„Lebten wir in paradiesischen Zuständen,“ sagte Richard zu Bjoerc, „bräuchten wir uns keine Gedanken über Kommunikation zu machen. Wir würden es tun, jedoch nicht mit einer Dringlichkeit, wie es das Leben unter Herrschaftsbedingungen verlangt. Was sind die Grundlagen für einen umfassenden Erkenntnisprozeß, der uns ein möglichst getreues Abbild der Wirklichkeit gibt?“

Richard war nicht zu bremsen. Fragen über Fragen lagen wie Puzzleteile vor ihm. „Wieviele Konstante und Variable sind in einem Erkenntnisprozeß zu berücksichtigen? Gelingt es, unterschiedliche Metaebenen zu erfassen? Auf welcher Axiomatik beruht die jeweilige Entwicklung von Metaebenen? Gibt es eine Annäherung an eine möglichst objektive Axiomatik?“

Sie überlegten, mit wem sie über das Thema sprechen konnten. Ihr Mathelehrer hatte zwar den Anstoß gegeben, sich mit Axiomatiken auseinanderzusetzen, um sich nicht in Ideologien zu verfangen, doch er war nicht ihr Gesprächspartner. Bjoerc brachte seinen Vater Matthes ins Spiel.

Matthes war Künstler, der das Praktische liebte, sonst wäre er kein Künstler. Und weil er Künstler war, reflektierte er seine Arbeit. Das Gespräch mit den beiden kam zu einer Zeit, in der er eine Schaffenspause brauchte. Er war seit ein paar Wochen auf der Suche nach einem Durchbruch, mehr intuitiv und organisch als mental. Das laute Nachdenken gefiel ihm, doch zuvor bat er Richard und seinen Sohn, an einer kurzen Zeremonie teilzunehmen.

„ES IST EINE ZEREMONIE DES BEGINNENS,“ sagte Matthes, „es ist ein Ritual, das uns mit Spirit verbindet und jeden von uns auf die höchste Ebene bringt. Spirit ist in uns und außer uns, eine nicht faßbare, doch existierende Entität, verbunden mit der Großen Göttin, verbunden mit Mutter Erde und Vater Himmel, verbunden mit den Wesenheiten, verbunden mit allen Lebewesen. Die Verbindung zu Spirit ist notwendig, um das Ego weitgehend aufzulösen, wir werden subjektiv-objektiv. Es bedarf der Übung, um mit Spirit zu kommunizieren und die Impulse und Signale zu empfangen und in unserer Sprache wahrzunehmen. Es ist ein Erfahrungsweg. Es ist ein Experiment.“

Matthes schwieg, ging durch das Atelier, holte Sage, eine Klangschale, Kissen und Klöppel, öffnete die Fenster und schloß sie nach einer Weile. Dann erklärte er das Ritual, räucherte mit Sage und jeder reinigte seine Aura. Die Männer atmeten sieben Mal tief durch, gingen in die Stille und nach sieben Minuten begann Matthes, sich dem Thema zu nähern: „Am besten ein Szenario aus meiner Welt, als ich ein Kind war, ein Kind, das das Geschehen auf seine Weise wahrnimmt, jedoch nicht in seiner Gesamtheit erfassen kann.

Ich war drei Jahre alt und machte einen Ausflug mit der Mutter und meinem Bruder zu einem Lokal mit Biergarten. Ich, also das Kind, kannte nicht die Begriffe Ausflug, Lokal und Biergarten, auch wenn es für mich kein Bier gab, wohl eine Sinalco. Der Garten war ein Spielplatz mit Rutsche, Turngeräten und einem großen Karussell; und ich hatte keine Vorstellung über die Dimensionen von Zeit und Raum. Aus unbekannten Gründen scheine ich mich wohl zu fühlen und entdecke die Welt, zumindest glaube ich, daß es so gewesen sein könnte. Aus der Sicht der Mutter bin ich ein unkompliziertes Wesen, die Fahrt ist schön; die Luft erfrischt, die Bewegung tut gut, die Sonne scheint und es wird etwas zum Trinken geben.

Heute, fast sechzig Jahre danach, gibt es zwei Geschichten über das Ereignis. Mein Bruder hat das Ereignis vergessen, die Mutter bleibt bei der Erzählung, die wir kennen, doch ich könnte euch eine Geschichte erzählen, in der wir das Grundgerüst des Erlebnisses nachvollziehen können, vielleicht deutlich oder auch nur vage, je nach meiner Intention, was ich euch sagen will oder sagen sollte. Aber das tue ich heute nicht.

