Die Fähigkeit, sich in jeder Situation des Lebens neu zu orientieren – das ist für mich wesentlich.

Anfang der siebziger Jahre orientierte ich mich an Karl Marx und Friedrich Engels. Es war (fast) natürlich, Sigmund Freud und Wilhelm Reich zu entdecken.

Es war ein intuitives Finden; ein abgleichendes Hineinfinden; eine zaghafte Annäherung.

Fundamental: Die Entdeckung des Es und des Über-Ichs. Radikal: Das Wissen um unterdrückte Sexualität und die Massenpsychologie des Faschismus.

Und dann plötzlich hörte es auf. Ich hörte auf, zu suchen und mich zu orientieren. Genau in dem Moment, als Holger Meins starb.

Ich sah eine Macht, eine Staatsmacht und die Gewalt dieser Staatsmacht.

In diesem Moment drängte es sich in mir, zu kämpfen. Nicht allein, sondern mit Kampfgenossen.

Die Fähigkeit, selbständig zu denken, habe ich einem Ziel untergeordnet. Auf einmal forschte ich nicht mehr, nutzte meinen Verstand nicht mehr. Aus einem Menschen, der für sich kurze Zeit seit der Jugendreife entwickelte, kritische Fragen stellte und hinter Fassaden blickte, wurde ein Genosse, der nachplabberte.

Der erste Konflikt in der Partei erfolgte aus einem einfachen Grund. Ich hatte eine Liaison mit der Freundin meines Zellenleiters. Wegen nichtproletarischen Verhaltens wurde ich in den Kandidatenstand zurückversetzt.

Beim zweiten Mal erwischte mich die kalte Faust von Ernst Aust und seinen Genossen, als ich unerlaubt von der Parteidisziplin kämpferisch zum Schutz der Partei tätig wurde. So durfte ich meine Freunde aus einem kleinen schlagkräftigen Trupp nicht mehr sehen.

Beim dritten Mal hatte ich mich nach einer Sitzung mit einer Freundin verabredet. Während die Genossen zu lange diskutierten, widmete ich mich unerlaubt der Romantik. Kurze Zeit danach trat ich zum ersten Mal aus der Partei aus.

Leider fühlte ich mich politisch zu allein. Nach einem oberflächlichen Check begab ich mich nach zwei Jahren wieder in die Partei. Die nächste Parteistrafe ereilte mich, als ich ohne Absprache (mit meinen Genossen) zum Vorsitzenden des Stadtjugendringes Bremen gewählt wurde, eine weitere, als ich mir drei Wochen Urlaub von der Partei nahm, um meine Diplomarbeit in Ruhe zu schreiben.

Erst als eine Genossin von einem Tag auf den anderen bei den Neonazis gelandet war, fing ich an, ernsthafte Fragen zu stellen. Irgendwas mußten Kommunisten und Nazis miteinander gemeinsam haben, so rein strukturell, so rein psychisch. Als meine Fragen den Genossen zu unbequem wurden, verabschiedete ich mich für immer.

Wie sollte ich mich weiterentwickeln? Mein gesamtes Denken war marxistisch geprägt. Ich wußte, daß meine Grundanalyse richtig war. Sollte ich politisch radikaler werden? Oder sollte ich mich anpassen wider besser Wissen?

Ich entschied mich für eine andere Variante. Ich ließ mich im Fluß des Lebens treiben. Irgendwann, wenn ein Baum entwurzelt im Fluß schwimmt, findet er einen neuen Platz, und seinen Wurzeln finden einen neuen Halt. Die Metapher von Hermann Hesse ließ mir genügend Freiraum, um leben, genauer, um überleben zu können.

Die ersten Korrekturen meiner Einstellung in Richtung menschlicher Würde nahm ich vor, als ich Journalist wurde. Ohne es zu merken, fing ich wieder an, mich zu orientieren. Sieben Jahre nach meinem Ausstieg glaubte ich, mit Hatha-Yoga und Tarot eine neue Basis für mein Leben gefunden zu haben.

Während ich reifte, um Mensch zu werden, wurden die gesellschaftlichen Weichen in Richtung Krieg gestellt.

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EVIL HEARTED YOU – THE YARDBIRDS

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