Das bis heute provokative dieser Napolas ist ihr Weiterwirken. Denn in gewissem Sinn haben sie ihr Ziel erreicht: Nach dem Krieg besetzten tatsächlich viele ihrer Schüler führende Positionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft – allerdings in der westdeutschen Bundesrepublik.

Rüdiger Suchsland

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„Sind Sie frei?“

Janto Hayen schüttelte den Kopf, obwohl er keinen Fahrgast hatte. Seit zwei Stunden stand er an der Richard-Dehmel-Straße mit seiner Taxe und beobachtete die Villa des Bremer Getreidehändlers Kurt Becher. In seiner Freizeit war Janto ein freier Journalist, der sich auf spezielle Weise seinen Themen näherte. Wann seine freie Zeit war, bestimmte er selbst. Seit ein paar Monaten beschäftigte ihn die Vergangenheit eines Reporters, dessen Biographie merkwürdige Stationen aufwies. Aber Janto kam nicht weiter mit seinen Recherchen. Es gab nur ein einziges Faktum, das Hinweise auf seine psychische Struktur gab. Mehr nicht. Alle Spuren waren verwischt.

„Können Sie mir eine andere Taxe per Funk herbeirufen? Ich möchte zum Bahnhof. Ich weiß nicht, ob ich es pünktlich schaffe.“

Janto nickte. So, wie sich sein Gegenüber ausdrückte, brauchte er nicht lange, um eine Entscheidung zu fällen. Manchmal ist es besser, mit dem Leben zu schwimmen, vor allem dann, wenn sich durch Grübeln keine Lösung ergibt. Und wenn mit seiner eigenen Methode, durch Beobachten, Hineinfühlen und Zeitreisen, ebenfalls kein Ergebnis möglich war.

„Sie können einsteigen. Ich habe es mir anders überlegt. Ich bin mit meiner Pause fertig.“

Dann klappte er sein kleines MacBook Air zusammen und übergab es seinem neuen Fahrgast. So war Janto Hayen. Praktisch und freundlich. Solange seine eigene Würde gewahrt blieb, hatte er seine Freude, andere Menschen zu verblüffen. Es kam nicht darauf an, sein eigenes Ding durchzuziehen. Janto mußte nicht einmal fragen, ob es eilig war. Er spürte es einfach.

„Ein Apple?“

Janto nickte. Es war das Weihnachtsgeschenk seiner Chefin. Sie mochte ihn, auch wenn er sehr eigenwillig mit seinen Arbeitszeiten war. Aber seine Kassen stimmten. Er schien den richtigen Riecher zu haben. Ein Taxifahrer, der sich gut mit den Kunden verstand. Einer, der sein Fahrzeug liebte, auch wenn es ein Daimler war.

„Ja, ein Apple. Und womit arbeiten Sie?“

Janto hatte keine Lust, Erklärungen abzugeben. So gab er den Ball weiter.

Sein Fahrgast nickte.

„Apple. Ebenfalls ein MacBook. Es gibt für mich keine Alternative. Ich bin freier Journalist.“

„Woran arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?“

Dann passierte etwas, was Janto Hayen als kosmische Fügung bezeichnete. Sein Fahrgast arbeitete an der gleichen Story, nur mit einem anderen Ansatz. 1955 starb der Journalist Dr. Moshe Keren alias Erich Krämer in einem deutschen Hotel. An Herzschwäche, im Alter von fünfundfünfzig Jahren. Er war nach Westdeutschland gekommen, um Kurt Becher zu interviewen. Den SS-Oberst Kurt Andreas Ernst Becher.

„Moshe Keren hatte berechtigte Zweifel an der Entnazifizierung Bechers,“ sagte Jantos Fahrgast, „und wahrscheinlich mußte er für seine Neugier sterben.“

Beide schwiegen eine Weile miteinander. Dann sagte Janto, daß es für ihn unverständlich sei, wie einer der übelsten Nazis entnazifiziert worden sei.

“Alle wichtigen Leute mußten Bescheid gewußt haben. Und Kurt A. Becher machte keinen Hehl aus seiner Gesinnung, denn seine Hausnummer war Teil einer Geheimsprache. Schwachhauser Heerstraße 180. Eins-Acht-Null. Die Initialen seines Führers. Und die Null als Symbol eines Neuanfangs. Mit Hilfe der Deutschen Bank zog Becher in den Aufsichtsrat von Hapag-Llyod ein.”

Janto wurde vor Wut rot im Gesicht. Manchmal brach seine gesellschaftliche Ohnmacht durch.

“Alles ist geschrieben, alles ist gesagt worden,” sagte Janto. Er atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

“Wie Sie wissen, steht Bechers Villa vis-à-vis der Richard-Dehmel-Straße,” erwiderte der Journalist. Janto nickte.

“Richard Dehmel starb 1920. Er war ein deutscher Dichter und Schriftsteller. Wohlgemerkt: ein deutscher. Einer, der den Krieg Deutschlands verherrlichte. Ein Apologet der Herrenrasse.

