„Wie du weißt,“ sagte der alte Uhrmacher, „gibt es Menschen, die sich nicht erinnern wollen. Das galt bislang als unabänderlich, eine bedauernswerte Tatsache, doch wenn sich jemand einer Befragung widersetzt, kannst du dich nicht wehren, jedenfalls nicht, wenn du keine hellseherischen Kräfte besitzt. Die Argumente, die der andere entgegensetzt, sind fast immer gleich.

„Das ist mir nicht bekannt. Davon höre ich heute zum ersten Mal.“ Oder: „Ach, war das so? Darum habe ich mich nie gekümmert.“ Oder: „Mag sein, aber bei uns gab es so etwas nicht.“ Oder der Interviewpartner legt falsche Fährten, indem er von Menschen und Situationen erzählt, mehr anreißt als beschreibend, unangenehme Tatbestände ignoriert oder verschweigt, eine Zwischenbemerkung über eine uninteressante Einzelperson macht und nach einer kurzen Skizze vom Thema abweicht, um dann die Kommunikation endgültig zu töten: „Das war eben so. Ich weiß gar nicht, warum du dich heute noch dafür interessierst. Du solltest lieber Fahrradfahren, das ist viel gesünder als diese dumme Grübelei.“

Tammo beobachtete, wie sein Freund langsam in den vorderen Teil des Raumes ging – abrupt, ohne Worte, ohne Erklärung, jedoch mit einer Selbstverständlichkeit, die jedem anderen schwer verständlich wäre, ihm jedoch vertraut war. So schaute er, ohne zu wissen, wann Stephan zurückkehren würde und was das Motiv seiner Handlung sein mochte, auf ein Bücherregal, das von einer langen Freundschaft Stephans mit Erwin Strittmatter erzählte.

Schließlich erinnerte er sich an die jüngsten Erlebnisse mit seiner Mutter, die alles daran gesetzt hatte, ihm den Zugang zu ihren Erinnerungen zu erschweren, so daß er unwissend blieb, bis auf wenige Bilder aus dem grünen Familienalbum, die zwei seiner Verwandten als Nazis zeigten, den einen in seiner plumpen SA-Uniform, den anderen als SS-Offizier einer Totenkopf-Division.

Ein weiteres Bild, fast zu Ende der Kriegszeit; immer noch war unklar, warum seine Mutter einen maßgeschneiderten Pelzmantel trug – mit dem Emblem der NS-Frauenschaft am oberen linken Arm, gewollt in Szene gesetzt, lächelnd, mit der besten Jugendfreundin an der rechten Seite.

„Meine jüngste Erfindung,“ sagte Stephan, als er mit einem Schachspiel und einer Schachuhr zurückkam, „sie wird Licht in die Dunkelheit bringen, vorausgesetzt, wir werden es schaffen, alle Gefahren, die auf dem Weg lauern, erfolgreich zu meistern. Ich habe ein Instrumentarium für Zeitreisen konstruiert, ideal für familiäre und regionale Zeitreisen und – Stephan machte eine würdevolle Pause – bestens geeignet, um den Mythos Ahnenkult zu zerstören. Die Ausstattung wird dir hervorragende Dienste leisten, wenn du karmische Themen entschlüsseln willst. Allerdings benötigst du zusätzliche Informationen und eine Zeitlupe.“

Zuerst hatte Tammo gedacht, es würde sich um ein richtiges Schachspiel handeln – was es auf den ersten Blick auch war und jeder kritischen Prüfung standhalten würde. Doch Stephan hatte ein multidimensionales Schachbrett mit moderner Technik kreiert; vordergründig ein Schachbrett mit integriertem Computer, die Figuren konnten mit der Stimme bewegt werden, die externe Doppeluhr war für Schachspieler gedacht, die die digitale Zeitmessung ignorieren wollten, zugleich ein Instrument mit intelligentem Uhrwerk und einem Gong für individuell definierte Zeiträume.

„Bevor ich dir alles erkläre,“ bemerkte Stephan, „benötigen wir das eigentliche Herzstück für die Zeitreise – eine Zeitlupe.“ Mit der linken Hand griff er in die Seitentasche seiner Weste und hielt eine alte Taschenuhr in der Hand. „Ohne dieses Wunderwerk bliebe alles andere ein Spielzeug.“ Anschließend nahm er mit Tammo eine individuelle Anpassung der Zeitlupe, eine Art Stimmerkennung, vor. Dann lächelte er.

„Die Zeitreise, die du mit der Zeitlupe unternehmen kannst,“ sprach Stephan leise, „wird einzigartig sein. Und weil deine Themen brisant sind, sowohl in der gewünschten Zeitregion als auch für die Bezüge in der Gegenwart, mußt du nicht nur umsichtig sein, dein Thema vorrecherchiert haben und den Aufenthalt relativ genau bestimmen, darüber hinaus benötigst du Partner für die Zeitreise. Menschen, die dich wirklich lieben, die in der Lage sind, alles daran zu setzen, dich genau und ehrlich zu instruieren, und bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um dich aus einer Gefahrenzone zurückzuholen. Du brauchst einen Menschen aus deiner Familie, der dich aufrichtig liebt. Mehr nicht.“

Tammo holte tief Luft. In Gedanken hatte er sich als erstes Projekt die Woodstock-Ära vorgestellt; er erinnerte sich an das Jahr 1968, als er vierzehn wurde, sich höchst erfreut vom Religionsunterricht abmeldete, an die Mädels der neunten Klasse, die offenkundig Frauen geworden waren, zumindest körperlich, an Sina, die ihn in die erste Landdiscothek gelotst hatte, an ihren ersten Kuß und an all die süßen Möglichkeiten, die ihm sein jetziges Bewußtsein ermöglichen würde, an die Demo gegen den Nazikanzler Kiesinger, jene Demo, die illegal von der Polizei gestört wurde, indem die uniformierte Obrigkeit den Schülern der Oberstufe die Transparente entzog. Er konnte beides – zuhören und in seine Phantasie eintauchen. Dachte er jedenfalls.

