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Was habe ich mir gedacht, als ich 1954 in einer Kriegsstadt zur Welt kam?

Wilhelmshaven.

Seit Generationen eine Stadt des Mordens.

Seit Generationen eine Bastion des Wahnsinns.

Gesellschaftlich anerkannt, nie von den politisch herrschenden Parteien, noch von den Medien in Frage gestellt.

Bei einer Hafenrundfahrt kannst du, die Schiffe der Kriegsmarine erblickend, sogar bei Windstille kotzen.

Der alte Schoß ist fruchtbar noch.

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Was habe ich mir gedacht, als ich von 1965 bis 1974 in einer Kriegsstadt zur Schule ging?

Jever.

Der Tod ist vorgelagert in Upjever.

Erst seit wenigen Generationen der professionelle Tod aus der Luft.

Gesellschaftlich anerkannt, in den regionalen Medien nie in Frage gestellt.

Im Gegenteil. Die bürgerlichen Medien haben alltäglich kostenlose Propaganda für das Geschäft mit dem Tod gemacht. Genau wie in Wilhelmshaven.

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Was habe ich mir gedacht, als ich in Grafschaft lebte?

Mit den Antennen des Todes vor der Haustür, mit den Starfighterflügen über meiner Kindheit und Jugend, mit dem Gebrüll der Kampfmaschinen? Mit den Menschen, die mit dem Krieg ihr Geld verdienten?

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Was habe ich mir gedacht, wenn ich an die Nordsee fuhr?

Und immer mehr Kriegsanlagen entdeckte? Was habe ich mir gedacht, als ich sah, daß in Varel und in Oldenburg der Krieg seine Standorte hatte?

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Was habe ich mir gedacht, als ich als Kriegsdienstverweigerer nicht anerkannt worden bin?

Was habe ich während der Zwangsrekrutierung mit mir machen lassen? Was habe ich gedacht, als ich glaubte, wieder ein freier Mensch zu sein?

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Erst heute fügt sich das Kriegspuzzle zu einem Ganzen zusammen.

Die Geschichte im Schulunterricht war die Geschichte der Herrschenden; die Geschichtsbücher endeten mit der Geschichte der Weimarer Republik.

Damals, so erscheint es mir heute, lebte ich ein Leben unter einer Glocke. Die Gesellschaft wünschte keine Diskussion über die Bundeswehr. Die drei Affen wurden zur unsichtbaren, kollektiven Gewalt.

Ich hörte aus der Generation vor mir keine laute Stimme – und auch keine leise – gegen die Institutionen des Mordens. Meine Freunde und ich waren gegen das Töten, gegen das Morden in Vietnam und in Chile. Ich las über die bundesdeutsche Rüstungsindustrie und war entsetzt, was alles staatlich toleriert wurde.

Ich machte meine Augen nicht auf, denn meine Augen waren geöffnet.

Ich hörte und ich hörte doch nicht. Als der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 1969 nach Jever kam, hörte ich, daß er ein Nazi gewesen war.

Doch ich war nicht in der Lage, eins und eins zusammen zu zählen.

In meinem Alltag habe ich ausgeblendet. Ich sah nur das Naheliegende; ich hatte keine Gesprächspartner in meiner Familie. Ich war nicht in der Lage, all das, was ich wirklich sah, zum Thema zu erheben.

Wenn der Wahnsinn als Normalität deklariert wird, ist es gewöhnlich schwer, den Keim einer Frage zu erkennen.

Gefühlsmäßig verspürte ich Unmut. Ich empfand die Anlagen, und waren sie noch so klein, als Bedrohung; ich fühlte mich und meine Freiheit bedroht.

Niemals sprachen die Geschichtslehrer von den Verbrechen, die von diesen Orten ausgingen. Niemals wurde den Ursachen des Krieges auf den Grund gegangen. Nicht einmal den Versuch haben meine Lehrer unternommen.

Und doch gab es zwei Lehrer, die mich zum Nachdenken brachten. Da war der Deutschlehrer, der Mutter Courage behandelte. Während des Unterrichts war das Werk von Bert Brecht Literatur; aber in Wirklichkeit ist es bedeutender. Das Buch besitzt für mich heute noch Aktualität, ist immerwährende Kunst, solange es Armeen und Kapitalisten gibt.

Dann der evangelische Religionslehrer, der sich wünschte, daß sich seine Schüler mit Kriegsdienstverweigerung beschäftigen. Vielleicht hätte ich nicht meinen Standpunkt, der damals noch ein Fluchtpunkt war, entwickelt, wenn er nicht gewesen wäre.

Erst heute komme ich dazu, die Totalität des Staates und seiner Armee zu sehen.

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PS

Was meinst du, was habe ich mir dabei gedacht, meinen Wehrpass für immer zu vernichten?

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