„Irgendwann wird es so nicht mehr weiter gehen,“ dachte ich, als ich meinen alten Heuwagen ansah und überlegte, was ich tun könne, um nicht vollends Schiffbruch zu erleiden. „Ich bräuchte einen Sachverständigen, der mir hilft. Ich wüßte schon einen, doch er ist verschrien und hat einen sehr schlechten Ruf. Vielleicht ist sein Ruf sogar so schlecht, dass er genau der Richtige für mich ist.“

In der vergangenen Zeit hatte ich mühsam gelernt zu erkennen, dass all das, was gut war, von der Gesellschaft oftmals als schlecht denunziert wurde und all das, was schlecht war, kam in den Ruf des Vorbildlichen. Obwohl ich das wusste, kam ich keinen Schritt voran und hatte das Gefühl, mich im Kreise zu drehen. Langsam befürchtete ich einen Stillstand, vielleicht sogar einen immensen Rückschlag.

Ein paar Tage darauf erfuhr ich, dass der Stellmacher, den ich mir dringend wünschte, um mein Gefährt zu restaurieren, gestorben war. Die Nachricht berührte mich und ich hatte einen Traum, der mich aufforderte, mehr von dem Mann, der mit den Sternen sprechen konnte, in Erfahrung zu bringen. In einem anderen Traum erschien er persönlich und erklärte, dass mein Heuwagen nur scheinbar ein Gefährt sei; in Wirklichkeit handele es sich um zwei Fahrzeuge.

Das sichtbare Gefährt war das Erbe meiner Eltern; und es würde mich zu Krieg und Leid führen, ohne dass ich mich dagegen zur Wehr setzen könne, wenn ich nicht augenblicklich mein eigenes Gefährt, das in dem äußeren Heuwagen verborgen war, erkennen und gangbar machen würde.

Als ich aufwachte, wusste ich nicht, wieviel Zeit mir blieb, die Aufgabe, die mir der Traum auf den Weg gab, selbst zu erkennen und in meiner Welt umzusetzen. Wie sollte ich mit einem toten Stellmacher kommunizieren, den ich bislang abgelehnt hatte? Ich verfügte über keine Handwerkszeuge, um mein Gefährt und das meiner Vorfahren zu trennen.

In der Morgendämmerung leuchtete ein Stern, heller als jeder andere. Meine innere Stimme sagte mir, es käme nur darauf an, die Verbindung zu diesem Stern zu halten.

2

Nicht einmal der alte Weg zum Gehöft des Stellmachers war passierbar. Hermann Janßen hatte einen großen Bauernhof am Rande des Waldes bewohnt, und nichts hielt ihn davon ab, dort sein Handwerk auszuüben. Er liebte seine Arbeit, er liebte das Holz, er liebte die Bäume und das Zwitschern der Vögel. Das hatte mir seine Tochter Eileen berichtet, als wir noch zur Schule gingen. Sie erzählte immer fragmentarisch, niemals wusste ich genau, was sie mir mit ihren Erzählungen sagen wollte, ob ich ihr Glauben schenken konnte und manchmal beschäftigte ich mich mit der Frage, was sie ausließ, um ihren Vater nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

Manchmal wagte ich mich mit meinem Rad tief in den Wald hinein, um die Stelle zu erreichen, wo Hermann Janßen Räder und Holzkarossen baute. Einmal – auf dem Weg zu meiner Großtante, die ich nur selten besuche, zu sehr hatte sich das alte Familiengeflecht aufgelöst, um sie öfter zu sehen – sah ich im Wald eine Person, die eine alte Eiche umarmte und dabei ein Lied in einer fremden Sprache sang, es klang, als ob ein Kind brabbeln würde, melodisch schön und unverständlich zugleich. Die Stimme war die des Stellmachers, eindeutig, obwohl ich meine Zeit benötigte, um sie zu identifizieren.

