ES WAR EINMAL – vor langer Zeit, und das ist noch gar nicht solange her –  ein kleines hässliches Männlein, das eines Tages zu uns auf den Bauernhof kam, um mich abzuholen. Das hatte der König mit meinem Vater und meiner Mutter vor langer Zeit so vereinbart. „Verpiss dich,“ sagte meine Oma, von der ich bislang nur freundliche Worte gehört hatte, „hau ab und verpiss dich. Unser Kind bekommst du nicht. Nun verschwinde, aber dalli.“ Das kleine hässliche Männchen drehte sich auf der Stelle um und belästigte uns nicht mehr. Meine Oma konnte mutig sein, und das tat meiner Kinderseele gut.

„Wer war das denn?“ frug ich. Nur wer Fragen stellt, erfährt etwas über das Leben. Das hatte mir Opa beigebracht, kurz nachdem meine Eltern gestorben waren. Damals war ich fünf Jahre alt, und diesen Satz habe ich nicht vergessen. „Das war Dr. Rumpelstilzchen,“ antwortete Oma nachdenklich und fuhr fort, das Essen vorzubereiten, „heute nachmittag erzähle ich dir mehr von dieser erbärmlichen Gestalt.“

Nach dem Essen hatte ich etwas anderes zu tun und so rief ich die Nachbarskinder, doch es war vergebens. Traurig suchte ich sie, bis in die späte Nacht hinein. Ich suchte überall, doch ich fand sie nicht. Sie schienen für immer verschwunden zu sein.

Nach einem Jahr kam das hässliche Männchen wieder auf unseren Hof, doch Oma, die irgendwie hellsichtig war, hatte Hasso, unserem Schäferhund, die Leine abgenommen. Sie brauchte ihm nur in die Augen zu schauen, und er tat das, was sie ihm aufgetragen hatte. Die beiden verstanden sich ohne Worte, und an diesem Tag, als Hasso Dr. Rumpelstilzchen vom Hof jagte, beschloss ich von Oma die Hundesprache zu lernen.

Ein weiteres Jahr verging, und Dr. Rumpelstilzchen kam mit dem Dorfpolizisten an unser Gartentor. „Noch einmal kann ich dir helfen,“ sagte Oma zu mir und schickte mich ins Bett. Das war viel zu früh, um schlafen zu gehen, doch Oma hatte einen Plan und gebat mir, mich krank zu stellen. Ich könne nicht aufstehen, weil meine Knochen zu schwach seien. Ihre Begründung überzeugte mich nicht, doch als Dr. Rumpelstilzchen mit dem Polizisten kampflos abzog, war mir klar, dass meine liebste Oma über Zauberkräfte verfügen musste.

Ein Jahr später wurde ich eingeschult. Beinahe wäre es mir so ergangen wie all den anderen Kindern des Dorfes und ich hätte nie mehr das Sonnenlicht gesehen, nie mehr den Regen geschmeckt und niemals unter dem Regenbogen auf der großen Weide getanzt. Oma hatte dafür gesorgt, dass ich nur für zwei Stunden zur Schule gehen musste. Das gefiel Dr. Rumpelstilzchen, dem Rektor der Schule überhaupt nicht. Er leistete erheblichen Widerstand, als Oma das ärztliche Attest auf seinen Schreibtisch legte, solange jedenfalls, bis Oma um eine kleine Unterbrechung bat und mit Hasso in sein Zimmer zurückkehrte.

Was mir am meisten an Omas Regelung gefiel, war eine besondere Verfügung, die es mir erlaubte, erst um zehn Uhr die Schule zu betreten. Um zwölf Uhr war ich wieder zuhause, pünktlich genug, um mit Oma und Opa Mittag essen zu können.

Und wenn sie nicht gestorben sind, hecken unsere Liebsten die nächsten Geschichten aus.

