1

Das Telefon klingelte zu einer Zeit, als Immo am Arbeiten war. Immo arbeitete am liebsten spät in der Nacht, dann, wenn es ruhig war, keine dröhnenden Bässe aus der Nachbarwohnung kamen, dann, wenn er mit dem kosmischen Licht verbunden war. Die Klangspur der Autobahn nahm er kaum war, so sehr war er mit dem Thema verbunden. Das Surren seines Notebooks war minimal und das Anschlaggeräusch der Tasten die Klangkulisse, die er liebte, weil sie seine Impulsivität widerspiegelte.

In der Regel wußte Immo, wer anrief. Im Laufe der Jahre hatte sich seine Intuition so entwickelt, daß er schon aufgrund des Klingelzeichens fühlen konnte, ob es sich um einen angenehmen oder unangenehmen Anruf handelte. Relativ oft wußte er, wer am anderen Ende der Leitung sein würde; und das, ohne auf das Display der Siemens-Anlage zu schauen. Zunächst durchfuhr ihn die Sorge, daß der Mutter seiner Kinder oder den Kindern selbst etwas passiert sein könnte, dann verwarf er den Gedanken und öffnete das Fenster, das ihn mit seiner Intuition verbindete.

Es konnte nur eine Frau sein, die ihn so spät anrief; eine Frau, die ihm sehr viel bedeutete. Er ließ das Telefon noch einmal klingeln, speicherte Hootutututu, einen Text über indische Kinderspiele ab, während er tief durchatmete und hechtete zum Telefon, ehe sich der Anrufbeantworter einschalten konnte. Ein Blick aufs Display verriet ihm, daß der Anrufer nicht im Telefonbuch gespeichert war und mit den Telefonziffern brachte er auf die Schnelle auch niemanden aus seinem Freundeskreis in Verbindung.

Bevor die Stimme am anderen Ende etwas sagen konnte, wußte Immo, wer die Anruferin war – und damit hatte seine Intuition schon recht gelegen -, ein tiefes hörbares Atmen hatte es ihm gesagt. Sein gesamter Körper war innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde völlig verändert, Immo spürte Freude im Bauch, Elektrizität in der Wirbelsäule und eine lebendige Wiederauferstehung, die mit dem ersten Chakra verbunden war. Es konnte nur einen Menschen in seinem Leben geben, der sich zärtlich mit lautem Ausatmen meldete – Freya.


“Hey, was machst du?”, fragte eine tiefe blonde Stimme, obwohl Freyas Haare von Natur aus braun waren.

“Stottern,” erwiderte Immo, “und ich öffne sicherheitshalber einen Knopf, damit ich ruhig atmen kann.”

Freya kicherte. “Bist du dick geworden?”

Immo verneinte und sang das Lied einer Lärche, die sich auf einer Verjüngungskur befand.

“Welch eine Überraschung, Freya, daß du mich gefunden hast. Wie hast du das bloß geschafft?”

Freya brauchte ihm nicht zu erklären, daß seine Spur leicht zu finden war, wenn man es denn wollte. Ein Geschichtenerzähler lebt von der Öffentlichkeit, und um ihn zu finden, brauchte man nur seinen Vornamen und seinen Sannyasnamen in Google eingeben und schon war der Suchende mit ihm verbunden. Eine kinderleichte Angelegenheit, wenn sich der andere Mensch ein wenig Mühe gab. Immo suchte sich seine Freunde aus und hatte deswegen keinen Eintrag ins öffentliche Telefonbuch vorgenommen.

Die beiden telefonierten zwei Stunden miteinander, schließlich schrieb Immo noch zwei weitere Stunden, dann war es vier Uhr. Weil er kalte Füße hatte, konnte er nicht einschlafen. Um viertel vor fünf machte er sich eine Wärmflasche und irgendwann um sechs Uhr schlief er ein, nachdem er die Reikiquelle gebeten hatte, ihn mit Liebe und Energie zu versorgen, um ihn fünf Stunden später zu wecken, damit er seine kleine Familie pünktlich und sicher vom Bahnhof abholen könne.

Sieben Tage später klingelte eine Glocke fröhlich an seinem Bauwagen. Immo hatte die kleine Glocke in Indien irgendwo in der Nähe von Khajuraho, in Chhatarpur zusammen mit vielen Klangschalen und einer wundervollen Zimbel erstanden. Der Klang der Glocke erzählte ihm alles, was er unbedingt über seine Besucher wissen mußte. Sicherheitshalber öffnete er einen Knopf, um Freya zu begrüßen. Seine gute Freundin, die er vor vierzehn Jahren das letzte Mal gesehen hatte, trug einen Geigenkasten in der einen und einen Hebammenkoffer in der anderen Hand.

“Seit wann bist du bei der Mafia?”, frug Immo. Freya antwortete mit einem verständnislosen “Hä?”, dann kicherte sie, ließ alles aus ihren Händen fallen und umarmte Immo, nachdem sie ihn stürmisch die kleine hölzerne Treppe heruntergezogen hatte. Zehn Minuten später lud Immo Freya zu einem Date ein.

“Das gleiche wollte ich dir vorschlagen,” sagte Freya mit einem unwiderstehlichen Grinsen. „Wir haben damals einiges versäumt, nicht wahr, du Kicherhase? Schau, ich habe dir etwas mitgebracht.”

Freya hob den Geigenkasten wieder auf und drückte ihn in Immos Hände.

Immo durfte jedoch nichts öffnen an diesem Nachmittag und auch nicht später in der Nacht, weder das schöne Köfferchen noch irgendetwas anderes.