Solch eine Handlung bot Anlass, dass über Hermann Janßen geredet wurde. Doch in seiner Gegenwart gingen die Bauern über die Eigensinnigkeit des Handwerkers hinweg, denn er war der einzige Stellmacher in unserer Region. Manch einer fluchte, wenn er den holprigen Weg in den Wald hineinfuhr, weil die tiefen Löcher niemals ausgebessert und von Jahr zu Jahr die Fahrspuren unwegsamer wurden. Nur selten brach ein Rad, und wenn es geschah, so bemühte sich Hermann Janßen, dem Kutscher rasch zur Hilfe zu kommen, oder, wenn es nicht unmittelbar ging, ihn von seiner Haushälterin bewirten zu lassen, bis er seine Arbeit abgeschlossen hatte.

Dass in der Zwischenzeit der Weg blockiert war, bekümmerte ihn wenig. „Ich bin doch nicht dafür verantwortlich, wenn jemand solange mit der Reparatur wartet, dass man das Rad nur anschauen muss, bis es zusammen fällt.“ Das soll er einmal eines Abends im alten Dorfkrug gesagt haben, obwohl er sich dort ungern aufhielt, weil er die Reden der Großbauern nicht mochte, wenn nicht sogar ablehnte. Er ging zu Festlichkeiten in die Kneipe, weil er eingeladen war, nicht, weil er nichts Besseres zu tun hatte, als seine Zeit mit Trinken totzuschlagen. Hermann Janßen rührte kaum Alkohol an, er war zwar kein Abstinenzler, doch mit einer Flasche Bier gab er sich zufrieden, wenn er zu Gast im Dorfe war.

An dem Tag, als ich mich auf den Weg machte, um meinen Traum lebendig werden zu lassen, stellte ich fest, dass der alte holprige Weg gesperrt war. Der Stellmacher hatte seine letzte Reise vor einer Woche angetreten; seine Haushälterin hatte, obwohl es verboten war, die Urne mit dem Boot in einer Nacht in die Mitte des Sees hinausgebracht und so wurde seine Asche vom Winde verweht. Ich stellte mein Gefährt beim Dorfkrug ab, erinnerte mich an die alten Schleichwege, die zum Gehöft des Stellmachers führten, redete meinen Pferden gut zu, auf mich zu warten und machte mich auf den Weg, der keiner war.

3

Den alten Weg, der an der militärischen Funkstation vorbeiführte, konnte ich nicht nehmen, weil die Schäferhunde anschlagen würden. Selbst dann, wenn der Wind günstig stand, und das tat er an jenem Tag, wäre es sicherer, auf einem Schleichweg zu gehen. Es gab zwei Möglichkeiten. Links und rechts vom Weg gab es zwei Seen, und beide waren umsäumt von hohem Dickicht.

Der linke See war älteren Ursprungs; ich erinnere mich noch an die Gruselgeschichten meiner Mutter, die von unheimlichen Geistern handelten, die Menschen, sobald sie sich zu weit von der Uferkante zur Mitte des Sees entfernten, mit einer unsichtbaren Kraft in die Tiefe zogen und nie wieder freigaben, ich erinnere mich an die erste Wanderung mit der Schulklasse, als wir am Uferrand picknickten, damals, als das Wasser noch nicht so hoch stand wie heute, damals, als es noch möglich war, lustige Spiele mit Wasser und Lehm zu entdecken, damals, als der See noch so tief gelegen war, dass wir im Winter hoch oben vom Waldesrand mit dem Schlitten auf den zugefrorenen See hinunterfuhren und so weit es ging hinüberzugleiten.

Irgendwann war der Zugang zum See versperrt, doch das machte uns nichts aus, denn wir ahnten nicht, dass die Bagger den Wald um den kleinen See für immer zerstören würden; ja selbst, als sie gekommen waren, die Bäume fällten, die Muttererde abtrugen und den weißen Sand abtransportierten, hatten wir ein neues Spiel entdeckt und sprangen aus der Höhe in weiche Sandberge. Der Verlust rückte erst ein paar Jahre später ins Bewusstsein.

