Laß dir Zeit. Welch wunderbares Mantra. Laß dir Zeit. Es ist ein Geschenk des Himmels, es ist ein Geschenk der Weisen, die unter uns weilen.

Der Engel, der mir dieses Mantra schenkte, hatte sich als Vater verkleidet, und er tat dies, weil er wußte, daß mein Vater in diesen Angelegenheiten vergeßlich war und verführte ihn zum Kauf einer runden schwarzen Scheibe, nicht besonders groß, und mit Goldlettern, die das Mantra darstellten. Unser Engel flüsterte dem Chef des Hauses ins Ohr, er müsse das wertvolle Mandala sichtbar aufhängen, in einem Raum, in dem er, der Vielbeschäftigte, sich oft aufhielt – jenseits des Geschäfts.

Vater, der zu jener Zeit noch zugänglich für Eingebungen war, ließ sich von seiner Intuition leiten, und entschied sich für ein Zimmer, das das Licht des Ostens in sich aufnahm, die Lichtstrahlen reflektierend, die Spirit überliefern wollte, Botschafter des Großen Geheimnis, Wesenheit des Ostens.

Das Zimmer war mehr meine Schatztruhe als Refugium meines Vaters, auch, wenn er all das, was für seine Entspannung wichtig war, hineinstellte, wenngleich es das Zimmer meines großen Bruders war. Seine Entscheidung, genau hier inmitten eines kleinen Paradieses mit einer Musiktruhe, einen Platz für das Mantra zu finden, eröffnete mir ungeahnte Möglichkeiten.

„Laß dir Zeit,“ das war zunächst die Weisheit, die das Mantra selbst erfüllte, geduldig wartend mit einer unendlichen Freizügigkeit, bis jeder auf seine Weise sich den eigentlichen Gehalt des Mantras zu eigen machte; zunächst arbeitete sich das Mantra in das Unbewußte, indem es einfach da war; keiner konnte umhin, das schwarze Rund mit dem goldenen Schriftzug nicht wahrzunehmen.

Da sein, nichts zu sagen, einfach nur zu wirken mit der Macht der Symbolik des Kreises – alleine das war unendlich weise.

„Präsenz,“ so lehrte uns der Engel, „ist Energie. Du kannst sie aktiv oder passiv gestalten, doch Präsenz ist die Basis für wirkende, gestaltende Kräfte.“

Und so ließ sich das Mantra Zeit, um langsam in das Bewußtsein von uns allen einzudringen, weil wir es nötig hatten, wir Männer, die die Kunst des Lebens aus der Tiefe des Lebens heraus verstehen sollten. Für Mam, die aus einer bäuerlichen Familie kam, spielte die schwarze Scheibe keine Rolle. Als Mutter, die mit drei Kindern schwanger gewesen war, konnte sie mit dem Phänomen der Zeit wie eine buddhistische Nonne, die nicht erleuchtet war, umgehen; genau, wie sie sich auf ihre Weise den Herausforderungen ihres Alltags stellte, leider vergessend, daß auch sie das Mantra benötigte, jedoch auf einer anderen Ebene als die Männer des Hauses.

Das Mandala, das neben dem Bücherregal meines Bruders hing, nahe dem Licht, jedoch im Schatten der Wand, verführte mich mit Leichtigkeit, mir Zeit zu nehmen, um mit meinen Impulsen arbeiten zu können. Es waren drei Regalbretter, drei Ebenen übereinander, jedes ungefähr neunzig Zentimeter breit, also lang genug, um viele Bücher aufzunehmen.

„Zuviele,“ wie ich damals empfand, zuviele, um spontan sagen zu können, das interessiert mich – und jenes interessiert mich nicht. Alles war interessant, – und alles gehörte meinem Bruder, der das kostbare Bücherregal und ebenso die große Märklin-Eisenbahn mit einem Zauber geschützt hatte, und mir, genau wie der Herr PaPa, eine wichtige Lektion über das Wesen eines Tabus beibrachte.

Bevor ich das Tabu brach, unsicher, sicher und zielstrebig, vergingen mehrere Jahre, bis ich den Mut hatte, mich den Gräbern, den Göttern und den Gelehrten zu nähern. Meine Schutzengel hatte ich irgendwann, eines Tages, zufällig entdeckt; zufällig hatten sie sich versteckt, wo sich die Märchenschallplatten befanden, die hörbaren, die zwar nicht mir gehörten, sondern meinem Bruder, dem Sammler, der so freundlich war, sie nicht wegzuwerfen, als er zu alt war für die christlichen Märchen des Grauens, mich aber auch nicht vor dem kalten Herzen Hauffs schützen konnte.

Engel lieben es, sich zu verkleiden und diesmal folgten sie dem musikalischen Trend der Zeit und ließen sich in kleine schwarze Platten als Tonrillen pressen, mit einem Cover versehen, das die Angelegenheit geschickt tarnte. Es waren die Rolling Stones, die es gleich beim ersten Anlauf zweimal versuchten, über meine Ohren mein Herz und meine Seele zu erreichen.

