Das Schwierigste im Leben: Sich selbst zu lieben.

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Jede Krankheit, jeder Unfall und jede Operation haben einen tieferen Sinn. Nachdem ich drei Monate alles daran gesetzt habe, meine Gallensteine auf alternative Weise zu verabschieden, ging es meinem Körper auf einmal von Woche zu Woche schlechter. Als mir zwei Träume mitteilten, daß ich extrem gefährdet bin, entschloß ich mich Ende November zu einer Gallenblasenoperation. Vor zwei Wochen bin ich nach einem viertägigen Krankenhausaufenthalt nach Hause gekommen und kümmere mich jetzt um das Gesundwerden. Das Schwierigste ist das Anschauen der eigenen Biografie, das Aushalten der starken inneren Unruhe und das Akzeptieren, daß ich ein Leben gelebt habe, indem ich nicht nur Opfer, sondern auch Täter gewesen bin.

Das Thema Galle, das ist heute fast ein Allgemeinwissen, hängt mit Ärger, Wut und Zorn zusammen. Ein intensiver Blick zurück sagt mir, daß die Ursachen gelegt wurden, als ich ein Kind war. Die ersten emotionalen Verletzungen, an die ich mich noch sehr gut erinnere, passierten, als ich zur Volksschule ging; das erste Trauma erlitt ich mit neun Jahren. Dann eine Folge von schweren seelischen Mißhandlungen, die sowohl in der Ursprungsfamilie als auch in der Gesellschaft passierten. Das, was geschah, würde ich heute nicht als Karma bezeichnen. Ich glaube nicht daran, daß ich in einem angeblich früheren Leben Schuld auf mich gezogen habe. Vielmehr gehe ich davon aus, daß ein Kind alle positiven und negativen Schwingungen aufnimmt und sich daraus entwickelt.

Als ich ein junger Mann wurde, entschied ich mich, den Kriegsdienst zu verweigern. Wie sollte ich Soldat werden, obwohl ich nicht töten und morden wollte? Ich wußte, daß die Bundeswehr von alten Nazis wie Speidel und Co. aufgebaut worden ist. Ich wußte, daß die Bundeswehr Menschen zum Töten drillt. Und ich wollte nicht zum Kadavergehorsam erzogen werden. Weder in der ersten noch in der zweiten Instanz der Kriegsdienstverweigerung hatte ich Erfolg. Was ich nicht wußte – so naiv, wie ich war, dachte ich, daß ich ein halbwegs ehrliches Verfahren bekommen würde – die meisten Vorsitzenden der sogenannten Prüfungsausschüsse waren alte Nazis. Aus Angst vor der Maschine Staat habe ich mich klein gemacht; sowohl in den Verfahren, in den Begründungen und in der Entscheidung, nicht in die dritte Instanz zu gehen.

Aus der heutigen Sicht wäre es mit meinem damaligen Wissensstand möglich gewesen, aus dem scheindemokratischen Verfahren eine echte politische Auseinandersetzung zu machen. Dann hätte ich nicht ängstlich auf den Ausgang geschielt, ob mich ein Nazi (oder waren es zwei, drei oder auch vier?) als Kriegsdienstverweigerer anerkennt. Sondern ich hätte im Vorfeld die Entscheidung fällen müssen, daß nicht Verbrecher über mein Leben bestimmen, sondern nur ich selbst. Die Bundeswehrzeit empfinde ich heute immer noch als grausame, fortgesetzte seelische Vergewaltigung; ich konnte während und nach dieser „Zwangsentführung aus dem Leben“ mein früheres Selbst nicht wiederfinden.

Ich hätte den ehrlichen politischen Disput starten sollen. Das bedeutet, ich hätte erstens aus politischen und aus pazifistischen Gründen verweigert. Das hätte mich in meinem Selbstwertgefühl, in meiner Aufrichtigkeit gestärkt. Zweitens hätte ich aus der Befragung eine Gegenbefragung machen sollen, um die politische Einstellung der Vorsitzenden klarer herauszubekommen. Drittens hätte ich mit dem Ergebnis sofort an die Öffentlichkeit gehen müssen. Dann hätte ich all meine Freunde, die Lehrer, die ich mochte, und die Organisationen, in denen ich mich bewegte, gut informiert. Das wäre die Grundlage für einen gerechten persönlichen und politischen Kampf gewesen.

Doch die Nicht-Anerkennung hat irgendetwas in mir zerbrochen; irgendwie war ich beschämt. Nach vierunddreißig Jahren bin ich sicher, daß es mir gut getan hätte, nach Westberlin zu fliehen, um nicht zur Bundeswehr eingezogen zu werden. Vierhundert Terrortage wären mir erspart geblieben. Damals hatte ich Angst vor so einer Entscheidung; damals konnte ich es mir nicht vorstellen, in dieser Riesenstadt leben zu können. Ich wußte nicht, wie ich dort meine berufliche Rolle und mein finanzielles Auskommen finden sollte. Allerdings hätte ich erfahrene Menschen fragen können. Doch was hinderte mich, daß zu tun?

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Fortsetzung folgt.

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THE NICE – AMERICA

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Info:

50 Jahre Engagement für Gewissensfreiheit

und dennoch kein Grund zum Feiern,

solange es Krieg und Kriegsindustrie gibt

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