OMAS LEHRPLAN

„Sieh guck,“ flüsterte mir Oma ins Ohr, „ein geklontes Dr. Rumpelstilzchen. Ich nehme an, dass ich heute besonders auf dich aufpassen werde. Er ist zwar ein paar Jahre jünger als der Rektor, aber er hat es in sich. Schau dir seine Lippen an, und wenn du es nicht siehst, wirst du es bald merken. Der Kerl ist ein scharfer Hund.“ Oma setzte sich in die hintere Reihe zu den anderen Müttern. Während auf den Schößen der Frauen jeweils eine riesige bunte Schultüte lag, gab es keine Tüte mit Süßigkeiten für mich.

„Ich muss heute morgen meine Hände frei haben,“ hatte mir Oma vor der Schule erzählt, „ich werde meinen Verstand und meine Kraft zusammenhalten, und sicherheitshalber nehmen wir Hasso mit.“

Irgendwann war Oma auch einmal in der Schule gewesen, und weil sie ein großes Herz hatte, wollte sie nicht, dass ich leiden musste. Oma war anders als die anderen Mütter, und obwohl sie die Älteste war, sah sie jünger aus als die meisten Frauen. Sie sah aus wie eine Kaiserin, nur eine Krone fehlte. Beim Frühstück hatte sie mir ein paar Hinweise gegeben, damit ich mir nicht verloren ginge.

In Gedanken war ich woanders. Ich war da, wo ich jetzt am liebsten wäre, auf dem Heuboden. Ich würde springen und tollen, ich würde das Grammophon bewundern, eine Schellackplatte nehmen und auf den runden Teller legen, die Kurbel drehen, das Laufwerk in Gang setzen und dann die Nadel auf die Rille setzen. Hier war es anders; ich musste sitzen, auf einem Stühlchen, das mir viel zu klein war, neben mir ein Junge, den ich kannte, der jedoch mit mir kein Wort wechseln wollte, weil er Angst hatte.

Auf einmal stand Dr. Rumpelstilzchens Klon vor mir. „Hör auf zu träumen,“ sagte er, „du musst jetzt kneten.“ Dann gab er mir sechs Knetstangen und wollte weitergehen, aber Oma versperrte ihm den Weg. „Na mein Süßer,“ säuselte sie ihm ins Ohr, „irgendetwas läuft hier falsch. Entschuldige dich, sonst setzt es was.“ Ein Zeigestock berührte seine Hand und dann schaute Oma in seine großen Augen. „Ich habe dir gesagt, dass du dich bei meinem Enkel entschuldigen sollst!“

In der Klasse war es ruhig geworden. Mein Herz klopfte vor Aufregung, als sich der Lehrer zu mir umdrehte, und zitternd „Entschuldigung“ sagte. Oma nahm anschließend die Knetstangen und drückte sie ihm in die Hände. „Du musst es anders machen,“ klärte Oma den Lehrer auf, „du solltest meinen Enkel fragen, ob er kneten möchte. Sage es freundlich und erschrecke ihn nicht wieder.“

Als ich keine Knetstangen haben wollte, schaute der Lehrer Oma fragend an. „Schon besser,“ sagte meine Großmutter, „jetzt erklärst du bitte allen Anwesenden, was du mit deiner Übung bezweckst.“

„Ich will mir einen Überblick verschaffen,“ sagte er zögernd.

„Du willst unsere Kinder beobachten?“ Oma war wütend. „Wir machen das anders. Wir räumen alles um, du bekommst einen Tisch für dich alleine, Herr Lehrer. Zuerst bekommst du Knete, und dann knetest du mit den Kindern. Jedes Kind sagt dir, was du kneten sollst, und dann geht es los.“

Er wollte nicht, der arme Mann, und irgendwie tat er mir Leid. „Wenn du jetzt zu Dr. Rumpelstilzchen willst, der sitzt gegenüber in der Dorfkneipe, hat sein drittes Bier und seinen dritten Korn bestellt und ist nicht mehr in der Lage, dir zuzuhören oder dir zu sagen, was du tun sollst. Das einzige, was er noch kann, ist dumm herumzulallen.“

Es dauerte nicht lange, da saß der Herr Lehrer in der Mitte der Klasse, und jedes Kind hatte einen Wunsch frei. „Knetest du mir bitte einen Hund?“ sagte Wilfried aus der Arbeitersiedlung. Seine Schwester wünschte sich eine Katze, und dann waren alle Zirkustiere an der Reihe. Ich wünschte mir einen Eiffelturm, und Oma meinte, sie wünsche sich ein Schweinchen. Die anderen Mütter schauten still zu.

