ERFAHRUNGSBERICHT EINES FOTOJOURNALISTEN

Eine Humoreske von Burcado Nowak

So wie sie aussah, gab es keinen Zweifel. Die Frau, die vor mir stand, und die ich mit aller List und Raffinesse – und das nicht einmal aufdringlich, eher dezent, wie es meinem Wesen entsprach – zu überzeugen versuchte, freundlich in die Kamera zu schauen, tat sich nicht leicht, ein Fünkchen Schönheit in sich zu entdecken, geschweige, dass sie bereit war, es einen Fremden für sich zu tun zu lassen. Sie kandidierte für irgendein langweiliges Amt in der Kirche, und ich konnte es mir nicht verkneifen, einen jungenhaften Witz über die Rolle eines Kirchenvorstehers zu machen, intellektuell getarnt, versteht sich. Sie war jedoch nicht zu doof, um mich misszuverstehen, denn wenn ich in diesen Angelegenheiten meinen Mund aufmache, auch wenn mein Lächeln bei meinen Worten noch so süffisant erscheinen mag, weiß der andere Mensch sofort Bescheid, was gemeint ist.

Da half keine nette Überleitung, um sie vergessen zu lassen, wie ich mir im ersten Augenblick unserer Begegnung vorstellte, sie würde jetzt eine Amtszeit lang täglich vor der Kirche stehen. Und auch keine Ausflucht, dass die Sprache von uns Menschen nicht immer gut behandelt werde, weil mein Unterton zu deutlich verriet, dass es gewisse Menschen gab, die die Sprache aushöhlten, ihren Sinn zerstörten und aus der Hülse ein gewichtige Sache machten. Und selbstverständlich implizierte mein trockener Humor, dass ich mir im Grunde genommen nichts aus Leuten machte, die ihr Ego durch ein Amt, und sei es noch so beschissen, aufblasen.

So wie sie aussah, machte sie sich nichts aus Blasen. Sie hätte vielmehr die Gründerin einer klerikalen Ortsgruppe – oder einer Liga – gegen Jugendsexualität sein können, doch ehrlich gesagt, sie war zu jung dafür. Wahrscheinlich war es ihre Mutter oder ihre Großmutter, die die örtliche Sektion vom Bund Deutscher Mädel gegründet hatte. Aus meinen Unterlagen ging hervor, dass sie nicht immer abstinent gewesen war, zumindest musste es einmal Sex in ihrem Leben gegeben haben und der Ruf, der ihrer Tochter vorauseilte, die, wie ich hörte, eine junge Frau im besten Alter sei, war eher das natürliche und sexuell bewusste Komposit ihrer Mutter, so, wie ich es mir manchmal in meinen kühnsten Träumen vorstellte.

Weil ich meine Arbeit liebe, tat ich alles, um George Orwells Alptraum aufzumuntern, trat ein wenig näher an sie heran, und schenkte ihr einen Hauch meiner guten Laune, auch wenn mein Auftraggeber aus ihren Reihen mich nicht besonders gut bezahlte, obwohl der Herr Pastor, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war, mir immer wieder versicherte, wie fürstlich doch mein Honorar sei. Mein alltägliches Taschengeld aus der Fotografiererei reichte nicht dafür aus, mir eine Frau aus Thailand per Katalog zu bestellen, so wie es jenes Großmaul tat. Aber das ist eine andere Geschichte, und so verschwiegen, wie ich bin, werde ich nichts darüber schreiben, wie der Herr Pastor reagierte, als er erfuhr, dass sein neues Spielzeug blind war, auch wenn ich aus guter Quelle über seine Bigotterie unterrichtet worden bin.

Mein Fotomodell wider Willen lenkte langsam ein, sich mit meinen Hinweisen zu arrangieren und trat näher an die Kamera heran, um sich, spiegelnd in der Linse, rein mental beim morgendlichen Spiegelritual freundlich in die Augen zu sehen und wenigstens einmal den Versuch zu unternehmen, ihre Schönheit zu entdecken. Bevor ich ihr einen weiteren Rettungsanker zuwerfen konnte, hatte es „Szuhm“ gemacht und ich hatte meine Aufnahme in der Kiste. Begründen lässt sich der „kleine Erfolg“ nicht. Lag es an mir, dass ich mir redlich Mühe gab, lag es an dem Sonnenlicht, das meinem Gegenüber ein wenig Freude schenkte oder war es mein Wunsch von dem anderen anerkannt zu werden, mein Heischen nach Sympathie, das der neuen Kirchenvorsteherin letztendlich spiegelte, was sie wiederum in ihrem Rollenspiel  erwartete, auf einer Ebene, die ihr vertraut und sicher erschien? Ein Fotograf ist ein Meister der Oberfläche, tiefergehende Fragen wie diese vermochte ich nicht zu beantworten.

So blind wie ich war, hatte ich Einiges, was in diesem Zusammenhang interessant war, nicht richtig wahrgenommen. Eine Woche nach diesem Fototermin erzählte ich meiner Freundin Swantje, deren Alter ich an dieser Stelle lieber verschweige, nicht aus Furcht, eher aus Rücksichtnahme gegenüber meinem guten Freund Serge, der mir vor zwei Jahren ein Lolita-Ding andrehen wollte, zu welchen Mitteln ich gegriffen hatte, um die potentielle Kirchenvorsteherin schön zu färben. Swantje kicherte beim Zuhören, nicht so sehr, weil sie meine tapfere Selbstaufgabe toll fand, sondern weil sie sich vorstellte, wie sie mit dem asexuellen Traum umgegangen wäre.