Der See zu rechten Seite des Wegs war ein weiterer See, dessen Privatheit wir immer achteten. Drumherum befand sich ein sagenumwobener Wald, den ich als Kind nicht ohne Begleitung älterer Jugendlicher betreten wollte. Kaum war der erste Wald zerstört, machten sich die Bagger, so sagten wir es damals, ohne an die Auftraggeber zu denken, an die Arbeit, dann fällten die Bauarbeiter die Bäume, räumten die Schwarzerde ab, baggerten den weißen Sand aus, und luden ihn auf Laster, die unseren Sand weit wegbrachten. Als ich Jugendlicher war, umstreifte ich auch diesen See, der eine neue Romantik erhielt, weil am Uferrand die Kate eines alten Waldbauern stand und ein Spiegelbild schuf, das mich gefühlsmäßig in andere Welten entführte und mich den Schmerz der vergangenen Jahre vergessen ließ.

Eines Tages wurde dieser See eingezäunt, das innere Gelände parzelliert, und jede Parzelle erhielt ein hölzernes Tor, das mit einem Schloss und einer Kette abgesperrt wurde. Zweihundert Meter Fremde in der eigenen Heimat, in dem Stück Land, das eigentlich allen Menschen gehören sollte. Das Denken, das ich als Jugendlicher entwickelt hatte, führte schon recht früh dazu, dass ich Privateigentum, soweit es in meinen Wäldern möglich war, ignorierte. Gegenüber der Funkstation gab es einen Waldweg, der eingezäunt war, aber in vielen Nächten hatten Unsichtbare daran gearbeitet, den Maschendraht zu entfernen, solange, bis es die neuen Eigentümer aufgaben, den Weg, der ihnen nicht gehörte, abzusperren. Am Ende des Weges gab es eine kleine Stelle, einen kleinen weißen Strand, der für mich die letzte Freiheit an diesem See darstellte.

Genau dorthin musste ich jetzt gelangen, wenn ich zu dem Gehöft vordringen wollte, ohne entdeckt zu werden. Der Pfad am linken See war einsehbar für die Männer der militärischen Station; niemals wusste ich, ob ihr Gebiet lediglich durch die Hunde und den hohen Stacheldrahtzaun geschützt wurde oder ob sie auch Ferngläser benutzten, um das Gelände zu beobachten. Auch das Terrain der alten Kate war nicht zugänglich, es war über die Jahre hinweg stark verwildert und immer noch war es für mich privat, auch wenn sich die Besitzverhältnisse vor langer Zeit verändert hatten.

So ging ich längs der asphaltierten Landesstraße, redete mir wieder einmal gut zu, den Lärm der vorbeidrängenden Fahrzeuge zu ignorieren, indem ich mich auf die erwachende Pflanzenwelt konzentrierte. Endlich war ich an dem Sandweg angelangt, der mich in meiner Jugendzeit an die Stelle des Waldes führte, von der aus ich in die Tiefe des restlichen Waldes gehen konnte, und meditierte mit dem Spiegelbild der Kate. Damals nannte ich es nicht so; ich warf meinen Blick hinüber und die Zeit blieb in mir stehen, ich vergaß meine Schulaufgaben, ich brauchte nicht an Zecken zu denken, weil es keine gab und nicht einmal meine Phantasie ließ mich eine Zeitreise machen, das einzige, was ich tat, war atmen.

Mein alter Badeplatz war unzugänglich gemacht worden, Stacheldraht und Maschendraht zur linken und zur rechten, die alten Wege waren kaum erreichbar. Irgendwo eine kleine Lücke, die ich sogleich nutzte, um im Dickicht meinen Weg zu finden. Der Pfad war fast zugewachsen, und dennoch fand ich ihn mühelos, weil er mir einmal so vertraut geworden war. Verschollen der Platz zwischen den Birken, dort, wo ich zu träumen wagte, um alsbald den Traum wieder zu vergessen, wenn ich mich dem Elternhaus näherte.

