Irgendwo in Friesland, 1964. Hauke Janßen ging jeden Morgen von seinem Heimatdorf, das den wohlklingenden Namen „Himmelreich“ hatte, zur Volksschule in die nahegelegene Ortschaft, die den erschreckenden Namen „Hölle“ trug. In der ersten Klasse lief er voller Freude in die „Hölle“; jedenfalls solange, bis er das erste Halbjahreszeugnis in seinen Händen hielt. Die Schrift seines Lehrers, äußerst unleserlich geschrieben, teilte dem Vater mit, daß sein Betragen „Nicht immer ohne Tadel“ gewesen sei. Diese „Fünf“ verwandelte das Kind; es wurde in seiner Bewegung gehemmt und Hauke überlegte es sich dreimal, ob er sich in der Schule spontan und intuitiv verhalten sollte.

Eines Tages, er war jetzt in der dritten Klasse, sollte er einen Aufsatz schreiben. Der Lehrer hatte ein einfaches Thema formuliert. Die Schüler brauchten sich nur an ihr Wochenende zu erinnern und schöne Erlebnisse mit den Eltern zu Papier bringen. Hauke knabberte seit einer Viertelstunde an seinem Füller. Seine Eltern hatten niemals Zeit für ihn. Nicht einmal zur Einschulung ist seine Mutter mitgekommen. Auch beim Krippenspiel im vergangenen Monat war seine Mutter nicht dabei gewesen. Er mußte an die Tränen denken, die er weinte, als er all die Mütter vor sich gesehen hatte, während er auf der Bühne stand. Die beiden Sätze, die er in dem Stück zu sprechen hatte, waren verschollen. Seine Lippen blieben, traumatisch gelähmt, verschlossen.

Während Hauke aus dem Fenster schaute und den Sonnenaufgang betrachtete, spürte er den Konflikt in sich größer werden. In Gedanken schrieb er die erste Version.

„Meine Eltern haben ein Geschäft und arbeiten die ganze Woche lang darin, auch am Sonnabend. Am Sonntag aßen wir zusammen Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Zwischendurch gab es Tee und eine leckere Torte. Wir sind spazieren gegangen. Ansonsten haben wir nichts zusammen gemacht. Ach ja, ich habe beim Abtrocknen geholfen.“

Hauke schaute in die Sonne. Er war traurig, daß er nichts zu erzählen hatte. Wenn man etwas erlebt, kann man etwas schreiben. Sollte er jetzt seine Familie verraten? Weil er das nicht tun wollte, überlegte er, wie er eine Geschichte erfinden würde. Das war nicht einfach. Als er vier Sätze geschrieben hatte, war die Stunde zu Ende.

Das Ergebnis dieser Arbeit war für Hauke niederschmetternd. Warum wußte der Lehrer nicht, daß er mehr Zeit gebraucht hätte? Hauke erzählte gerne, wenn er etwas zum Erzählen hatte. Die Note war äußerst deprimierend für ihn.

Noch schlimmer war der nächste Vorgang. Das Heft mit der grausamen Note mußte dem Vater zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. Diese Schande wollte der Junge nicht über sich ergehen lassen. Er nahm das Heft, schlug die letzte Klassenarbeit auf, betrachtete den Abschnitt „Unterschrift des Erziehungsberechtigten.“ Dann blätterte er ein paar Seiten zurück und studierte die Unterschrift seines Vaters. Bald hatte er eine Lösung. Auf einem Blatt übte er fleißig, die Unterschrift seines Vaters zu fälschen, bis er sich sicher war, sie mit dem Füller flott und flüssig zu kopieren.

Der Lehrer hatte den Schwindel nicht bemerkt. Hauke lebte wieder auf, bis eines Tages die nächste Klassenarbeit fällig war. Das Ergebnis war diesmal besser und er legte dem Vater die neue Arbeit, für die er ein „Befriedigend“ bekommen hatte, vor. Der Vater unterschrieb, doch in dem Moment, als er das Heft an sich ziehen wollte, blätterte der Vater zurück, sah die gefälschte Unterschrift, lief voller Jähzorn rot an, sprang von seinem Stuhl auf und wollte sein Kind verprügeln. Hauke rannte um sein Leben, so schien es ihm. Es war ein Rennen im Kreis, um einen niedrigen Dreieckstisch.

„Aus dir wird nie etwas,“ schrie der Vater, „aus dir kann nur ein Verbrecher werden.“ Hauke war froh, als seine Mutter erschien.

Das war der erste Tag, als Hauke wußte, daß er nicht im Himmelreich lebte.


Aus der Novelle
Geschichten aus der Hölle

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