Unsere Kinder sind besondere Kinder, sie sind direkt mit dem Göttlichen verbunden. Während wir mehrfach atmen müssen, um Spirit zu erreichen, haben sie eine veränderte DNS-Struktur. Obwohl sie unsere Liebe brauchen, schenken sie uns neue Fenster zum Allumfassenden.

„Ich möchte mir mit dir den zweiten Teil anschauen,“ sagte Francesco, „magst du?“

Abends hatten Vater und Sohn den ersten Film der legendären Kultserie Fast And Furious angesehen, und für Francesco lag es auf der Hand, mit seinem Vater vor dem Frühstück den zweiten Teil mit Paul Walter und seinem Team anzuschauen, denn aus seiner Sicht war dieser Film weitaus besser gelungen, dramatischer, ehrlicher – und symbolischer in dem Gehalt von aufrichtigen Männern in ihrer Freundschaft zueinander. Doch Francesco konnte es nicht mit diesen Worten ausdrücken.

Bjoerc war in einer anderen Welt als Francesco und suchte unter seiner Bettdecke den roten Faden, der ihn mit dem Großen Geheimnis verbinden sollte. Jeden Morgen führte er einen stillen Dialog mit dem Göttlichen, und sobald das Gespräch beendet war, stand er auf und widmete sich seinen Tagesaufgaben, die Sinn machten. Heute wusste er noch nicht, was er tun sollte.

„Wir müssen miteinander reden,“ antwortete Bjoerc, „wenn ich Ja sage, verletze ich mich und wenn ich Nein sage, fühlst du dich verletzt. Die Lösung liegt nicht dazwischen, die Lösung liegt in der Ehrlichkeit und in uns beiden zusammen.“

1

Seit ein paar Tagen bereitete sich Bjoerc auf einen erotischen Geschichtenkanon vor; etwas Neues sollte entstehen, ohne dass er eine Idee erfand. Er ging auf innere Spurensuche, ohne suchen zu wollen. Alles, was er tat, bezeichnete er als Sein, nicht als Machen. Es war ein Wu-Wei des Schreibens, keine Methode, um kreativ zu werden, und erst recht keine Technik. Es war Leben, das er lebte. Vierundzwanzig Stunden am Tag arbeitete er mit dem indianischen Medizinrad, um innere Kräfte zu mobilisieren. Diese Arbeit dauerte normalerweise vier oder fünf Tage, doch er hatte das Ritual so verfeinert, bis er das Gefühl bekam, dass die spirituelle Dramaturgie eines natürlichen literarischen Kosmos prädestiniert war, das Gelingen komplexer Prozesse zu inszenieren, egal ob aus psychodynamischer, heilerischer oder künstlerischer Sicht.

Francesco drängte nicht. Er legte sein iPad auf seine Knie, und kaum wahrnehmbar entstand ein Raum des Miteinander. Das Ja brauchte Stille, und das Ja brauchte Zeit. Francesco wusste um die Liebe seines Vaters, auch wenn er mit vierzehn Jahren äußerst impulsiv sein konnte, oder in seinem Nirvana von Minecraft und bei den gemeinsamen Duellen mit seinem Freund nicht ansprechbar war. Bjoerc gab sich Mühe, mit seinem Sohn eine Lösung finden zu wollen. Er liebte Kommunikation, die das Miteinander unterstützt, fühlte in sich hinein und fand ein geeignetes Modell, dass sich Selbstdarstellung nannte.

„Ein Tipi, ein kleines Feuer und ein Redekreis,“ erinnerte sich Bjoerc an sein Ideal für die Kommunikation zwischen Vater und Sohn, wenn es richtige Konflikte gab, „ein Kreis der Männer, die verbunden sind und die alle das Beste im Miteinander wollen, die die Würde des anderen achten, unabhängig vom Alter.“ Bjoerc mochte es nicht, wenn andere Menschen das Wort Pubertät benutzten. Es war eine unbewusste Beleidigung, eine gesellschaftliche Abwertung von jungen Menschen, die sich selbst wahrnehmen konnten, ihren eigenen Willen neu entdeckten und die Kraft bekamen, körperlich genauso stark, wenn nicht sogar noch stärker als Vater oder Mutter zu werden. Sein Sohn war für Bjoerc so wichtig, dass er alles tat, um ehrlich zu sein. Die beiden rückten zusammen, bereit, eine Lösung zu finden.

