Während sich die freien Kräfte zielstrebig manifestierten, ohne den Anspruch zu erheben, existent zu sein, verbunden mit dem jahrtausendalten Wissen, daß jedes Individuum – das Mensch geworden ist, zumindest körperlich -, seine Zeit benötige, um die Schleier der Illusion wahrzunehmen, ihre Geheimnisse zu entziffern, um zum eigentlichen Gehalt des eigentlichen, essentiellen Gehalt des eigenen Lebens in Verbundenheit mit allen anderen Lebewesen fortzuschreiten, machten sich die restriktiven und regressiven Kräfte bereit, das Erwachen des Spielers zu erschweren, wenn nicht sogar von seiner Bestimmung, vom Erkennen seiner Lebensaufgabe, von der Entfaltung seiner Talente und Fähigkeiten fernzuhalten.

Die dunkle Macht, dessen Irrsinn unvorstellbar vielen Mensch Qualen, Folter, Tod gebracht hatte, öffnete zeitweilig Sektionen, vor allem, um sich selbst nach den Kämpfen zu regenerieren, mit der Gewißheit, währenddessen das neue Leben zu beobachten, zu kontrollieren und zu funktionalisieren sowie aufs Neue zu foltern und zu zerstören.

Die Zeit, die falsche, verschlang alles, was mir wichtig war. Kaum hatte ich Freude gewonnen, Hausaufgaben der Eliteschule schöpferisch zu lösen und beispielsweise das Biologiepensum malend zu illustrieren, lustvoll, kreativ und voller Hingabe, verriet mir die Dunkelheit der beginnenden Nacht, daß das Zeitkontingent nicht ausreichte, um alle Aufgaben gewissenhaft und liebevoll anzugehen. Um die innere Gesetzmäßigkeit von Ruhe und Anspannung nicht wissend, fühlte sich alles in mir schon bald verbraucht an, gequält und perspektivlos.

Ich war erschrocken, zutiefst erschrocken, als ich feststellte, daß ich meine kindliche Unbefangenheit, meine Innocence, meine Unschuld verloren hatte, nicht mehr fliegen konnte, nicht einmal mehr in Gedanken – die äußeren Zwänge hatten meine Flügel gestutzt, während der Vater meine Haarpracht mit einem amerikanischen Militärhaarschnitt verstümmelt hatte – oder war es die Brutalität eines Nazifriseurs, der den jüdischen Menschen die Haare vom Kopfe riß? Die Leichtigkeit des Seins, das gewisse Ursprüngliche, war unter diesen Lasten zugeschüttet worden.

All das, was ich zum Leben, zum natürlichen Leben benötigte – Sonne, frische Luft und Bewegung, das Spielen und das Entdecken, das Zusammensein mit Freunden, sogar mit den Verwandten, den nahen und den ganz nahen, war mir auf grausamste Weise verwehrt; heimtückisch, wie dieser Angriff verlief, verschob er die Grenzen emotional intelligenter Wahrnehmung, begründete sich mit verklärenden Begriffen, die sich nicht offen als verlogene Kausalität darstellten, sondern vom Opfer scheinbar freiwillig erschlossen wurden: Notwendigkeit, Schicksal, Determiniertheit und Schuldigkeit. Themenkomplexe christlicher Konditionierung.

Vordergründig betrachtet, hatte ich keine Verbündeten mehr; ich stand alleine vor den Aufgaben der Schule, war schutzlos dem Zwang der dunklen Mächte ausgeliefert, besuchte mangels Zeit nicht einmal meine Freunde, die Bäume, all das, ohne Bewußtheit über diese Situation zu haben.

Zum Abschluß des fünften Schuljahres fing ich an, etwas zu registrieren. Ich stellte mir das wirkliche Ende der schulischen Folterzeit vor – und vergegenwärtigte, daß noch acht Jahre des Horrors vor mir lagen. Ich machte mir keine Gedanken ob eines Sieges oder einer Niederlage – pures intuitives Wissen. Die Realschule hatte den Impetus einer Fließbandkonstruktion, während das Gymnasium gewisse Freiräume eröffnen würde. Den Erfolg des trostlosen Unterfangens stellte ich trotz allem nicht in Frage.

DIE ERSTE LÖSUNG kam „en passant“. Diesen Ausdruck lernte ich von einem Freund, Spiegelbild meiner äußeren Physis, der mir das Schachspielen beibrachte. Schach ist ein mentales Kriegsspiel; es mobilisiert alle geistigen und psychischen Kräfte, um mithilfe von Strategie und Taktik den Gegner entschieden zur Niederlage zu zwingen. So entstand eine Parallelwelt, die mir mein Selbstbewußtsein allmählich wiedergab, die mich Spielen auf einer anderen Ebene lehrte – und mir half, meine Intuition wiederzubeleben, obwohl Schach in seiner Gesamtheit keine kreative Intuition kennt, mehr intelligente Intuition, die auf Gedächtnisleistung und trainiertem Wissen beruht.

