Die Qualität der Wiederholung? Wiederholen? Ich mochte als Kind nicht Federball oder Fußball spielen, weil ich keine Lust hatte, etwas wieder zu holen. In den Wald ging ich gerne, jedoch ohne meine Eltern, weil ich neue Wege entdecken wollte – jenseits der Wege, um den Bäumen, Gräsern und Sträuchern, den Spuren der unbekannten Verwandten, wie es die Indianer sagen, und dem Gefühl der Unberührtheit, der Innocence, ganz nah sein zu können, immer wieder auf Neue, immer wieder neue Wege, die keine Wege waren, findend. Das war meine Art zu wiederholen, es mir wieder zu holen, das Gefühl, das die anderen Menschen, die ich kannte, vermeinte zu kennen, vergessen hatten, jedenfalls die meisten.

Daß ich meine Ablehnung gegenüber dem Wiederholen eines Tages aufgeben würde, hätte ich nicht von mir erwartet. Als es soweit war, als ich zum ersten Mal, ich glaube, ich war dreizehn, der Kraft der Wiederholung folgte, hob ich das Gesetz der Langeweile, das der Wiederholung innewohnt, im gleichen Moment auf, indem ich in mir etwas veränderte. Das Äußere – es waren eine Reihe von Tonbandaufnahmen wie Judy in Disguise, Do it again, Hello Goodbye, Sitting on dock of the bay – war in einer festgelegten Reihenfolge aufgezeichnet, das Innere war jedoch im Fluß, einer fortwährenden Bewegung des Wohlgefühls, eines Schwimmens inmitten einer Klangwelt, die meine Gefühle lebendig werden ließ, es war kein Aufbrausen, es war mehr ein Gefühl des Entkommen-Seins, verbunden mit einer stillen Dankbarkeit, weder stupide für die Schule leben zu müssen und nicht mehr die Knute des Alten zu spüren.

Das Wiederholen der neuen Stücke war ein Beenden.lassen der verhassten Umstände, und je stärker das Feuer der Hölle brannte, desto intensiver hörte ich die Klänge, eigentlich mehr den Sound von, naja, Love, Peace and Happiness kam erst später, ich hörte – ich hörte den Klang des Aufbruchs, der rebellischen Abwehr, ich hörte den stampfenden Beat von Beinen, die dort, wo sie zusammen kamen, Lust auf Wiederholung machten, kurzum, ich hörte eine Welt, die frei war von der Welt, die Hass, Kriege und Unglücklich-Sein vereinte.

Während die Jungens – meistens waren es in der Tat Männer, später kamen Diana Ross, Francoise Hardy und Jane Birkin hinzu – ihr Ding machten, und es so oft wiederholten, wie ich es wollte, fing ich an, mich zu bewegen, mal so und mal so; irgendwie immer anders. Warum das so war, und es nicht anders aus mir heraus ging, ich nicht der Kraft der mechanischen Wiederholung folgte, verstand ich nicht, und ich konnte mir keinen Reim daraus machen, warum mein Körper seinen eigenen Rhythmus beim Tanzen fand. Schon früh, ich glaube, es waren die Troggs, die mich darauf brachten, hatte ich ein Gefühl, ein „Wild Thing“ zu sein, vollkommen mißverstanden von den menschlichen Verwandten, die suggerierten, ich sei ein Monster, das nicht still sitzen könne.

Wie sehr sie sich irrten. Natürlich konnte ich still sein, wenn es etwas zu hören oder zu sehen gab, nicht am Schlüsselloch, denn ich war inmitten schöner Weiblichkeit, die selbst die Sonne lockte, ins Dunkle zu folgen, um die jungen Friseusinnen in Petticoats, während sie sich für die Arbeit umzogen, mit feurigen Strahlen liebkosen zu können. Oder wenn Jana – meine erste Liebe, die mich, als ich acht Jahre war und sie sechzehn, heiraten wollte, als Versprechen, während wir uns küssten – mein Portrait mit raschen Bleistiftstrichen aufs Papier brachte.

Eigentlich fing der Spaß vor der Tonband-Ära an, es war eine Schallplattenfräse – Plattenspieler mochte ich nicht zu dem Monstrum sagen – die mir zu verstehen gab, daß die Zeit auf meiner Seite war, vor allen Dingen, die es mir ermöglichte, Befriedigung zu bekommen, nicht Sa-tis-fak-tion, nein, genau das Gegenteil. Satisfaction.

Ich wusste noch lange nicht, was Junge und Mädchen machen können, alleine, zusammen, mit dem, was da zwischen ihren Beinen war. Daß es interessant sein mußte, hatte mir meine Mutter nicht verraten, und auch mein Vater nicht. Da ich keine Lust auf Wiederholungen hatte, stellte ich den beiden keine Fragen mehr, die sie mir nicht beantworteten, nicht beantworten wollten, wie ich eines Tages traurig feststellte. Tanzend entdeckte ich den Beat; ich spürte, aber ich wußte nicht.

