„Der Dachs ist böse und greift mit Macht an. Der Dachs ist schnell verärgert und noch schneller schießt er los. Die Dachsmedizin ist Angriffslust und die Bereitschaft, für das zu kämpfen, was er will.“ ……………………………………………………………………..Jamie Sams, David Carson

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Yuri war wütend. Seine Mutter sollte viel zu früh aus der Rehaklinik entlassen werden. Würde es ihm nicht gelingen, den Chefarzt umzustimmen, würde seiner Mutter Unheil geschehen. Das war gewiss.

Vor sechs Wochen war seine Mutter vom Fahrrad gestürzt. Eigentlich war es ein viel zu heißer Tag im Juni gewesen, als sich seine Mutter aufmachte, um vierzig Kilometer zu fahren. Sie hatte es sich nicht vorgenommen, so weit zu fahren; der Tag war schön und frisch, als sie startete. Doch das Klima hatte sich verändert und war unberechenbar geworden. Am Ende des Tages wachte sie in einer Intensivstation auf, und hätte sie nicht die Hilfe von Juri gehabt, wäre sie nicht wieder richtig auf die Beine gekommen.

Ihr Sohn Yuri war ein freier Reikimeister. Jeden Schritt, den das medizinische Personal vorschlug, überdachte er und korrigierte Entscheidungen, wenn es notwendig war. Jede alternative Maßnahme, die Hilfe versprach und dennoch den Ärzten unbekannt war, setzte er durch. Als er seine Mutter zum ersten Mal sah, begrüßte sie ihn, so gut sie es in ihrer Not konnte und fügte hinzu, dass er ihr Reiki geben dürfe.

Bislang hatte die Mutter es abgelehnt, seine Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen. Doch in der Not wusste sie, was sie brauchte – Reiki. Yuri ahnte, dass es klappen würde. Seine innere Stimme sagte ihm, dass der Heilungsprozess drei bis vier Monate in Anspruch nehmen würde. Er entschied sich, unbegrenzten Urlaub zu nehmen, solange, bis seine Mutter wieder gesund sein würde.

Es war ein Mittwoch, als Yuri erfuhr, dass seine Mutter am Freitag aus der Reha entlassen werden sollte. Zu dem Zeitpunkt war es zu spät, um Verantwortliche umzustimmen. Eins war jedoch gewiss; seine Mutter würde die lange Fahrt nach Hause nicht machen können, denn sie war zu schwach, die Strapazen von vierhundert Kilometern auszuhalten.

Einem Akt von Unmenschlichkeit zu begegnen, war für Juri nicht ungewohnt. Doch wie sollte er vorgehen, um seiner Mutter Chancen einräumen zu lassen? Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Yuri nicht, dass er freundlich und bestimmt sein konnte, aber es würde notwendig sein. Eine grausame Entscheidung verlangte weises Handeln, aber es war klar, dass diplomatische und überzeugende Worte nichts bewegen würden.

Abends meditierte Yuri lange. Als er sich an den Dachs als Krafttier erinnerte, wich seine Wut und ein ungewöhnlicher Plan entstand. Es war ein Experiment, das er nur für seine Mutter durchführen würde. Eine Kombination von Krafttier-Medizin und Reiki. Das grenzte zwar fast an Machtmissbrauch, doch er war sich gewiss, dass sein neues Konzept zum Gelingen führen würde. Seine Mutter hatte keine andere Chance, und er war bereit, entschlossen zum Angriff überzugehen. Klar war auch, dass er niemanden schaden würde.

Die einzige Hürde, die Yuri am Donnerstag überwinden musste, bestand in der Aufgabe, mit dem Chefarzt sprechen zu dürfen. Die Psychologie eines langen Weges zu seinen Räumlichkeiten glich einem Labyrinth, das als solches schon abschreckend genug war.

***

Es kam, wie Yuri es vorausgesehen hatte. Der Chefarzt war nicht bereit, auf menschliche Argumente zu hören.