„Du weißt nicht, wie ein Hund aussieht?“ sagte Oma, „warte mal, ich hole unseren Hasso.“ Der Lehrer wollte protestieren, aber Oma war schneller und unser guter Hasso saß Modell. Nach zehn Minuten war klar, dass der Lehrer nichts konnte. Er konnte nicht kneten und bekam seinen Mund nicht mehr auf. „Du solltest dir mehr Mühe geben und nicht soviel träumen,“ sagte Oma, „wir gehen jetzt nach draußen, und in einer Stunde kommen wir wieder. Hasso, pass schön auf Dr. Rumpelstilzchen Junior auf.“

***

Draussen schien die Sonne und Oma machte mit uns eine wunderschöne Phantasiereise. „Spürst du die Sonne? Riechst du das Gras? Fühlst du den Wind? Ziehe deine Schuhe aus und fühle mit deinen Füßen, wie saftig das Gras ist.“ Es machte allen sehr viel Spaß, und danach übten wir, so gut es ging, leise anzuschleichen.

Wir hatten die große Wiese überquert und waren bald im Wald. Jeder von uns suchte sich einen Baum aus, und Oma meinte, dass wir ausprobieren sollten, einen Baum zu streicheln. Es tat jedem gut, und als Oma mit uns zurück zur Schule gehen wollte, protestierten wir. Weil der Lehrer jedoch genug zu tun hatte und Hasso auf ihn aufpasste, war Oma einverstanden.

Der Lehrer schien schlechte Laune zu haben, als wir wieder in seiner Klasse waren. „So,” sagte Oma, „kommen wir nun zur Benotung, oder wollen wir ihm eine Chance geben?“ Ich sah mir seine Knete an. Es war nichts geworden, alles war durcheinander gemanscht und es stank fürchterlich. Es stank nach Knete. Knete hat einen eigenartigen Geruch, und deswegen mag ich nicht kneten.

„Morgen knetet er euch bestimmt was Schönes. Bis dahin kann er fleißig üben, bevor er eine ,Sechs‘ bekommt.“ Oma lachte. Wir Kinder stimmten ein, und ein paar Mütter lachten mit. Es machte mir nichts aus, dass die meisten Mütter wie Kirchgängerinnen aussahen. Der erste Tag war unser Tag, und aufräumen musste der Herr Lehrer alleine. Aber das tat er viel später, nachdem der letzte von uns die Tür geschlossen hatte.

„Er wird lange brauchen, um sich von diesem Schreck zu erholen,“ erklärte mir Oma, „allerdings ist er schon so groß, dass er damit zurechtkommen wird. Deine Seele würde länger daran knappsen, und irgendwann würde ich dich nicht wiedererkennen.“ Ich verstand nicht so genau, was Oma meinte, aber das machte nichts. Ich vertraute ihr. Und meinem lieben Hasso.

STARRKÖPFIG

Am zweiten Tag kamen Oma, Hasso und ich fünf Minuten zu spät in die Schule. „Das macht überhaupt nichts,“ sagte Oma, „ganz im Gegenteil, ich lausche erst einmal an der Tür, was da drinnen abgeht.“

Während ich in der Aula blieb, gingen Oma und Hasso ganz langsam in den dunklen Flur hinein. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, als Oma mir ein Zeichen gab und kurz darauf die Klinke langsam und leise herunterdrückte.

