“Was versteckst du dort hinter deinen Händen?” Der junge Bauer errötete … und antwortete: “Das ist nur mein Freund, der Spaßmacher.”

Anna Kühne

Vor ein paar Tagen fuhr ich mit der Bahn aus der Stadt in mein Heimatdorf. Eigentlich wollte ich nicht, denn der Zug und ich würden ein falsches Timing haben; der Zug ein zu schnelles, obwohl ein pünktliches, ich ein langsames und, ehrlich gesagt, ich war nicht unbedingt willig, reisewillig. Zwei Möglichkeiten hatte ich; und am liebsten wäre ich in das Kaffeehaus gegangen, freute mich schon auf einen großen, leckeren Latté Macchiato, noch mehr auf die Begrüßung von den netten Mädels, von denen eine so freundlich war, mir den Spitznamen „Monsieur Latté“ zu geben. Irgendetwas zog mich in den Bann, zog mich am Café vorbei, ließ mich langsam, aber stetig meinen Weg finden.

Schritt für Schritt ging ich weiter; wusste, dass ich nicht eilen musste, ganz im Gegenteil, jede Eile hätte das Spiel verdorben. So ging ich langsam, fast genüsslich die Treppen hoch, Stufe für Stufe, fast zärtlich berührten meine Füße den Grund, auch wenn ich gesehen hatte, dass die Uhrzeiger die Abfahrtszeit überschritten. Ich ging dennoch weiter, frohen Mutes, neue Welten zu entdecken; mehr meine inneren, wie ich zum ersten Mal lustvoll auf den Bahnsteig ging, ohne Angst im Bauch, ich könne etwas verpassen, wissend, dass all das Glück der Welt nicht im Außen, sondern nur im Inneren zu finden ist.

Der Himmel war dunkel, nicht blau, nicht dunkelblau, eher schwarzdunkel, vielleicht auch grauschwarz. Die Leere, in die ich blickte, suggerierte mir, der Zug sei schon abgefahren, doch das unsichtbare Seil zog stark an mir, so dass ich es wagte, ein paar Schritte weiterzugehen, gelangte auf die Plattform, hätte gerne die runden roten Lichter zum Abschied gesehen, oder auch nicht, doch es war das unsichtbare Gesicht des Zugführers, oder war es eine Lokomotivführerin, die mein freundliches Lächeln gesehen hatte, nur eine Geste, zunächst zur Begrüßung, dann zum traurigen Abschied, weil die Räder des Zuges anfingen, langsam zu rollen, schließlich zum „Dann sei es so“ wandelte. Und genau in diesem Moment blieb sie stehen.

Ich drückte den hell leuchtenden Knopf, der sich mir entgegenstreckte, ein zweiter ebenfalls, aber ich war nicht mit den Beinen behindert, eher im Kopf, der Eingeweihte würde sagen, blockiert, in den Zellen, der Sannyasin erkennt die Verhaltensmuster und die Tantramasseurin würde mir zu flüstern, dass wir bald eine Heilungssitzung für meinen Spaßmacher einberäumen sollten.

***

Als sich die Tür öffnete, sah ich in dem engen Gang ein weibliches Wesen, das mir die Sprache nahm, gewaltlos, doch mit einer Kraft, die mich in ihren Bann zog. „Es war ihr Gesicht, ihre Wangen,“ dachte ich am Automaten, als meine Fingerkuppen versuchten, auf der glatten Oberfläche die richtigen Laute zu finden. „Nein, ihre Jugendlichkeit, ihr Sexus, ihre glänzenden Nylons.“ Wie soll ein Mensch nur die richtige Antwort herausfinden, wenn der Schlitz sich nicht öffnet. Alles war vorhanden, alles war eingegeben, doch dieser verdammte Automat wollte sich nicht öffnen. Ein schwarzer Rock, mehrstufig, darunter das helle Glitzern ihrer Strumpfhose, etwas tiefer das Schwarz ihrer Pömpse, darüber, darüber … dieses Gesicht.

Das Wesen ging langsam in den Zwischenraum. Während sie in die eine Richtung ging, trollte ich mich in die andere Richtung, zur Schaffnerin, zur Kontrolleurin, erklärte ihr mein Anliegen, und wir gingen zum anderen Automaten, weil ich ihr nicht glaubte, dass der Fahrpreis, den sie mir genannt hatte, nicht den Angaben meines ersten Versuchs entsprach. „Sie sind doch kein Kind mehr, sie müssen einen Euro mehr bezahlen.“ Die Maschine nahm von mir das, was ich der guten Frau nicht freiwillig gegeben hätte. Und ging zurück, den langen, langen Weg, vorbei an dem Popo der freundlichen Schaffnerin, der mich keines Blickes würdigte, nicht einmal zwinkerte, als ich mit freundlichem Mund ein paar Worte wechselte.

Endlich war es geschafft. Die nette Kollegin hatte meinem Schein ihren Abdruck gegeben, fast entschuldigend fügte sie hinzu, dass es so sein müsse, ließ mich vorbei, weil sie wusste, dass meine Sinne berauscht waren, aber sie drückte sich erst an den Rand, nach dem sie meine Energie lange genug gespürt hatte. Endlich war es geschafft, endlich war ich im Zwischenraum. Und da war sie, die mich in ihren Bann gezogen hatte, nahm das Seil von mir, stöpselte das Ende in ihre Ohren und hörte, lass mich raten, – ich weiß es nicht.