Klar war, daß es sich bei ihrer Botschaft um Zeit drehen mußte; sehr offensichtlich ebenfalls, weil es gleich zwei Titel gab, die das Phänomen der Zeit in sich bargen, etwas von immenser Bedeutung mitteilen wollten, nur nicht direkt, eher mit dem Nimbus der möglichen Entschleierung einer Dimension, die ein zehnjähriges Kind erfühlen und erahnen, nur noch nicht begreifen konnte.

So hatte ich Zeit, um die Zeit verstehen zu können.

IN DEN UNTERSCHIEDLICHEN LEBENSRÄUMEN, in denen ich mich damals bewegte, spürte ich deutlich unterschiedliche Zeitphänomene, die ich gefühlsmäßig mit Leichtigkeit wahrnehmen, doch nicht entschlüsseln konnte.

Es gab die gepreßte Zeit, die mit der totalen Unterdrückung aller Gefühle einherging – und mit der Einschränkung, vielmehr dem Verbot, allen natürlichen Impulsen Ausdruck zu geben. Meine Eltern hatten es nicht geschafft, mich ruhig zu stellen und so machten sich Lehrer daran, meinen Bewegungsdrang mit subtilen, aber wirksamen, bedrohlich wirkenden Methoden unterdrücken zu wollen. So entwickelte sich ein Wechselspiel zwischen Anpassung, um überleben zu können, und dem Herstellen von Lebensräumen voller Freude und Lust, verbunden mit dem unersättlichen Drang, der Welt der toten Zeit Lebensräume abzuringen, sich intuitiv dem Wesentlichen zu widmen, wann immer es möglich war, und aus Gelegenheiten wurden Entscheidungen, und aus Hindernissen ebenfalls; das Innere entschied sich für das Spielen, für das Entdecken, für das Lebendig-Sein, ohne als Verstandesangelegenheit in Erscheinung zu treten.

Ich war acht Jahre jung, als ich das Stehenbleiben der Zeit mit dem Herzen wahrnahm – in Gegenwart eines Mädchens, das zwei Jahre jünger war als ich, kurze Zeit nach dem ich sie in der Aula meiner Grundschule entdeckt hatte, ihr Gesicht, ihre langen blonden Haare, ihr Wesen, das mich an einen Engel erinnerte. Um sie kennenzulernen, das war wohl die wichtigste Erfahrung jener Zeit, mußte ich einen Impuls wahrnehmen, eine innere Erregung, die von großer Bedeutung war – und ich mußte dem Impuls folgen, ihm Energie geben, um sie kennenzulernen, mußte Grenzen überschreiten, mich auf sie zu bewegen, um ihr zu sagen, daß ich sie besuchen wolle, um mit ihr spielen und mit ihr Zeit verbringen zu wollen.

Aus dem Impuls wurden sechs schöne Stunden an einem Nachmittag im Frühling, die, als die Dämmerung lebendig wurde, mir das Gefühl vermittelten, daß die Zeit sich aufgelöst habe, wundersamst, in der Schönheit des Miteinanders, des gemeinsamen Gestaltens, dem spontanen Ausdrücken des Wünschens, von Impuls zu Impuls, fließend in der Zeit zu sein.

Es gab zwei andere Lebensräume, in denen ich das Gefühl der Unendlichkeit wahrnahm, obwohl diese Welten anders waren und auch gewisse Anstrengungen erforderten.

Da war der Heuboden meines Mutter-Großvaters, den ich eigentlich nicht betreten durfte, aber die Verlockung eines großartigen Trichter-Grammophons in sich barg, und den ich betrat, mit dem Gefühl des Verbotenen zwar, jedoch um die emotionale Weichheit des Verbots von Oma wissend, eine Höhle der Geborgenheit, in der Verzauberung möglich war, anders, als es Fitzgeraldo tat, doch den Keim, daß Glaube Berge versetzen könne, in seiner ganzen Tragweite spürend, bis zwei Jungen, deren Vater Nazi war, mein Paradies in ihrer Zerstörungslust innerhalb weniger Minuten unwiederbringlich zerstörten.

Das, was für lange Zeit ununterbrochen meinen eigentlichen Lebensraum darstellte, das waren die Wälder und Seen, die mein Dorf säumten. Keine Hausaufgaben, kein Zeitzwang meines cholerischen Vaters hielten mich davon ab, in den unendlichen Weiten das Gefühl der Geborgenheit und des Verbunden-Seins zu entdecken – und dieses Gefühl in die Länge zu ziehen, verbunden mit der einzigen Qualität, die ich dafür brauchte: Da zu sein.

Der Zauber der Bäume, unserer Verwandten, wie die Indianer sie nennen, konnte ich nicht mit den Augen und mit dem Verstand erkennen, obwohl mein Vater mir schon früh beigebracht hatte, daß auch ein Baum eine Seele habe, doch mit den Sinnesorganen des emotionalen Fühlens, das mich Vergessen lehrte – und mich zur rechten Zeit erinnerte, in die Welt der Ängste zurückzukehren, war ich geschützt – von meinen Freunden, den Bäumen.

Und dann, wenn der Schrecken der Rückkehr überwunden war, sangen mich die Rolling Stones in den Schlaf, streichelten meine Seele, so daß ich ruhig einschlafen konnte, wissend, daß die Zeit auf meiner Seite war.

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