„Wenn ich Ja sage,“ fing Bjoerc von Neuem an, “freust du dich, doch ich verletze mich, weil ich den Film jetzt nicht sehen will. Sage ich Nein, verletze ich dich, weil du mit mir etwas machen willst. Der Film ist das dritte Element, das uns verbinden kann, denn wir beide mögen die Nähe. Der Film ermöglicht Nähe, aber ich kann keinen Film schauen, den ich nicht sehen will. Ein Fast And Furious, und ich habe alle Filme gesehen.“

2

Bjoerc hatte Angst vor dem psychologischen Sog, der von dem Film ausging. Als Taxifahrer hatte Bjoerc seine eigenen Autorennen gefahren, und er hatte sich zweimal mit seinem Fahrzeug gedreht, einmal, als er 20 Jahre alt war, in seinem roten R4, auf nasser Fahrbahn, als ihn ein BMW überholte, was ein Revolutionär nicht auf sich sitzen lassen wollte, auch wenn die Revolution mit ihm ihm Wagen saß, seine rote Edda und ihre gemeinsamen Genossen, all die Freunde, die auf dem Weg notwendig waren; das andere Mal, als er dem Geld nachjagte, im Winter, als er die Kupplung zu spät kommen ließ, formschön in der Drehung, jedoch eher die Unvollendete, denn er schaute auf einer doppelspurigen Straße den Autos entgegen, die langsam auf ihn zurollten. Doch Bjoerc hatte es gelernt, ehrlich zu sein.

„Ich habe Angst um Dich, ich habe Angst um Dein Leben, ich habe Angst davor, dass Du Deine Freunde in Gefahr bringst, vor allem dann, wenn Frauen mit im Spiel sind.“ Und so erzählte Bjoerc seine Geschichte, ohne Wenn-Dann-Bedingungen, doch er wollte etwas darstellen, und zwar sich, seine Vergangenheit und das Hier und Jetzt und seine Befürchtungen. Es hing mit vielen Ebenen zusammen, und er hatte Aufgaben, die sich vielleicht nicht für zwei Stunden aufschieben ließen.

Francesco hörte zu. Bjoerc hatte nicht erwartet, dass ein Wunder geschehen würde, und doch war es so. Sein Sohn schenkte ihm Zeit, sich darstellen zu können, auch wenn es klar sein würde, dass es lange dauern würde, die Situation zu klären. Bjoerc entschied sich mutiger zu werden.

„Wenn du eine Frau kennenlernst willst, ein junge Frau,“ sagte Bjoerc dann, „und sie will mit dir ins Kino gehen, und sie will mit dir einen Film anschauen, den du nicht magst, was wirst du dann tun? Du willst mit ihr zusammen sein, vielleicht um Händchen zu halten, ihren Körper spüren, auch wenn noch ein paar Zentimeter zwischen euch sind. Du willst mit ihr zusammen sein, weil du sie kennenlernen willst, vielleicht ihren Körper berühren oder weil es Teil deines Konzepts ist, eines Tages Sex mit ihr haben zu können. Was geschieht, wenn du Nein sagst? Wird sie dann mit deinem besten Kumpel ins Kino gehen und bald darauf ins Bett? Musst du Ja zu einem Film sagen, den du nicht magst, der jedoch ein wichtiges Bindeglied zwischen dir und der jungen Frau sein wird?“

Bjoerc gab seiner Phantasie Raum, und als er merkte, dass seine Worte für Francesco von Bedeutung waren, vertiefte er sein Anliegen, ging intuitiv nach Innen und fand in der Erinnerung den Ort, als sich die Beziehung der beiden verändert hatte. Nachdem er seinem Sohn vor zweieinhalb Jahren ein iPad geschenkt hatte, veränderte sich das Leben der beiden. Das Dilemma von Vater und Sohn trat zutage. Sich alle vierzehn Tage zu sehen, war zu wenig, um den Zusammenbruch der Kommunikation zu verändern. Steve Jobs hatte seinen Kinder das iPad verboten, und er wusste auch, warum er es tat. Das wiederum wusste Bjoerc nicht, als er Francesco das iPad schenkte.