Ich atmete, tief und tiefer, doch dieser Magnetismus ließ sich nicht wegatmen. Genießen konnte ich nicht, weil etwas in mir klemmte. Mein Mund wollte sich aufmachen, denn Fragen und Sagen konnte ich schon, meinen Namen, das Hallo, das Wohin und das Leibziger Allerlei, das dazu gehört, wenn sich etwas öffnen soll. Während mein Mund sich nicht bewegte, öffnete sich mein Auge, nein, nicht das dritte, mehr das innere, das mit der Lust verbunden ist. Ihr Mund, ihre Lippen, das Rot. Und ihre Wangen, das Haar, das wellige. Jede Strähne – lebendiger Sex, reine Sinnlichkeit. „Höre auf, sie so anzublicken,“ sagt mein Spaßmacher, „sieh nach draußen, auch wenn es da nichts zu sehen gibt, nur Schwärze, nur Schnee.“

Als ich sie wieder anzuschauen wage, nicht nur den Mund, sehe ich, wie schön die Rundungen unter ihrer grauen gefütterten Jacke sein mögen, nicht nur rund, sondern groß und rund, und füllig.“ Während es meinem besten Freund anfängt, Spaß zu machen, fängt in der Dachkammer eine Blitzkommunikation an.

„Red schon.“

„Geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Sie könnte vierzehn sein.“

„Stimmt.“

„Sie könnte aber auch siebzehn sein.“

„Immer noch zu jung.“

„Ich schau besser woanders hin.“

„Du bist so gut erzogen, dass es schon wieder Scheiße ist.“

„Sie könnte auch vierundzwanzig sein.“

„Träumer.“

Als sie aussteigt, schenke ich ihr noch das herzlichste und lustvollste Lächeln der Welt.

„Wo musst du denn hin?“ fragt sie mich, ohne die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen, „ich bin mit dem Wagen da, ich könnte dich mitnehmen.“

***

Postscript

Wie es weiterging, vermag ich dir an dieser Stelle nicht zu erzählen. Doch um deine Phantasie ein wenig anzuregen, könntest du eine Autorin, die Meisterin in der erotischen Erzählkunst ist, auf ihrer Webseite besuchen. Der Name der Märchenerzählerin lautet Anna Kühne, sie ist Autorin eines Buches, das schon beim Hören des Titel alles verrät, oder auch nicht, weil es doch erkundet werden will, was hinter dem Vordergründigen liegt. Das Buch heißt „Der goldene Mörser.“

Anna Kühne ist so freundlich, dass sie einige Geschichten des vergriffenen Buches auf ihrer Homepage zugänglich gemacht hat. Zum „Spielen“, wie ich es ab sofort sage, mit der inneren Einstellung, das Vorspiel schön ist, jedoch der Begriff wegführt von der traumhaft schönen Welt des Spiels mit den Blicken, dem Mund, den Händen und den Fingerkuppen. Wenn es der Wunsch eines Lesers – oder einer Leserin – ist, orgiastisch zu werden, so wird die „Wasserfee“ die Freude an der Lust eingehend beschreiben, die „Brautprobe“ beschreibt das köstliche, unwiderstehliche Spiel von Schwert und Scheide; naja, und all die anderen schönen Geschenke musst du von alleine entdecken und auspacken, wenn du sie dir nicht vorlesen lässt.

Viel Lust wünscht dir

Dein Burcado

Link

Anna Kühne

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2 Gedanken zu “Phantasiereise

  1. Liebe Giselzitrone,

    was in den letzten Wochen passiert, verwundert mich selbst – alles sprudelt so aus mir heraus; es ist ein Schaffen, fast ohne Unterbrechung, verbunden mit dem Gefühl, ich schreibe, weil es das Innere so will, weil das Innere mit dem Äußeren verbunden ist, mit dem Kosmischen – mit dem Großen Geheimnis, wie die Indianer sagen.

    Ich bin ein Blogautor geworden; irgendetwas hat die Verbindung nach außen aufgenommen. Ich schreibe oberflächlich, weil ich als Photograph ein Oberflächenkünstler bin. Doch darin muss alles enthalten sein; Liebe, Herz, und das Leben.

    So, wie wir das Leben kennen, hat es immer etwas Ernsthaftes, oftmals Dramatisches, beinahe auch Tragisches. Dem nicht auszuweichen – das ist mein Leben. Es zu transformieren – das ist Spiritualität.

    Als Kind haben mich die Readers Digest Bände meines Vaters begeistert; verbunden damit war ein monatliches Abonnement für das „Beste aus Readers Digest.“ Zwei Kolumnen erfreuten die junge Leseratte. „Lachen ist gesund“ und „Humor ist die beste Medizin“. Nicht alle Themen eignen sich dafür, doch ich werde immer mutiger; auch dein Feedback lässt mich mehr in die Tiefen gehen.

    Alles Liebe
    Burcado

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