Eines Tages fragte Kafka seinen Sohn Felix, kurz vor seinem zehnjährigen Geburtstag, ob er ihn in die Geheimnisse des Spaßmachers einweihen solle. Felix, der wusste, dass sein Vater unterschiedliche Geschichten erzählen konnte, wahre, die aus der realen Wirklichkeit kamen, erfundene, die aus der fiktiven Realität stammten und gemischte, die aus dem Märchenbauch Kafkas kamen, eben solche Geschichten, bei denen keiner genau wusste, woher sie stammten, welchen Wahrheitsgehalt sie haben könnten, nicht einmal Kafka selbst.

„Alle Geschichten,“ sagte Kafka, „die ich heute erzähle, sind erlebte Geschichten.“ Das sagte er seinem Sohn, um ihn zu beruhigen, vielleicht eher, um ihn einzuweihen, in das Leben, in das Spiel zwischen Jungen und Mädchen, zwischen jungen Männern und jungen Frauen, das dann beginnt, wenn der Spaßmacher ruft. Kafka wusste, dass es an der Zeit war, mit der Einweihung zu beginnen, ein Gespräch, eher ein Feeling, ein Miteinander teilen, eine Vertrautheit, die auf Ehrlichkeit beruhte. Weil Kafka Schriftsteller war, ein Komiker und ein Reikimeister, folgte er seiner Intuition, ohne um die einzelnen Schritte zu wissen. Er hatte Schlüsselerlebnisse parat, weil er sie selbst erlebt hatte, doch er wusste nicht, welche Worte er wählen würde, um sie Felix zu offenbaren. Ja, er war sogar so aufgeregt, dass er den roten Faden während des Erzählens veränderte; weil er Rot liebte, das Dunkelrote, das Rote und das Orangene. Immer konnte er schnell assoziieren, während er erzählte, intensiver wurde die Erzählkomik, herzlicher steuerte die Begegnung, die Einweihung seines Sohnes, auf das Schlüsselerlebnis zu, dass es seinem Spaßmacher erlaubte, in Realitas erlaubte, alle Schichten zu durchdringen, vor allem die drei schwarzen Schichten, die Kafka davon abhalten sollten, Mann zu werden.

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Dazwischen

Kafkas erste Erinnerungen

Als ich so alt war wie du, fast so alt, eben acht Jahre, da wusste ich nicht, wie Jungen und Mädchen aussehen, jedenfalls nicht, wie sie zwischen den Beinen aussehen. Damals, es war 1962, malte ich viele Jungen und Mädchen; die Jungen hatten Hosen an und die Mädchen hatten lange Kleider, manchmal auch knielange Röcke. Eines Tages stellte ich mir die Frage, dann meiner Mutter, was ich denn tun müsse, um die Zeichnungen realistischer zu gestalten. Ich wollte Jungen ohne Hosen malen und Mädchen ohne Röcke. Es war wie ein großer Lehrauftrag, den ich mir selbst erteilte, denn ich wollte ein Zeichner der Wirklichkeit werden. Meine Mutter hätte nur sagen müssen: „Ziehe dich aus, setze dich vor den Spiegel, oder stelle dich breitbeinig davor, und du wirst sehen, wie es zwischen deinen Beinen aussieht.“ Damit wäre mir sehr geholfen, doch sie sagte, dass ich es früh genug erfahren würde, meine Zeichnungen gefielen ihr so, wie sie waren. Damit gab ich mich zufrieden, nur mein Spaßmacher ließ nicht locker.

Eines Tages arbeitete meine Tante im Garten, meine Cousine Inneke und ihre Freundin Anneke spielten in den Sonnenstrahlen. Weil es so schön warm war, hatten sie nicht viel an, nur ein Unterhöschen und ein Hemdchen. Langsam schritt ich zu der kleinen Gruppe, stand vor Inneke und ehe sie begriff, was mein Vorhaben war, zog ich ihr Unterhöschen herunter. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, nein, nicht einmal das richtige Vorgehen, ich hatte nicht einmal Zeit, die weiche Einbuchtung zwischen den Beinen zu sehen, so sehr schrie die Cousine. Die Tante kümmerte sich nicht um das Geschehen; es wurde nicht geforscht, alles, sowohl im Guten als auch im Schlechten, wurde verdeckt, oder, um es politisch zu benennen, verdrängt. Der Täter, also in diesem Falle ich, wurde nicht bestraft, das kannte sie ja, die Tante – und das Opfer beruhigte sich bald.

