Arthur Conan Doyle 1913

Ein Weg zur Erzählkunst. Mit Literatur groß zu werden, mit einem schriftstellerischen Etwas, das aus irgendeinem Grund gesellschaftlich hoch gelobt wird oder tatsächlich gut ist, weil es einem gefällt, erzeugt ein inneres Abbild, das Ansprüche stellt, wann eine Geschichte oder ein Roman persönliche Wertschätzung ersten Ranges bekommt. Ich habe als Kind Krimis geliebt und alle möglichen Edgar Wallace Krimis verschlungen, die ich in der väterlichen Bibliothek heimlich oder offiziell ausleihen konnte. Schnell kam Georges Simenon hinzu, ein wenig später Agatha Christie, gefolgt von Sir Arthur Conan Doyle.

Bücher sind wie Filme Leben aus zweiter Hand, haben jedoch einen Unterhaltungswert, der irgendwie aus unterschiedlichen Kombinationen besteht. Lust auf Abenteuer und Erzählkunst; Freude auf Abwechslung und Entspannung, Lernen auf Metaebenen – und ganz profan, die Kunst, die Zeit zu gestalten, entweder, weil es nichts anderes gibt, dann wird der Krimi zum Medikament ohne schädliche Nebenwirkungen, oder in Ermangelung wirklichen Lebens zum preiswerten Home-Entertainment.

Egal, was ich zum Lesen in die Hand nahm, und es wird vielen anderen LeserInnen genauso ergangen sein, irgendwie musste das Geschehen die Möglichkeit beinhalten, dass die Handlung eventuell realistisch sein könne; unabhängig vom jeweiligen Genre. Selbst ein Sciencefiction Roman, bei mir waren es die Jules Verne Bände, die ich regelrecht verschlang, löste durch die Kunst des Geschichtenerzählens immer den Effekt des potentiellen Wahrheitsgehalts oder Möglichkeitsgrades aus.

Als Kind liebte ich es, Geschichten zu erfinden; jeden Tag gab es eine neue Geschichte, während ich in der Sandkiste den Sand liebevoll anhäufte, Sandberge versetzte, Straßen, Täler und Schluchten schuf, mystische Burgen baute und die Oberflächen immer wieder von Neuem mit den Handflächen nacharbeitete. Obwohl ich an der Nordsee groß wurde, machte ich mir nicht viel aus großen Sandburgen; sie boten nicht die Vielfalt oder die Vielschichtigkeit von Aufbaumöglichkeiten, wie ich sie in meiner Sandkiste hatte.

Meine Erzählkunst fand außerhalb des Unterrichts statt; ich hatte nur einen Zuhörer, den besten, wie ich damals fand – und dieser Zuhörer war ich selbst. Es galt also Geschichten zu erfinden, die den Zuhörer niemals langweilten – also waren Wiederholungen oder Variationen eines Themas nicht erlaubt. Der Erzähler ließ sich gerne vom Zuhörer herausfordern, ohne zu wissen, das er dabei war, ein solides Fundament für eine schriftstellerische Tätigkeit zu entwickeln.

Zwar hatte die Schule schon lange angefangen, den Zugang zur rechten Hirnsphäre systematisch zu sabotieren, doch das rebellische Kind ließ es sich nicht nehmen, seine Freiheit zu leben – und wusste von Anbeginn der Schulzeit, wem die Stunde schlägt, obwohl es sich immer die Frage stellte, welchen Zweck Hemingway mit diesem abstrusen Dativ verfolgte.

Ab zwölf erschien es nicht mehr altersgemäß, in der Sandkiste zu hocken, und damit begann der Fall der kindlichen Freiheit. Die Sandkiste wurde demontiert, die Anforderungen des elitären Oberschulunterrichts stiegen radikal in die Höhe, dass selbst Spaziergänge in dem malerischen Wald- und Seengebiet meines vergessenen Dorfes zur Seltenheit wurden. Schließlich die systematische Selbstentfremdung eines dümmlichen Deutschunterrichts; nicht ansetzend an der Erlebniswelt eines Kindes oder Jugendlichen, sondern beginnend in einer abstrakten Grammatiklehre, gemischt mit sogenannten literarischen Ergüssen, die nur Schaudern und Abwehr in mir hervorriefen. Deutsch, nicht nur wegen des Faschismus, wurde für mich zur Fremdsprache Nummer Eins.

Erst als ich begann, einfache Ansichten zu formulieren, begann das schreibende Leben für mich interessant zu werden. Mein erster Leserbrief an das Jeversche Wochenblatt forderte die Leser und Leserinnen auf, die kleinen und sauberen Seen meines Heimatdorfes zu besuchen – anstelle des nicht gerade sauberen Schwimmbades, das an einer Hauptstraße gelegen war. Irgendjemand passte meine Ansicht nicht, und schon bald war meine Arbeit preisgekrönt. Ein Gericht verurteilte mich zu einer Geldstrafe von einhundert Mark, weil ich angeblich zu einer öffentlich strafbaren Handlung aufgerufen hatte. Auch wenn ich mich über diese Idioten gewaltig ärgerte, eines hatte ich begriffen. Wer schreiben kann UND wer Argumente hat, der macht sich beliebt und unbeliebt zugleich.

