Richard ist mein bester Freund. Nicht jeder mag ihn. Erst recht nicht unsere Lehrer. Eines Tages fragte er unsere Klassenlehrerin, ob er einen Traum erzählen könne. Sie sagte Ja, obwohl sie ahnte, daß es Probleme geben würde. Zunächst schaute Richard sie an, so lieb und ernst, wie er es manchmal konnte, wenn er es wollte. Und dann legte er los.

»„Heute Nacht träumte ich über mich selbst,“ sagte Richard. „Ich träumte, daß ich in der siebten Klasse war. Es fing damit an, daß meine Eltern in eine andere Stadt gezogen waren, und ich befand mich an einer neuen Schule. Ohne zu wissen, was mir geschah, war ich von Anfang an ein Außenseiter. Plötzlich hatte ich eine Eingebung und spielte mit den Jungs und ein paar Mädels Fußball. Keiner wußte von ihnen, daß ich ein Meisterschütze war. Als sie es verstanden hatten, war ich derjenige, der bevorzugt beim Elfmeterschießen eingesetzt wurde.

Eines Tages hatte ich keine Lust mehr, mich an die Regeln zu halten, weil ich voller Wut war. So trat ich den Ball, der die gewünschte Fensterscheibe traf, die wiederum laut knackte, aber nicht zersplitterte und somit niemanden verletzte. Aber das Fenster des Lehrerzimmers sah von Innen schrecklich aus, daß alle Lehrer schreiend auf den Schulhof rannten.

Ich wurde als Übeltäter dingfest gemacht und mußte zur Abschreckung in einem Metallkäfig sitzen. In der nächsten Pause kam ein riesiger Kran, der den Käfig und mich in die Höhe hievte. Nach einer weiteren Unterrichtstunde kamen Lehrer und Lehrerinnen, die sich als Fürsten, Könige und Königinnen verkleidet hatten, während die Rektorin als Inquisator dem Kranfahrer eine Wasserprobe befahl. Sie wollte wissen, ob ich verhext sei oder nicht. Entweder würde ich im Wasser des Schulgrabens ertrinken und alle würden wissen, daß ich ein Mensch sei. Oder ich würde es überleben, und dann sei erwiesen, daß ich es mit dem Teufel zu tun habe.

Aus irgendeinem Grund überlebte ich. Zur Strafe mußte ich wieder am Unterricht teilnehmen. Und nun meine Frage. „Kommen die Rektorin und die Lehrer in den Himmel oder in die Hölle?“«

Richard bekam keine Antwort. Die Klassenlehrerin wurde rot im Gesicht, tippelte zur Tür und kam zehn Minuten später mit dem Direktor zurück. Richard bekam als erstes eine Strafpredigt, dann einen Eintrag ins Klassenbuch und einen Tag später erhielten seine Eltern einen schrecklichen Brief von der Schulbehörde. Aus irgendeinem Grund war danach Ruhe, denn Richards Mutter war Rechtsanwältin, die sich auf Streitereien spezialisiert hatte. Das war in der zehnten Klasse.

***

In der elften Klasse wurde Richard sitzengegeblieben. In Französisch erhielt er eine Fünf, weil er keinen Sex mit dem schwulen Lehrer hatte, und in Englisch erhielt er ebenfalls eine Fünf, weil der Lehrer ihn als renitent betrachtete. In der nächsten Klasse wäre er beinahe von der Schule geflogen, weil er sich für einen jüngeren Schüler eingesetzt hatte. Sein Vergehen bestand darin, eine unangenehme Person lautstark zu duzen, um ihm beizubringen, wie bescheuert er war. Diese Person war wiederum ein Lehrer und hatte einen Jungen kurzerhand ins Wasser geworfen, um ihm Schwimmen beizubringen. Soweit die offizielle Sicht der Dinge.

Dabei war es offensichtliche Körperverletzung, und der Lehrer war ein mieser Zeitgenosse. Richards Klassenlehrer, der seine persönliche Meinung über seinen Kollegen zurückstellte, mußte ihm beibringen, daß man so nicht mit einem Lehrer umgehen dürfe und wenn er sich nicht entschuldigte, werde er von der Schule verwiesen. Es war eindeutig Erpressung, und wenn es gerecht zugegangen wäre, hätten die Lehrer Richard als Held feiern und den Sadisten entlassen müssen.

