Aber so oft ich mich erinnert habe, ist mir das Zittern gekommen, und so wie heute bin ich noch nie daran erinnert worden. Doch das Schlimmste ist, ich habe nie aufgehört, nicht ein einziges Mal, auch nicht in der ersten Zeit. Nicht, damit du es nicht merken solltest, ich habe es einfach nicht gewagt.

Aus dem Roman

Jakob der Lügner

von JUREK BECKER

Können wir jemals aufhören, uns zu erinnern? An das Schwarze, an das Dunkle, an das Unendliche Grauen? An das Unvorstellbare?

Wie sich einfühlen in das Leben der Menschen, die von den Nazis verfolgt und in den Konzentrationslagern ermordet worden sind?

Niemals werde ich vergessen. Ich habe nicht gelebt zu dieser Zeit, doch die Erinnerung ist tief in meinen Zellen eingeprägt. Wir sind durch Zeit und Raum miteinander verbunden.

Vor einem Jahr habe ich Jurek Beckers Roman zum ersten Mal gelesen; und ich war zutiefst bewegt, zutiefst erschüttert, zutiefst verbunden. Mit den Opfern.

Als Kind war ich erschrocken, als ich erfuhr, daß mein Vater ein Nazi war. Als Jugendlicher begab ich mich auf die Spurensuche. In Bremen, in Esterwegen, in Warszawa. Immer wieder habe ich versucht, das zu durchdringen, was mir von meinem Vater, meiner Mutter und von den meisten Lehrern verschwiegen wurde. Systematisch verschwiegen wurde.

In vielen Büchern und Archiven bin ich fündig geworden. Eines Tages konnte ich die alltägliche Arbeit, sich mit dem Grauen dieser Zeit zu beschäftigen, nicht mehr ertragen. Ich wollte, ich mußte ans Licht, um leben, um überleben zu können.

Jurek Beckers Erinnerungen, Jurek Beckers Geschichte hat mich wieder dran erinnert, daß die Taten noch nicht gesühnt sind. Fast ohnmächtig nehme ich wahr, daß ich um meine Kindheit und Jugend betrogen worden bin. Denn die Nazis, die in der einen oder anderen Form an den Verbrechen beteiligt waren, hatten Machtpositionen inne.

Ich hatte das Glück, daß es mutige Menschen gab, die in den sechziger Jahren andere Wege gingen; Menschen, die mich wissen ließen, daß in der jüngsten Zeitgeschichte eine Zeitbombe lag, Menschen, die versuchten, einen humanistischen Weg zu gehen.

Irgendwann, in den achtziger Jahren, begann das Klima umzuschlagen. Es begann der Gesang “Wir sind wieder wer.” Ein Nationalgefühl, ein starkes, ein betrunkenes, ein arrogantes Nationalgefühl.

Doch zuerst die heimliche Militarisierung, der Wiederaufbau der Bundeswehr, die Notstandsgesetze, die illegalen Rüstungsgeschäfte. Der Schoß war fruchtbar.

Heute kann mein Herz nicht loslassen, noch immer schwebt das Thema in mir. Im Kopf, im Herzen. Ich glaube, es ist wichtig, sich in das Thema erneut hinein zu begeben.

Das Ende des Krieges und des Faschismus war am 8. Mai 1945; die Auseinandersetzung mit Gewalt und Faschismus endet erst dann, wenn all die Seelen erlöst sind, die durch Gewalt, Krieg und Faschismus gestorben sind.

Meine eigene Aufgabe sehe ich auf drei Ebenen. Die Entwicklung des eigenen Bewußtseins, mit der ständigen Sensibilisierung für Recht und Unrecht. Das Kommunizieren über den Faschismus, das Auseinandersetzen mit dem Phänomen, seinen Erscheinungen und seinen möglichen Ursachen. Und schließlich die eigene spirituelle Verantwortung im Alltag, im liebevollen Miteinander mit den Menschen und Lebewesen, mit denen ich mein Leben auf diesem Planeten für eine Zeit lang teile.

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