Als Francesco Noval im Herbst 1997 siebzehn Jahre alt wurde, war er trotz vieler äußerer Umstände ein glücklicher Mensch. Kurz vor dem Abschluß seiner Realschulzeit machte er sich auf, um an einer schamanischen Visionssuche teilzunehmen. Anschließend stand er vor der schwierigen Aufgabe, seine erste Bewerbung zu entwerfen. Heute ist Francesco Noval Tischlermeister in einer niedersächsischen Kleinstadt. Er war so freundlich, mir sein erstes Bewerbungsschreiben zur Veröffentlichung zu überlassen.

BEWERBUNG UND LEBENSLAUF

von Francesco Noval

17 Jahre

Anrede

Also. Jetzt fängt es an, in meinem Kopf zu kreisen. Mein Gedanken kreisen um ein Thema. Wie soll ich Sie nur anreden? Wenn ich es mit „Sehr geehrter“ versuche, fällt mir ein, daß ich Sie ja nicht kenne. Wenn ich Sie nicht kenne, weiß ich als erstes nicht, ob ich Sie auch tatsächlich „ehren“ kann, d.h. ich weiß nicht, ob ich Sie rein persönlich, aber bitte nehmen Sie es jetzt nicht persönlich- überhaupt so ehrenvoll finde. Wenn ich diese vermeintliche Ehre auch noch mit einem „sehr“ steigere, kommt es mir vor, als ob ich Sie besonders ehrenwert halte, sozusagen für verehrungswürdig. Da ich Sie, wie gesagt, nicht kenne, fällt es mir schwer, Ihnen den Status eines Idols oder eines Heiligen zu geben.

Mit „Würdiger“ oder mit „Lieber“ kann ich Sie leider auch nicht anreden, da, und es tut mir leid, daß ich mich wiederhole, ich Sie nicht einschätzen kann. Eventuell sind Sie ja ein unwürdiger oder hassenswerter Mensch; oder nicht so extrem negativ betrachtet, nur ein lebendiges Mittelmaß. Vielleicht sollte ich Ihnen ja einfach Würde oder Liebe positiv unterstellen, aber wenn es nicht stimmen sollte, erwecke ich in Ihnen sofort einen falschen Eindruck. Denn ich möchte nicht, daß Sie annehmen, daß ich aus irgend einem Grund der Schmeichelei oder Hochstapelei verpflichtet sei. Nehmen Sie es mir also nicht übel, wenn ich eine einfache Begrüßungsformel benutze, die nach den menschlichen Gepflogenheiten bei Begegnungen von Bekannten und Unbekannten immer Zustimmung erhält: Guten Tag!

Nun stehe ich vor einer Aufgabe, die für mich kaum zu lösen ist. Mit meinen 17 Jahren habe ich also 17 Jahre lang gelebt, doch wie ich weiß, sind meine Erlebnisse, Abenteuer und Ansichten für Ihre Entscheidung non-relevant. Geboren, ledig, Schulbildung. Schluss. Und damit können Sie eine Entscheidung treffen? Mir jedoch kommt es vor, als ob ich mit meinem gelebten Leben für Sie erst einmal nicht existent bin.

Ja, wenn ich 40 Jahre alt und Manager wäre, dann könnte ich Ihnen das Eine oder auch das Andere erzählen. Oder auch nicht. Wie ich einem Handbuch für Bewerbungsschreiben entnommen habe, sind die meisten Führungskräfte nicht mal in der Lage, so eine einfache Addition ihrer Arbeitsstellen auf die Reihe zu bekommen. Für mich wäre das einfach, Ihnen zu schreiben, den und den Betrieb habe ich platt gemacht, die und die Gifte sind mir bestens geläufig, könnte Ihnen seitenlange Ausführungen über Rationalisierungs-, Kontroll- und Einsparungstechniken schildern, so daß Ihnen der Mund nur noch wässrig werden könnte. Vielleicht, so als persönlicher Nachtrag, damit wenigstens etwas Persönliches in meinem Brief drin stünde, eine kleine Abhandlung, wie man mit Gewissen, egal ob gut oder schlecht, auch diese Zeiten erfolgreich durchsteht. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, daß mein Leben weder so noch anders gelaufen ist.