Mein Inneres erhielt eine gewisse Genugtuung, die mich jedoch auf anderen Ebenen, der natürlichen Sexualität, der Kooperation und des friedlichen Daseins, empfindlich störte. Jedoch konnte das Schachspielen eine exclusive Hilfestellung leisten, in dem ich Freiräume erhielt. Mit meinen Schachfreunden hatte ich „freie“ Nachmittage, manchmal sogar „freie“ Abende, bis ich soweit war, in Turnieren gegen andere Schulmannschaften anzutreten; lernte das Bier trinken, unfaire Tricks im Kampf gegen andere Mannschaften durch Aufstellungslisten und genoß das Gefühl, daß sich die Welt wieder öffnete, jenseits des schulischen Drangsals, frei von Noten und lehrerhaftem Blablabla, einen Hauch Gemeinschaftsgefühl spürend, einen ganz kleinen Hauch jenseits der Konkurrenz im Schulalltag, einer Konkurrenz, die es verbot, dem anderen kreativ und helfend beiseite zu stehen.

Schachspielen ist an sich eine kriegerische Handlung; noch bevor der Spieler den ersten Zug tätigt, ist der Krieg erklärt und versetzt jeden in den grenzenlosen Wahnsinn des Gewinnenwollens. Man mag darüber denken, wie man will; mir half diese Haltung einen Lebenskampf gegen die Kräfte, die ich nur diffus, aber dennoch gefühlsmäßig mittlerweile irgendwie beschreiben konnte, gewinnen zu wollen – mit allen Finessen und Taktiken, die ich intuitiv generieren konnte.

Das Gefühl des Versagt-Habens, das durch katastrophale Ergebnisse für das einstige Mathe-Ass verbunden war, breitete sich von Fach zu Fach aus. Doch es gab eine Kraft, die mir in jener Zeit half, gewisse Interessen ans Licht zu bringen. So freute ich mich regelmäßig auf den Beginn des neuen Schuljahrs, wohlwissend, daß ich die neuen Bücher lieben würde, alleine wegen ihrer Bilder und Graphiken. Meine Phantasie wurde beflügelt ob dieses Ereignisses.

Durch Zufall entdeckte ich eines Nachmittags in meinem Zimmer zeichnerische Talente, malte freihand das Portrait eines Fotomodells mit einem Courège-Haarschnitt und wunderte mich ob dem innewohnenden Geheimnis, das es nach vielen Ansätzen mit Blumen und Tannenbäumen erlaubte, Realitätsnähe skizzieren zu können. Abends wurde ich, das Kind gefragt, ob ich das gezeichnet hätte. Ich schaute fragend um mich, konnte aber niemanden erkennen, der jenen Bleistift derart geführt hatte.

Obwohl sich Niederlagen häuften, hatte ich ein immenses Vertrauen, es zu schaffen, wobei das „Es“ nicht definiert werden konnte, ein blindes Vertrauen, vielleicht mit der Dimension männlichen Größenwahns, aber auch ein intuitives Vertrauen, das die Gewißheit von Spirit (im indianischen Sinn) ausmacht.

Noch wußte ich nicht, daß ich spirituelle Qualitäten meiner Eltern „geerbt“ hatte, noch wußte ich nicht, daß ich den Überlebenswillen meines Vaters hatte, mit all den Fähigkeiten, die er sich während des Kriegs angeeignet hatte, die Antennen für Gefahren, sein strategisches und taktisches Denken, sein Tun, sein Handeln, sein Verbergen, seine Geheimnisse und seine Lügen. All das wurde in mir lebendig – und ich nutzte es auf meine Art. Welche Wirkung das ausgeprägte Wunschdenken meiner Mutter hatte, ihre Fähigkeit, visualisieren und Energien lenken zu können, konnte ich damals noch nicht nachvollziehen. Sehr spät erfuhr ich, daß meine Mutter-Urgroßmutter Kohlen mit bloßen Händen anfassen konnte.

Innerhalb meiner Familie hatte ich es gelernt zu überleben, Geheimnisse zu erahnen, zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Lange Zeit spielte ich Flüchten und Einbrechen – mit Erfolg, ohne zu wissen, daß dieses Wissen eines Tages Leben retten würde. All das half mir schon früh, unsichtbare, übertragbare Modelle für den Kosmos Schule anzufertigen. Und schließlich hatte ich den stärksten Verbündeten, den ich mir wünschen konnte – das Leben selbst. Es kam mir zu Hilfe, indem es mich in einen jungen Mann verwandelte, in ein Lebewesen, dessen sexuelle Kräfte mit jedem Tag stärker wurden.

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