Seit gestern weiß ich, daß ich eine Geschichte über das Ausbrechen und Einbrechen schreiben muß, und morgen werde ich zu Ariadne fahren. Es begann schon vor mehreren Wochen, daß ich Ariadne die Frage stellte, wer sie denn sei, und selbst ich konnte nicht umhin, die Frage zu bearbeiten, die ich beinahe für unbeantwortbar halte: „Wer bin ich?“

Nicht daß ich ein Dieb wäre, der irgendwo einbräche, um sich zu bereichern, dann gefangengenommen würde und schließlich als Gefangener in einer Festung schmachtete, bis ich auf die unwiderrufliche Idee käme, aus dem Gefängnis auszubrechen; auch wenn dies als eine Metapher erscheint, die mich als Kind in abgeänderter Form durch einen starken Impuls erreichte, so daß ich nicht umhin konnte, ein Spiel daraus zu machen, das einen Sommer lang währte.

Bei meinen Großeltern in ihrem Bauernhaus wäre es unmöglich gewesen, auf diese Idee zu kommen. Für dieses Spiel benötigte ich einen Keller, der anders war als der kleine Kriechkeller bei Oma und Opa. Manches im Leben können wir nur durchdringen, wenn die Räume groß genug und vielschichtig gestaltet sind, und genau diese Bedingungen fand ich in dem Haus meiner Kindheit vor. Obwohl es anders beschrieben werden müßte. Es war das Haus, das mich auf die Idee brachte, und nicht die Idee.

Es schien so, daß das Haus zahlreiche Geheimnisse in sich barg, die wiederum mit uns Bewohnern zusammenhingen. Mein Zimmer war kein abgeschlossenes Refugium, wie ich im Laufe der Zeit entdeckte. Eines Tages experimentierte ich mit Strom, nahm die Nachbildung von Columbus Santa Maria in die Hand, um das Lämpchen, das die Segel beleuchtete, genauer zu erforschen. Durch eine Unbedachtheit hielt ich die Stromenden des Kabels aneinander, so daß es zu einem Kurzschluß kam, der das ganze Haus erreichte.

Hinter meinem Zimmer lag der Friseursalon, und als erstes hörte ich meinen Vater, der laut die Frage stellte, was passiert sei, denn all seine elektrischen Geräte, vor allem die Trockenhauben, funktionierten nicht mehr. Ich selbst war still, nicht nur wegen des Stromschlages, der mich durchfuhr, sondern wegen der Angst, was geschehen würde, wenn mein Vater den Verursacher der Katastrophe entdecken würde. Als Vater vom Geschäft aus in den Flur zu meinem Zimmer ging, wurde ich noch stiller, räumte meine Santa Maria beiseite, auch das Lämpchen und das Kabel, doch sein Ziel war der Sicherungskasten, so daß ich, als ich hörte, daß er wieder in das Geschäft ging, voller Freude bemerkte – wenn auch einer stillen Freude -, daß ich zweifach gerettet war.

Das Haus war ein großes Laboratorium, das sogar eine Bibliothek besaß, die wiederum eine kleine Depandance im Schlafzimmer meiner Eltern besaß, mit Büchern, die die Hautgeschäftsstelle im Wohnzimmer nicht vorzuweisen hatte, auch wenn mir die Unersättlichen von Harald Robbins eine Erfahrung der inneren Erregung schenkten, tausendfach schöner als das Experiment mit der Heiligen Maria. Ich weiß nicht, wie ich entdeckte, daß in mir ein Empfangsgerät für mysteriöse Impulse vorhanden war, doch ich folgte meinen Eingebungen, die mich von einem Buch zum nächsten Buch führten, auch wenn Harald Robbins ein Meister seines Faches war, mit der Einschränkung, daß er meine Heldinnen viel zu früh sterben ließ und den bitteren Nebengeschmack von Schuldgefühlen erzeugte, und das ebenfalls meisterlich.

Als ich etwas gereifter war, entdeckte ich Fanny im Schlafzimmer. Meine Eltern, die zur Stadt gefahren waren, hatten ein einfaches Versteck für den Schlüssel zu ihrem privaten Raum gewählt, so daß ich nicht einmal lange suchen mußte, um ihn im Besenschrank zwischen Badezimmer und Schlafzimmer zu finden. Fanny hatte sich unter die Unterwäsche meiner Mutter begeben, und somit war für mich klar, daß es sich um ein Vergnügen handeln mußte, das weitaus aufregender sein würde, als die Abenteuer der Unersättlichen. Von Fanny trennte ich mich, als ich ihre Geschichten kannte – und weil eine Frau auf mich wartete, die keinen wirklichen Namen hatte, nur einen Buchstaben, den fünfzehnten des Alphabets. O hieß O, und heute während des Erinnerns weiß ich, welchen Sinn dieses wunderschöne O haben mag.

Im Badezimmer, eigentlich in der Badewanne, entdeckte ich eines Tages das Phänomen des doppelten Orgasmus, der sich in sich selbst überlagerte, mit einer tiefen und einer hohen Frequenz, wie ich es nie wieder erlebt habe, abgesehen von der schönen Aussicht aus den Doppelfenstern über die weiten Wiesen, in der Ferne der Bauernhof und die Bäume, die gen Westen das Feld begrenzten, und darunter die geliebten Brombeersträucher, auch wenn es noch nicht an der Zeit war, an ihre Früchte zu denken.