Der Lehrer schimpfte mit Wilfried und Helga. Ihr Hände lagen auf dem Tisch, der Lehrer hatte einen Rohrstock in der Hand und schrie: „Was erlaubt ihr euch eigentlich? Was seid ihr bloß für Dreckfinken. Sagt eurer Mutter, dass ich hier keinen Zoo für Läuse habe. Das will ich nicht noch einmal erleben. Morgen sind die Fingernägel geschnitten und sauber.“

Die beiden waren kreidebleich geworden, und Angelika, die aus einem anderen Ort kam und neben Helga saß, fing an zu weinen, obwohl der Lehrer nicht mit ihr gesprochen hatte. Es war fürchterlich für alle.

Ich liess die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Oma blieb draussen und lauschte weiter.

„Und du, wo kommst du her?“ fauchte mich der Lehrer an.

„Du erschreckst mich schon wieder,“ gab ich zurück, „und du gehst schlecht mit meinen Freunden um. Außerdem bist du viel zu gut angezogen, um mit uns spielen zu können.“

Er bekam einen hochroten Kopf, hob den Rohrstock, um mich zu schlagen, doch dann besann er sich.

„Dir werde ich Manieren beibringen,“ schimpfte er laut, „du stellst dich sofort in die Ecke und schämst dich für deine frechen Worte.“

Ich ging nicht in die Ecke; ich ging, so schnell ich es konnte, zur Tür. Er wollte hinter mir herlaufen, aber ich war schneller, änderte meinen Plan und machte einen Rundlauf durch die Klasse. Nach der dritten Runde versuchte er mich mit Kreide zu treffen, doch da war ich schon draussen und sagte Hasso, dass er sich um den Lehrer kümmern solle.

„Du brauchst nur in der Klasse zu sein,“ sagte ich eine Weile später zu Hasso, „dann haben wir wieder Ruhe.“

Oma lächelte mich durch die offene Tür an, und dann ging sie entschlossen zu Dr. Rumpelstilzchens Sprößling, dem nichts Besseres eingefallen war, als auf sein Pult zu klettern.

„Was machst du nur mit den Kindern?“

Ich wunderte mich, dass Oma ruhig blieb, als sie mit ihm sprach.

Das hätte ich auch gekonnt. Wenn ein Erwachsener auf einem Tisch steht, und ein Hund ihn bewacht, ist alles einfach.

„Bekomme ich eine Antwort oder willst du heute Eiffelturm spielen?“

Alle Kinder aus dem Dorf lachten, die einen ganz laut, und die anderen hinter vorgehaltener Hand.

„Ich würde vorschlagen, er darf sich in die Ecke stellen,“ sagte ich, „er soll mal wissen, wie das ist, vor allen Kindern in die Ecke gestellt zu werden.“

Oma nickte, aber der Lehrer blickte wütend auf mich herab und sagte: „Du musst dich melden, wenn du etwas sagen willst.“ Oma hüstelte laut.

„Und du brauchst dich nicht zu melden,“ antwortete ich, „wenn du in die Ecke gehst.“ Oma nickte wieder.

„Das ist eine sehr gute Idee, Herr Lehrer. Stell dich in die Ecke und sei still. Ich will keinen Pieps von dir hören.“

Hasso bellte und wich ein wenig vom Lehrerpult zurück. Dann bellte er noch einmal und duckte sich, so, als ob er im nächsten Moment springen würde.

„Du tust jetzt besser das, was wir dir gesagt haben,“ meinte Oma ganz freundlich. Jetzt nickte der Lehrer.

„Und wenn du dich bei den Kindern entschuldigen willst, meldest du dich und danach werden wir alle sehr glücklich sein.“

Der Lehrer kämpfte lange mit sich. Wir stellten die Tische wie den Tag zuvor an die Wände und machten einen Sitzkreis. Zuerst fragte Oma, wie es jedem ging, und danach durften wir entscheiden, ob wir eine Geschichte hören wollten. Oma hatte eine Geschichte von einem Kinderkönig dabei, und obwohl draussen die Sonne schien, wollten alle etwas über Macius, den jungen König, hören.

Oma wollte mit dem Lesen anfangen, da meldete sich der Lehrer zu Wort.