Ich überquerte mehrere Gräben, fand einen alten verwilderten See, beobachtete einen Reiher, der auf einer kleinen Insel auf seinen Fisch wartete, und schlich leise voran. Plötzlich kam ich nicht weiter. Ein großer Zaun, vor wenigen Tagen errichtet, versperrte mir den Weg. Ich schaute zu beiden Seiten, fassungslos nahm ich zur Kenntnis, dass der Zaun zweieinhalb Meter hoch war, von einer Machart, die mich abschreckte, in mein Zielgelände einzudringen. So ging ich den Zaun entlang in Richtung Südwesten, und kam nach zwei Kilometern an einen zweiten Zaun, der das Gelände gen Westen und Norden absperrte. Soweit mein Auge blicken konnte, überall sah ich gefällte Bäume. Traurig ging ich den Weg zurück, untersuchte die andere Seite; und auch dort, ungefähr nach anderthalb Kilometern, ein weiterer unüberwindbarer Zaun, der gen Osten verlief. Mehr als ein Hektar Land, dessen Schwarzerde abgetragen und zu einer hohen Straße aufgeschüttet wurde, lag brach vor meinen Augen.

Um zu meinem Gefährt zurückzugelangen, suchte ich einen alten Querweg, an dessen Verlauf ein Baummysterium gelegen war. Vor Jahren hatte ich in der Dämmerung diesen Ort aufgesucht, um mit den Buchen das zu machen, was der alte Stellmacher gemacht hatte; doch kaum hatte ich einen Baum umarmt und meine Augen geschlossen, überfiel mich die Angst und ich rannte davon, so schnell ich konnte. Angesichts des Schreckens, den ich heute wahrgenommen hatte und durch den ich mich wirklich bedroht fühlte, lief ich nicht davon. Schon bald war ich in dem Kreis der Buchen.

Als ich wieder bei meinen Pferden war, konnte ich mir nicht erklären, was mich veranlasst hatte, an dieser Stelle etwas zu tun, was ich noch nie in meinem Leben getan hatte. Ich untersuchte den Platz, stellte ich mich in die Mitte zwischen den Bäumen, versuchte mich gen Osten auszurichten, verband meine Augen mit meinem Halstuch, atmete viele Male tief durch und bat die Natur, mit mir zu sprechen. Plötzlich hörte ich, wie eine Stimme in mir sagte: „So ist es richtig, so, wie du es heute gemacht hast, findest du ab jetzt immer den Weg, um mit dem Großen Geist zu reden. Im Osten findest du den Zugang zu Spirit, zum Großen Geheimnis. Drehe dich langsam im Kreis, verneige dich vor allen Windrichtungen, und höre, was du hören wirst. Sei geduldig und du wirst wissen, wie deine nächsten Aufgaben lauten. Du erhältst alle Informationen, um dich von dem falschen Gefährt deiner Ahnen trennen zu können. Friede sei mit dir.“ Der Süden erzählte mir, dass er für mein inneres Kind zuständig sei, der Westen für meine Fragen und der Norden würde für meine Klarheit sorgen.

Am liebsten wäre ich noch länger bei den Buchen geblieben, doch meine Pferde warteten auf mich, auch, wenn sie für mich das Sinnbild von Geduld waren. Ich beschloss, den langen Weg um den See herum zurückzunehmen. Ich wollte, dass meine Exkursion unentdeckt blieb.

4

„Was war geschehen?“ Diese Frage stellte ich mir während des Abendbrots und versuchte Klarheit über den Nachmittag zu erlangen. Auch wenn ich schon lange nicht mehr politisch aktiv war, fürchtete ich um eine Aktion des Staatsschutzes. Aber was um aller Welt konnte im Leben eines Stellmachers derart brisant gewesen sein, dass ein riesengroßes Gelände systematisch abgeriegelt wurde? Oder kamen unterschiedliche Ereignisse zusammen, ohne dass die Dorfzeitung darüber berichtet hat?

Eigentlich hätte ich mich im Schutz der Dunkelheit gerne auf den Weg gemacht, um den Maschendraht aufzubiegen. Allerdings hatten wir Neumond und eine Taschenlampe wäre zu auffällig gewesen. Vielleicht sollte ich Eileen ausfindig machen; ich glaube, sie hatte im Gegensatz zu mir immer ein gutes Einverständnis zu ihrem Vater gehabt. Ich recherchierte lange im Internet, um Spuren von ihr ausfindig zu machen, jedoch ohne Erfolg.