„Wissen Sie, was das Problem Ihrer Mutter ist?“ sagte der Mann zu Yuri, „Ihre Mutter ist zu alt und wird nicht mehr gesunden. Meine Vorschriften erlauben mir deswegen keine Fortführung der Reha-Maßnahme. Es gibt allerdings ein modernes Gerät, das Ihrer Mutter hilft, wenn es einen Notfall geben sollte. Es ist ein Pieper, der einen Notfall meldet. Allerdings müsste Ihre Mutter einsichtig sein, das Gerät zu benutzen. Es wäre Ihre Aufgabe, Ihre Mutter zur Mitarbeit zu bewegen.“

Angesichts einer menschenverachtenden Einstellung wäre Yuri normalerweise zornig geworden, und in diesem Fall wäre er sehr zornig geworden. Yuri reagierte unmittelbar – und blieb freundlich und sehr bestimmt. Das Einzige, was er unterdrückte, war seine fröhliche Stimmung, denn der Chefarzt wusste nichts über die vier Dachse, die Yuri gebeten hatte, den Mediziner in Schach zu halten. Yuri war sich gewiss, dass er nichts tun musste. Das Ergebnis war positiv – genau ab dem Moment, als er die Schwelle überschreiten durfte. Jetzt galt es nur, die richtigen Worte zu finden und freundlich zu bleiben.

Der Chefarzt suchte angesichts von Yuris Gesichtsausdruck nach Worten.

„Ich erkläre es Ihnen. Nehmen wir einmal an, es würden Komplikationen eintreten, wenn Ihre Mutter in der Badewanne wäre. Sie bräuchte nur den Knopf zu drücken, und schon nach kurzer Zeit wären die Kollegen da, um Ihrer Mutter zu helfen. Es ist wirklich einfach.“

Yuri glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Blitzschnell entfaltete sich die Situation vor seinem inneren Auge. Wenn seine Mutter in der Badewanne zusammenbräche, würde das Gerät viel zu weit weg liegen. Sollte es ihr irgendwie gelingen, den Alarm auszulösen, würden die Sanitäter vor verschlossener Tür stehen. Wieviel Minuten braucht es bis zum Tod?

Die Dachsmedizin nahm von Moment zu Moment zu. Das spürte Yuri, freute sich und blieb gelassen. Der Boss der Situation war er. Zugleich bewahrte er Würde.

„Würden Sie das auch Ihrer Mutter sagen?“

Der Chefarzt war verblüfft. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. Ihm blieb ein aggressiver Reflex, der das Ziel hatte, Yuri unsicher zu machen.

„Was meinen Sie damit? Ich verstehe Sie nicht.“

Rhetorik ist nichts gegen Krafttiermedizin. In diesem Moment wusste Yuri, dass er gewonnen hatte. Ganz ruhig führte er aus, was er zu sagen hatte. Innerlich war ihm klar, dass er einem dreijährigen Kind gegenüber saß, und ihm blieb nichts anderes übrig, als geduldig zu sein und dem Herrn Chefarzt mit anderen Worten zu sagen, was Dreijährige unmittelbar verstehen. Dann schaute Yuri in den Raum und vermied es, seinem Gegenüber ins Auge zu blicken.

Yuri wusste um die Kraft seines Zorns. Wenn er dem Arzt Gelegenheit geben würde, in seine Augen zu schauen, würde er etwas von seinem Geheimnis preisgeben. Yuri fürchtete sich nicht vor dem weißen Mann. Aber der andere sollte Zeit bekommen, um Worte zu finden, die sein Umstimmen ausdrücken durften. Der andere sollte in Würde eine Begründung finden.

Nach drei Minuten fand der Chefarzt die Worte, die er finden sollte. Die Mutter bekam den Reha-Aufenthalt um eine Woche verlängert. Yuri hätte vierzehn Tage gewollt, auch wenn drei weitere Wochen optimal gewesen wären. Eine Woche reichte jedoch. Mit Reiki und den Selbstheilungskräften seiner Mutter würde es gelingen.

Postscript

Yuri hatte seine Dachse in dem Zimmer des Chefarztes vergessen. Es ist üblich, den Zauber wieder zu entfernen, aber Yuri war zu glücklich, um an alles zu denken, was zu beachten war. Erst viele Jahre darauf – der Mutter ging es weitaus besser als vor dem Unfall – überlegte er, dass er den Chefarzt fragen sollte, ob er noch die Krafttiermedizin benötigen würde.

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