Nicht immer, wenn eine Geschichte ein Ende gefunden hat, merkt der Schreiber, daß es gut wäre, vom eigentlichen Konzept abzuweichen. Heute morgen hatte ich das Gefühl, daß ich vielleicht die jüngste Kurzgeschichte nicht mehr fortsetzen muß. Denn in sich ist sie schlüssig; sie lebt für sich, so glaube ich, ganz gut.

Wenn Realität und Erfindung zeitnah zusammenhängen, so ist der Autor noch mit dem Geschehen verhaftet; in der Fantasiekiste liegen noch einige Ideen, die nett gewesen wären, in der gelebten Realität gibt es einige Handlungen, die es sich lohnt, ein wenig näher anzuschauen. Das Thema der Kriegsdienstverweigerung ist immer noch lebendig; es gibt zwei Varianten für eine Flucht von Westdeutschland in das Westberlin der siebziger Jahre.

Wenn es jemanden so ergangen ist wie mir, nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, so würde ich mich über einen Gedankenaustausch freuen. Vielleicht kommen ja ein paar Geschichten zusammen, um einen literarischen Abend gestalten zu können. Wer weiß, alles ist möglich.

Zum ersten Mal habe ich mit vielen Dialogen gearbeitet; für mich ist das neu und an einigen Stellen noch zu holprig. Außerdem weiche ich von einem Arbeitsstil ab, indem ich eine Quelle verwende, die ich selbst nicht verifizieren kann. Die Rede ist vom Braunbuch, das für mich äußerst bemerkenswert ist, auch wenn ich kein Anhänger der sozialistischen DDR-Republik gewesen bin. Während die Inhalte, also die Zusammenhänge von alten Nazis und des Entstehen des westdeutschen Staats plausibel erscheinen, so weiß ich nicht, welche Haßdimension seitens der damaligen Verfasser sowie der aktuellen Internetpräsenz http://www.braunbuch.de beabsichtigt war und ist.

Für mich ist es wichtig, die kollektive Entwicklung eines Staatengebildes, indem ich lebe, (relativ) genau zu kennen. Da sowohl die politische und militärische Entwicklung der BRD – und heute Deutschlands – mehr als fragwürdig war und ist, möchte ich mit meinem Beitrag Mut machen, die eigene Biografie anzuschauen und den eigenen Unmut in Worte zu fassen. Ich selbst hätte es nicht für möglich gehalten, daß ich das Thema jahrzehntelang verdrängt und abgekapselt habe.

Da ich nicht die Möglichkeit habe, den Namen und die Biografie eines Prüfungsvorsitzenden zu recherchieren, habe ich mich damit begnügt, eine Person ohne Namen zu schaffen. Und dennoch gab es in Oldenburg einen Nazirichter, der im Braunbuch erwähnt worden ist. Ich nehme mir die literarische Freiheit, einen Gedankengang zu skizzieren, der vielleicht en Detail nicht ganz der Realität entsprach.

Gewisse Bedenken hatte ich auch mit dem Thema Rache. Während ich im gesellschaftlichen Leben gegen Gewalt in jeglicher Form bin, also auch Rache ablehne, so hieß es diesmal – und dennoch ist es nur literarisch gemeint – „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, weil die Armeezeit für mich eine faktische Freiheitsberaubung gewesen ist. In der Tat bereitet es mir momentan noch Schwierigkeiten, all den Tätern zu verzeihen. Mit dem Wort Täter bezeichne ich alle Beteiligten, die das Netz der bundesdeutschen Kriegsmaschinerie geschaffen haben. Das für mich harmlos klingende Wort „Bundeswehr“ habe ich durch das Wort „Armee“ ersetzt.

Ein guter Freund brachte mir in den siebziger Jahren bei, auf die staatlichen Verschleierungsbegriffe zu achten. Das war der Beginn, über Kriegsdienst und über die vielen Kriegsminister nachzudenken. Wie mir heute scheint, hätte ich diese gedankliche Arbeit schon damals intensiver betreiben sollen.

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PS

Braunbuch: Siehe auch Albert Norden – Wikipedia.

Die Fehlerquote des Braunbuches, das der Journalist Alfred Norden geschrieben hat, soll deutlich unter ein (!) Prozent liegen. In dem Buch werden mehr als 1800 Nazigrößen benannt, die eine entscheidende Rolle beim Aufbau der BRD hatten. Der Schoß ist fruchtbar noch…

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