Eileen hatte schon als Kind Geheimnisse geliebt – und noch mehr als Jugendliche. Sie beteiligte sich niemals an Demonstrationen, weil sie ihre Identität dem Verfassungsschutz nicht preisgeben wollte und weil sie eine andere Form des Widerstands bevorzugte. „Ich mag diese dämliche Konfrontation nicht,“ sagte sie mir eines Abends im Quodlibet und zog es vor, sich mit mir über die Institution Ehe unterhalten, weil ihrer Ansicht nach zu viele Leute um uns herum waren. Wir kamen zu einem gemeinsamen und unumstößlichen Schluss, dass Ehe und Liebe unvereinbar waren. Deswegen war ich mir fast sicher, dass Eileen aus eher konspirativen Gründen nicht im Netz zu finden war.

Es war nicht zu spät, einen abendlichen Besuch zu machen. Ich schnappte mir das Fahrrad, fuhr die Strecke ohne Licht und achtete darauf, dass mir niemand folgte. Bei der Dorfkneipe – in unserem Dorf wird so viel gesoffen, dass sich selbst in diesen Zeiten drei Wirte und ihre Familien davon gut ernähren können – stellte ich mein Rad ab und ging die letzten Meter zu Fuß, vergewisserte mich, dass Hermann Janßens Haushälterin nicht überwacht wurde und klopfte dann leise ans Küchenfenster. „Darf ich?“ flüsterte ich leise. Doch es war nicht die Haushälterin, die mir die Tür öffnete. Es war Eileen.

5

Eileens Augen schauten mich konzentriert an; bevor ich etwas sagen konnte, legte sie einen Zeigefinger auf ihre Lippen und gleichzeitig den anderen Zeigefinger auf meinen Mund. Im nächsten Schritt drängte sie mich aus dem Eingang ins Dunkle.

„Hast du ein Handy dabei?“ flüsterte sie mir ins Ohr. „Wenn ja, sag keinen Ton, selbst wenn es abgeschaltet ist.“

Ich nickte.

„Komm zurück, wenn du es weggebracht hast. Warte hinter dem Haus, bis ich dich abhole.“

So hatte ich Eileen noch nie erlebt. Aber es passte zu ihr. Vielleicht hatte sie Recht. Wenn es möglich war, über Telefone Wohnungen abzuhören, warum sollten dann abgeschaltete Handys abhörsicher sein? Zurück zum Fahrrad wollte ich nicht gehen, so ging ich in die Siedlung, folgte einem Stichweg zum Nordwald, passierte alle bewohnten Häuser und legte das Handy hinter den Stamm einer alten Eiche.

Kaum hatte ich die Aktion erledigt, hörte ich eine Stimme.

„Was machst du hier zu später Stunde? Moin Tjard.“

Mit meinem Nachbar Holger Cassens habe ich nicht gerechnet. Normalerweise bin ich der einzige, der sich im Dunklen in die Wälder traut.

„Ich binde mir die Schuhe zu,“ sagte ich, denn ich wusste nicht, ob er mich beobachtet hatte. Weil das zu komisch klang, fügte ich hinzu: „Zuhause ist man nicht immer so ungestört wie hier.“

Ich grüßte Holger und wollte weitergehen, doch er stellte sich mir in den Weg.

„Warst heute wohl ganz schön lange in der Dorfkneipe. So früh schon so viel Durst?“

Ich traute Holger nicht, er tratschte mir zuviel. Er war ein Zeitgenosse, mit dem ich nichts zu tun haben wollte. Dennoch konnte ich ihn nicht übergehen. War er mit dem Auto vorbeigefahren oder war er in der Kneipe gewesen? Ich schlüpfte, ohne groß drüber nachzudenken, in die Rolle des Casanovas. Lieber das, als meine geheime Untersuchung preiszugeben.

