Am Abend vor seiner Operation machte Carlos einen kleinen Nachtspaziergang. Obwohl es anfing zu nieseln, steckte er sich die Knöpfe in die Ohren, fand auf seinem neuen Sony-MP3-Player „Trespass“ von Genesis, stellte eine angenehme Lautstärke ein und wanderte durch den Gebäudekomplex der Georg-August-Universität an der Humboldtallee. Als er das „Theater im OP“ fand, studierte er den Veranstaltungskalender und nahm sich ernsthaft vor, den „Fieberreigen“, das „Theater aus der Gruft“ zu besuchen. Vorausgesetzt, er würde dann noch leben.

Eine Stunde später kehrte er ins Krankenhaus zurück, entschied sich zu einem weiteren Rundgang innerhalb des Gebäudes, um sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen. Durch eine halbgeöffnete Tür eines Aufwachzimmers sah er eine junge Ärztin, der er schon einmal an diesem Abend begegnet war.

„Darf ich hereinkommen?“ fragte er kurzentschlossen. „Ich werde morgen operiert und würde gerne wissen, wo ich anschließend ins Leben zurückkehre.“

Die Ärztin, ganz in Grün gekleidet, schaute ihn erstaunt an, überlegte kurz und gestatte Carlos, sich die Aufwachräume anzuschauen. Mit leiser Stimme erkundigte er sich, ob er seinen MP3-Player zur OP mitnehmen könne.

„Warum nicht,“ antwortete sie, „am besten ist es, wenn Sie morgen früh dem Anästhesisten Bescheid sagen.“

Carlos wunderte sich, daß alles einfacher war, als er sich vorgestellt hatte. Ohne Angst konnte er nach einer tibetischen Klangmeditation einschlafen und irgendwie freute er sich auf die Vollnarkose. Er hatte sich vorgenommen, während des Übergangs vom Wachsein zur Betäubung zu meditieren.

Für das Krankenhaus-Team war der nächste Morgen Routine. Nachdem Carlos für die OP vorbereitet wurde, schob ihn ein Pfleger in den Anästhesieraum. Plötzlich hatte er die Situation nicht mehr im Griff. Neben seinem Bett saß die junge Ärztin, die er wenige Stunden zuvor kennengelernt hatte.

„Weißt du, warum ich hier bin?“ fragte sie ihn.

Carlos schüttelte den Kopf.

„Jeder, der Gallenprobleme hat, ist auf jemanden wütend. Deiner Chronik entnahm ich, daß du lange Zeit deinen Ärger heruntergeschluckt hast. Stimmt das?

Carlos überlegte, welche Chronik sie wohl meinen würde. Er konnte sich nur an seine Tagebücher erinnern, die er vor kurzer Zeit auszugsweise im Internet veröffentlicht hatte.

„Die meisten Traumata sind mir von meinem Vater zugefügt worden. Ich habe sie, so gut es ein Mensch kann, bearbeitet,“ fügte er hinzu. „Und was noch wichtiger ist, ich habe meinem Vater vollständig verziehen, ohne Wenn und Aber.“

„Das weiß ich,“ gab ihm die Medizinerin zu verstehen, „schau mal in dich hinein, denn wir glauben, daß du ein paar Vorgänge aus deinem Leben vergessen hast. Du hast etwas verdrängt und nun solltest du dich erinnern, bevor du operiert wirst.“

Carlos ließ sein Leben in Windeseile Revue passieren.

„Ich hab es,“ stöhnte er auf. „Meine Bundeswehrzeit.“

Die Halbgöttin nickte.

Carlos wunderte sich über seine Gedanken. Die Ärztin war weder in Weiß noch in Grün gekleidet. Sie hätte eine Existenzialistin sein können, alles, was sie trug, war schwarz. Aber es störte ihn nicht, während er anfing, sich zu erinnern.

„Ich habe mich sehr geschämt, weil ich hingegangen bin. Ich habe verweigert, bin nicht anerkannt worden und dann … Na ja, ich dachte, ich könnte dem Krieg den Krieg erklären. Ich meinte, dort politisch arbeiten zu können.“

Carlos war sichtlich erregt, unsicher und verärgert zugleich.

„Ich weiß nicht, wie ich heute damit umgehen soll. Selbst bei meinen Meditationen habe ich diese Gewalt vergessen. Ich habe alles verdrängt. Und ich will diesen Kerlen nicht vergeben, weil sie mich zutiefst erniedrigt haben. Ich kann es nicht. Irgendetwas zerbrach in jenem Jahr in mir.“

Die Ärztin nickte.

„Ich möchte dir Mut machen, dich zu erinnern. Schau dir die wichtigsten Stationen dieser Zeit an und dann überlegen wir gemeinsam, was du machen kannst. Übrigens kannst du Rachel zu mir sagen.“

Carlos, der nicht aufhören konnte, sich über die Frau zu wundern, ging in Gedanken zurück in die siebziger Jahre. Nach fünf Minuten resümierte er.

„Am meisten hat mich verletzt, daß ich als Kriegsdienstverweigerer nicht anerkannt worden bin. Dann der alltägliche Scheiß. Und drei Situationen, in denen ich besonders mies behandelt worden bin. Für mich war das grausam.“

Rachel ermunterte ihn, sich an Details zu erinnern, an Namen, an Aussagen und an Orte. Doch Carlos schüttelte den Kopf.

„Ich kann mich nur emotional erinnern. Leider habe ich nichts aufgehoben. Weder meine Begründungen noch sonst irgendetwas. Ich habe mir keinen Namen gemerkt. Eigentlich schade.“

Plötzlich fing das Licht an zu flackern. Und dann war der Raum dunkel. Carlos spürte, wie Rachel ihre Hände auf seinen Hinterkopf legte.