Die Wiederholung fing an mich zu beschäftigen. In den sechzigern gab es nicht jeden Tag und erst recht nicht jede Stunde die Möglichkeit, Wonne aus dem Äther zu entdecken. Das Wort BFBS war ein Fremdwort für mich, und weil ich Wiederholungen ablehnte, fand ich mich nicht jeden Tag vor dem veralteten Plattenspieler wieder. Aber das Tonbandgerät war revolutionär; es ermöglichte mir jederzeit, ähmm, jederzeit, wenn ich eine freie Minute jenseits vom Streß fand, die ich alleine mit meiner Musik verbringen wollte. Es gab natürlich auch die andere freie Zeit, die ich verlängern wollte, ja, verlängern mußte, wenn ich überleben wollte. Meine Schulaufgaben konnte ich morgens im Bus machen, auf dem Mühlenrad des Schloßhügels, vorm Schulanfang, in den Pausen, manchmal sogar noch im Unterricht. Dieses Dilemma wiederholte sich Tag für Tag, und ich empfand diese Struktur der Wiederholung anstrengend, erdrückend, erwürgend – einfach nur unmenschlich.

Die Beatles hingegen waren meine ersten Aufklärer. I wonna hold your hand, das war der Satz, den ich mit zehn brauchte, um mein Leben zu verändern. She loves you – das war es, worauf es für mich damals ankam. Es waren die Phrasen, die zuerst in mir hängen blieben, dann die Melodie, dann der Rhythmus, dann die Instrumentalisierung, das Zusammenspiel aller, die Solis, eben alles zusammen, bis ich anfing, den Blues zu entdecken, die einzelne Note, solange, bis ich herausfand, wo die Perle war.

Und in dem Moment, als ich eine Ahnung von der Schatzsuche hatte, verzauberte mich die Kraft der Wiederholung. I’m dazed and confused – das war es, das mich mehr als ahnen ließ, lange, bevor meine Finger tasten durften, lange, bevor es warm und fließend wurde, lange, bevor ich verstand, das Verschmelzen und Erregen keine Kunst der Wiederholung kennen.

Jeder Moment ist ein neuer Moment. Und damit das weiterhin so sein kann, war ich froh, eines Tages zu spüren,  daß ich derart mit der Musik verhangen bin, so daß die Welt der Musik und meine Welt der Assoziationen zu eng miteinander verknüpft waren. Um frei zu sein, wirklich frei zu sein von der Qualität der Wiederholung, musste ich das Stück erst einmal so gut kennen, das ich es absolut verinnerlicht hatte. Wenn ich soweit war, die Musik wirklich lieben zu können, hörend, tanzend, tagträumend, ohrwürmeleiend, eben mehr, als spontan verliebt zu sein, mehr als ein falling in love again, dann kam der radikale Einschnitt. Die Tonbänder verschwanden eines Tages – und waren nicht mehr auffindbar.

Doch erst in diesem Moment, als das Geliebte nicht mehr da war, fühlte ich, wußte ich, wie wichtig mir diese Welt war, die ich nach Belieben in meiner Welt hören konnte, wenn ich es wollte. Auf einmal war klar, dass ich die Bezugspunkte setzen konnte, indem ich eigene LPs hatte. Dann war es keine Wiederholung mehr, dann spielte ich eine Idee, ein Gefühl ein, ließ mich auf eine neue Weise schwimmen und treiben. Water Bearer.

Pink Floyd beflügelte meine Inspiration, ich lebte, ich war verliebt – jenseits aller Tabus – und machte mich daran, mit Atom Heart Mother meine Träume zu erfüllen; auf beiden Ebenen, irdisch und transzendental. Irdisch – das war nicht nur irdisch; das Irdische bekam viele Dimensionen, auch, wenn die Entdeckung des Spirituellen erst später kam. Dann, als meine Faszination für die Wiederholung des Aufregenden begann, die Wärme, das Gefühl, den geliebten Menschen zu spüren, die Wiederholung, den Pullover berühren zu dürfen, einen Hemdknopf öffnen zu dürfen – und noch einen und noch einen, den Reißverschluß und dann all das Schöne, was mit dem Berühren und dem Öffnen verbunden ist.

Do it again.

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LED ZEPPLIN | PHOTO: CC-BY-SA-2.5-IT (Copyright Owners: Giovanni Savastano & Sebastiano Riva) – WIKIPEDIA | COMMONSENSE | Picture of a Led Zeppelin exhibition at Montreaux taken on March 7, 1970 by Fabio Rizzato

FIRST PUBLISHED ON: CHANNEL SAINT MICHELLE.

Auf dem Musikkanal von Saint Michelle findest du die Musik, die in dem Feature erwähnt wurde, indem du dort die Blogseiten zurückblätterst – Multi.Media.Art.

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Ein Gedanke zu “Do it. Do it again.

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