„Man hat so seine Freundinnen.“

„Das hätte ich nicht von dir gedacht, Tjard,“ erwiderte Holger Cassens, und blieb starrsinnig neben mir stehen.

Ich ahnte, dass die wenigen Gehirnzellen, die ihm nach jahrelangem Suff geblieben waren, die Häuser um die Dorfkneipe sondierten. Es waren zu viele Möglichkeiten; ich würde niemanden durch meine Unvorsichtigkeit kompromittieren.

Wenn man mit Holger Cassens zusammenkommt, sitzt man in der Falle. Entweder hält er stundenlange Vorträge oder er horcht einen aus, solange, bis er arbeiten muss oder seine Frau ihn ruft. Heute rief ihn zu meinem Glück etwas anderes; eine Möglichkeit, die ich so noch nicht kannte.

„Das nächste Mal erzählst du mir mehr, Tjard. Ich will den Spielfilm nicht verpassen.“

Und dann verschwand er mit seinem Rauhaardackel in der Dunkelheit.

6

Aus der Ferne, irgendwo dort, wo sich Marianne Harms, Hermann Janßens Haushälterin und Eileen befanden, hörte ich Alarmsirenen. Unweigerlich zuckte ich zusammen; mir geht das jedes Mal so, wenn ich heulende Sirenen höre. Wahrscheinlich hängt das mit dem kollektiven Gedächtnis zusammen – ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwie an etwas Schlimmes oder Unheilvolles denkt. Die älteren Menschen fühlen sich oftmals an den Krieg erinnert, auch wenn keiner darüber sprechen mag. Über mir höre ich das Dröhnen von Flugzeugen. Obwohl ich sie nicht sehe, ahne ich, dass es sich um Militärflüge handelt, denn zu dieser Zeit dürfte kein privates Flugzeug fliegen. Die Sirenen höre ich in der Ferne leiser werden, dennoch beschleunige ich meine Schritte.

Es ist seltsam, alleine im Dunkeln auf einer fremden Terrasse zu stehen, auch dann, wenn ich ein berechtigtes Anliegen habe und hier sein darf. Ich beschloss, nicht auf Eileen zu warten und beobachtete das Himmelsgeschehen, zumindest versuchte ich es. Ich hörte immer noch die Flugzeuge, aber so sehr ich mich anstrengte, konnte ich kein Bewegung am Himmel sichten. Plötzlich fiel mir auf, dass ich schon lange nicht mehr wie ein Kind ein Haus aus der privaten Sphäre heraus wahrgenommen hatte. Irgendwie fühlte ich mich dennoch wie ein Kind, das gerne durch das Dorf lief, freundlich zu allen Menschen war, ohne sich um die Lebensgeschichte des anderen zu kümmern. Mein eigentliches Dorf begann dort, wo die Siedlungen aufhörten, dort, wo die Felder anfingen, dort, wo die Wälder und die Seen waren, auch wenn die meisten künstlich entstanden waren, zu der Zeit, als der Krieg begann.

Es wurde langsam Zeit, dass Eileen die Tür öffnete. Mein Magen-Darm-Trakt benahm sich seit ein paar Tagen unruhig; ich hatte das Gefühl, meine Muskulatur nicht beherrschen zu können und wünschte mir rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Meine Augen brannten, obwohl ich nie gegen Pollen allergisch war und in diesem Frühling, der tagsüber wie ein Sommer und in der Nacht ein Winter war, fühlte ich mich merkwürdig schlapp. Die Symptome fühlten sich wie eine beginnende Grippe an, doch mein Hausarzt meinte, ich würde kein Fieber haben und ich sollte langsamer arbeiten, dann würde es schon klappen. Die Antibiotika, die er mir sicherheitshalber verschrieb, habe ich bis heute nicht aus der Apotheke geholt.

In dem Moment, als ich anfing zu frösteln, öffnete Eileen die Tür.

