Es ist selten, dass sich ein Chef einer Arbeitsagentur arbeitslos melden muss, aber wenn es so ist, tritt er in die Fußstapfen von vielen Millionen Menschen, nur mit dem Unterschied, das er ziemlich genau weiß, was auf ihn zu kommt. Die einen nennen es Schikane, die anderen nennen es Arbeit.

Zunächst musste er den Weg finden, und es gab keine Beschreibung, um dorthin zu gelangen, wo er hin wollte. Dummerweise war eine seiner letzten Amtshandlungen die Erfindung eines Blind Dates für Arbeitslose mit ihrem zukünftigen Berater. Es gab keine Hinweisschilder, wo sich die jeweiligen Sachbearbeiter befinden könnten. In einem Anflug von sadistischem Wahn hatte er verfügt, ein kreatives Chaos herzustellen, nur der Ort der Agentur sollte bekannt sein, alles andere würde noch mehr zur Erniedrigung beitragen, auch wenn eine Entlassung in der Regel schon erniedrigend genug war.

So öffnete Herman Dürwall viele Türen, und schloss sie schnell wieder, weil er zur richtigen Zeit an der falschen Stelle war. Nach anderthalb Stunden hatte er einen Tresen gefunden, nicht weil er besetzt war oder ausnahmsweise eine Bezeichnung hatte, sondern weil er alle andere Möglichkeiten ausprobiert hatte. Nach einer viertel Stunde kam ein junger Mann, fragte ihn, was er wolle, schaute auf die Uhr und war der Ansicht, dass sein Kunde zu spät erschienen sei, er könne jedoch schon einmal Platz nehmen, vielleicht ginge es ja.

Nach einer dreiviertel Stunde, die schon fast an eine ganze Stunde heranreichte, erschien ein kleiner Mann, und als ihm Herman Dürwall etwas zu rufen wollte, verschwand er wieder in seinem Raum. Nach weiteren zwanzig Minuten wurde der ehemalige Chef gerufen, die Tür schloss sich wieder, so dass Herman Dürwall anklopfen musste, aber das wusste er ja. Auch diese Prozedur war eine heimliche Dienstanweisung aus seinen besten Tagen.

Er klopfte also, hörte ein entferntes Herein und sah sich in dem Büro um, aber der Kollege Sachbearbeiter war unsichtbar. Hingegen sah er sich einer großen Buddhastatue gegenüber, einem Geschenk, das nur dem härtesten seiner Untergebenen geschenkt wurde. Ein Jesus hätte nicht diese Wirkung gehabt, zu sehr hätten sich die Arbeitslosen mit dem Herrn Jesus am Kreuz identifiziert. So arbeitete er mit seinem Opfer, den Kunden subtil darauf aufmerksam machend, dass es wohl Karma sei, das ihn zu diesem Ort gebracht hatte.

„Was kann ich für Sie tun?” lautete die obligatorische Frage, die jedoch nicht so gemeint war, wie sie klang. Dürwalls ehemaliger Mitarbeiter setzte sich vis-a-vis, vermied es jedoch, ihn mit den Augen zu martern und war wohl dennoch genau über die Vorgänge informiert, die zu der Entlassung geführt hatten, und es schien ihm Freude zu bereiten, den Ahnungslosen zu spielen, ohne die Mundwinkel zu verziehen, genau so wie man es von einem Buddha erwarten würde.

„Darf ich unser Gespräch aufzeichnen? fragte Herman Dürwall und legte sein iPhone 5 neben den Buddha, dass es direkt auf den Sachbearbeiter zeigte.

„Nein,“ antwortete jener und legte ein iPhone 6 daneben und schubste das andere Gerät brutal zu seinem Eigentümer zurück. „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie nichts dagegen haben, wenn ich unser Gespräch für Prüfzwecke zur Verbesserung unseres Kundenservice mitschneide?“

Herman Dürwall hatte die erste Runde verloren. Würde er mit Nein antworten, würde er zwei Monate lang oder länger auf das Arbeitslosengeld warten. Eine weitere Schikane, die er sich damals ausgedacht hatte, sehr effektiv und als Schikane nicht nachprüfbar, weil es über seine Instruktion keine Akten gab.

„Und was wollen Sie jetzt hier?“ fragte Kollege Sachbearbeiter.

„Ich möchte Arbeitslosengeld beantragen.“

„Und warum?“

„Weil ich entlassen worden bin.“ Bedrückendes Schweigen.

„So,“ sagte der Mitarbeiter, „das klingt nicht gut. Haben Sie sich etwas zu Schulden kommen lassen?“

„Nein.“ Dürwall schüttelte seinen Kopf energisch.

„Haben Sie vielleicht den Arbeitsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst?“

„Ja.“ Dürwall nickte.

„Das ist nicht gut.“ Ein kurzer Kommentar, nicht rechtsgültig, aber wirkungsvoll. Selbst Dürwall fühlte sich eingeschüchtert.

Dann verschwand der Mitarbeiter. Nach zehn Minuten kam er mit einem Stapel Papier zurück.

„Sie wollen was von uns? Gut, dann müssen Sie was dafür tun. Formular A, und B und C und D. Als sie bei “S” angekommen waren, begann das große Gähnen.

„Sie können sich schon mal überlegen, was Sie in Ihrer Bewerbung schreiben,“ sagte der Angestellte und schaute Herman Dürwall eindringlich in die Augen, „wir haben da ein supertolles Angebot – Bewerbungen perfekt schreiben und ganz nebenbei lernen Sie kostenlos Word.“

„Ich habe kein Word.“

„Sagte ich doch, ein wenig Allgemeinbildung wird Ihnen nicht schaden.“

„Ich habe einen Apple. Und da gibt es kein Word. Darauf gibt es Pages.“

„Ja,“ sagte der Kollege Angestellte mit Bedacht, „so sieht es aus. Dann brauchen Sie doch einen Word-Kurs. Bei uns werden Sie kostenlos den Computer benutzen, das Papier und den Drucker. Und wenn Sie langzeitarbeitslos sind, dürfen Sie immer wieder Word auffrischen. Word für Vista, Word für Windows 8, Word für Windows 10. Bei uns werden sie nicht untergehen.“

Plötzlich zog Herman Dürwall eine Wasserpistole und legte sie neben den Buddha. Sein Ex-Mitarbeiter holte eine Wasserpumpgun aus der Schreibtischschublade.

Der ehemalige Boss der Arbeitsagentur wollte den Buddha verlassen, schaute nochmals auf die Papiere, entriss seinem Gegner die Pumpgun und fegte das Bürokratische mit einem feucht-kühlen Stoß vom Tisch. Kurz darauf saß Herman Dürwall in einem Polizeiauto und ärgerte sich, dass sein ehemaliger Mitarbeiter keinen Spaß verstand.

Plötzlich, als die Sirenen des Polizeiautos erneut ertönten, wurde Herman Dürwall wach. Sein Enkel spielte früh am Morgen mit irgendeinem blöden Geschenk irgendeines blöden Nachbarns.

Gott sei Dank hatte er nur geträumt. Es gab keine Schikanen, jedenfalls jetzt noch nicht. Das Einzige, was ihn beschäftigte, war die Tatsache, dass er als Chef einer Arbeitsagentur entlassen worden war.

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