„Du hättest sie mit mehr Fantasie zu einem entzückenden und genusssüchtigen Wesen machen können,“ sagte sie ernsthaft zu mir, „etwa so: „Liebe Frau Sowieso, wir machen jetzt eine kleine Fantasiereise miteinander. Eine harte Arbeitswoche liegt hinter ihnen, es ist Samstagnachmittag, ihre Tochter ist schon lange aus dem Hause verschwunden und ihr Mann lässt sich vor dem Fernseher beim Fußball volllaufen. Alles ist bestens vorbereitet; im Badezimmer haben Sie viele Kerzen angezündet und für guten Duft gesorgt. Sie ziehen sich  aus, um endlich im angenehm warmen Wasser zu sein. Sie streicheln ihren ganzen Körper und irgendwann endlich ihre Perle, stöhnen leise auf, und wenn sie kurz vorm Orgasmus sind, schauen sie freudestrahlend in die Kamera.“

Swantje lachte. Und so wie sie lachte, war sie die eigentliche Heldin der Geschichte. Und weil ihre Geschichte so schön war, lachte ich mit. Wir lachten solange, und wir lachten so laut, dass wir wirklich gesund waren, als wir uns eine Portion Eis bestellten. Nach einer kleinen Pause lachte sie wieder, diesmal unvermittelt und ohne Zusammenhang, scheinbar, jedenfalls konnte ich nichts erkennen, was auf meine Story oder ihre Handlung verwies. „Ich habe dir noch gar nicht gesagt,“ flüsterte sie leise in mein rechtes Ohr, und knabberte an einigen empfindlichen Stellen, „dass meine Mutter sich für das Amt einer Kirchenvorsteherin zur Verfügung gestellt hat.“ Swantje war, seitdem ich sie kenne, immer geheimnisvoll. Und sie legte es darauf an, mich zu intellektuellen Leistungen zu bewegen. Ich brauchte nicht lange, um zu kombinieren, dass mein Fotomodell ihre Mutter gewesen ist. Um ehrlich zu sein, ich habe Swantje noch nie nach ihrem Nachnamen gefragt, genausowenig, wie ich sie zuhause besucht habe.

„Wo wir gerade dabei sind,“ flüsterte sie ins andere Ohr, ohne ihre Zärtlichkeiten dabei zu vergessen, „du könntest mich auch einmal fotografieren, so, als würdest du mich nicht kennen.“ Ich nickte, und mein Spaßmacher freute sich, weil die Fotosessions mit Swantje alles andere als langweilig waren – und vor allen Dingen keine aufwendigen Stories brauchten, um nicht nur zu fotografischen Höhepunkten zu kommen. An Rollenspiele hatte ich bislang noch nie gedacht, weil Swantje tausend Ideen hatte, um sich zu inszenieren, so, wie sie gerade war, angezogen oder auch nicht, sich Fantasiekostüme nähte, Kostüme, die fast alles offen ließen, genau auf die Weise, mit der die Frauen aus Kreta, jedenfalls die, von denen wir Männer heute noch gerne sprechen, göttliche Gefühle erzeugt hatten, mehr noch, wäre Swantje ein Jüngling, hätte auch der runde Po mit seinen Möglichkeiten selbst die alten Griechen gelockt und verlockt, sie spielte mit ihrer Lieblingsfreundin vor meiner Kamera, nackt und authentisch, ohne dass ich auf irgendeine Weise Regie führen musste.

„Ab sofort wird Portraitfotografie mit unbekannten Frauen zum französischen Festessen. Zuerst schleppst du sie zum nächstbesten Friseur und wäscht ihr die Haare. Das ist eine gute Weise, sich kennenzulernen,“ meinte Swantje. „Du temperierst das Wasser und erkundigst dich dabei nach ihrem Wohlbefinden, fragst, ob sie ihre Augen mit einem Tuch schützen will und nimmst dir eine gute Viertelstunde Zeit, um ihre Kopfhaut, mal sanft und mal stärker, zu massieren. Deine Daumen berühren immer wieder, so wie unabsichtlich und ungewollt, besonders sanft und erotisch ihre Ohrläppchen, vielleicht möchte sie auch ihre Augenbrauen und die Lider verwöhnt wissen. Schließlich frottierst du ihre Haare, ohne zu vergessen, ihren Nacken und Schulteransatz liebevoll zu bedenken. Entweder rieseln ihr angenehme Schauern über den Rücken, hinunter bis zum Po bis zum Ursprung ihres Seins, oder,“ und da machte Swantje eine künstlerische Pause, „oder du hast alles vermasselt oder merkst, dass du sie nicht fotografieren möchtest.“ Und wieder lachten wir, bevor Swantje nachschob: „Oder möchtest einen Menschen wirklich fotografieren, den du überhaupt nicht kennst?“

An diesem Nachmittag fanden wir keinen Friseur, der uns seine Möglichkeiten zur Verfügung stellte. Zu Swantjes Mutter wollten wir auch nicht und zum guten Schluss wanderten wir zu mir. Swantjes Sinn für Variationen war mittlerweile lebendig geworden. Weil sie nicht nur ihr Gesicht abgebildet, sondern von Kopf bis Fuß fotografiert werden wollte, landeten wir in meiner Badewanne. Immer, wenn ich heutzutage Portraits mache, von Menschen, die ich nicht kenne, denke ich liebevoll und dankend an Swantjes Fantasie zurück. Bislang habe ich noch nie das Interesse gehabt, mit meinen Kundinnen zum Friseur zu gehen. Vielleicht sollte ich professionell ein anderes Klientel fotografieren, bevor 1984 vollends Wirklichkeit wird.

PS

Gerne hätte ich das Bild von Swantjes Mutter beigefügt, aber Swantje bat mich, würdevoll mit ihrer Mutter umzugehen. So habe ich eine handgefertigte Kopie angefertigt, sicherheitshalber.

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