.

Literarisch offensiv gegen den Krieg

Ein Plädoyer von Burkhardt Nowak

.

Wenn ich ein Schriftsteller wäre, so wüßte ich spätestens seit heute, was ich in dem kommenden Jahr zu tun hätte. Nicht, daß ich jemals für den imperialistischen Krieg gewesen wäre. Seitdem ich halbwegs denken konnte, war ich gegen den Krieg und gegen Unterdrückung. Eines meiner wichtigsten Vorbilder, das ich als Kind intuitiv ins Herz geschlossen hatte, war Spartacus. In mir ist der Funke zur Freiheit schon so früh lebendig gewesen, daß ich nicht mehr die genauen Ursachen für meinen Freiheitswillen erkennen, jedoch genau herausfühlen kann, daß Literatur in meinem Leben eine prägende Rolle spielte.

In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiv mit den Kriegsverbrechen in Afghanistan beschäftigt. Mich schockierte der journalistische Umgang mit dem Tod von Menschen; vor allem die Tonart der schreibenden Großmäuler, die unverdrossen und lauthals in fernen Ländern morden lassen wollen. Mein Eindruck, das in den bekanntesten deutschen Medien eine kaum verschleierte Kriegspropaganda stattfindet, löste eine tiefe Trauer und Zorn in mir aus. Ich war fassungslos, daß in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren, in denen ich mich von der politischen Arbeit zurückgezogen habe, ein gesellschaftliches Klima entstanden ist, in dem staatliches Morden als normal erscheinen mag.

Ich konnte nur still den Kopf schütteln, als Joschka Fischer in der Süddeutschen Zeitung ein Pamphlet für den Krieg schreiben durfte; ich wurde wütend, als ich las, wie Hans-Jürgen Törges, Mitglied der Chefredaktion vom Stern seine Kriegsfäden spann und gleichzeitig den Linken vorwarf, den Krieg in Afghanistan mit verschuldet zu haben. Wie weit ist es mit Bundesrepublikanien gekommen, seitdem Anfang der achtziger Jahre Soldaten öffentlich vereidigt wurden? Natürlich hatte ich kein gutes Bild von diesem Staat und seiner Bundeswehr, die von alten Nazigenerälen aufgebaut worden ist. Doch warum bin ich nicht initiativ gewesen in all diesen vergangenen Jahren, als, mal still und heimlich, mal laut und propagandistisch, mal diffus und verlogen der Krieg vorbereitet wurde?

Schließlich: Selbstvorwürfe und Selbstzweifel an dem eigenen spirituellen Weg, Zweifel an der Doktrin, daß auch das Private politisch sei. Für mich ist es elementar, daß jedes Individuum sich mit der eigenen Biografie selbstkritisch beschäftigt, die eigenen Gewaltmuster erkennt und schrittweise auflöst oder transformiert. Der Frieden in mir – oder der Wille, den Frieden in sich zu finden, das ist die eigentliche Basis für jegliches politisches Handeln. Und gleichzeitig ist der Frieden in der Welt die Grundlage für jegliches menschliches Sein.

Während in diesem Land die Anzeichen der Militarisierung schon früh deutlich erkennbar waren, konzentrierte ich mich auf meinen individuellen Weg, um als Taxifahrer der Ausbeutung weitgehend zu entkommen und mein Brot ehrlich zu verdienen. Doch ich vergaß darüber nachzudenken, wie ich als Enkelkind von Mutter Courage ethisch handeln sollte. Denn: Friedenszeiten dienen den Herrschenden immer der Vorbereitung des nächsten Krieges. Das wachsame Auge konnte eigentlich nichts übersehen und die schreibende Feder hätte sich all den Themen gewidmet, die mit Frieden und Krieg, mit Liebe und Hass zusammenhängen.

Ich versuchte Anfang der achtziger Jahre beobachtend zu schreiben. Doch die Sprache, die ich in den Medien benutzte, war schon sehr, sehr vorsichtig. Der Chefredakteur eines Bremer Anzeigenmagazins machte die Feststellung, daß ich wohl gegen die NATO sei, jedoch könne er mir die Haltung nicht hundertprozentig nachweisen. Anstatt wachsamer und aktiver zu werden, freute ich mich über meine scheinbar gelungenen Arbeiten.

Ich war, wenn ich denn als Journalist tätig war, zu sehr auf die bürgerlichen Medien fixiert. Die Zeiten des Taxifahrens hätte ich nutzen können, um mich in den vielen Stunden des Wartens zu erinnern. Beispielsweise an die Schikanen während der Bundeswehrzeit. Oder an die willkürlichen Urteile, daß ich kein Kriegsdienstverweigerer sei, weil ich angeblich nicht glaubhaft gemacht hätte, daß ich nicht töten könne. Oder meine Beobachtungen, wie der Alltag militarisiert wurde. Ich hätte den Stoff gehabt, um gute Kurzgeschichten zu schreiben. Indem ich den politischen Überblick verlor, weil ich mich politisch ohnmächtig fühlte, gab ich meine gesellschaftliche Verantwortung als bewußtes Individuum auf.

Im Gegensatz zu der Zeit des (deutschen) Faschismus können wir heute deutlicher werden; wir können schreiben, was wir wollen; weitgehend unzensiert, denn das Internet ist nicht mit den bürgerlichen Medien gleichzusetzen. Es gibt die eigene Homepage, den eigenen Blog und ein paar Netzwerke. Sich für den Frieden schreibend zu engagieren, ist das Mindesteste, was ich heute und sicherlich auch morgen tun kann. All das, was ich erlebt habe, ist lebendig in mir. Ich brauche mich nur zu erinnern, um zu schreiben. Der Journalist in mir freut sich auf die Menschen, die ehrlich berichten können, wie sie „Geschichte von unten“ erlebt haben. Und ich kann die Kunst des Schreibens unterrichten. Es gibt mehr Friedensfreunde, als es sich die Herrschenden vorstellen können.

Give Peace A Chance.

.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s