Taxifahrer kennen sich auf den Straßen ihrer Region gut aus; sie sind Liebhaber des Asphalts, der sie zu ihren Kunden bringt, sie lieben den schnellen Untergrund, der ihnen hilft, Menschen zu ihrem Ziel zu fahren, sie lieben ihre relative Unabhängigkeit und den Hauch einer Luxuskarosse, sie lieben den Regen und die Nacht.

Janto Hayen war noch jung, als er Taxifahrer wurde. Mit dreiundzwanzig Jahren wußte er genau, was er nicht wollte – und das war der Grund, warum er Taxifahrer wurde. Schon zu Beginn seiner Laufbahn waren ihm Freundschaften wichtiger, als dem kleinen schnöden Mammon zwölf Stunden lang ununterbrochen hinterherzujagen. Eines Tages besuchte er seine Freundin Hilke, die in dem verrufensten Viertel einer kleinen Großstadt wohnte. Er blieb drei Stunden bei ihr und freute sich über einen wunderschönen Nachmittag, der daraus bestand, sich bei vielen Tassen Kaffee über Gott und die Welt zu unterhalten.

Nach Schichtende erfuhr Janto, daß er eine Fahrt nach Kiel in den Sand gesetzt hatte. Mehr als anderthalb Stunden hatte der Funker vergeblich seine Taxennummer gerufen, um ihm die Chance zugeben, eine Fahrt auszuführen, die den Kunden dreihundert Mark kostete. Janto berührte der Verlust des Geldes nicht. Freundschaft und ein Leben mit natürlichen Rhythmen waren ihm wichtiger als hundertzwanzig Mark mehr in seinem eigenem Portemonnaie.

Der junge Taxifahrer liebte es, Kollegen kennenzulernen. Bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, suchte er die Kommunikation und erfuhr in vielen Gesprächen etliche Geheimnisse seiner Zunft. Ein älterer Kollege, Hermann Stöhr, von anderen Kollegen auch gedankenlos als der “Verstörte” getauft, brachte Janto zum Nachdenken.

“Wann kassierst du bei einer Fernfahrt?”, so lautete eine seiner Frage. Hermann Stöhr sprach alles konkret an, doch er ließ dem jungen Kollegen genug Zeit, selbständig über die Frage nachzudenken.

“Am Ende der Fahrt,” antwortete Janto.

Hermann Stöhr nahm einen tiefen Zug von seiner “Peter Stuyvesant”, schüttelte kaum wahrnehmbar seinen Kopf und begann die Geschichte einer Frau zu erzählen, die ein Kollege vor vielen Jahren nach Hamburg gefahren hatte – umsonst. Die Frau täuschte ihn mit einem schweren Koffer als Pfand, das im Kofferraum bleiben sollte, während sie Geld aus der Wohnung holen würde. Die gerissene Frau kam nicht zurück und verschwand für immer aus dem Gesichtsfeld des Taxifahrers.

„Und was meinst du, was sich in dem Koffer befand?“ fragte Hermann Stöhr. Und beantwortete die Frage selbst nach einer angemessenen Pause. „Steine, schöne schwere Steine. Das ist Psychologie. Die Frau hatte alles genauestens eingefädelt, um den armen Kollegen zu täuschen; sie ließ ihn sogar den schweren Koffer in den Kofferraum hieven, um ihm vorzuspiegeln, daß sie von einer langen Reise abgebrannt zurückgekommen ist, aber dennoch gewisse Werte zurückbrachte.“

Eines anderen Tages unterhielten sich die beiden wieder einmal am Westbahnhof, dem bevorzugten Halteplatz vieler Taxifahrer, die eine Pause vom Funk benötigten oder auf Fernfahrten warteten, meist jedoch in nahegelegene Stadtteile fuhren.

“Du hast heute Morgen Glücksburger Straße 31 gefahren,” sagte Hermann Stöhr.

Janto nickte. Während sein Kollege den Namen der Frau hinzufügte, wunderte er sich über die Fähigkeit Hermann Stöhrs, während der Fahrt oder am Westbahnhof das Taxengeschehen genau zu verfolgen. Was dann folgte, würde er sein Leben lang nie vergessen.

“Sie ist eine Edelhure,” fuhr der ältere Kollege fort. Hermann Stöhr ließ den Satz lange wirken, zündete sich eine Stuyvesant an und hielt Janto die Schachtel hin, aus der mehrere Zigaretten herausragten.

“Auf wie alt schätzt du sie?”

Janto hatte keine Ahnung. Als Taxifahrer war er öfter im Rotlichtbezirk als jeder andere Mann der Großstadt und oft winkte er den Straßenhuren am Eingang des Hafenbereichs freundlich zu. Eine nette Geste, die er allen Menschen zukommen ließ, die er kannte. Er war einer von tausend Taxifahrern, die die Frauen zu ihrem Arbeitsplatz fuhren, und es war selbstverständlich für Janto, respektvoll mit den Prostituierten umzugehen. Schließlich hatte er Brechts “Guten Menschen von Sezuan” gelesen – und verstanden, wie er es jedenfalls glaubte.

Die Antwort konnte warten. Janto rief sich die Bilder der jungen Frau in Erinnerung, ihr sympathisches Aussehen, ihr unaufdringliches Parfum, ihren anmutigen Gang, der nichts mit dem Auftreten einer abgetakelten Hure zu tun hatte. Niemals würde er sie in Verbindung zum ältesten Dienstgewerbe der Welt bringen; für Janto war und blieb sie eine angenehme Erscheinung.

“Siebenundzwanzig?”