Bevor ich reifte, um den Aufenthaltsraum der jungen Friseusinnen näher zu untersuchen – und das auf eine besondere Weise, irgendwann wieder einmal in den Ferien, weil das interessante Leben dort zu einer Zeit begann, während ich in der Schule war – hatte ich mit zehn Jahren den Impuls, das Spiel des Ausbrechens zu entwickeln. Die Kellerfenster waren vergittert, und damit war die eigentliche Idee geboren, in einem Gefängnis zu sein, auch wenn ich mir schon lange ausgemalt hatte, wie es sein könne, nur mit Brot und Wasser zu leben.

Es waren keine richtigen Gitter, die Teil der Mauer waren, sondern ein System eines doppelten Fensters, das sich öffnen ließ. Das Gitter war ein Metallraster, das sich mithilfe einer Vorrichtung mit der Fensterscheibe verbinden ließ. Das alles war so interessant, daß ich lange Zeit damit verbrachte, den Mechanismus zu verstehen, bis ich mir die Frage stellte, ob ich meinen Körper durch die enge Öffnung bringen könne. Als ich endlich soweit war zu erkennen, daß es möglich sei, brauchte ich etwas mehr Zeit, um zu der Entscheidung zu kommen, daß ich es wirklich tun würde.

Ich brauchte ein paar Tage, bis ich wieder in den Keller zurückkehrte, mit der Vorstellung, ich sei Gefangener eines grausamen Tyranns. Das war wiederum mein Vater, der mich – in realitas – in einem Anfall von Wahn bestrafte, auf Holzscheiten zu knien, und das auch noch in einem Friseursalon, der voll besetzt war. Ich wagte also den Ausbruch unten aus dem dunklen Kellerverlies, denn der Tyrann war dumm, so das Fenster zu groß angefertigt wurde. Doch meinem Körper gelang das, was er sich nicht vorgestellt hatte. Ich stemmte mich hoch, fand die richtigen Griffe, wand mich durch das Fenster und mußte noch ein mächtiges Siebgitter anheben, bis ich endlich in der Freiheit war. Danach wiederholte ich das Ausbrechen, bis ich alle Räume des Verlieses mühelos, ohne Ängste und ohne entdeckt zu werden, verlassen konnte.

Danach arbeitete ich einen Plan für mein Kinderzimmer aus, denn das war etwas höher gelegen, bis ich schließlich ein weiteres Zimmer in der Festung entdeckte, das den einfachsten Ausbruch ermöglichte. Irgendwann wurde auch das langweilig, bis ich auf die Idee kam, in das Haus einbrechen zu wollen. Der Tyrann war nachlässig geworden; die vergitterten Fenster waren nicht richtig verschlossen und später waren es die Fenster der oberen Räume, die sich mit Leichtigkeit von außen öffnen ließen. Als die Sommerferien zuende gingen, war ich Meister des Ausbrechens, und nebenbei wurde ich ein Meister des Einbrechens, auch wenn ich nicht wußte, welchen tieferen Sinn meine Ausbildung haben würde.

Ein paar Jahre vergingen, bis ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern den Ausbruch vollzog. Ich war dreizehn, und auch wenn die anderen älter waren, führte ich uns in die Freiheit. Der Tyrann war wahnsinnig geworden und drohte uns, seine Familie, zu ermorden. Wir hatten uns in meinem Zimmer verbarrikadiert, während Vater mit dem Gewehrkolben versuchte, die Tür einzuschlagen. Ich übernahm das Befreiungskommando, führte uns in das nächste Zimmer, verriegelte die Tür, öffnete das ebenerdige Fenster und entschied, welchen Fluchtweg wir nehmen müßten, indem ich genau den Weg wählte, den der Tyrann uns nicht zutrauen würde. Kaum huschten wir draußen an meinem Zimmer vorbei, hörte ich, wie mein Diaprojektor an der Wand zerschmetterte.

Ich könnte dir auch erzählen, wie ich aus dem Nierentisch im Eßzimmer einen Schutzschild machte, als mein Vater seine Unterschrift im Deutschheft sah und entdeckte, daß ich sie selbst angefertigt hatte, um ihn nicht in Bedrängnis zu versetzen, daß sein Sohn eine Sechs vom Deutschlehrer bekommen hatte; und das nur, weil der Lehrer das falsche Thema gestellt hatte, und wenn es nicht falsch gewesen wäre, hätte er uns mehr Zeit geben müssen. Denn um die Frage zu beantworten, ob ich ein schönes Wochenende verlebt habe, mußte ich schon meine Phantasie spielen lassen, um weder mich oder meine Familie zu kompromittieren. Gerade in dem Moment, als ich eine Geschichte gedanklich kreiert hatte, mit einem phantastischen Wochenende, das ich immer schon einmal erleben wollte, und wie es durchaus möglich gewesen wäre, und die ersten Sätze geschrieben waren, ertönte das Final, das für immer mein Leben bestimmten würde.

Sobald wir die Kunst des Ausbrechens und des Einbrechens verstehen, können wir durch das Leben gehen, auch wenn damit die Frage, wer wir sind, immer noch nicht beantwortet ist.

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