Auch wenn Simon den schwarzen Dreier-BMW mochte, gefiel ihm das Rückwärts-Einparken nicht. Das System, das er auf dem Monitor im Cockpit beo-bachtete, reagierte zu schnell. Leuchtete die rote Zone auf, so hatte er mindestens dreißig, vielleicht sogar vierzig Zentimeter, um mit der Stoßstange ein Hindernis zu kontakten. Das Vorwärts-Einparken war für ihn noch atemberaubender. Das tief gelegte Modell mit Sportfahrwerk hatte einen extremen Spoiler, der für ihn unkalkulierbar blieb.

Beim Einparken suchte sich Simon sicherheitshalber großzügige Flächen, parkte dynamisch schräg ein und achtete auf die eingeschlagenen Räder. Immer, wenn der Monitor – zusammen mit den farblichen und akustischen Signalen – ausflippte, hielt er an, zog die Handbremse und ging zu der kritischen Stelle, stellte fest, daß er noch genügend Spielraum hatte, setzte sich wieder ins Cockpit und lernte nach ein paar Wochen, sein Fahrzeug sicher zu manövrieren.

Eines Tages, es war nach einem anstrengenden Wochenende, hatte Simon einen journalistischen Termin bei einem Architekten in Hamburg. Seine hämmernden Kopfschmerzen waren nach zwei langen Reikisitzungen, die ihm seine Freundin Silke gegeben hatte, fast verschwunden. Während der Fahrt hätte er am liebsten etwas von der Cream Reunion gehört, doch seine Schutzengel suchten im Business-Sound-System ein Stück von Tom Kenyon. Das erste Stück tat ihm gut, so daß er Lust auf bewegtere Musik bekam. Vorsichtshalber entschied er sich für Songs of Awakening und dachte an Osho, der als Bhagwan gerne große Autos fuhr. Langsam wurde Simon wach.

Als er kurz vor Hannover in sintflutartige Regenfälle geriet, suchte er einen Rastplatz auf, trank in Ruhe einen Latte Macchiato, auch wenn sich die Reisezeit verlängern würde. Der Navi, der immer dachte, daß er ihn voll in Griff hatte, ließ sich durch einen Knopfdruck verändern. Dann würde im Monitor weder die aktuelle Tageszeit noch die virtuelle Ankunftszeit erscheinen. Simon griff zum Handy, rief seinen Interviewpartner an und teilte ihm mit, daß er bei einem Latte Macchiato auf die Idee gekommen sei, einen Abstecher nach Bergen-Belsen zu machen und ob man sich dort treffen könne.

„Wir können ein paar Fotos von der Gedächtnisstätte machen und Portraits von Ihnen vor Ort. Das ist publikumswirksamer. Vor allem, wenn Sie etwas planen, was es dort ohnehin schon gibt.“

Simon dachte an den Bau der Stille, der vor ein paar Jahren in der Gedächtnisstätte errichtet worden war, um für Angehörige aller Religionen Meditationen und Gebete zu ermöglichen. Doch dem Professor schwebte etwas anderes vor.

Der Architekt hatte ein Konzept für meditative Geschichtsarbeit entwickelt. Die Interessierten würden in einem modernen Tipi, einem klassischen Rundbau oder in einem futuristischen Tempel in die Lage versetzt, sich in die Vergangenheit einzufühlen.

„Eine Kombination von spirituellen Raumelementen, essentieller Feng-Shui-Ausrichtung mit Klangmodulen, Wasserbrunnen und farbdynamischer Komplexität,“ so referierte der Professor in einem Vorgespräch, „katapultiert den Interessierten in die Zeitebene, in die er zu reisen wünscht. Keine Vorträge, keine Schautafeln, keine Filme. Reikimeisterinnen und Reikimeister begleiten auf Wunsch das jeweilige Event. Die Grundschwingung eines Ortes dürfte allerdings – trotz der geschichtlichen Überlagerungen – so einfach zu erfassen sein, daß der Besucher sich ohne Schwierigkeit alleine auf eine einfühlsame Zeitreise begeben kann.“

Professor Hermann Adler, der schon mehrfach für seine Bauten ausgezeichnet worden war, freundete sich gerne mit einem Live-Interview in Bergen-Belsen an.

