Taxifahrer kennen sich in ihrer Stadt bestens aus. Sollte man denken, sagte sich Harro, als er über das Anliegen einer jungen Frau nachdachte. In einer Stunde würde er Feierabend haben, und bis dahin würde er alles tun, um eine Entstörungsstelle zu finden.

Vor zehn Minuten hatte er begonnen, das Geschehen am Bahnhof eingehender zu betrachten. Seine Kundin war von Wagen zu Wagen gelaufen, und keiner der Kollegen konnte ihr weiterhelfen, bis einer auf die Idee kam, auf seine Taxe zu zeigen. Er war der letzte in der Reihe gewesen, und für aussergewöhnliche Auskünfte oder kurze Fahrten war immer der Kollege zuständig, der gerade auf den Platz gefahren war.

Nach fünf Minuten gab Harro auf. Er musste seinen Daimler aufziehen, und das wollte er ohne Komplikationen machen.

„Es gibt keine Entstörungsstelle in Bremen,“ sagte Harro, „ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Irgendeiner muss mir helfen,“ sagte die junge Frau, „ich bleibe sitzen, bis Sie mich zu der Entstörungsstelle gebracht haben.“

Harro mochte diese Situation nicht.

Einmal stieg ein Fahrgast ein, der zu ihm sagte, dass er losfahren solle. Ohne Ziel. Ohne Wegbeschreibung. Einfach fahren. Das passierte zweimal in seiner Laufbahn, und er fühlte sich immer ausgeliefert. Eines Tages hatte er die Lösung. Losfahren bedeutet so schnell wie möglich zur Autobahn zu kommen. Für seine Zwecke wäre die Strecke nach Bremerhaven am besten geeignet. Entweder hätte er innerhalb einer Stunde gutes Geld verdient oder Pech gehabt. Aber der dritte Sadist fehlte, um seinen Plan umzusetzen.

Einmal saß eine Drogenabhängige auf dem Rücksitz. Während er sich mit einem anderen Kollegen unterhielt, nutzte sie die Gunst der Stunde, um sich einen Platz zum Ausruhen zu suchen. Rausschmeißen mochte er sie nicht, also fuhr er solange durch die Stadt, bis sie im Zentralkrankenhaus aufgenommen wurde.

Als Taxifahrer fand Harro immer alles, er kannte die besten Wege, die schnellsten Wege und die schönsten Wege. Er hatte die beste Musik, den besten Sound und die besten Geschichten, um seine Fahrgäste zu unterhalten. Heute half ihm nichts, weder die Zentrale noch sein neues iPhone.

„Ich stelle jetzt die Uhr an,“ sagte Harro, als er mit einer Hartnäckigkeit konfrontiert war, die er bislang nicht kennengelernt hatte.

„Warum nicht,“ sagte sein weiblicher Fahrgast, „immer auf meine Kosten.“

„Sie können ja aussteigen.“ Harros Stimme war energisch geworden.

„Sie wollen mich rausschmeißen? Das werde ich der Taxeninnung melden!“ Irgendetwas spitzte sich zu. Harro wusste nicht, was ihm geschah. Noch vierzig Minuten bis zum Feierabend. Irgendwie musste er sie loswerden.

„Moment mal,“ sagte er, „ich schmeiße Sie nicht raus. Ich bin kein Auskunftsbüro. Ich kann nicht wissen, wo Ihre Entstörungsstelle ist.“

„Nun werden Sie nicht frech, das ist nicht meine Entstörungsstelle. Ich bin doch nicht meschugge!“

Harro atmete tief durch. Neben ihm standen vierundzwanzig Kollegen in ihren Fahrzeugen und keiner bekam mit, was ihm geschah.

„Aber Sie wollen zur Entstörungsstelle, nicht ich.“

„Sie wollen mich nicht zur Entstörungsstelle bringen? Ich denke, Sie sind der Taxifahrer.“

Gleich holt sie ihr Strickzeug aus dem Rucksack und fuchtelt mir damit unter der Nase herum, dachte sich Harro.

