„Erst, wenn du die Kontrolle aufgibst, entdeckst du die Mechanismen der Kontrolle.“ Das war der letzte geschriebene Satz meines Vaters, Regisseur am Staatstheater einer mittelgroßen Stadt im Südosten des Landes. Sein Tod war theatralisch, er starb in seinem Bett, auf der Bühne seines Arbeitsplatzes.

Fünf Strahler beleuchteten die Szene; einer war auf sein kaltes Gesicht gerichtet, ein anderer auf sein Tagebuch, das auf seinem Bauch lag, ein dritter machte auf einen runden Tisch aufmerksam, der vierte fokussierte ein kleines Christenkreuz und das Licht des fünften Strahlers bewegte sich sprunghaft über eine überdimensionierte Käseglocke, unter der sich drei Gefäße befanden. Auf den ersten Blick glaubte ich zu erkennen, dass Vater natürlichen Todes gestorben war.

Noch war nicht ersichtlich, was Vater bezwecken wollte. Seit Jahren hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen. Dennoch hatte er mir vor ein paar Stunden eine Nachricht auf das Handy geschickt, um meine Schritte in sein Theater zu lenken, mit der Schlussbemerkung: „Sei pünktlich, wie ich es von dir immer verlangt habe.“ Damit sagte er mir, dass er mich weder vor noch nach seiner Zeitangabe erwartete. Nur seine unmittelbare Befehlsgewalt, die er zusammen mit seinem Gott ausübte, als ich als Kind zuhause an seinem Tisch saß, hatte er eingebüßt.

Eine Stunde nach Mitternacht hatte ich den unverschlossenen Seiteneingang geöffnet, vor mir lag ein enger Gang, den Vater als Geburtskanal bezeichnet hatte, um mir zu verdeutlichen, dass er immer neu geboren würde, wenn er hinter den Kulissen seine Macht ausübte, immer mit neuen Ideen, die mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf die Schauspieler niederprasselten, so dass sie keine Chance hatten, tief durchzuatmen, um den eigentlichen Sinn seiner Absurditäten zu durchschauen. Seinen alltäglichen Faschismus, den er immer wieder neu inszenierte. Die Verehrung seines toten Idols.

Während Vater es gelang, die meisten von ihnen an der Nase herumzuführen – sowohl das Publikum als auch die Schreiberlinge der ‚Neuen Gazette‘ –, konnte er mir nichts mehr vormachen, seitdem ich achtzehn Jahre alt war. Er war alkoholkrank, aber das fiel keinem anderen auf, weil alle dem Alkohol mehr oder weniger verfallen waren. Zweimal hatte er versucht, Mutter, meine Schwestern und mich umzubringen, doch wir konnten rechtzeitig fliehen, auch wenn Mutter die Leidtragende war.

Nachts, wenn er betrunken nach Hause kam, weckte er Mutter, schimpfte laut und ununterbrochen, dass ich wach wurde. Während ich versuchte, wieder einzuschlafen, fühlte ich mich von Moment zu Moment schuldiger, obwohl ich nicht die Ursache seiner Wutanfälle war. Nicht einmal in Ruhe konnten wir mit ihm Weihnachten feiern, entweder war er im Theater oder er war betrunken.

Mich umgab ein dunkler Schleier zu jener Zeit, denn als Kind wusste ich nicht, was mir geschah, und versuchte meine Familie zu beschützen; freute mich auf die Geschenke, auf die Süßigkeiten, die vielen Bücher und das Große Jugendbuch von Reader Digest. Und gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, weil ich mich freute und dennoch den Verrat durch die Annahme der Geschenke spürte.

Als ich Vater auf der Bühne sah, auf seinem weißen Bett, der Körper kalt und nackt unter der Decke, nahm ich zum ersten Mal seine Hilflosigkeit wahr. Es war eine Geste, die trotz der Theatralik um Vergebung bat, beinahe glaubte ich, Tränen auf seinen Wangen zu sehen, und ein Aufstöhnen zu hören, obwohl Tote nichts mehr von sich geben, außer den Geheimnissen, wenn sie es wollen.

Als ob ich es geahnt hatte, meditierte ich zuhause, bevor ich mich auf den Weg machte. All meine Wut, all meinen Ärger, den ich je in meinem Leben gespürt hatte, konnte ich ausagieren. Vater sah nicht gut dabei aus, immer wieder fiel mir ein Ereignis ein, für das ich ihn gehasst hatte. Ich brüllte wie ein Stier, und während ich schrie, verprügelte ich ihn. Es war eine Meditation der Befreiung. Es war eine Meditation der Liebe und der großen Transformation. Mein Ich konnte wieder auferstehen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, dem Vater auf diese Weise zu begegnen. Beinahe hätte ich die Meditation und seinen Tod miteinander verknüpft, beinahe hätte ich mich schuldig gefühlt, wie früher als Kind, als ich noch glaubte, die Ursache zu sein, wenn Vater zum Täter wurde. Sein Geist, der in diesem Moment präsent war, schien mich um Vergebung zu bitten. Vater wollte, dass ich seine Hand nahm, und im Tod gab ich ihm die Wärme, die er als Kind nicht bekommen hatte.