7

Wenn man Durchfall hat, ist Timing eine gute Sache. Ist man nicht zuhause, ist das in der Regel aufregender. Hat man die Aufgabe, jemanden zu begrüßen, den man seit 36 Jahren nicht mehr gesehen hat und sich gleichzeitig in einem fremden Haus zu orientieren, weiß man nicht, was man zuerst tun soll. Also sagte ich „Moin Eileen“ und erklärte mit Händen und Füßen, worin mein dringendstes Bedürfnis bestand. „Tjard,“ sagte sie nur, nickte und zeigte mir den Weg.

Erst nachdem ich mich erleichtert hatte, aber noch nicht sicher war, ob noch ein weiterer Sturm auf mich wartete, fiel mir auf, dass Mariannes Wohnung nicht dem hiesigen Klischee, wie man sich einzurichten habe, entsprach. Die Wohnküche, der Flur und das Badezimmer waren indisch orientiert; das fühlte ich, ohne genau darüber Bescheid zu wissen. Die Küche war in rot-orangenen Farben mit einer orientalischen oder keltischen Ornamentierung, die Decke weiß wie im Flur und im Badezimmer, nur ein einfacher Küchenschrank in Kiefer, dann ein grün-gelb-weißer Flur, ebenfalls schlicht ornamentiert und ein pinkweißes Badezimmer mit dunkelroten Kacheln, kein elektrisches Licht, nur Teelichter und ein angenehmer Geruch, der mich an die siebziger Jahre erinnerte. Mir gegenüber ein gerahmtes Poster einer riesigen Buddhastatue, irgendwo im Dschungel, vielleicht in Japan, Thailand oder in China, wer weiß, welcher Künstler es erschaffen hat. Auf jeden Fall gefällt es mir, auch wenn der Buddha fast traurig erscheint. Und ich mag es wegen seiner Zeitlosigkeit, die mir sofort auffiel.

So verwunderte es mich kaum, als ich in der Wohnküche stand, dass mich Eileen auf unbekannte Weise grüßte. Sie stand auf, faltete die Hände zusammen – erst dachte ich, sie wolle beten – verneigte sich, als sie sah, dass ich spiegelbildlich das Gleiche tat, brachte ihren Oberkörper fast bis zur Erde und sagte „Namasté Tjard.“ Ich flüsterte leise „Namasté Eileen“, ohne um die Bedeutung der Worte zu wissen. „Namasté Tjard, ich grüße den Buddha in dir.“ War das eine Übersetzung oder eine weitere Überraschung? Nun war ich gehandicapt in meiner Spiegelbildlichkeit. Weil mir nichts Besseres einfiel, verbeugte ich mich noch einmal und sagte den Satz ein wenig deutlicher: „Namasté Eileen“.

Ich kam mir vor wie in einer japanischen Teezeremonie, irgendwie fühlte es sich würdevoll an. Mir tat es gut, Eileens Art zu spüren, mich nach langer Zeit des Nichtsehens respektvoll zu begrüßen. Immerhin hatten wir uns im Streit getrennt, denn sie war mit meiner Art, wie ich Liebesbeziehungen beendete, nicht einverstanden. Sie sprach nicht einmal mit mir darüber, aber ich durfte sie nicht mehr wiedersehen.

„Wolltest du Marianne besuchen?“

Ich schaute Eileen in die Augen, sehr direkt, wie es meine Art ist. Manchmal glaube ich, dass ich das tue, damit sich die Seelen begegnen können. Ich fühle mich sicherer, wenn der andere meinem Blick standhält, denn dann weiß ich, dass er nichts zu verbergen hat. Eileen sah unglaublich jung aus, obwohl sie so alt war wie ich. Alle Frauen in unserem Dorf, die die fünfzig überschritten haben, sehen irgendwie künstlich, argwöhnisch oder verbraucht aus. Eileen wirkte auf mich wie ein blühendes Mädchen mit einer Weisheit, die ich nur von Bildern kenne. Schon als junge Frau erinnerte sie mich an eine Indianerin, und heute mehr denn je. Ihr schwarzblau schimmerndes Haar war länger als damals, doch zu einem Zopf geflochten, ihre Wangenknochen waren markant und strahlten zugleich eine Lebensfreude aus, die von den Lachfalten ihrer Augen beeinflusst waren.