„Soll ich Sie nun hinbringen oder nicht?“

„Ach, jetzt wissen Sie doch, wo sie ist?“

„Nein. Weiß ich nicht.“ Harro war verzweifelt. Er war nicht der Mann für Wortgefechte.

„Klar doch. Und warum wollen Sie dann die Uhr anmachen, wenn Sie nicht wissen, wo die Entstörungsstelle ist?“

Harro wollte etwas sagen, konnte aber keinen Ton herausbringen. Dann hatte er eine Idee. Er schnappte sich sein iPhone, nahm die Knippe in die Hand und stieg aus. Von aussen verriegelte er sein Fahrzeug mit der Fernbedienung.

Als er sah, wie wild die junge Frau wurde und um Hilfe rief, erblickte er seinen Kollegen Hannes, der glücklich auf den Taxenplatz fuhr. Hannes der Verstörte.

Hannes hatte für jedes Problem eine Lösung. Während er zu Hannes ging und den Wagen dabei entriegelte, öffnete sich die Seitentür seiner Taxe.

„Sind Sie der Letzte?“ Die Stimme der jungen Frau war auf einmal ganz freundlich, irgendwie klang sie weiblich und verführerisch. Hannes nickte. „Können Sie mich nach Hause bringen?“

Harro schaute Hannes zustimmend an und dann reihte er sich in die wartende Spur ein, bekam bald darauf eine kurze Tour, und erhielt ein nettes Trinkgeld. Als er eine viertel Stunde später auf den Bahnhofsvorplatz fuhr, sah Harro, wie Hannes sich mit der Frau unterhielt. Als ob die beiden ein vertrauliches Gespräch miteinander hatten. Beinahe wäre er eifersüchtig geworden.

***

Einen Tag später trafen sich Harro und Hannes am Bahnhof. Kaffeetrinken. Natürlich wollte Harro wissen, ob Hannes den Fall lösen konnte.

“Wir haben uns verstanden,” meinte Hannes, “wir haben uns gut unterhalten und dann habe ich sie nach Farge gebracht.”

“Und dann?”

“Dann hat sie bezahlt.”

Harro ärgerte sich. Sechzig Euro. Wieso hatte Hannes Glück und warum hat sie bei ihm nicht rumgezickt?

“Sie wollte doch zur Entstörungsstelle,” bemerkte Harro.

“Weisst du, was euer Problem ist?” Hannes provozierte, und am liebsten tat er es in solchen Situationen. “Ihr wollt Geld verdienen, und der Mensch interessiert euch nicht.”

“Ich habe dich schon verstanden,” antwortete Harro. “Aber wie hast du das gemacht?”

“Ich habe sie gefragt, um was für eine Störung es sich handelt.”

“Und deshalb konntest du sie nach Farge fahren?”

“Harro, nun hör mal zu. Sie wohnt in Farge, und das, was sie hat, ist eine Ich-Störung. Die entstörst du am besten zuhause, wenn du dich traust. Du brauchst einen, der dir zuhört und dem du vertrauen kannst. Du musst dich selbst entstören. Aber ihr kennt bloß Du-Störungen. Deswegen geht das Leben an euch vorbei. Oder besser gesagt, ihr fahrt dem Leben davon.”

“Warum hat sie bei dir nicht rumgezickt?”

“Warum sollte sie?” antwortete Hannes, “sie spiegelt dir Borderline, wenn du auch Borderline bist. Wir haben uns etwas über das Leben unterhalten, etwas über sie, etwas über mich und etwas über dich. Und dann haben wir uns fast totgelacht über die Entstörungsstelle. Sie hat alle Gespräche mit ihrem Smartphone aufgezeichnet, und sie meint, es wäre eine lustige Aktion gewesen.”

Seit dem Tag sprachen die beiden nicht mehr miteinander.

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