In dem Augenblick, als eine dicke Stubenfliege auf Vaters Stirn landete, hörte ich Mutters Stimme.

„Wenn ich jetzt eine Fliegenklatsche hätte.“

Ich glaube, diese Bemerkung werde ich niemals vergessen. Dem Außenstehenden mag sie absurd erscheinen, dem inneren Kind ist sie jedoch zutiefst verständlich. Erst später, viele Jahre nach diesem Abend, werde ich das Geheimnis der Allianz zwischen Vater und Mutter entdecken.

Ich wollte den Vorhang schließen, nachdem ich Mutter umarmt hatte, doch sie lehnte ab. Wir schauten uns im Scheinwerferlicht die Käseglocke an, und irgendwann entdeckte ich eine unscheinbare Gravur. Das Geheimnis der Kontrolle. Auch die kleinen Gefäße waren mit Gravuren versehen. Das eine hieß Angst, das zweite hieß Schuld und das dritte hieß Scham.

„Das ist doch absurd,“ stieß Mutter hervor, hielt sich die Hände an den Kopf und stapfte laut auf der Bühne hin und her. Mutter rang mit sich, und es dauerte nicht lange, bis sie die Situation unter Kontrolle hatte. In den nächsten Tagen meditierte ich immer wieder aufs Neue mit dem Körper Vaters, während Mutter und die Schwestern sich weigerten, die Leichenhalle, in der Vater mittlerweile aufgebahrt war, zu betreten.

In diesen Tagen ließ ich die Kontrolle los und war fast besinnungslos vor Freude, dass Vater nicht mehr lebte. Ich erreichte ihn nicht mehr, und ich bedauerte es, dass er es nicht früher geschafft hatte, um Vergebung zu bitten. Nach der Trauerfeier nahm ich die Käseglocke und die drei Gefäße mit nach Hause. Damals ahnte ich, dass Vater eine Lehrsituation kreiert hatte.

Seine Herrschaft beruhte auf dem Prinzip der Käseglocke. Mutter und Vater hatten zwei Käseglocken, die eine gehörte Vater, die andere gehörte Mutter. Sie stülpten sie sich gegenseitig über, und keiner wusste, wann seine Käseglocke dominant war. Wir Kinder befanden uns unter zwei riesigen Käseglocken, ohne es zu wissen.

Die Gefäße, aus denen wir morgens tranken, waren gefüllt mit Angst, Schuld und Scham. Das habe ich erst spät entdeckt, in einer Situation, in der ich die Kontrolle aufgab, weil ich keine Angst mehr vor dem Leben hatte. Genau in jenen Tagen des Loslassens strömte eine alte Vergangenheit auf mich ein. Schleusentore der Schuld und Scham öffneten sich.

Mir erschien es, als ob der Wasserpegel von Stunde zu Stunde höher steigen würde. Die Aufgabe war eigentlich gelöst, doch während ich die Kontrolle vollends aufgab, beobachtete ich, wie auch Vaters Gefäß der Angst barst und mich vor neue Aufgaben stellte. Ein heftiger Sturm tobte in jener Nacht, und erst am Morgen danach, als das Wasser abfloss und die Wogen sich beruhigt hatten, sah ich, dass die Lösung einfach sein würde. Es lag an mir, die Regie über mein Leben zu übernehmen.

Das war die Botschaft des Mannes, ohne den ich nicht leben würde. Sei dir der Käseglocke und der drei Gefäße bewusst. Betrachte den Tod als deinen Freund. Egal, wie schwierig die Situation sein mag, über all gibt es Licht. Diese Weisheiten waren sehr einfach, und ich war glücklich über Vaters Geschenke. Doch mir wäre es lieber gewesen, ich hätte sie zu seinen Lebzeiten aus seinem Mund gehört.

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Ein Gedanke zu “Tod des Regisseurs

  1. Ich bin hingerissen von dieser Geschichte – eine, die wir wohl alle in abgewandelter Form erzählen könnten und doch brilliert sie mit Einzigartigkeit. Ich liebe diese Art des Erzählens.
    Herzliche Grüße aus Sachsen
    Sylvia

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