Die Sichtweise über mein Dorf hat sich verändert, nicht komplex, die Gründe brauche ich jetzt nicht auszuführen. Das Wissen über das Ziel, ein altes Forsthaus mitten in einem großen Waldgelände in direkter Nähe von einem Militärflugplatz, ist gegeben. Im Laufe der Jahre sind Fakten über das Zeitgeschehen bekannt geworden. Wenige Monate nach der Fahrradtour brach in Windscale, dem heutigen Sellafield, in einem Atomkraftwerk ein Feuer aus, das zu einem Supergau führte, der lange Zeit verheimlicht wurde. Ich bin in der Lage, mich selbst zu reflektieren, so gut ich es kann, und nehme das soziale und karmische Beziehungsgeflecht der Familie wahr. Ich habe eine spirituelle, emotionale, psychosoziale und politische Wahrnehmung, die sich von der Wahrnehmung anderer Menschen weitgehend unterscheidet.

Nun wiederum ein Beispiel innerhalb der Exkursion. Den Militärflughafen betrachte ich nicht positiv oder neutral, sondern negativ. Sowohl die Entstehungsgeschichte während des Faschismus bewerte ich negativ als auch die Militärgeschichte der Bundeswehr und der NATO, weil ich es geschafft habe, die Ursachen von Krieg und Faschismus zu erkennen. Mein Leben ist ein Leben für Liebe, Frieden, Glück und Einssein.

DIE AXIOMATIK MEINER BETRACHTUNGSWEISE bestand jedoch nicht konsequent auf den Parametern der Woodstock-Generation. Es fand eine scheinbar leichte Verschiebung statt, eine Manipulation im Denken, das auf systemkritischen Theorien beruhte. Karl Marx und Friedrich Engels wußten zwar nichts von Liebe, aber sie waren über ihren Tod hinaus in der Lage, das Denken von Menschen zu beeinflussen.

Weil ich mir in eurem Alter nichts sehnlicher wünschte als Sex und Glück, nahm ich das Gesellschaftssystem als ein bedrohliches System wahr, das war die Zeit, als ich zum Sklaven der Militärmaschinerie gemacht werden sollte. Die Axiomatik des Denkens war nicht ausgeprägt; es war ein Zufall, der mich in das Umfeld marxistischen Denkens trieb. Dieser Zufall wurde von einem Lehrer herbeigeführt, es war ein Geschichtslehrer, der Marx im Unterricht behandelte, ihn jedoch widerlegen wollte, allerdings mit einem Zitat, das von Marx stammen sollte.

Dieser eine Moment. Der Lehrer betrieb Quellenfälschung, und ich bemerkte es, verwickelte den Lehrer in einen Disput und gewann den mentalen Kampf. Der Lehrer verwandelte seine geistige Freundschaft in eine Feindschaft und ich bekam schlechtere Noten. Nun hatte ich den Stoff für meine Axiomatik, die eigentlich nicht meine Axiomatik war. Marx hatte in meiner Welt das erste Level in der Entwicklung von Metaebenen gewonnen.“

„Du wirst deinen Grund gehabt haben,“ sagte Richard, „den Kriegsdienst zu verweigern. Du gehörtest zu einer Minderheit. Warum warst du gegen den Krieg? Warum wurdest du marxistisch? Was ist das Ei? Wie hieß die Henne?“

„Es war die Osterzeit 1972. Die Henne hieß Jutta. Eines Abends küßte sie mich. Wir waren fast soweit, daß wir Sex miteinander gehabt hätten. Zum Abschied gab sie mir einen Zettel, auf dem sie ihre Adresse geschrieben hatte. Sie würde sich auf meinen Besuch freuen, auch wenn sie einen Freund habe, der älter als sie sei. Als ich Jutta endlich wieder sah, gingen wir miteinander spazieren und sie erzählte mir von Marx. Wir sind zwar nicht miteinander im Bett gewesen, aber ich freute mich über ihre Nähe und über die Möglichkeiten, die sich aus unserem Treffen ergeben könnten und über ihre Buchempfehlung, Marx und Engels in vier Bänden beim Fischer-Verlag. Das Ei war befruchtet, aber nicht so, wie ich es mir wünschte.“

Richard blieb ernst. „Du mußt doch einen Grund für deine Entwicklung sehen. Kannst du dich an die Axiomatik deines Lebens erinnern?“

Bjoerc wunderte sich. Die Frage hatte er seinem Vater noch nie gestellt. Vielleicht, so dachte er sich in der Stille, wird Matthes sagen, daß er Ungerechtigkeit nicht ausstehen könne. Oder er wird die Geschichte erzählen, daß er schon mit drei Jahren auf der Kanzel gestanden habe, ganz zum Entsetzen seiner katholischen Patentante, die sich geweigert hatte, mit ihm in der Kirche Verstecken zu spielen.