“Du mußt dich auf etwas freuen können, sagte man früher,” meinte Freya, “heute sage ich dir, du sollst dich auf ein Treffen von Shiva und Shakti einstimmen.”

Immo, der genau wußte, was Freya meinte, feixte wie am ihrem letzten Tag in Bremens Café an der Weser.

“Nanu,” sagte er, “die kommen auch zu unserem Date?”

Freya stoß sanft ihren linken Fuß gegen sein Schienbein, Immo inszenierte einen dramatischen Anfall und warf sich dann auf seine Koje. Die beiden verloren sich in eine Kissenschlacht, nachdem sich Freya mit einem winzigen Augenblick bei Immo vergewissert hatte, daß es okay war, die wertvollen Stücke zum Rangeln zu benutzen. Erst später, irgendwann in der Abenddämmerung, küßten sie sich.

Das eigentliche Kernstück von Freyas Vorbereitungskünsten befand sich im Hebammenkoffer. Gleich drei Geschenke durfte Immo auspacken; zweiundzwanzig Kerzen, die zusammen in der richtigen Reihenfolge die Farben des Regenbogens ausmachten, mehrere Packungen Räucherstäbchen mit Amber, Moschus und Patchoulli und ein Buch von Susan Crain Bakos. Immo wunderte sich nur ein wenig, daß Freya so mutig war. Aber sie hatte ihn schon einmal verführt, als sie ihm erlaubt hatte, ihre Mala zu berühren und für eine Zeitlang zu tragen. Der Klang ihrer Stimme lag immer noch – jederzeit abrufbereit – mit der Klangfülle von damals in Immos Ohren.

2

“Na, wie fühlt sich das an?”

Immo wußte nicht, was er antworten sollte. Von Osho, genauergenommen, dem Bild des indischen Gurus am unteren Ende der Mala, hatte er nichts gespürt. Aber es war ihm sehr nahe gegangen, daß er Freyas Mala berühren durfte. Damals war das ein Geschenk, das intensiver und zärtlicher als ein Kuß war. Und außerdem hatte er etwas tragen dürfen, was mit Freyas wunderschönem Körper eins geworden war. Wie sollte er da widerstehen?

“Ich glaube, hmm, es fühlt sich gut an.”

So begann Immos Abenteuer mit einem Alien, den keiner richtig kannte und der doch irgendwie da war. Osho. Aber das ist eine andere Geschichte.

3

Das Buch zeigte auf den ersten Blick zwei Komponenten, die es in sich hatten. Ein sinnlicher weiblicher Mund näherte sich einer Kirsche, die voller Lust triefte, der Mund eine zärtliche Öffnung, die es geradezu darauf anlegte, erkundet zu werden und als zweites einen Titel, der nicht klarer sein konnte. In großen Lettern stand unter dem Bild “Sex”, und darunter, diesmal etwas kleiner “Geheimnisse” und noch etwas kleiner “für den ultimativen Lust-Trip.”

“Tantrisch oder Nicht-tantrisch?”, fragte Immo.

“Ist doch egal,” antwortete Freya, “das sind deine Hausaufgaben, die du bis Samstagabend gemacht haben solltest. Am Sonntag, wenn der Hahn dreimal gekräht hat, erwarte ich dich bei mir Zuhause. Oder hast du hier eine Badewanne?”

Immo verneinte, verbeugte sich höflich mit einem Namasté, was soviel bedeutet wie “Ich grüße das Licht in Dir.” Auch Freya verbeugte sich vor Immo mit zusammengefalteten Händen und sagte ebenfalls “Namasté, ich verehre den Buddha in dir.”

An diesem Abend fuhren die beiden in eine Disco, und schmusten hinterher lange in Immos Wohnwagen. Daß zur Kirchenzeit am Sonntag die Glocken öfter als sonst läuteten, brauche ich dir wohl nicht zu erzählen. Nur daß sie Nachmittags immer noch geläutet wurden, dürfte wohl besonders erwähnenswert sein. Und nun rate mal, was in dem Geigenkasten war?

Eine Geige? Nein, auf solch eine Idee würde Freya nie kommen. Freya ist so selbstbewußt, daß sie sich nicht auf solch eine Weise mitteilt. Auch nicht das Handwerkszeug einer Mafiosin und auch keine Dildos. Nein, nein, nein. Du kommst nie drauf, es sei denn, du hättest Susan Crain Bakos Handbuch für den erfüllten Alltag schon längst gelesen.

Also. Ich verrate es dir.

Freya hatte gleich eine Unmenge kalligraphischer Pinsel gekauft, kleine, große und ganz große, ein umfangreiches Sortiment mit weichen und nicht so weichen Pinseln. In einer kleiner Seitentasche befand sich ein selbstgemachtes Rosenöl. Und sehr vorsichtig eingepackt sieben Pfauenfedern. Deine Phantasie in allen Ehren, und dennoch empfehle ich dir das schärfste Buch aller Zeiten. Es muß nicht immer Tantra sein.

*****

Postscript

„Zehn Kussarten.

Der Kuss am Anfang. Dies ist ein Flirt mit den Lippen. Die Zunge wird nur verwendet, um die Lippen des anderen zu lecken. Dieser sanfte Kuss erforscht die Gefühle des anderen. Er fragt: Möchtest du mit mir schlafen?“

Zehn Kussarten zitiert aus:

SEX

Geheimnisse

für den ultimativen Lust-Trip

Susan Crain Bakos

1998 Falken Taschenbuch Spezial

205 Seiten

ehemals 29.90 DM

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