„Ich kann dir helfen,“ sagte sie sanft, „du brauchst dich nur auf die Situationen zu konzentrieren, denn in dir ist alles gespeichert. Wenn ich die nötigen Informationen habe, finde ich heraus, wer das gewesen ist.“

Es dauerte nicht lange, bis Rachel alle Täter ausfindig gemacht hatte. Carlos, der eine gute Freundin hatte, die mit ihren Psi-Kräfte umgehen konnte, akzeptierte die Situation. Jetzt war er zu sehr in seinem Leiden verhangen, um Fragen zu stellen.

„Wir können jetzt beginnen,“ sagte Rachel, „der Vorsitzende des Prüfungsausschusses war ein Nazi, Mitglied der NSDAP und der kriminellen Waffen-SS. Nachdem er als Staatsanwalt in Erfurt und in Magdeburg faschistische Urteile gesprochen hatte, wurde er in der Bundesrepublik Staatsanwalt beim Landgericht Oldenburg. Hättest du das gedacht, daß ein Schwerverbrecher ein Urteil über dich gesprochen hat?“ Carlos, der ohnehin schon blaß geworden war, erbleichte völlig.

„Ich glaubte, daß die mich ehrlich prüfen wollten. Ich hatte gewußt, daß sie ihre Quoten hatten und die meisten Verweigerer nicht anerkannten. Aber ich hätte nicht gedacht, daß der alte Mann in Wirklichkeit ein Nazi war.“

Während Carlos traurig seinen Kopf schüttelte, nahm Rachel seine linke Hand und wärmte sie mit ihren Händen.

„Du hast das Recht darauf, dich zu rächen.“

Zunächst wollte Carlos nicht, doch dann wurde er neugierig.

„Liebe Rachel,“ sagte Carlos, „sei so freundlich und informiere mich zuerst darüber, ob dieser miese Kerl noch lebt.“

Rachel brauchte nicht lange, um festzustellen, daß Carlos Peiniger schon vor einigen Jahren gestorben war.

„Und was machen wir jetzt?“ überlegte Carlos.

Die beiden schwiegen für ein Weile, bis Carlos die Ärztin bat, mehr von ihren Fähigkeiten zu erzählen. Rachel jedoch forderte Carlos auf, nach innen zu schauen.

„Erst einmal dreht es sich um dich, um deine Gefühle. Um all das, was in dir schlummert. Erzähle mir, was damals passiert ist, wie dein Leben durch die Armee verändert worden ist. Wie wäre dein Leben verlaufen, wenn du Zivildienst gemacht hättest?“

Carlos wehrte ab.

„Ich mag jetzt nicht daran denken. Jedenfalls nicht so kurz vor der Operation. Aber damit du es weißt, erzähle ich es dir. Ich bin mehr wütend auf mich als auf alle anderen zusammen.“

Rachel ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Kannst du mir sagen, wer Täter und wer Opfer war? Du hast deinen Schmerz, deine Wut und deinen Zorn nach innen, gegen dich selbst gerichtet. Spürst du das?“

„Wenn ich jetzt die Dynamische machen könnte,“ sagte Carlos, „wäre ich ein Stück weiter. Ich habe alles soweit abgespalten, daß ich durch normales Denken nicht mehr dran komme. Ja, das wäre es. Ich möchte jetzt die Dynamische machen.“

„Kein Problem,“ sagte Rachel, „ich verändere das Zeitgefüge, spiele dir die Meditation auf deinen MP3-Player und dann legst du los.“

Als Carlos sie fragend anschaute, erklärte sie ihm, daß sie eine Art Hologramm sei und seine Psi-Kräfte darstelle.

„Sowohl die Familie deiner Mutter als auch die Familie deines Vaters hatte starke übersinnliche Kräfte. Durch deine spirituelle Arbeit bist du in der Lage, deine Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bis zu sieben Generationen tiefgreifend zu verändern. Nutze diese Kraft, denn du wirst in den kommenden Auseinandersetzungen noch gebraucht.“

Nach der Dynamischen lachte Carlos. Und schließlich berichtete er.

„Eigentlich macht Rache keinen Sinn, denn Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das ist meine tiefste Einsicht. Irgendwann jedoch kam mir während der Meditation der Gedanke, diesen Nazi auf eine Dienstfahrt zu schicken und seinem Gebaren ein Ende zu bereiten. Also lassen wir ihn Anfang der siebziger Jahre kurz vor meiner Verhandlung auf einer Reise nach Westberlin in der DDR verschwinden. Du suggerierst ihm, daß er sich unbedingt Magdeburg anschauen muß. Er entfernt er sich illegal von der Transitstrecke und wird vom Stasi auf frischer Tat ertappt. Während er in Bautzen einsitzt, bekomme ich eine faire Verhandlung mit einem liberalen Vorsitzenden und Beisitzern, die mir wohlgesonnen sind.“

„Kein Problem,“ nickte Rachel, „schon erledigt.“

„Und als nächstes sollte ich dem Kerl posthum eine deftige Ohrfeige versetzen.“

Während Carlos aufstand und mit Schattenboxen begann, lachte Rachel. „So sexy, wie du mit deinen Fischnetzstrümpfen aussiehst, könnten wir fast auf andere Ideen kommen.“

Doch Carlos hörte sie nicht mehr. Erschöpft durch die Meditation und dem Boxkampf lag er schlafend auf dem Krankenhausbett.

Göttingen, November 2009

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