„DAS LEBEN ERSCHEINT MIR WIE EINE BABUSCHKA,“ sagte Matthes, „vielleicht erschaffen wir uns von außen, vielleicht von innen. Die kleinste Babuschka lebt ihr erstes Leben und erschafft sich als zweite Babuschka, die zwar die erste Babuschka umhüllt, jedoch von ihr erschaffen wurde. Als sich Ei und Same trafen, was ist dem vorausgegangen? Ich weiß es nicht, auch wenn ich manchmal glaube, es erahnen zu können. Die Antwort weiß nur der Wind und ich liebe es, so zu leben, wie ich lebe. Wenn andere mich zum ersten Mal wahrnehmen, sehen sie nur die äußerste Babuschka, ohne die anderen Schichten in mir zu kennen.“

Nach einer Weile lachte Matthes. „Und nun kommen wir zu einem Menschen, der eine andere Axiomatik hat. Er heißt Tilmann, ging mit mir auf das Gymnasium und vor kurzem erfuhr ich, daß er einen Vater hatte, der ähnlich bescheuert war wie mein Vater; eben ein Haustyrann, der Tilmann so verwirrte, daß er nicht nur bei den Deutscharbeiten ins Schwitzen kam. Ich mochte ihn damals nicht, aber während eines Fahrradrennens lehrte er mich, was Ehrgeiz bedeuten kann. Ich gewann das Rennen nur, weil die Schlußstrecke zu meinem Schulweg gehörte. Eine halbe Fahrradlänge. Mein geliehenes Fahrrad hatte 21 Gänge, das von Tilmann nur drei.

Nun zu der eigentlichen Geschichte. Während ich den Geschichtslehrer eine Zeitlang mochte, wurde er von Tilmann gehaßt. Tilmann stand politisch rechts, genau wie sein Vater. Selbst sein Haarschnitt war mir unangenehm.

„Und weißt du was,“ erzählte mir Tilmann vor zwei Jahren in meinem alten Dorf in der Kneipe, „dieser Typ war ja so eine linke Bazille. Ich mag ihn nicht. Ich hasse ihn.“ Es dauerte etwas, bis Tilmann die Details erzählte. Und es ward Sommer.

„Ich ging an den Strand,“ erinnerte sich Tilmann als ob es gestern gewesen wäre, „und suchte meine jüngere Schwester. Sie war da, doch ich konnte sie nicht finden. Plötzlich fand ich ihre Freundin, die mir erzählte, wo sie war. Du wirst es nicht glauben, doch unserer Lehrer fickte sie in seinem Zelt, direkt vor meinen Augen und Ohren. Scheiß linke Bazille.“

In seinem Haß konnte sich Tilmann nicht mehr beruhigen. Nach einer halben Stunde ging er nach Hause und ich hatte Stoff, um über die Unterschiede von Menschen nachzudenken. Tilmanns Axiomatik, wenn man das Axiomatik nennen kann. Aber auch er hat seine Schichten und seine Metaebenen. Die Axiomatiken eines Zwangscharakters.“

„Mit Tilmann kannst du radfahren,“ fuhr Matthes nach einer Weile fort, „das Dorf ist ein Dorf, der Wald ist ein Wald, das Forsthaus ist ein Forsthaus. Der Flugplatz ist ein Flugplatz, und Friede muß sein, wie die Bundeswehr sein muß, wegen dem Osten und überhaupt. Obwohl Tilmann ein Intellektueller ist, weiß er nichts über die Wurzeln seines Denkens. Manchmal denke ich, er ist drei Jahre alt; der Körper ist älter und anstelle der Sinalco trinkt er Bier.“

Wieder kehrte Stille ein, bis Richard sagte, daß er gehen müsse, um Jana zu sehen. „Irgendwelche Axiomatiken?“ fragte Bjoerc. „Gewiß,“ antwortete Richard, „meine Triebe und ihre Triebe. Oder einfach, weil wir uns mögen. Weil wir miteinander romantisch sind. Weil wir so schön chaotisch miteinander sind. Weil es kein Weil zwischen uns gibt. Und Tschühüß.“ Dann war Richard weg.

Bjoerc blickte Matthes an. „War das auch so zwischen dir und Mama, als ich auf die Welt kam?“

„Wer weiß,“ antwortete Matthes, „es waren die Triebe und die Liebe, gewiß. Wir wollten dich.“

Bjoerc blickte nach innen, nach außen und nach innen und wieder nach außen. Dann sah er Tina am Fenster des Ateliers. Sie machte eine Handbewegung, die ihm bedeutete, zu ihr zu kommen.

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