In meiner Familie zeigte sich damals niemand nackt, nicht einmal nach meiner Geburt lernte ich die Brüste meiner Mutter kennen, geschweige denn, wie es zwischen ihren Beinen aussah. Bei meiner Geburt hielt ich die Augen verschlossen. Das war natürlich, während das, was folgte, unnatürlich war. Die Männer, jedenfalls die meisten Männer der Vatergeneration, wussten nicht, wie es zwischen den Beinen ihrer Frauen aussah. Und die Frauen wussten nicht, wie schön die Spaßmacher aussahen. Warum die Weiber und die Kerle damals trotzdem Kinder bekamen, weiß keiner so genau. „Ich bin stark,“ flüsterte mir mein Spaßmacher während einer psychologischen Exkursion in die Sexualgeschichte meiner Ahnen zu, „keiner kann umhin, mich kennenzulernen. Ich durchdringe die ersten Schicht der katholischen Sexualmoral mit Leichtigkeit, ohne mich gebe es niemanden auf der Welt.“

Er sprach schon früh mit mir, der Spaßmacher, doch ich verstand ihn nicht so recht. Er verstand mich um so besser, schaute alsbald die schönen Frauen an, zuerst die Venus von Milo in Vaters Bertelsmann, dann die Göttinnen von Altvater Zeus und schließlich die schöneren, weil nicht gemeißelt, Darstellungen in der Neuen Revue, oder heimlich als Praline auf der Toilette, dann, wenn der Vater in seiner Mittagspause schlief. Der Spaßmacher hielt mich schon früh auf Trab, auch wenn ich in Realitas keine Zwischenräume entdeckte oder Rundungen auf Herzenshöhe erblickte, oder wenn, dann nur stark verhüllt.

Mit neun Jahren entfaltete sich der Spaßmacher in neuen Dimensionen, und bemühte sich, einen Plan auszubreiten. „Heute dreht es sich um die erste Schicht,“ sagte er mir eines Morgens deutlich ins rechte Ohr, „heute beginnt es ernst zu werden. Opfere, und du wirst bekommen.“ Mein Spaßmacher hat chinesische oder japanische Vorfahren, irgendwie rückt er nicht mit der Sprache heraus, jedenfalls so lange nicht, bis ich mich auf den Weg mache, und sämtliche Sexualgeheimnisse beider Kulturen kennen lerne, und hinterher wird er behaupten: „Nur was du dir selbst erarbeitet hast, ist wirklich deins.“ Und dann wird er grinsen und prustet so heftig um sich, dass ich nicht weiß, ob die Empfängerin seine Sahneslust mag. Mich selbst fragt er schon lange nicht mehr.

An diesem Morgen, ich war in der dritten Klasse, erschien wieder der Herr Pfarrer mit seinem weißen Käfer und den schönen roten Ledersitzen, fuhr mit seinem schicken Gefährt vor, um seine Schäfchen abzuholen. Das meine ich so, wie ich es sage. Ohne frivole Gedanken an Spiele, die andere Kutscher spielen, um die Fingerchen in verbotene Gefilde gleiten zu lassen. Dieser Herr war nicht so, aber er überbrachte auch keine gute Botschaft und Geschichten über meinen Spaßmacher, auch keine über die dunklen Höhlen, auf die mein bester Freund sehnsüchtigst wartete, auch, wenn er damals nur wissen wollte, wie der Eingang einer Höhle aussehen möge, geschweige denn, dass er damals wusste, nicht einmal ahnte, dass da eine Höhle verborgen war.

Der Herr Pfarrer hatte es besser getroffen als seine evangelischen Kollegen, die vor breiter Kundschaft ihr Lied predigen mussten. So lernte ich schon früh die Freuden von Kleingruppen kennen. „Jeder fängt mal klein an,“ pflegte mein Spaßmacher zu sagen, „ich liebe es, wenn jemand zu mir sagt: “Hallo, Kleiner.“ Und während du zu mir sagst: “Komm, spiel mit mir“ entfalte ich mich fast von alleine zu meiner wahrhaften Größe.“ Ich wundere mich, wie der Spaßmacher mit mir spricht, aber wie sollte er anders, bei einem Bewusstsein millionenjähriger Menschheitsgeschichte.