Das journalistische Schreiben, das sich an vielen Wehwehs orientiert, ist für jeden Roboter leicht erlernbar. Mir half es, komplexe und undurchschaubare Schachtelsatzstrukturen zugunsten verständlicher Sprachkonstruktionen aufzugeben. Ich beobachtete mich, wie ich es als Journalist genoss, dabei zu sein. Besser kann ich es heute nicht ausdrücken, was der Grundstock guter Journalistik ist. Es ist das Dabei-Sein. Es ist das Selbst-Erleben. Das Begreifliche einer Situation. Ich mochte niemals die Kollegen, die eigentlich niemals auf einem Termin anwesend waren, und dennoch als Redakteure schmissige Texte schrieben, nachdem sie ein Kurzinterview mit Skizzenblock und spitzem Bleistift durchgeführt hatten, ohne anteilzunehmen, ohne „Leben“ geschnuppert zu haben.

Meine erste richtige Reportage konnte ich nicht einmal vermarkten. Die Redaktion eines Radiosenders schickte einen Ghostwriter, nachdem ich die Basisarbeit gemacht hatte. Damals interessierte mich das Phänomen der „Drückerkolonnen“. Anfang der achtziger Jahre hatte sich ein politischer Freund auf und davon gemacht; und seine Schwester bat mich, ihn zu suchen. So studierte ich zunächst den Stellenmarkt des Weser-Kuriers, meldete mich bei einem ominösen Unternehmen, das in einem betuchten Stadtviertel eine Kellerwohnung als Quartier hatte, schlich mich unter falschem Namen in eine Drückerkolonne ein, beobachtete das „Livegeschehen“ solange, bis ich genug Informationen gesammelt hatte und meine Angst mir sagte, ich solle lieber die Flucht antreten, bevor es zu spät sei. Den Freund habe ich nicht gefunden, seine Schwester – und viele Zuhörer – erhielten Informationen, die sonst keiner transportierte. Der Stoff ist heute immer noch interessant für eine Kurzgeschichte, 1980 habe ich gesehen, wie ich arbeiten will; nur konnte ich damals nicht genau verstehen, warum meine Herangehensweise anders und besser ist als das Abschreiben vorgefertigter Meldungen oder das Verlautbaren der Ansichten Mächtiger.

Noch konnte ich nicht den Wert abschätzen, der sich aus dem Grundsatz ergibt, nur über das zu schreiben, was man selbst erlebt und eigenständig recherchiert hat. Es brauchte seine Zeit, um als freier Journalist aus dem Alltag der SiebenWehs auszusteigen, und es brauchte noch mehr Zeit, um auf ein weißes Blatt zu starren, solange, bis das Innere sagt, „Okay, jetzt kannst Du anfangen.“ Das Schreiben wurde zur Herausforderung; sich selbst gegenüber. Erst einmal nur sich selbst gegenüber, vor allem in Beziehung zu dem inneren Zuhörer. Der kannte das Geschehen, weil er es miterlebt hatte. Und weil dieser Unsichtbare keine Lust auf Wiederholung hatte, erst recht nicht auf eine langweilige lineare Erzählkonstruktion, musste sich mein Inneres mit dem Leben genau beschäftigen, es geistig durchdringen, es mit den Sinnen und Händen anfassen, bis es auf allen Ebenen begreiflich wurde.

Als ich soweit war, befand sich eines Tages ein Brief in meiner Post. Ein anonymer Absender, ein Mensch, der sich mir nicht zeigte, der mich und meine Arbeit wertschätzte. In dem Schreiben legte er mir nahe, ich solle literarisch schreiben, das journalistische sei es nicht. Mein Ego gluckste vor Freude, doch mein Inneres kapitulierte. Ich hatte zu wenig Stoff, kein redaktionelles Umfeld und noch nicht das gewisse Etwas, um Geschichten mit Gehalt schreiben zu können.

Es waren die Märchen aus TausendundeinerNacht, die es mir angetan hatten. Sie waren mein innerer Maßstab für literarisches Schaffen. Wenn ich erzähle, so sagte irgendetwas in mir, dann soll es einen tieferen Sinn haben, der natürlich in das Geschehen eingewoben ist, leicht, sanft und liebevoll, ohne dem Leser oder der Leserin zu nahe zu treten, ohne in absichtlicher Weise zu manipulieren. Das Schreiben und das Leben sollten eins sein.

Ohne das Leben, das konkrete und das geheimnisvolle, entschlüsselt zu haben, konnte ich mich nicht an die Arbeit machen. Zwar hatte ich angefangen, mich mit Osho anzufreunden, aber ich war noch nicht soweit. Mein ehrliches Brot verdiente ich zu dieser Zeit lieber mit Taxifahren; für das Heuchlerische und Unterwürfige war ich nicht zu haben. Immer, wenn es mir in Redaktionen zu heikel wurde, also immer dann, wenn ich kein gutes Gefühl hatte, innerhalb eines bestimmten Kontextes zu schreiben und zu photographieren, beendete ich eine Zusammenarbeit, die letztenendes keine Zusammenarbeit war, sondern ein Befolgen der journalistischen Leitlinie zu unfairen Konditionen.

Wenn die Leitlinie zur Leidlinie wurde, stieg ich aus.


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