„Mein Name ist Miriam Connor. Ich bin deine Tochter und du bist mein Vater. Ich möchte dich kennenlernen.“

Janto Hayen war nur etwas verblüfft, als er die Mitteilung, die seine Welt für immer veränderte, an einem sonnigen Morgen durch die Muschel seines SonyXperias in seiner Bremer Loftwohnung hörte. Im Grunde genommen wusste er schon immer, dass er mit siebzehn Jahren Vater geworden war. Den Brief, in dem Miriams Mutter ihm die Nachricht mitgeteilt hatte, hielt er für einen schlechten Scherz, weil die beiden keinen richtigen Sex gehabt hatten und außerdem waren zwei weitere Freunde mit am Spiel beteiligt, zeitlich versetzt, aber immerhin. Nun war es an der Zeit, sich der Realität zu stellen.

„Herzlich willkommen,“ antwortete Janto, lachte verlegen und baute so spontan eine Brücke zu seiner Tochter, deren Stimme zwar ruhig klang, jedoch ihre Aufregung, Verletzlichkeit, Wut und Enttäuschung mehr verbarg als andeutete. „Ich habe immer mit dieser Situation gerechnet, obwohl ich es niemals genau wissen konnte. Wann ist es dir Recht, Miriam? Von mir aus klappt es, wann immer du willst.“

„Jetzt,“ sagte Miriam, „du brauchst bloß herunterzukommen und die Tür öffnen.“

***

Langsam ging Janto die Treppen von dritten Stock herunter, um Zeit zu gewinnen. Heike Connor. Stufe für Stufe ging er in die Zeit zurück; jede Stufe bildete ein Jahr, bis er in dem Jahr 1971 angelangt war. Nach den Sommerferien wiederholte er die elfte Klasse, verliebte sich in seine erste Freundin, die von seinen Erinnerungen an den Juli 1971 niemals etwas erfuhr. Stufe für Stufe kamen die Bilder der Menschen zurück, mit denen Janto drei Wochen im Harz verbrachte hatte.

Janto sah seinen Freund Ulf, Chef des Feriencamps, der wohl als erster Sex mit Heike hatte. Dann kam Meeno, der als zweiter seine sexuellen Interessen zum Ausdruck brachte, bevor er mit einem anderen Mädchen anbändelte.

„Sie hatte ein wunderbares Lächeln; weiche, runde Brüste, die für ihr Alter schön groß geraten waren“, dachte Janto. „1971. Wir haben uns keine Gedanken über das Alter unserer Freundinnen gemacht. Es drehte sich um Lust und um die Weise, ein Mädel rumzukriegen. Alles andere war uninteressant – bis auf die Musik, den Lambrusco, den Bohnenzopp und die leckeren Whiskeycolas.“

Die Dias, auch die wunderschönen Aufnahmen mit Heike, hatte Janto vor kurzem weggegeben, um emotionalen Platz für Neues zu schaffen; doch jedes einzelne Gesicht, jede Situation, das Wandern, das Singen am Lagerfeuer, die Klippen von Bad Harzburg, der Alte Mann, der wegschaute, als Meeno die junge Tomma verführte, die Zwillingsschwestern am Bach, noch viel zu jung für Meenos Triebe.

Und Heike. In der Stadt an der Ampel, als Meeno der Polizei Rede und Antwort stehen musste, als sie ihn erwischt hatten, genau in dem Moment, als er zum Spaß auf Stopp drückte und die Reaktionen der Autofahrer studierte, Heike mit ihrer roten Jeans und dem weißen Pullover, der so gestrickt war, dass der Einblick auf ihre Brüste und Knospen möglich war, traute man sich, genau hinzuschauen, Heike beim Singen und Malen mit den Kindern, Heike abends auf der Matratze – eine Aufnahme, die witzigerweise Heike und ein Etikett mit der Bezeichnung „Weltmeister“ zum Inhalt machten, Heike auf dem Weg ins Winuwuk, dem romantischen Bauwerk des Künstlers Bernhard Hoetger. Heike mit ihren kurzen Haaren, einem strengen Blick und dünnen Lippen; ein Bild, das Janto dennoch ihre Lust an der Lust erzählte, es waren die Wangen, die die Erregung mitteilten, nicht jedem, mehr dem Eingeweihten, der Kenner und Wollender ist. Die Bilder waren Spiegel für seine Lust, die damals mit Schuldgefühlen verbunden war.