„Wenn ich mich entschuldige, verlassen Sie dann das Klassenzimmer und kommen morgen nicht wieder?“

Oma tat, als ob sie nichts gehört hätte.

„Ignorieren ist gemein,“ schimpfte der Lehrer, „das können Sie nicht mit mir machen.“

„Und sie meinen, dass Sie das mit den Kindern machen können? Sie kommen jetzt in unseren Kreis, lernen die Geschichte kennen, machen sich mit den Kindern vertraut und danach entschuldigen Sie sich. Seid ihr alle einverstanden?“ Alle stimmten zu, nur Wilfried, Helga, Angelika und ich nicht.

„Mehrheitsbeschluss,“ rief der Lehrer und wollte in den Kreis. Hasso knurrte, und er ging in seine Ecke zurück.

„Ich werde mich nicht blamieren,“ fluchte er vor sich hin.

„Stille jetzt,“ sagte Oma.

Wir hörten dann eine wunderschöne Geschichte ohne Störung. Weil der Lehrer immer noch nicht bereit war, sich zu entschuldigen, gingen wir nach draussen, um zu spielen. Nur Hasso blieb drinnen.

Irgendwie war es peinlich. Um zwanzig Minuten vor zwölf hatte er sich immer noch nicht besonnen.

„Du bist sehr starrköpfig,“ sagte Oma, „du hast in der Ecke gestanden und die Chance nicht genutzt, dich in ein Kind hineinzufühlen. Komme mal her zu mir, ich schenke dir ein schönes Buch. Es heißt Der kleine Prinz. Das liest du durch, malst morgen ein schönes Bild an die Tafel und unterhältst dich mit den jungen Leuten darüber, wie du ihr Vertrauen bekommen kannst. Vorausgesetzt, dass die Kinder es morgen noch wollen.“

Doch er wollte nichts hören und nichts sagen. Oma war auch damit einverstanden und meinte: „Wenn du unbedingt nachsitzen willst, ist das deine Sache. Wir sitzen die Angelegenheit aus.“

Jetzt war der Lehrer empört. „Das ist Freiheitsberaubung.“

„Du kennst dich gut mit dem aus, was du den Kindern antust,“ erwiderte Oma.

„Ich muss dringend zur Toilette,“ kam aus der Ecke zurück.

„Piss dir doch in die Hose, oder du entschuldigst dich. Das, was du hier veranstaltest, wird schwere Folgen haben. Wenn du die Kinder anbrüllst, werden sie Bettnässer.“

Oma gab nicht auf.

„Meinetwegen kann er zur Toilette gehen,“ sagte ich. Die anderen nickten.

„Gut,“ sagte Oma, „dann heben wir den Belagerungszustand auf.“ Großmutter rief Hasso zu sich, und der Lehrer rannte los.

„Es tut mir Leid,“ sagte Oma, „dass dieser Mann nicht einsichtig ist. Jetzt hat er sich blamiert und wird noch gemeiner zu euch sein.“

Die Schulglocke klingelte, und wir beschlossen, uns am frühen Nachmittag auf Omas Bauernhof zu treffen. Wir verließen die Schule leise. Hasso ging neben mir, und seine Ohren waren gespitzt. Es gab jedoch keinen Zwischenfall, bis wir jenseits des Schulgeländes waren. Oma dachte nach, doch ich konnte fühlen, dass ihr der Fall nicht gefiel.

LÖSUNGEN

Keiner aus dem Dorf kam, um mit Oma und mir eine Lösung zu finden. Die Kinder konnten das Ereignis nicht vergessen haben, also hatten sie entweder Angst oder die Eltern hatten ihnen nicht erlaubt, zu uns zu kommen. „Wenn alle Angst haben,“ sagte Oma, „dann haben wir etwas falsch gemacht.“

„Wir haben ihn gequält,“ antwortete ich, „und das ist unheimlich gewesen. Ich glaube, wir beide müssen uns entschuldigen.“