Aber ich gönne mir noch einen Versuch. Meine Oma hat mir ihre Bibel ausgeliehen, weil sie ohnehin keine Zeit hat, da hineinzuschauen. Als ich den Lebenslauf des Herrn Jesus von Nazareth gelesen habe, war ich wirklich optimistisch gestimmt. Also, wie der dem Publikum vorgestellt wird, einfach phantastisch. Der kommt nicht in Verlegenheit, seine Existenz mit guten oder schlechten Schulnoten zu begründen. Nein, da fangen die Erzähler erst einmal mit einer langen Ahnenreihe an. Über 14 Generationen, Namen für Namen. Allein literarisch, ganz frei dem assoziativen Gedankengang folgend, höchst interessant. Leider verfüge ich nicht über den Zugriff zu meiner wohl noch längeren Ahnenstory, aber vielleicht reicht es ja aus, wenn ich Ihnen versichere, daß ich mich in näherer Zukunft darum bemühen werde, Ihnen die fehlenden Glieder meiner Ahnenkette vorzustellen.

Momentan bin ich bis in das 17. Jahrhundert meiner Vorvorvorväter und Vorvorvormütter meiner Vorvorvoropas und Vorvorvoromas vorgedrungen. Rein exemplarisch stelle ich Ihnen jetzt einige meiner Ahnen vor. Da gibt es beispielsweise den königlichen Seefahrer, der zahlreiche Expeditionen nach Südafrika und Ostasien unternahm. Oder den einfachen Schriftsetzer, der so einfallsreich war, daß er binnen weniger Lebensjahre selbst lehrreiche Schriften schreiben konnte. Leider wurde er von der römischen Inquisition grausam enthauptet, was aus heutiger Sicht mehr für, als gegen ihn spricht. Auch kann ich einen russischen Mystiker vorweisen, der beinahe im indischen Yogisitz gestorben wäre. Einen holländischen Maler, der Leonardo da Vinci so echt kopieren konnte, daß er und seine Familie nicht am Hungertuch leiden mussten. Da gab es auch eine Prinzessin, die einen Raubritter ehelichte, eine königliche Kurtisane, die Gedichte schrieb und bezaubernde Lieder zu ihrem lauten Spiel singen konnte. Irgendwann zu dieser Jahrhundertwende kommen wir zum kaiserlichen Werftarbeiter mit drei Häusern und neun Kindern oder zur könig-kaiserlichen Konditorin, die einen Husaren heirate und mit ihm ein Friseurgeschäft ganz in der Nähe Wiens führte.

Nun müssen Sie aber keine Angst bekommen, in mir flösse blaues Blut. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch. Mein Blut scheint gut gemischt zu sein und es ist keine Spur von dörflichen oder adeligen Inzestgebarens sichtbar. Weder äußerlich, noch innerlich. Das hat mir auch mein Hausarzt versichert. Auf Wunsch, so meinte mein Doktor, könne er diesen Nachweis auch ärztlicherseits attestieren. Darauf habe ich erst einmal verzichtet, in der Hoffnung, daß Sie meinen Aussagen bei einer persönlichen Begegnung offensichtlich Vertrauen schenken können.

Im Gegensatz zu Jesus bin ich keine Wundergeburt, jedoch römisch-katholisch erzogen worden. Wenn diese Tatsache ein Positivum für Sie sein sollte, bitte ich Sie darum, mich aus der Liste der Bewerber zu streichen. Sollte es andererseits ein Negativum für Sie sein, so möchte ich Ihnen zu bedenken geben, daß auch aus Lämmern Wölfe werden können. Außerdem besuche ich regelmäßig, genau genommen, dreimal in der Woche, eine Psychotherapeutin, die mir in der 23. Sitzung mit strahlendem Gesicht verkündete, daß mein Fall doch nicht so hoffnungslos sei, wie sie es zuerst angenommen hatte.