Stufe für Stufe, genau wie damals, als er nach Mitternacht leise die Treppen zu Heikes Raum hinunterschlich, ohne das Treppenlicht einzuschalten, aus der Angst, entdeckt zu werden, mit pochendem Herzen, um sie zu fragen, ob sie mit ihm schlafen würde. Stufe für Stufe klopfte sein Herz schneller. Damals wusste er nicht, wie sich ein Mann an eine Frau koppelt, physisch gesehen. Die Technik, wie es ging, hatte ihm keiner erzählt. Und auch nicht das, wodrin sich Liebe und Triebe unterscheiden, wie man es lernt, in Liebe zu sein und all seine Gefühle und Regungen akzeptiert, ohne sich zu verleumden.

Heute wusste Janto nicht, was er tun solle, um seine Tochter zu begrüßen. 1971 war er betrunken, heute war er nüchtern, damals jung, unsicher, verklemmt, geil und unerfahren, heute fühlte er sich einfach wohl in seiner Haut. Und dennoch stieg die Aufregung, kurz bevor er die Tür öffnete.

***

„Zeig dich so wie du bist,“ sagte seine innere Stimme, „zeige ihr deine Liebe, deine Ehrlichkeit und deine Bereitschaft, sie als deine Tochter anzunehmen. Das ist es, worauf es ankommt.“

Janto atmete noch einmal tief durch und spürte unendliche Freude, als er seine Tochter umarmte. In diesem Moment war für ihn spürbar, deutlich spürbar, dass beide, Vater und Tochter, Liebende waren.

„Ich habe dir Blumen mitgebracht,“ sagte Miriam, „ich hoffe, du liebst Rosen.“

Seine Tochter hatte genau die richtigen Farben herausgesucht, rote Rosen, orangene, gelbe und dunkelrote; und sie hatte um seine Lieblingsblume gewusst. Janto nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit Miriam mit Blumen zu überraschen, blickte ihr liebevoll in die Augen, denn er hatte es gelernt, sich mit dem Herzen zu bedanken.

„Ich freue mich über die Blumen,“ sagte er, machte eine Pause, um die passenden Worte zu finden, „und noch mehr freue ich mich über dich. Schön, dass du da bist.“

***

In der Zeit, als er zwei Latté Macchiato vorbereitete, schaute sie sich um, öffnete ein Fenster, blickte auf die Weser, auf den alten Hafen, entdeckte in der Nähe der extravaganten Stereoanlage ein großes Trampolin und hüpfte, bis sie keine Lust mehr hatte.

„Was macht ein Mann in deinem Alter mit einem Trampolin?“

„Na was wohl? Hüpfen, natürlich. Ich mache manchmal morgens die Dynamische, da ist ein Trampolin  genau das Richtige für meine Wirbelsäule. Ansonsten lieben es die Kinder, du hast noch drei Geschwister, und meine Freundin und ich lieben es, zusammen darauf zu springen.“

„Bist du etwa ein Sannyasin?“ fragte Miriam.

Janto schüttelte den Kopf. „Nein, das war ich einmal. Ich bin jetzt mein eigener Guru. Aber es war schön, ein Sannyasin zu sein.“

„Ich bin immer noch eine Sannyasin,“ antwortete Miriam und holte ihre Mala hervor, die unter Schichten von Pullovern und Schals versteckt war.

„Wie aufregend,“ lachte Janto, „dann haben wir wenigstens noch etwas, worüber wir uns unterhalten können.“

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