„Wenn ich mich über deine Nähe freue,“ fuhr Bjoerc fort, „dann tue ich es der Nähe wegen, weil es schön ist, wenn sich Vater und Sohn ohne Worte verstehen.“

3

Francesco hörte immer noch zu, auch wenn Bjoerc begann, aus seiner Jugend zu erzählen, aus einer Zeit, in der es möglich war, dass sich Bjoerc mit seiner Freundin Frauke morgens vor der Schule verabreden konnte, wann sie sich vom Unterricht befreien lassen wollten – Frauke in ihrer Klasse und Bjoerc in seiner. Mal trafen sie sich nach dem Unterfangen vor den Türen der Diskothek und mal trafen sie sich, um an der Hauptstraße in die nächstgrößere Stadt zu trampen.

Die beiden trafen sich oft, und Frauke begleitete Bjoerc in die Szenekneipen, in Konzerte und in Beratungen. Sie redeten überall das, was wichtig war, über ihre Sichtweisen des Lebens, der Politik und überhaupt. Nur ein Thema sparten die beiden aus – die Gefühle untereinander. Bjoerc hätte gerne Sex mit Frauke gehabt, aber er wusste nicht, wie er es anfangen sollte, auch wenn er Küssen und Anbändeln konnte. Frauke konnte er jedoch nicht zum Objekt machen, auch wenn es ihm weh tat zu wissen, dass Frauke mit vielen Männern Sex hatte, nur mit ihm nicht.

„Und dann habe ich mehrere Fehler gemacht,“ sagte Bjoerc, „ich habe angefangen zu lügen und zu prahlen. Ich war damals aufgeweckt und verklemmt zugleich, ich hatte eine vage Vorstellung von der Welt, wie sie sein könnte und wie sie sein müsste, voller Frieden, Liebe und Glück. Ich hatte eine Ahnung, aber ich wusste nicht wie es geht. Ich war mit Menschen zusammen, denen es auch so ging, die einen oder zwei Schritte weiter waren, politisch und im Sex. Einer meiner besten Freunde konnte stundenlang von wilden Geschichten erzählen, und ich fühlte mich so klein, weil ich nichts erlebt hatte, weil mein Lingam nicht in einer Yoni gewesen ist, obwohl ich alt genug dafür war, und weil ich keine Ahnung hatte, wie der Weg dahin sein musste.“

Als Bjoerc 14 Jahre alt war, so jung wie sein Sohn an diesem Tag, hatte er ein Tonbandgerät und ein Radio und all die Musik einer aufbrechenden Generation, der Woodstock-Generation. Auch wenn er keinen Zugang über das Schulenglisch der Nazilehrerin fand, eine entnazifizierte Person und dennoch unfähig, die Härte aufzulösen, hatte er ein Sprachgefühl, das ihm alles sagte, und etwas zum Schwingen brachte, auch wenn der Verstand nicht mithielt. Er las in jenem Alter Die Brüder Karamasow, und Harold Robbins und John Steinbeck, aber er konnte nichts umsetzen, weil er nicht aufgeklärt war.

„Ich versuchte den Kontakt zu den anderen herzustellen,“ beschrieb Bjoerc seinen Konflikt, „und suchte nach Wegen und Gesprächen, doch ich kam mir so erbärmlich klein vor, es nicht geschafft zu haben, eine Freundin zu haben. Irgendwann tat ich so, als ob es geschehen war. Irgendwann erzählte ich meinen Freunden, ich hätte mit Frauke geschlafen, mit Frauke, der tollsten Frau, die aussah wie eine Indianerin, die intelligent und wild war. Dann ging ich einen Schritt weiter und stellte ihnen Frauke vor. Das war der Anfang vom Ende. Irgendwie erfuhr Frauke, dass ich gelogen hatte, und wir kamen aus meiner Sicht nie wieder so zusammen wie je zuvor. Ich hatte die Atmosphäre vergiftet, und traute mich nicht, Frauke von meinem Dilemma zu erzählen.“