„Die Schachuhren,“ so fuhr Stephan fort, „verwandeln ihre Oberfläche, sobald du die Zeitlupe aktivierst. Die eine zeigt dann die Zeit-Raum-Dimensionen der Zeitreise und gibt dir eventuell Anhaltspunkte über Freunde oder Gegner auf einer digitalen Landkarte, die andere verhält sich ebenso auf der Hier-Und-Jetzt-Schiene. Das Schachbrett kannst du in Landkarten des Inneren programmieren, mit Informationen über dich und die Menschen deiner jeweiligen Umgebung. Die Zeitlupe benutzt du im Notfall als Tarnkappe, falls du eine Chance hast.”

In Gedanken ging Tammo alle Informationen über die Nazizeit durch, über die Nazis seiner Region, die seiner Mutter allesamt bekannt gewesen sein mußten, deren Existenz sie jedoch vehement abstritt. Er würde dann eine zweite Zeitreise unternehmen, um die Nicht-Entnazifizierung nach 1945 eingehender zu betrachten und nach Verbündeten und Zeitdokumenten zu schauen. Der Plan war einfach, Zeitzeugen würden ausreichend anzutreffen sein, nur die jeweiligen Umstände dürften lebensgefährlich sein.

Energisch unterstrich Stephan noch einmal die Hauptbedingung des Projekts. “Hast du gehört Tammo? Für ein gutes Gelingen brauchst du unbedingt einen Menschen deiner Familie, der dich bedingungslos liebt.“

Tammo wachte aus seiner Phantasiereise auf. Damit waren alle Pläne gestorben, denn er war sich sicher, daß sein Vater, der Nazi-Feldwebel, ihn eher an die Nazibestien verraten würde als ein Schutzschild zu sein. Auch seine Mutter hatte ihm offenbart, daß ihr die Hitlerzeit gefallen hatte, bis auf die bösen Bomben, die von den Engländern kamen. Sie mißbilligte nicht nur seine aktuelle Recherche, sie verachtete ihn dafür.

Kopfschüttelnd saß Tammo in dem tiefen Plüschsessel und vermied es, Stephan anzuschauen. „Ich weiß, was passiert ist, ich fühle es und ich sehe es, aber es ist kein westliches Wissen. Es ist mehr ein inneres Wissen, ohne Details, ohne Namen und ohne die sogenannten Fakten. Es ist mein unruhiger Geist, der mehr wissen will, mein Geist, der alles genau beweisen will.“

„Wenn es so ist,“ sagte Stephan, „dann ist doch alles gut. Wenn du es ohnehin weißt, dann brauchst du das alles nicht. Kein Schachbrett, keine Schachuhr und auch keine Taschenuhr. Jetzt kannst du dich um das Wesentliche kümmern, um Liebe, Freundschaft und um Sex. Das Negative brauchst du nicht mehr, denn was zählt, ist die Gegenwart.“

Plötzlich erinnerte sich Tammo an die Taschenuhr, die er von seinem Opa geschenkt bekam, als er zehn wurde. Sie schien magische Kräfte gehabt zu haben; er zog sie nur auf, lauschte ihrem Klang und sah die Zeiger – und befand sich unmittelbar in einem magischen Kreis, der ihm all das erklärte, was er wissen wollte. So wußte er über Lidice Bescheid und über das Käseblatt, die regionale Zeitung, die schon in der Weimarer Republik ein Völkischer Beobachter war.

„Das Wissen ist in dir,“ lächelte Stephan, „du benötigst dieses Tamtam nicht wirklich. All das, was du siehst, ist nichts anderes, als was es ist. Die Zeitlupe war nur ein Trick von mir, um dich erfahren zu lassen, was Bogus ist. Ich hoffe, daß du mir verzeihen kannst.“

Tammo nickte. Das, was ihm fehlte, war eigentlich nur die Taschenuhr seines Opas, irgendwie war sie auf seiner Odyssee verloren gegangen. Als er die Zeitlupe genauer anschaute, kam ihm die Vorstellung, es könne sich um das gute alte Stück handeln.

Erneut schüttelte er seinen Kopf, denn das konnte nicht sein. So spielten Tammo und Stephan ein Partie Schach, auf einem alten Intarsien-Schachbrett, ohne Computer und ohne Uhr. Als die Partie nach zwei Stunden mit Remis endete, freute sich Tammo über die Freundschaft mit Stephan. Und dann ging er langsam im Sternenlicht nach Hause. In dem Moment, als eine Sternschnuppe leuchtete, hatte Tammo drei Wünsche. Während zwei geheim bleiben werden, wünschte er sich als Drittes schließlich eine schamanische Zeitlupe, die ihm die Fähigkeit ermöglichte, magisch in eine Anderswelt zu reisen. Denn wenn auch Stephans Idee nur eine phantastische Idee war, um ihn in das Hier und Jetzt zurückzuholen, blieb Tammo zuversichtlich, all das zu erfahren, was ihm wichtig war.

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