„Saraha?“ Saraha antwortete nicht. Mit seinem Kopf war er tief in den Monitor eingedrungen, um sich seine jüngsten Arbeiten anzuschauen. Sein Sonykopfhörer war laut eingestellt, und er nahm nichts um sich herum wahr.

„Saraha! Werd endlich still!“

Sarahas Augen war auf ein Cover von Led Zeppelin gerichtet. Während er auf seinem Stuhl saß, als ob er ein Pferd ritt, und sich wunderte, warum er noch nie die BBC-Sessions gehört hatte, nahm sein „Dazed-And-Confused-Zustand“ kontinuierlich zu. Seine Füße wirbelten mit, seine Wirbelsäule war in Aufruhr, Saraha fühlte sich wohl in seinen inneren, unendlichen Welten.

See you Baby, say what you will. Dadadadadat.

Headbanging. Schauern liefen über Sarahas Rücken. Unendliche Weite, unendliche Sehnsucht. Zu verschmelzen mit der fließenden Sehnsucht, sich zu verlieren in einem Wesen, das er erahnte, und das doch nicht da war. Wie damals, als er fünfzehn war. Genau das gleiche Gefühl, auch wenn sein Bewusstsein ein anderes war. Dazed And Confused.

„Saraha. Reite auf Deinem Pferd in die Wirklichkeit, Saraha, verlasse Deine künstliche Welt. Du musst unter die Menschen. Saraha, Saraha, Saraha, wach auf.“

Der Engel wurde energischer, seine Stimme war nicht zu überhören.

„Sweet little Baby, I’m waiting for you. Onh Onh Onh Onh Onh Onh.“

Die Pause. Endlich. Sarahas Engel setzte sich in den Nacken seines Freundes, pustete energisch in die Rückseite seines fünften Chakras und kletterte hinauf zum linken Ohr, knabberte am Ohrläppchen, kroch in die kleine Öffnung und rief: „Saraha, wo bist Du, ich habe eine Überraschung für Dich.“

***

Engel dürfen den Verlauf eines möglichen Geschehens nicht erzählen. Es gibt ein Gesetz für Engel, dass es ihnen verbietet, sich direkt in die innere Angelegenheiten eines Menschen einzumischen. Anstoßen oder aufmerksam machen, das war erlaubt. Doch Engel konnten einen Menschen nicht an die Hand nehmen und zu ihrem Glück führen. Sarahas Engel hatte schon öfter die Grenzen des Erlaubten überschritten. Viele Male, als Saraha noch Taxifahrer war. Der Engel übernahm das Lenkrad, als er für ein paar Minuten eingeschlafen war, riss die Zeiten auseinander, um einen tödlichen Crash zu verhindern und mischte sich in Sarahas sexuelle Wachträume ein.

Dieses Mal bestand die Aufgabe des Engels darin, Saraha und andere Welten zusammenzubringen, zu einem Zeitpunkt, als Saraha sich in seinem Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, um seine kreative Ader zu verwirklichen. Dagegen hatte der süße Racker nichts, nur wusste er, dass eine große Chance auf Saraha wartete. Saraha musste zum Lebendigen gehen. Irgendwo draußen, in der endlichen Weite der Normalität, würde seine Pfeilmacherin sein.

Nicht, dass sie auf ihn wartete. Sie hatte einen inneren Zustand, der die Möglichkeit barg, mit Saraha eine Zeit zu verbringen, die beide in einen himmlischen Rausch versetzen würde. Sie waren Welten voneinander entfernt, und doch würden ihre Welten miteinander verschmelzen können. Sarahas Engel hatte schon einfachere Aufgaben gehabt. Es galt, ein exaktes Timing zu entwickeln, und abzuwarten, ob beide seinem Plan folgen würden. Der Engel der Pfeilmacherin hatte die gleiche Idee gehabt. Nun machten sich beide an die Arbeit.

***

Der Engel konnte rechtzeitig aus Sarahas Ohr fliehen. You Shook me, Baby wollte er doch nicht auf dem Amboss sitzend mithören. Kaum war er draußen, schüttelte Saraha wieder seinen Kopf, vertikal, mehr nickend, und dabei bewegte sich seine Wirbelsäule rhythmisch.

You know, you shook me baby, you shook my all night long. I cant leave you alone.

Der Engel hatte keine Lust mehr, Saraha zu seinem Glück zu zwingen. Er fing an zu tanzen, flog auf die kleinen Lautsprecher, sprang von Klippe zu Klippe des Amethysten, hätte am liebsten das V8-Modell des Wiking-BMWs in Schwingung versetzt, rutschte die Wirbelsäule von Saraha rauf und runter, und fing an zu lachen, als er sich zusammen mit Saraha in Trance getanzt hatte.

Das nächste Stück würde I can’t quit you Babe sein. Der Engel nutzte die kleine Pause, pustete in Sarahas rechte Nasenöffnung, flog in das rechte Ohr und setzte seinen Stempel sanft aufs dritte Auge. „Am ersten Aprilwochenende bist du auf Hiddensee. Tue etwas für dein Liebesleben, Saraha. Tue es. Oh yeahh.“ Das war mehr als erlaubt, aber wer würde ihn, Sarahas Engel schon kontrollieren?

Während der Engel auf der kleinen Kante des Monitors einen Kopfstand machte, wusste er, dass die Nachricht angekommen war.

Wait down inside. You need love. Whole lotta love.

Sarahas Engel nutzte alle Möglichkeiten. Wenn er kein direktes Gehör finden würde, so blieb ihm die Musik von Led Zeppelin. Und diese Chance nutzte er. Saraha klickte auf Replay. You need love. Sein Becken sang mit, seine Finger spielten närrisch, swinging Mudras. I wonna give you my love. Whole lotta love.

Sarahas Reise

The Beginning (1)

2011

Postscript

Die passende Musik findest Du auf dem neuen TantricReiki2-Blog. Enjoy.

Writing for a new generation, writing for us.

TantricReiki2

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