Ich bin Du, egal, wer das Ich und wer das Du ist. Ich bin ein Baum, ich bin ein Vogel, ich bin ein Teil von Mutter Erde und Vater Himmel. Auch wenn ich die Sprache der Vögel nicht verstehe, so glaube ich, dass die Vögel mit uns kommunizieren. Es gab vor langer Zeit eine Situation, als ich den warnenden Schrei eines Roten Milans hörte; ohne seine Hilfe wäre vermutlich ein großes Unglück geschehen.

Als ich vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal einen Roten Milan gesehen habe, veränderte sich meine Wahrnehmung. Immer, wenn ich ihn sah, blieb ich stehen, denn ich war aufgeregt wie ein Kind und mein Herz freute sich. Innehalten und nicht denken, nur sehen, nur zuschauen und nur fühlen – so als ob ich selbst der Rote Milan sei. Die Indianer beschreiben das Phänomen mit ihren Worten – In Lak’ech Ala K’in – und das bedeutet: Ich bin Du.

Ich bin ein guter Zuhörer, und schon als junger Mann konnte ich die Drehung eines Schlüssels an der Haustür hören, wenn Jimi Hendrix dröhnte. Später lernte ich beim Taxifahren die Stimmen meiner Kollegen zu identifizieren, bis es mir allmählich gelang, Gefühle und Stimmungen herauszufühlen.

Mit dem Roten Milan begann eine neue Zeit der Wahrnehmung. Ich hörte seine Stimme, ohne zu wissen, was er sagte. Sechs Jahre nach dem Beginn unserer Freundschaft fuhr ich eines Tages mit der Tochter meiner Freundin zum Zirkus. Das junge Mädchen hatte in jenen Wochen das Fahrradfahren erlernt, und sie traute sich mit vier Jahren zu, eine lange Strecke von fast fünf Kilometern in einer Richtung zu fahren.

Auf der Rückfahrt, kurz vor unserem Zuhause, hörte ich die Stimme des Roten Milans. Sie klang anders als sonst – sie klang aufgeregt -, und ich hatte das Gefühl, dass es notwendig sei, vom Rad abzusteigen. Das taten wir beide, und damit unterbrach ich den Bewegungsablauf, die Dynamik, nach vorne kommen zu wollen. Aus der Absicht der Bewegung wurde mit Hilfe des Roten Milans die Absicht der Achtsamkeit.

Irgendetwas wartete auf uns, etwas Bedrohliches. Das entnahm ich der Stimme des Roten Milans. Noch nie zuvor hatte ich seine Stimme in dieser Weise gehört. Es war eindeutig für mich, dass es sich um eine Warnung handelte. Sobald ich auf meinen Freund hören würde, würde uns nichts Schlimmes passieren.

Als der Radfahrweg auf die Hauptstraße mündete, blieben wir stehen. Wir warteten, um uns einen Überblick zu verschaffen. Etwa eine Minute später kam ein Horde von Verrückten auf uns zu, Menschen, die von A nach B wollten, Menschen, die nichts sahen und nichts sehen wollten, außer etwas, was vor ihnen in weiter Ferne lag. Alle wollten Sieger sein; sie gehörten zu der Gattung Radrennfahrer. Die Kreisstraße war ihr Revier, verbissen und verstört überholten sie sich, so als könne es keinen Gegenverkehr geben.

Wahrscheinlich war die Gegenspur für Autofahrer gesperrt, doch niemand der Offiziellen hatte an uns gedacht. Kurz darauf wurden die Radfahrer von einem Begleitfahrzeug überholt – genau in dem Bereich, in dem wir gewesen wären, wenn der Rote Milan nicht mit uns gesprochen hätte.

Ich war dankbar, während wir an der Kreuzung standen. Ohne den Roten Milan wäre unsere Fahrt nicht so friedlich verlaufen. Erst als wir zuhause waren, erfasste ich die göttliche Intelligenz. Der Rote Milan ist nicht nur ein Vogel in seiner Welt, sondern er verbindet Welten miteinander. Er sah die rücksichtslosen Radfahrer. Er sah uns. Er nahm die Geschwindigkeit der Radfahrer und unsere Geschwindigkeit wahr. Er sah die Schnittstelle der Bewegungsabläufe. Dann flog er zu uns, um uns zu warnen. Er schrie oftmals hintereinander, solange, bis er wusste, dass ich ihn verstanden hatte. Nur eine göttliche Intelligenz kann auf die Weise operieren, wie es der Rote Milan tat.

Damals war ich sowohl dem Roten Milan als auch dem Großen Geheimnis zutiefst dankbar. Jetzt möchte ich es lernen, mit dem Roten Milan zu kommunizieren – nicht nur, wenn eine Gefahr droht.

Postscript

Es war mein Vater, der mir beibrachte, dass auch ein Baum eine Seele hat. In seiner Bibliothek fand ich ein Buch über die Kunst, mit Bäumen, Vögeln und Fischen zu reden. Franz, der Vorname meines Vaters, ist immer die Brücke zu Franz von Assisi gewesen. Heute weiß ich, dass die äußere Welt und die innere Welt miteinander verbunden sind.

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