4

Etwa zwei Jahre darauf lernte Bjoerc Edda, Fraukes jüngere Schwester kennen. An einem warmen Frühlingstag entstand die Idee, nachts nackt zu wandern, und die drei waren mit von der Partie. Frauke lief im vorderen Teil der Gruppe, Bjoerc in dem hinteren Ende des zweiten Drittels, und irgendwo in der Ferne ging Edda, vertieft in ein Gespräch mit einem Mann, den Bjoerc nicht mochte. Plötzlich schrie Edda auf, rief um Hilfe, weil der Kerl gegen ihren Willen aufdringlich wurde. Bjoerc eilte zu ihr, und der sexuelle Angriff fand sein Ende.

„Nicht einmal ein halbes Jahr verging, bis Edda und ich zusammen waren. Wir hatten damals eine Wohnung für uns Schüler angemietet, jeder bezahlte zwanzig Mark und wir hatten eine Küche, eine großes Wohnzimmer, einen Raum für Schulaufgaben und ein Zimmer, das mit Matratzen ausgelegt war. So kamen Edda und ich uns nahe; nahe, das bedeutete, dass es leicht war, sich kennenzulernen, sie hatte ein Buch in der Hand, ich glaube, es war von Sartre, und wir sprachen miteinander. Es dauerte nicht mehr lange, dass wir verabredeten, uns nach ihrem Abtanzball in unserer Wohnung zu treffen.“

Doch wen hatte Bjoerc gemeint, als Edda und er in der Dunkelheit einander näher kamen und seine Hand die Mitte zwischen ihren Beinen berühren durfte? Wie zärtlich war er? Und welche Wünsche hatte sie, welche Erwartungen und welche Ängste? Edda vertraute Bjoerc, irgendwie, hoffend und verlangend. Doch Bjoerc wiederum wusste nicht, welche Gefühle in ihm tobten. War es ihre Schwester Frauke, die er in ihr sah, aber nicht berühren konnte? War es authentisch, Edda zu treffen und sie zu berühren? Es war eine Chance für die beiden, und Bjoerc erinnerte sich an das Schöne, an das Wilde, an die nie enden wollende Lust, fast ohne Scham.

„Und dennoch glaubte ich, Edda verraten zu haben,“ erzählte Bjoerc seinem Sohn, „weil ich nicht wirklich ehrlich zu ihr war, weder in den Anfängen noch später. Auch wenn ich heute keine Schuldgefühle habe, verlief Eddas Leben nach der Trennung dramatisch.“ Bjoerc beschloss, seine Erinnerungen nicht auszudehnen. „Ich habe immer Strategien und Taktiken gehabt, um meine Ziele zu erreichen, und oftmals tat ich es, indem ich gelogen habe oder wichtige Aspekte verschwieg.“

5

Dann verschob sich das Gespräch der betrachtenden Erinnerungen wieder in das Hier und Jetzt. Für Bjoerc war klar, dass er sein Dilemma nur durch das Erzählen transformiert hatte. Das Dritte, das früher Mittel zum Zweck war, durfte jetzt zum Element des Verbindens werden.

Sicherheitshalb fragte er Francesco, ob es für ihn okay war, wenn sie sich den Film anschauen würden, denn Bjoerc wollte den Wunsch seines Sohns nicht mehr ignorieren. Und während sie das Video auf dem iPad anschauten, erlebten sie nicht nur den Film, sondern menschliche Wärme von Vater und Sohn. Die beiden kreierten einen eigenen Kosmos des Verstehens.

Schon lange, bevor der Film endete, lachte Bjoerc. Er war froh, dieses Experiment gewagt zu haben. Selbstdarstellung und spontane Ehrlichkeit, aufrichtiges Erzählen und Zuhören sind schöne Dimensionen des Miteinanders. Das Ja oder das Nein hätte zur Entfremdung geführt. Francesco sah es genauso, auch wenn er keine Worte dafür benutzen musste.

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