„Ja und Nein,“ sagte ich, „ich wollte zu Marianne, um zu erfahren, wie ich dich finden kann.“

In knappen Worten schilderte ich die Ereignisse. Ich erzählte schlicht, denn ich wusste, dass wir die Zeit brauchten, um Wichtigeres zu klären. Ich schloss mit der Frage: „War es der Staatsschutz, der auf eurem Gehöft war?“

„Die Herren kam allerdings zu spät,“ antwortete Eileen mit einem Nicken, „ich konnte alles, was Hermann in Sicherheit wissen wollte, zu Freunden bringen. Ich bin mir nicht sicher, was Hermann all die Jahre in Erfahrung gebracht hat. Aber er hat hunderte von Ordnern voller Zeitungsartikel, und seine Tagebücher sind so umfassend, dass sie eine ganze Wand seiner Bibliothek gefüllt haben. Hermann hat die alten Nazis beobachtet wie kein anderer; wie sie entnazifiziert wurden und dennoch Nazis blieben. Er hat ihren Weg nachgezeichnet, wie sie in Rang und Würden als Demokraten an der Spitze der Macht standen. Ich glaube, die Brisanz seiner Nachforschungen oder Beobachtungen liegt darin, dass er herausbekommen hat, wie sie für eine zeitliche Kontinuität nach ihrem Tod gesorgt haben. Am liebsten würde ich den ganzen Krempel wegschmeißen, aber das möchte ich ihm nicht antun und mir fängt es an Spaß zu machen, in den alten Geschichten nach Spuren zu suchen. Ich will wissen, was gespielt wird. Ich kann es nicht ab, wenn es Leute gibt, die denken, wir wären zu blöd, um ihnen auf die Schliche zu kommen.“

In Eileens Stimme war Klarheit und Strenge, unpassend zu einer spirituellen Frau, jedenfalls aus meiner Sicht. Hätte ich nicht um die einstige Eileen gewusst, wäre es mir schwer gefallen, mich auf ein Gespräch mit ihr tiefer einzulassen.

„Was hast du jetzt vor, Eileen? Schließlich wartet kein Kaffeekränzchen auf dich, sondern die Herren des Morgengrauens.“ Das war meine Bezeichnung für den Staatsschutz, nachdem ich Peter O. Chotjewitz gelesen hatte, eines der Bücher, die ich gegen Ende meiner politischen Zeit gelesen hatte. Der Titel brachte es auf den Punkt. Damals auf alle Fälle. Und heute? Ich hatte keine Erfahrung mit diesen Leuten.

„Weißt du Tjard,“ sagte Eileen, „es gibt heute so viele Möglichkeiten, all das unter die Leute zu bringen, was den Mächtigen dieser Welt nicht gefällt. Wenn sie nicht so reagiert hätten, würde ich die Ordner schon bald entsorgen. Aber irgendjemand will etwas verbergen,und ich weiß noch nicht, was das genau sein kann. Ein Journalist sagte einmal, er bräuchte nur aufmerksam zu sein und alles, was ihm begegnet, genau anschauen. Er hat ein Bild von sich gezeichnet, als sei er ein Künstler oder ein Meditierender. Ein Künstler schaut sich alles genau an, nimmt jede Einzelheit in sich auf und hat eine aktive rechte Gehirnsphäre, während die meisten Menschen nur eine verstümmelte künstlerische Aktivität vorweisen, weil die Schule sie einseitig formiert und deformiert hat. Wer sich im Logos befindet, geht nicht in die intuitive und kreative Seite des Seins. Kommt Meditation mit ins Spiel, so wird ein Journalist mit Leichtigkeit zum Zeitdetektiv und er kann kombinieren, Synthesen bilden und somit hat er die Grundlagen für eine eigenständige Recherche. Ich sage dir, Tjard, es liegt alles offen, nur keiner kommt auf die Idee, wie dieser Ideal-Journalist zu handeln.“

Ich verstand ohne zu verstehen. Jeder Satz war in sich schlüssig. Und dennoch begriff ich die Brisanz nicht.

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