Es war einmal vor langer, langer Zeit – und vielleicht ist es auch nicht so lange her, da traf ein guter Tropfen einen edlen Tropfen „Du bist schön,“ sagte der gute Tropfen zum edlen Tropfen. „Wir dürfen uns nicht zu nahe kommen,“ sagte der edle Tropfen, „denn sonst lösen wir uns auf und dann ist es um uns geschehen.“

Die beiden saßen auf einem grünen Blatt, das immer noch grün war, auf den ersten Blick jedenfalls, nur eine genaue Betrachterin konnte unnatürliche weiße Spuren wahrnehmen, wenn sie es denn wollte. Es war Herbst, noch nicht später Herbst, aber schon ein fortgeschrittener, auch wenn er noch nicht ganz seine Mitte erreicht hatte. Zahlreiche Blätter gaben sich voller Lust dem Farbenspiel hin, voller Hingabe, so daß viele von ihnen erröten. Ein kalter Wind verwandelte sich in einen Sturm, und der Regengott öffnete die Pforten seines Reichs.

Das Blatt, das ahnte, was geschehen würde, rief die Göttin des Zaubers an, so daß die beiden Tropfen, die das Gesetz des Wandels kannten, Tropfen bleiben konnten, ohne sich im Meer des Regens aufzulösen. Sie brauchten nichts zu tun, als sich hinzugeben, voller Freude, Demut und Dankbarkeit zugleich. Als sich der Regengott verabschiedete, fühlte das Blatt das ewige Glück, auch wenn es ein wenig traurig war, daß sich die Flecken nicht mehr auflösen ließen.

„Ich freue mich dich wiederzusehen,“ sagte der gute Tropfen zum edlen Tropfen.

„Mir geht es ebenso,“ antwortete der edle Tropfen.

***

„Dies war der Beginn einen neuen Zeit,“ berichtete die Geschichtenerzählerin, deren Namen wir heute noch kennen, auch wenn sie schon mehr als Tausendundeine Nacht benötigt hatte, um zu überleben. „Die beiden Tropfen hatten Gefallen aneinander gefunden, und nach jenem Treffen hatten sie die Angst vor Nähe verloren, auch wenn das allgemeine Gesetz besagte, daß sich ein Tropfen im Fluß des Lebens auflösen würde.

Nach dem Regen, der für ihren Geschmack etwas zu kalt war, erkannten sich die Tropfen in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder, und auch das Einzigartige des anderen, das wir als das Individuelle bezeichnen, war erhalten geblieben, eigentlich, um genau zu sein, noch schöner und schillernder als vor jenem Sturm. Es war der Abend vor einem neuen Jahr, und obwohl sich der Mond in ein dunkles Schwarz getaucht hatte, halfen die Sterne, die Nacht und ihre Geschöpfe mit einem sanften Licht zu streicheln.

Während es regnete, erzählten sich die Tropfen von Wanderungen auf mystischen Pfaden, erinnerten sich an gemeinsame Bekannte und erlebten sich in den Geschichten des anderen neu, fühlten sich als Teil eines Ganzen, das wiederum märchenhaft schön sein konnte, wenn ein Tropfen in der Lage war, seine eigene Identität zu gebären, um sich im Fluß des Alltags wiederzufinden.“

***

„Es ist ein schöner Abend,“ sagte der gute Tropfen und bestellte, nachdem der Regengott gegangen war, ein großes Glas stilles Wasser beim Kellner.

„Ich möchte auch so etwas Schönes,“ ergänzte der edle Tropfen, bevor der Ober im Baumcafé mit dunklen Plänen verschwinden würde.

„Die beiden hatten in ihrem Treffen die Leichtigkeit des Seins wiedergetroffen,“ berichtete die Erzählerin mit dem schönen Namen weiter, „so daß sie nicht einmal gemerkt hatten, daß der Angestellte ihnen eine Rechnung präsentierte, die normalerweise nicht üblich war. Es machte ihnen nichts aus, denn egal, was passierte und geschehen würde, es würde ihnen nichts ausmachen, weil sie beide, jeder in seiner eigenen Zeit und Welt, an den kleinen Fisch aus dem Zweistromland dachten, an jenen Fisch, der seinen Schwarm verlassen hatte, um die Welt zu entdecken. Es war der persische Fisch, so erinnerten sie sich, als sie den Abend reflektierten, der sie auf die Idee gebracht hatte, sich selbst im breiten Strom zu erkennen.“

***

Und damit endet die Geschichte für heute, auch wenn die Erzählungen des Blattes auf zahlreiche Begebenheiten hinweisen, die irgendwann in der Zukunft stattfanden. Das Blatt wurde rot und einige Stellen wurden gelb; und wenn es regnete, waren die weißen Krümel kaum wiederzuerkennen. An einem stürmischen Novembertag spielten das Blatt und der Wind Fangen und Schweben, und schon bald durfte das Blatt erfahren, wie es verging, dem Ganzen diente und im Frühling wiedergeboren ward, zart und hellgrün, und sich an sich selbst erinnerte, als sich an einem warmen Frühlingstag zwei Tropfen trafen und sich über die Gelegenheiten unterhielten, wie es wohl wäre, loszulassen und ganz entspannt im Hier und Jetzt zu spielen.

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