Fünfzehn Minuten lang referierte der Deutschlehrer über das Buch: ,Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung.‘ Dann kam Bewegung in Richard; er ließ sich langsam und leise von seinem Stuhl gleiten, schlich bis zur Tafel, stand auf, überragte den Lehrer fast um eine halbe Kopfeslänge und schrie wie ein Indianer, so daß der Lehrer vor Schrecken zusammenzuckte und still wurde.

„Ich finde es nicht richtig,“ sagte Richard, „daß Sie uns Themen vorsetzen und uns nicht fragen, was jeden einzelnen interessiert. Ich kenne weder George Washington oder den anderen; und weil beide tot sind, werde ich sie niemals kennenlernen. Sie sind uninteressant, weil ich keinen persönlichen Bezug zu ihnen habe.“

Der Lehrer starrte ihn mit großen Augen an. Als Richard vorschlug, über Gefühle zwischen Mann und Frau oder auch von Frau zu Mann zu sprechen, wollte der Lehrer Einspruch erheben, doch Richard war schneller.

„Wenn wir also eine Frau begehren,“ erläuterte Richard sein Thema, „eine anarchistische Referendarin beispielsweise, die gut aussieht und sexy ist, was erregt dann unsere männlichen Triebe? Das Anarchistische, der Körper einer jungen Frau oder nur ihre Brüste? Oder alles zusammen? Was tut der eine, um mit ihr ins Bett zu gehen? Wie reagiert der andere, wenn sein Plan nicht gelingt?“

Der Lehrer stand kurz vor einem jähzornigen Anfall, schaute der Tochter des Zahnarztes flüchtig in die Augen und stürmte aus dem Klassenzimmer, ohne etwas zu erwidern. Nach einer kurzen Pause setzte sich Richard aufs Lehrerpult und sagte: „Ein Unterricht ohne Lehrer wird vielleicht zum aufklärenden Gespräch. Was haltet ihr von einem gemeinsamen Thema? Was sind eure Ideen? Brainstorming, bitte schön.“

Als die anderen blockten, weil sie Richard als exaltiert empfanden, machte Bjoerc einen Eintrag ins Kursbuch. „Richard und Bjoerc wegen Übelkeit vom Unterricht befreit.“ Tina, die Tochter des Zahnarztes, schloß sich den beiden an. Im schulischen Hexenkessel war es unangenehmer, als mit Richard und Bjoerc in den ,Erbkrug zum Birnbaum‘ zu gehen, mochten die anderen denken, was sie wollten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s