Neben dem Herrn saß ich, schließlich war ich der älteste Junge. Hinten mir saß der jüngste, mein Freund Dieter, er war immerhin ein Jahr jünger als ich; und neben ihm zwei Schwestern, die eine, die Inga hieß, war die mutige, sie war zwei Jahre älter als ich, daneben ein rötlicher Engel, zwei Jahre jünger als ich und viel ängstlicher, aber, wie sich bald herausstellen sollte, zumindest interessiert, und was eben so wichtig war, verschwiegen. Ihr Name war königlicher Abstammung, hatte etwas leicht Frivoles, das selten sich in erotische Geschichten ausformte, aber ich habe versprochen, ihn, den Namen, nicht zu nennen. Der Leichtigkeit halber nenne ich sie in dieser Geschichte Anamo, die Namenlose.

Jetzt können wir mit der Geschichte anfangen, obwohl sie auch erst die Einführung zu der eigentlichen Geschichte darstellt. Im Leben gibt es immer einen Boss, der alles einfädelt. In diesem Fall war der Spaßmacher mein Boss, und ich war seine erste Hand, seine linke Hand, auch die rechte, die seine Pläne zur Ausführung brachten. Ich folgte seinem Konzept, und nach dem blöden Reinfall in Tantes Apfelgarten war er intelligenter geworden. „Alles, was wichtig ist, entsteht im Kontakt,“ flüsterte er mir am Abend zuvor ins Ohr, „morgen darf Dieter vorne sitzen.“ Und dann flüsterte er weiter, gab mir Anweisungen, wie ich meine Träume umsetzen konnte, ohne Aufschrei, jedenfalls ohne schmerzhaften Aufschrei. Wollüstiges war mir damals nicht bekannt, und dem Spaßmacher war bewusst, dass wir lange Zeit brauchen würden, um drei schwarze Schichten zu durchdringen. Aber alle fangen mal klein an.

Dieter war höchst erfreut, als er an diesem schönen Morgen auf dem roten Ledersitz neben dem Herrn sitzen durfte. Ich hingegen saß in der Mitte, fast da, wo man im Leben als Mann immer gerne hin möchte. „In der Mitte zu sein, in der eigenen und in der der Angebeteten, dass ist es, worauf es ankommt,“ sagt mein Spaßmacher. Und während Dieter sich über meine Großzügigkeit freute, während der Herr sich darauf konzentrierte, nicht in die Mitte zu kommen, obwohl es ihm deutlich schwer fiel, aber das machte damals nichts, weil es selten Gegenverkehr gab, beugte ich mich nahe an Inga heran, noch näher, leise flüsternd: „Du. Du, Inga.“ Inga schien gewartet zu haben. Dieter unterhielt sich nie mit ihr, und Anamo hatte eine Gesprächsebene, für die sie viel zu alt war. „Du,“ sagte ich, „wollen wir etwas Verbotenes tun?“ Inga neigte den Kopf näher, so dass ich ihr in Ruhe ein Konzept einverleiben konnte, eine Idee, die ihr so gut gefiel, dass sie sofort, ohne zu zögern, Ja sagen ließ, das Schönste „Ja“ meines Lebens, das in seiner Einzigartigkeit und in seiner Ehrlichkeit so göttlich war, zumal in der Gegenwart des Herrn Pfarrers. Seitdem ich ein junger Mann war, habe ich alle wichtigen Angelegenheiten in einem fahrenden Auto eingefädelt.

In dieser Zeit hatte ich gute Ohren. Denn alles, war elementar war, wurde nicht ausgesprochen. Irgendjemand kam auf die Idee, den Kinder beizubringen, alles zu hören, was nicht gesagt wurde. Alle Kinder waren Alleshörer, und die Erwachsenen waren Allesdenker. Zwischen ihnen das Band der Telepathie. Das wusste sogar der Herr Pfarrer, schließlich entstammte das Arbeitsprinzip dieser Art von Kommunikation aus seinem Unternehmen. Weder mein Vater, weder meine Mutter noch ich wussten, dass wir auf der Basis von schwarzer Pädagogik miteinander kommunizierten. Mein Spaßmacher schrie, als auf meine kleinen Händchen geschlagen wurde, als ich anderthalb war, und wieder, als ich drei war. Zwischen uns hatten der Vater, der Geist und sein Konsortium eine Kontaktsperre verhängt, und die Idioten, die wiederum wussten, wie schwer es ist, sich an ihr Gebot zu halten, vergifteten die Atmosphäre zwischen uns. Immer, wenn ich mit meinem Spaßmacher spielte, bekam ich Schuldgefühle.