Beim Ausparken warf Simon ein Kontrollblick auf den Monitor. Anstelle der grün-gelb-roten Skala erschienen braune, schwarze und rote Farben. Während er irritiert das virtuelle Modell des 318d und seine neue Gefahrzonen anschaute, trat er spontan auf die Bremse. Gleichzeitig vernahm er ein Geräusch, daß ihn unangenehm an einen Aufprall mit einem menschlichen Körper erinnerte. Das hatte er zwar noch nicht erlebt, aber so müßte es sich anhören. Rasch zog er die Handbremse an, stoppte die „Engine“, sprang aus dem Wagen, spurtete nach hinten und sah eine Armeekoppel auf der Heckklappe. Daneben stand ein alter Haudegen, wohl an die hundert Jahre alt, in einer maßgeschneiderten SS-Uniform und einer Walther P 38 im Anschlag.

„Du bringst mich jetzt nach Bergen-Belsen, aber flott,“ befahl der alte Nazi.

„Da wollte ich ohnehin hin,“ entgegnete Simon, „aber ich würde es besser finden, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten.“

Und mit einem Blick auf die zitternden Hände des braunen Verbrechers ergänzte er: „Und ich fahre bedeutend ruhiger – und damit sicherer – wenn Sie ihre Kanone wegstecken.“

Der verrückte Alte ließ sich von Simon zum Beifahrersitz begleiten. Erst, als Simon losfuhr, steckte er die Walther weg. Die Fahrt verlief ohne Worte.

Nach einer dreiviertel Stunde bog Simon auf den Parkplatz der Gedächtnisstätte Bergen-Belsen. Während er sich über die Kieselsteine wunderte, die den Bäumen fast die Luft abschnürten, fluchte der SS-Mann.

„Was sollen wir hier denn? Wir wollen zur Gun-Position Number Seven. Umdrehen. Zackzack.“

Simon, der schon von seinem Vater den Befehlston vor seiner Geburt kennengelernt hatte, zuckte dennoch zusammen. Dann SS-Gelächter aus dem Mund mit den extrem dünnen Lippen.

„Arbeit hier schon vor langer Zeit erledigt. Hundertprozentig. Und Soll übererfüllt. Abmarsch!“

Obwohl Simon aufgeregt war – nicht ängstlich, doch sein Adrenalinspiegel war deutlich gestiegen – sah er im Rückspiegel Hermann Adler, der auf ihn zukommen wollte. Sein Ausdruck verriet Simon, daß der Professor die Situation erfaßt hatte, sich dann in sein Auto stürzte, während aus dem Umland schweres Panzergefecht zu hören war. Gleichzeitig nahm Simon wahr, wie der Alte neben ihm immer bleicher wurde.

„Brauch unbedingt was zu trinken. Hast Du was an Bord?“

Dabei streckte er seinen rechten Arm aus, der gewaltig zitterte.

Kurz vor dem Artilleriegefechtsstand hätte Simon den halblinken Abzweig für Zivilfahrzeuge nehmen müssen, doch der Kerl, der vorgab, ein ehemaliger General der Bundeswehr zu sein, befahl ihm, auf der Militärspur zu bleiben. Dann entdeckte der alte Nazi einen fahrbaren Container am Straßenrand, erteilte ein Fahrstopp, öffnete den Container und sprang hinein. Als er kurze Zeit später mit einer Whiskyflasche aus der Tiefe auftauchte, war Simon schon am Wenden. Beim Beschleunigen sah Simon im Rückspiegel, wie der Container die abschüssige Betonstraße hinunterrollte. Die Schüsse, die der Alte abgab, trafen ihn nicht. Bruchteile von Sekunden später prallte der Container gegen einen Baum. Und anschließend wurde der Container von einer verirrten Haubitze getroffen.

Simon brachte seinen BMW zum Stehen. Kurz darauf legte Professor Hermann Adler seinen Arm auf ihn.

„Sie sollten das Rückwärtsfahren noch einmal üben. Irgendwie haben Sie den Container erwischt und in Bewegung gesetzt.“

Simon entgegnete kopfschüttelnd, daß ihm das nicht bewußt geworden sei.

„Ich habe mir überlegt, den Container anzuzuschieben, doch dann entschied ich mich dagegen. Ich wollte kein schlechtes Karma schaffen.“

„Naja,“ sagte der Professor, „in der Fachsprache würde es sich dann wohl um ein Augenblicksversagen handeln. Ihre Psi-Kräfte haben neue Realitäten geschaffen. Aber wenn ich richtig sehe, gibt es weder eine Spur von einem Baum oder einem Container. Und an Ihrem Wagen ist auch kein Kratzer. Wenn es Ihnen besser geht, stehe ich Ihnen gerne für ein Interview zur Verfügung. Bloß sollte es nicht inmitten eines solchen Lärms sein. Bergen-Belsen ist wirklich erschreckend. Finden Sie nicht auch?“

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