So backten Oma und ich einen Kuchen, und abends schloss ich den Lehrer in mein Gebet ein. Mir kommen die Worte immer aus dem Herzen, und auf diese Weise zu beten, hat mir Oma beigebracht. Das Vaterunser sei nicht gut für mich, weil es Schuldgefühle einimpfe. „Es ist Gift,“ sagte die Oma, “und falls dich irgendjemand zu diesem Unsinn zwingen will, sagt du ganz laut Nein und verlässt den Raum.“

Oma hatte lange in der Nacht meditiert, und irgendwann hatte sie ihren Schlaf gefunden. Wir standen früh auf, frühstückten in Ruhe und ich freute mich, dass Oma gute Laune hatte. Zusammen mit Hasso gingen wir zur ersten Stunde; zu einer Zeit, die mir nicht gefiel, aber heute machte es einen Sinn.

***

Bevor der Unterricht begann, weihten Oma und ich die anderen Kinder in unser Geheimnis ein, und an den Gesichtern konnte ich erkennen, dass jedem ein Stein vom Herzen fiel. Sicherheitshalber hatten sich Hasso und Oma im Nebenraum versteckt, und als der Lehrer mitten im Klassenraum stand, klopfte Oma auf Holz und fragte, ob sie herein kommen dürfe.

„Nicht schon wieder,“ sagte der Lehrer.

„Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen,“ sagte Oma. „Es tut mir Leid, was wir gestern mit dir gemacht haben. Es war nicht gut, denn du wirst große Ängste ausgestanden haben. Am Anfang war es Notwehr, aber dann wurde es Rache. Das ist nicht schön gewesen, und ich möchte mich bei dir und bei allen Kindern entschuldigen.“

Der Lehrer schluckte. Lange Zeit war es still, dann ging er zu Oma und verbeugte sich mit den Worten, dass auch er sich entschuldigen müsse. Er habe die ganze Nacht wach gelegen, bis er sich seine Fehler eingestehen konnte. Dann ging er zu Wilfried, Helga und Angelika, verbeugte sich auch vor ihnen, und entschuldigte sich so deutlich, dass es jeder verstehen konnte. Mir kamen die Tränen, so sehr freute ich mich. Oma schaute mich an, dann ging ich nach vorne und überreichte den selbstgebackenen Kuchen.

„Ich hoffe, du magst Rosinenkuchen. Ich wünsche mir, dass wir uns besser verstehen. Ich würde es schön finden, wenn wir trotz alledem Freunde werden.“ Und dann schluckte ich. „Ich möchte mich auch entschuldigen.“

Endlich war es ausgesprochen. Als ich ihm in die Augen schaute, sah ich, dass er sein Herz wiedergefunden hatte. Auch mir fiel in diesem Moment ein Stein vom Herzen.

Oma verabschiedete sich und nahm Hasso mit. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte noch auf mich und die anderen Kinder aufgepasst, doch Oma wollte ein deutliches Zeichen setzen. Während wir den kleinen Prinzen kennenlernten, freute sich jeder, dass der Lehrer gut vorlesen konnte. Etwas war mit ihm geschehen, und das war gut so.

***

Ich wusste, dass Oma auf dem Weg zum Rektor war. Der Ausgang des Gespräches war ungewiss, aber sie wollte ihm eine Reihe von Vorschlägen unterbreiten, um das Klima an der Schule zu verbessern. Ich wusste auch, dass sie beschlossen hatte, ihn nicht mehr Dr. Rumpelstilzchen zu nennen.

Vielleicht werden wir einen Waffenstillstand erreichen, und wenn alles gut geht, werden wir Frieden haben. Ich weiss nicht, was geschehen wird. Vielleicht zwinkert mir Oma schon in der Pause zu, während wir mit dem Lehrer Rosinenkuchen essen, vielleicht kommt der Rektor zu uns zum Mittagessen. Heute gibt es Himmel und Erde, wie Oma es nennt, Birnen und Klüten. Wenn alles gut verläuft, schenkt Oma dem Rektor eine Reise nach Japan. Im Sommer soll es dort schön sein, und wenn alles gut geht, lernt er, sich von den schlimmen Kriegsfolgen zu heilen.

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