen würde.

Ich konnte nicht alles begreifen, was ich von den Erwachsenen hörte. Während ich eines Tages mit meinen Freunden spielte, kam der Sohn des Scheichs und fing an, alle Kinder zu schlagen. Er war selbst noch ein Kind und auch nicht besonders stark. Aber er wusste, dass keiner sich gegen ihn wehren würde. An diesem Tag stand ich zum ersten Mal vor ihm und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Das war mein erster Faustschlag gegen das Unrecht.

Der Sohn des Scheichs war überrascht und schockiert zugleich, er weinte und rannte weg. Die anderen Kinder waren sprachlos und glaubten fest daran, dass etwas Böses mit mir passieren würde. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Meine Eltern lebten weiter und ich fühlte mich zum ersten Mal frei und erleichtert.

Die Landschaft um das Dorf war flach und es gab nur sehr wenige Bäume, aber dafür reichlich Weizen oder Melonenfelder. Im Sommer schien die Sonne so heiß, dass man draußen Spiegeleier in der Pfanne hätte braten können. Die Erde war rötlich braun und sehr trocken, voller Risse und Löcher, in denen sich viele Schlangen versteckten. Es gab natürlich auch andere Tiere wie Kühe, Esel, Pferde, Hühner, Bienen, Hunde, Tauben, Schildkröten und Skorpione. Das Brot wurde selbst gebacken, nur wenige Waren wie Tee, Tabak und Zucker wurden einmal im Monat aus der kleinen Stadt, die in der Nähe lag, abgeholt.

Die Pferde und Esel sorgten für den Transport. Nachrichten aus der übrigen Welt gelangten auf diese Weise ebenfalls ins Dorf. Was die Händler in dieser kleinen Stadt erzählten, waren die einzigen Nachrichten, die wir erhielten.

Es gab noch nicht mal ein Radio. Außerdem konnte kein Dorfbewohner Lesen, Schreiben oder Türkisch sprechen und verstehen. Nur der Scheich und sein Familie konnten es, und das war ihr größter Vorteil. Die Dorfbewohner konnten nur Kurdisch sprechen, was sie anderswo in der Türkei nicht durften. Sie waren sich ihrer Probleme gar nicht so bewusst und hatten trotzdem Spaß am Leben. Sie hörten gerne die melancholische Flöte des Hirten und singen konnten sie alle.

Eines Tages bellten die Hunde im Dorf so laut, dass jeder wusste, dass ein Fremder dort angekommen war. Alle versammelten sich um ihn herum.

Es war ein geheimnisvoller alter Mann, der behauptete, die Schicksale voraus sehen zu können, ohne dafür etwas zu verlangen. Er war weiß bekleidet und barfuß; sein Bart und seine Haare waren ganz weiß, aber er sah noch sehr stark und gesund aus. Alle Einwohner sollten warten, bis es dunkel sei und die Sterne erschienen. Denn nur über die Sterne konnte er die Schicksale voraussagen.

So haben sich alle in eine Reihe gestellt und bekamen ihr Schicksal vorausgesagt. Der alte Mann zeigte erst jedem seinen Stern, und während er diesen anschaute, erzählte er der jeweiligen Person ihren zukünftigen Lebensweg bis hin zum Ende.

Dann kam ich dran. Als Erstes sagte er zu mir, dass ich bald in eine große Stadt umziehen würde und später weiter über die Meere zu anderen Ländern fliegen würde. Ich würde einmal im Wasser in Gefahr geraten und von einem erhöhten Punkt herunterfallen, in späteren Zeiten sehr berühmt und reich werden, insgesamt drei mal heiraten, zwei Söhne haben und im Alter von 79 Jahren sterben. Er hatte noch viel mehr gesagt, woran ich mich jedoch nicht mehr erinnern kann, dann ging er zu Fuß wieder weg, so wie er gekommen war. Keiner wusste etwas über diesen Mann. Er kam aus dem Nichts und verschwand im Nichts. Man könnte sagen, er hatte sich in Luft aufgelöst.

Für mich war das, was er über mich gesagt hatte, völlig unvorstellbar. Aber als ich schon fast alles vergessen hatte, sagte mein Vater, dass wir nach Diyarbakir, in eine große Stadt umziehen würden und ich dort auch zur Schule gehen könnte. Ich hörte damals zum ersten Mal das Wort „Schule“ und verstand nur langsam, was das bedeutete. Als Erstes sollte man Lesen und Schreiben lernen. Wofür die Schule sonst gut war, wusste ich noch nicht. Aus so einem kleinen Dorf in eine große Stadt umzuziehen, war für mich spannend genug.

Ich möchte nicht von dem Chaos des Umzugs erzählen. Viel wichtiger war, was in meinem Kopf passierte. Die Stadt war von der zweitlängsten Mauer der Welt umgeben, sie wurde nach der chinesischen Mauer erbaut. Diese Mauer zog sofort ihre Aufmerksamkeit auf mich.

Auszug aus dem Buch „Alles in der Luft“ von Ihsan Selcuk

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