Weil mein Spaßmacher seine eigene Intelligenz hatte, freuten wir uns dennoch auf die Ausführung unseres Plans. Es war ein Mittwochnachmittag, als ich von meinem Elternhaus los ging zu den beiden Mädels. Auf dem Weg traf ich ihre Mutter, die wiederum auf dem Weg zu meinem Vater war. Inga hatte diesen Zeitpunkt, genauer genommen Zeitraum, auserkoren, weil ihre Mutter bei meinem Vater eine Dauerwelle bekommen sollte. „Die ist mindestens zwei Stunden beschäftigt, wenn nicht sogar zweieinhalb,“ sagte sie mir in des Pfarrers Gefährt, und küsste fast mit ihren Lippen meine Ohrläppchen, weil der Herr Pfarrer versuchte, den Volkswagen in seine Spur zu bringen.

Die beiden Mädels empfingen mich an der offenen Tür, ohne dass ich klingeln musste. „Jetzt gleich, oder später?“ Das war die Frage, die es zu beantworten galt. Anamo zitterte vor Angst. Und vor Freude, weil auch sie nicht abgeneigt war. Inga diskutierte nicht, sie bestimmte, ohne irgendwelche Herrschaftsallüren an den Tag zu legen. Wir folgten ihr. Zunächst in die Küche. Dort sagte sie Nein, nach einem Rundblick. Dann gingen wir nach oben, in das elterliche Schlafzimmer. Wider sagte sie Nein, mit der Begründung, dass keiner von uns Betten machen könne wie die Erwachsenen. Das Kinderzimmer schlossen wir aus, denn es handelte sich für uns um kein Kinderspiel. Wir waren reif, das fühlten wir. Und wenigstens wir behandelten uns so, wie man uns behandeln sollte. Also gingen wir wieder nach unten, gingen diesmal ins Wohnzimmer, schoben den Couchtisch in die Mitte, stellten die Stühle vor und hinter den Tisch, so dass wir einen langen Laufsteg erhielten, sogar mit rechtem Winkel.

Inga ging in die Küche, um sich auszuziehen, während Anamo, ich und mein Spaßmacher in der ersten Reihe Platz nahmen. Mein Spaßmacher wurde von Sekunde zu Sekunde größer, als Inga auf die Bühne ging, langsam, sich drehend und zeigend, was da zwischen ihren Beinen war, und der Spaßmacher wurde glücklich und wuchs über sich selbst hinaus. Erst später, als alle gezeigt hatten, was in ihnen steckte, oder auch noch nicht, all das, was da zwischen den Beinen anders war, vor allem mein Spaßmacher, der als letztes dran war, damit er sich in seiner richtigen Größe zeigen konnte, wie er mir empfahl, da hätten wir gerne weiter gespielt, doch die erste Schicht hatte uns wieder bedeckt, und alles Wünschen, alles Fühlen-Wollen-Können-Dürfen war vergessen. „Wie geht es weiter?“ fragte Inga. „Ich weiß es nicht,“ antwortete ich mit hochrotem Kopf, voller Lust, voller Angst, voller Scham, „ich weiß es nicht, ich habe es vergessen.“ Die schwarze Schicht ballte sich zu einem Strick, würgte das fünfte Chakra., zwängte das Herz, hieb auf den Kopf. Ich hörte genau, was der Herr sagte. „Du bist Sünde. Du bist Schuld.“

Noch während wir ins Zimmer hinaufstiegen, hörte ich sein unanständiges Gebrüll. Mein Spaßmacher, mein Getreuer, mein Weiser, tröstete mich. „Irgendwann, und das wird dauern, wirst du dieses Spiel durchschauen. Wenn du Vater bist, werden deine Kinder anders groß werden, weil du selbst ein neues Verhältnis zur Sexualität bekommen hast. Diese Geschichte wird deine Kinder belustigen. Manche Dinge werden ihnen fremd vorkommen, weil sich die Zeiten ändern. Doch bis dahin machen wir uns auf die Reise, und werden viel Spaß miteinander haben. Heute haben wir den ersten Durchbruch geschafft.“

Wie Recht mein Spaßmacher hatte, fühlte ich, auch wenn mein Freund klein geworden war. Die Lust war in den Kopf gestiegen, und irgendwann, das spürte ich genau, würden mein Spaßmacher und ich das Paradies erreichen. Trotz alledem.

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