(Ach ja, während meiner Lehrzeit möchte ich Sie bitten, mich zu diesen Terminen freizustellen.)

Sollten Ihnen meine Ausführungen nicht ausreichen, so bleibt mir nur noch übrig, die Bibel zu zitieren. Ohne Anflug von Größenwahn teile ich Ihnen mit allem Nachdruck mit: Ich bin, der ich bin. Da diese Übersetzung aus dem Hebräischen nicht immer geläufig ist, glaube ich auch, daß es angebracht ist zu sagen: Ich werde, der ich werde.

Und wer, so vielleicht Ihre letzte Frage, wer wollen Sie werden? Auch darauf gibt es eine Antwort: „Werdet so wie die Kinder“, das soll jedenfalls dieser Jesus gesagt haben, auch wenn er der historischen Forschung nach nicht aus Nazareth stammte. Ich hoffe, daß Sie es weder damit noch mit meinen kleinen Lügen so genau nehmen. Womit ich eigentlich bei meinem Berufswunsch, was ich machen möchte, gelandet bin: Ich will ein Tischler mit hohem handwerklichen Wissen und Können werden. Mein Spezialinteresse gilt den Spielzeugen für kleine und große Menschen. Und das zweite Augenmerk möchte ich auf die Inneneinrichtungen von Lebensräumen richten.

Zwar möchte ich Ihnen nicht arrogant erscheinen, dennoch ist es mir wichtig zu betonen, daß ich bestimmte Erwartungen habe. Ich gehe davon aus, daß Sie sich in Wort und Schrift hervorragend ausdrücken können. (Mein Vater kannte einmal einen Tischlermeister, der tatsächlich Schwalben und Zinken verwechselt hat. Angesichts der vielen Spinnweben in seiner Werkstatt war zumindest dieses Manko leicht verständlich.) Ebenso dürfte es nützlich sein, wenn Sie sich im Laufe der Jahre eine originäre Philosophie angeeignet haben, die das Wesen des Menschen in seinem Sein erklärt und somit die Grundlagen für eine quasi erleuchtende Tischlerarbeit in sich trägt. Auch ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Psychologen, Meditationslehrern und Ökologen sowie mit Maurern, Architekten und Künstlern im Interesse eines menschlichen Wachstums.

Ich selbst erkläre mich bereit, auf den oberflächlichen Berufsschulunterricht zu verzichten. Anstelle dessen werden Sie mich – und ich mich selbst – fachlich auf einer hohen Ebene ausbilden. Insbesondere bin ich daran interessiert, Spiritualität und Handwerk miteinander zu verbinden. Sollte das nicht in Ihr Spezialgebiet fallen, so bin ich gerne bereit, diese Kenntnisse autodidaktisch zu erlernen, um sie so dann in Ihrem Betrieb anzuwenden und weiterzugeben. Einmal in der Woche sollten Sie sich ausführlich für fachliche Erörterungen mit mir Zeit nehmen.

Ein lernfreudiger Schüler erwartet Sie.

In der Hoffnung, Sie und Ihre Frau demnächst in angenehmer Atmosphäre kennenzulernen, verbleibe ich mit ernst gemeinten und spielerischen freundlichen Grüßen.

Francesco Noval

PS.

Gibt es in Ihrer Tischlerei auch einen Meditationsraum und eine Stereoanlage? Es würde mir auch reichen, in Ihrem Wohnhaus eine stille Ecke einrichten zu können.

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Ein Hahoresh, Education in Israel, zwischen 1940 und 1950, Ein Hahoresh Archive via the PikiWiki – Israel free image collection project CommonSense,Wikipedia

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