Ganz in der Nähe von Bechers Villa war das Hauptquartier der Bremer SS. Makaber, wie dieses Monster lebte, schacherte – und tötete.”

Als sie am Bremer Hauptbahnhof ankamen, wußte Janto, worauf er in seiner eigenen Recherche achten würde. Während der sogenannten Entnazifizierung hielten die meisten Nazis unglaubliche Stories parat, um sich reinzuwaschen. Sie liebten den brutalen Sarkasmus, und selbst die ärgsten Schlächter behaupteten, sie seien Retter von jüdischen Leben gewesen. So auch Kurt Becher, der als Oberst ranghöher als die Nazibestie Adolf Eichmann war. Das wußte Janto zwar, aber daß es ein konsequentes Muster bei den Nazis gab, war ihm bislang nicht bewußt.

***

Nachdem sein Fahrgast ihm ein freundliches Trinkgeld gegeben hatte, reihte sich Janto in die Warteschlange am Bahnhof Nord ein. Er brauchte nicht lange, um mit seinem MacBook online zu gehen und die Biographie seiner Zielperson auf undurchsichtige Phrasen zu untersuchen. Rasch wurde er fündig.

Die literarische Entnazifizierung des ehemaligen Napola-Schülers – online, versteht sich – las sich mit der neuen Erkenntnis wie ein schlechtes Märchen.

„Ich bin bei der Waffen-SS gewesen,“ sagte der SS-Mann.

„Das sieht man Ihnen aber nicht an,“ lautete die Antwort, „übrigens sind wir Juden.“

Und sie grinsten verlegen und gespenstisch. 

Und das soll wahr sein? Damals, mitten in Deutschland, 1945?

Glaubwürdig? Janto Hayen konnte das Gegenteil nicht beweisen. Aber dann stieß er auf eine unmögliche Wortkombination als Überschrift eines Interviews mit dem ehemaligen Napola-Schüler und Waffen-SS-Mann.

„Unerinnerbare Geschehen.“

Spontandemenz eines Elitenazis, der sich nicht erinnern will? Wieder nur ein Indiz. Und kurz darauf ein weiteres. Die Zeit in der kriminellen Waffen-SS. Sie begann angeblich erst 1945, gemeint waren die Monate März bis Mai. Aufgrund der kurzen Zeit und des jungen Alters würde das als entschuldbare Jugendsünde bewertet werden.

Eindeutig jedoch, daß für die Jahrgänge 1926 und 1927 das Abitur auf den Februar 1944 vorverlegt war. 2006 wurde in einem Interview deutlich, daß es sich um das Frühjahr 1944 handelte – ohne Widerspruch des Interviewten. Aber auch das kann nur als Indiz gewertet werden, dachte sich Janto.

“Es war nicht die Wehrmacht, die Deutschland retten konnte,” so erinnerte sich der alte Reporter öffentlich. Und fuhr voller Stolz fort: “Die einzigen, denen es zuzutrauen war, waren wir – die Männer der Waffen-SS.” Genauso geblendet wie damals, als er noch Napola-Schüler war. Nur, daß er seinen Fanatismus besser im Griff hatte. Ein Meister der Kälte. Lächeln um den Mund, zugleich Augen, die töten können. Ein Meister des Blendens.

Schließlich fand Janto Notizen und Beiträge über einen Film, der sich mit den Herrenkindern der Napola beschäftigte. Aber etwas Konkretes hatte er nicht in der Hand. Nur über den Zynismus der Phrase „Unerinnerbare Geschehen“ ärgerte er sich. Ein Täter vergißt seine Handlungen nicht. Die Opfer sind tot, sie sind die ersten, die nicht mehr erinnern können. Und all diejenigen, die sich erinnern könnten, müßten mühselig ausfindig gemacht werden.

„Wenn sie denn noch leben,“ dachte sich Janto, „wenn sie noch die Kraft haben, sich zu erinnern. Und an sein Gesicht, an Details, an die weiteren Umstände.“

***

Sein nächster Fahrgast war eine Frau, die zur jüdischen Synagoge in der Schwachhauser Heerstraße 117 wollte. Janto wußte, daß er den Kreis geschlossen hatte. Seine Gedanken waren schlüssig, aber es bewegte sich alles auf dem Niveau von Indizien. So schob er die Dreigroschenoper in das CD-Fach, suchte Mackie Messer, dem man nichts beweisen kann. Und dann fielen ihm zwei Namen ein. Von zwei Männern, die auf mysteriöse Weise starben. Fritz Levy, der letzte Jude von Jever. Und Dr. Moshe Keren.

Schließlich wieder der Mann mit den dunklen Stellen in seiner Biographie. Mackie Messer, dem man nichts beweisen kann. Janto Hayen schaute die Frau an, die neben ihm saß und ihm zunickte. Es war die unausgesprochene Übereinstimmung, die ihm Gewißheit gab.

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