Im gleichen Jahr schrieb Richard ein Pamphlet, das für immer in die Schulgeschichte eingehen sollte. Er schrieb eine bissige Satire über Autos und Lehrer, illustrierte das Ganze mit einem handgemalten Bild und brachte die Geschichte mit der Hilfe von ein paar Freunden in die Schülerzeitung, die als Sonderausgabe am letzten Schultag kostenlos verteilt wurde. Auf Anregung von Richard wurden die Exemplare nicht morgens, sondern pünktlich am Ende des Schultages unter die Schüler gebracht. Der Leitartikel hieß: „Ferien, die letzte Freiheit.“ Kein Artikel war namentlich gekennzeichnet, nicht einmal die Schülermitverwaltung hatte die Verantwortung übernommen.

Im Mittelteil erschien nach einem ausführlichen Rückblick auf zahlreiche Missetaten der Lehrer Richards Glanzleistung. Die Satire hieß: „Mein Gott, ein Auto.“ Keiner weiß, warum Richard auf die Idee kam, unterschiedliche Ideen, Anlässe und Hintergründe in einer Collage zusammenzubringen. Er hat wirklich Talent, jedenfalls aus meiner Sicht. Die Lehrer sind anderer Auffassung, aber das macht nichts. Kommen wir nun zu seiner Story.

***

„Am Anfang war Gott,“ schrieb Richard, „zunächst wurde er Lehrer und als er uns endlich besuchte, war er ein Auto. Unsere Großfamilie ging ehrfürchtig vor ihm auf die Knie, als er mit vier Rädern vor uns stand. Die Lärchen hinter ihm sangen ein Lied über die neue Zeit, die jedem von uns klar machen würde, daß ab sofort Selbstbewusstsein und das Göttliche unwiderbringlich miteinander verknüpft seien. Großmutter und Großvater strahlten, daß ihr einziger Sohn es geschafft hatte, sich einen Gott zu kaufen. Denn allen Beteiligten war klar, daß es viele Götter gab, aber es sich nicht jeder leisten konnte, einen Gott zu befehligen und zu lenken.

Mein Onkel war es nun, der in unserer Familie einen Gott besaß, während mein Vater gottlos blieb. Der himmelaschblaue Kadett hieß ab sofort Gottlob und leitete in unserer Familie den sinnlosen Verbrauch von Energien ein. Ich kann nicht sagen, warum Gottlob eines Tages fort war, aber ein paar Tage darauf kam ein neuer Gott. Sein Schnauze war etwas größer, die Karosserie war schmuddelig braun und dann erhielt er den Namen Gottfried. Kommen wir jedoch zum ersten Gott zurück.

Der liebe Gott war froh, daß mein lieber Onkel nicht riechen konnte. Ich war damals noch nicht völlig blöde, als der Onkel Gottlobs Anlasser betätigte. Auch wenn ich schon in der dritten Klasse war, bemerkte ich, daß Gott stank. Es war fürchterlich. Mein Onkel hatte es nicht gemerkt, wahrscheinlich, weil seine Sinne im Krieg betäubt worden waren. Der Ärmste war ja noch fast ein Kind gewesen, als er in den letzten Tagen des Wahnsinns auf die Schlachtfelder mußte und als er wenige Monate später auf Krücken zurückkam, konnte seine eigene Mutter ihn nicht wiedererkennen, nicht nur wegen der Krücken, denn er war ausgemergelt, alt, wie ein alter Mann und dünn wie ein Kind aus Biafra.

Sollte man ihm es übelnehmen, daß er sich einen Gott kaufte, mit dem er ein Stückchen Heimat kennenlernen durfte? Und so fuhren wir mit Gott durch Friesland, Ostfriesland und in das Alte Land, auch wenn Gottlob nicht nur draußen rumstänkerte. Selbst drinnen hatte er einen unangenehmen Eigengeruch. Mit der Zeit gab es immer mehr Götter in unserem Dorf, und die Kinder erhielten einen großen Gott, den die Erwachsenen nicht kaufen, sondern nur für seine Dienste bezahlen mußten. Dieser Gottesdienst hieß Bus, oder auch Omnibus. Es war die Billigvariante für alle.

Eines Tages, kurze Zeit nach dem Bau der ersten Hochhäuser an unserer schönen Küste, war es notwendig, die neuen deutschen Götter mit himmlischen Getränken zu versorgen. Nicht mit Bier, nein, mit einem spezifischen Energiegebräu, das aus Öl gewonnen wurde. Bald wird der Tag kommen, da schippern täglich mehr als 400 große Supergötter über die Weltmeere, um die kleinen Götter zu ernähren. Aber das ist eine andere Geschichte, wenn auch eine traurige, weil ihretwegen nicht nur Möwen sterben werden.

Auf uns wartet auch der Tod, nicht der normale, der unumgängliche. Sondern der Küstentod. Ganz in der Nähe von der braunen Stadt am Meer planen die Götter eine Schandtat sondergleichen. Land wird zerstört werden, und unsere schöne Küste wird niemals mehr die einzigartige Schönheit besitzen, wie wir sie jetzt noch sehen können. Zu Hilfe, zu Hilfe!

Wie ich gestern erfahren habe, sind sich Unternehmer und Gewerkschaftsbosse einig, den Göttern zu dienen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit noch so tun, als ob sie sich bekämpfen würden. Doch ein privates Gespräch zweier Repräsentanten, das ich verfolgen durfte, während sie vom Olymp die Treppen zum Ausgang hinunterschlichen, belehrte mich über ihr falsches Rollenspiel, das sie als Streitgespräch in der Aula vor allen Schülern aufführten.

So fiel ich in Trance, als ich neben ihnen ging, und wie ein Blitz erfuhr mich die Erkenntnis, daß ein Gott sterblich ist. Seine Geburt ist schon zu Zeiten seines Schöpfers ein schreckliches Ding gewesen; die Erde wurde aufgerissen, um die Materialien für seine Gestalt zu gewinnen, und Abertausende von Menschen mußten sich erbärmlich quälen, um die neuen Götter zu erschaffen, manch einer von ihnen starb elendig oder verlor seine Glieder oder das Gehör.

Gehen wir auf die Friedhöfe der neuen Götter, so ist nichts von ihrem Glanz übriggeblieben. Erbärmlich sehen sie dort aus, und zerdrückt und rostig. Nicht einmal einen Grabstein hat mein Onkel für seinen geliebten Gott aufgestellt.

„Diese Götter sind keine Götter für uns,“ flüsterte mir mein Onkel an dem Tag, als er starb, ins Ohr, „denn wenn wir weiter denken, wissen wir, daß ihre Art und Weise des Stänkerns zu schrecklichen Taten führen wird, wahrscheinlich zu neuen Kriegen, überall auf der Welt, wo es das Gebräu der Götter gibt.“

Wenn wir so alt sind wie mein Onkel, oder noch älter, dann werden wir entscheiden müssen, ob wir einen kleinen oder etwas größeren Gott haben wollen. Der Preis ist jedoch weitaus höher, als wir es uns vorstellen können. Vielleicht stehen eines Tages unsere Enkelkinder vor der Tür und wir erkennen unsere Liebsten nicht mehr wieder. Mein Gott, ein Auto? Selbst die Kacke eines Kindes riecht besser. Auch wenn Gott nicht stinken würde, ich möchte ihn nicht haben, nicht einmal geschenkt.“

***

Das war Richards Meisterstück, irgendwann zu Beginn der siebziger Jahre. Lange Zeit wurde damals geforscht und gedacht, wer den Artikel wohl geschrieben haben könne. Die Pfaffen unserer Gemeinden und die Chefs der Autohäuser waren besonders erbost. Aber die Lehrer überzeugten sie davon, daß es besser sei, kein Wort über das Pamphlet zu verlieren.

Die Begründung, daß es besser sei etwas totzuscheigen als denn zu diskutieren, erfuhren wir von einem Kunstlehrer, der uns gut gesonnen war. Der wiederum hatte sein Thema gefunden und ließ all seine Schüler Autos malen. Am Ende des Jahres wurden die schönsten Bilder prämiert. Es war Richard, der mit in der Jury saß. Sein Lieblingsbild hatte eine Schülerin aus der fünften Klasse gemalt; das Heck einer Ente, eines Döschwo, mit einem langen Auspuff, und dann kam über den Rest des Bildes Krickelakrack.

Heute ist es still um Richard geworden. Er hat sein Atelier irgendwo in einer alten Mühle an der Küste, frisch renoviert von seiner Mäzenin, die immer glücklich aus dem Tor tritt, nachdem sie ihn besucht hat, wer weiß, warum. Die Geschichte von dem stinkenden Gott wird er ihr nicht erzählt haben. Seine Göttin fährt einen dicken BMW, aber das Nähere muß er dir selbst erzählen.

Postscript

Als seine Mutter das Pamphlet las, erinnerte sie sich an eine Geschichte, als Richard zwei Jahre alt war. Sie wollten zusammen mit dem Bäcker in die Stadt fahren, doch es ging nicht. Der Junge brüllte und ließ sich nicht mehr beruhigen, bis die Pläne mit der Autofahrt aufgegeben wurden.

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