Hermann Stöhr schüttelte seinen Kopf.

“Jünger?”, fragte Janto verunsichert.

“Nein, älter. Sie ist vierunddreißig.”

Während Janto versuchte, sich in das Alter der Hure hineinzuversetzen, spürte Hermann Stöhr, daß sein jüngerer Kollege Nachhilfeunterricht benötigte.

“Eine Edelhure braucht nicht auf den Strich zu gehen, sie sucht sich ihre Kunden aus, halbwegs. In einer einzigen Nacht verdient sie dreitausend Mark. So altert sie nicht; im Gegenteil. Weil sie ihren Spaß dabei haben wird, verjüngt es sie.”

Janto schwieg. Niemals würde er eine Edelhure bezahlen können. Wozu auch? Er hatte anderes im Sinn.

***

Gut zwanzig Jahre sollten vergehen, bis Janto eine Edelhure einer anderen Dimension persönlich kennenlernte. Mit dieser Begegnung hatte er nicht gerechnet, und es war auch nicht sein Anliegen, die verführerischen Dienste einer Luxusnutte in Anspruch zu nehmen, auch, wenn er zu diesem Zeitpunkt nichts dagegen gehabt hätte. Jantos Welt – und auch seine Sexualität – hatte sich verändert, seitdem er ein Taxifahrer geworden war, der alle Kniffe seines Gewerbes beherrschte, um seinen Geldbeutel zu füllen.

Janto hatte ein anderes Anliegen, als ihn Ma Prem Ahvaani zum ersten Mal in dem Meditationscenter des ältesten Viertels der Großstadt umarmte. Lange Zeit hatte er alleine mit den Meditationstechniken von Osho experimentiert; jetzt wollte er seine Jünger, vor allem die Jüngerinnen näher kennenlernen.

Es war ein Encounter in der Kundalini-Meditation, den Janto vom Zaune brach, als Ahvaani eine Meditation um zehn Minuten verkürzte, um Zeit einzusparen, die sie in einem unvorhersehbaren Konflikt kurz vor der Meditation verloren hatte. Für Janto war es eine Herausforderung, sich während einer für ihn “Heiligen Zeit” zur Wehr zu setzen. Obwohl er von der Meditationsleiterin hinterrücks in die zweite Phase des wilden Tanzens hineinkatapultiert wurde, weigerte er sich mitzumachen. Er stand einige Zeit lang still, um seine Reaktion zu überdenken. Schließlich übertönte er die Anlage und rief: “Dafür bezahle ich keine fünf Mark.”

Auch wenn Ahvaani schnell einlenkte, speicherte Janto das Geschehen unter der Rubrik “Obskures Verhalten” ab. Ein Jahr später sollte er ein weiteres Ereignis als “unbelievable” – als “unglaublich” in seinem Gedächtnis ablegen.

Janto hatte diesmal ein Event mit einem spirituellen Zuhälter gebucht, ohne zu wissen, daß der Zuhälter Zuhälter war, ohne zu wissen, daß all die netten Swamis und Mas wohl die besten Huren der Stadt waren und für ihre Dienste sogar noch selbst bezahlten.

“Man braucht lange Zeit, um zu verstehen, was sich unter dem Deckmantel von Spiritualität verbirgt,” schrieb Janto kurze Zeit danach in sein Tagebuch, “es kostet viel Geld, sich zum Sextherapeuten ausbilden zu lassen.”

Ahvaani und Janto lagen in der ersten Nacht des Workshops eng beieinander, küßten sich halbwegs zärtlich, ohne daß Ahvaani ihm wirklich erlaubte, in ihr Innerstes zu gelangen und berührten sich vorsichtig unter der Decke.

Der neue Zuhälter hatte von allen Teilnehmern Stunden zuvor verlangt, Alkohol zu trinken. Auch empfahl er Marihuana, um sich in Stimmung zu bringen. Während die Swamis und Mas einen Meditations-Marathon absolvierten, besorgte der Staff-Manager im Rotlichtbezirk Drogen.

Zum Abschied nötigte Bhagwans ehemaliger Junkie und „Star-Therapeut“ die Teilnehmer, seine sogenannten Kunstwerke, Graffitti auf Leinwänden, Jacken und T-Shirts zu kaufen. Janto, der das Geschehen noch nicht richtig durchschaute, legte sich eine grüne Jacke mit Krickelakrack zu.

***

Drei Monate später verbrachte er mit Ahvaani einen Nachmittag in einem nahegelegenen Künstlerdorf. Ahvaani gestand ihm, daß sie sich für Bhagwan prostituiert hatte.

“Ich hatte ihm gesagt, daß ich kein Geld mehr habe, um länger in Poona bleiben zu können. Er legte mir nahe, das restliche Geld für einen Flug in eine Sexmetropole zu verwenden, dort als Hure zu arbeiten und dann nach Poona zurückzukehren.”

In sein Tagebuch schrieb Janto: “Ahvaani ist eine Geschäftsfrau. Sie ist kalt, sogar wenn wir uns küssen. Sie verkauft ein Aura-Soma-Sortiment, das schön aussieht, stinkt und für nichts taugt, doch wohl einige Tausende kostet.  Neuerdings überlegt sie sich, mit einer anderen Sannyasin Massagen zu geben; Massagen, die um ein Zigfaches teurer sind als die Handarbeit einer gewöhnlichen Hure, Massagen, die sinnlich und aufregend sind, und doch das gleiche beinhalten, was auch die Frauen aus dem Rotlichtbezirk betreiben.”

In der Zwischenzeit lernte Janto eine andere Gruppierung von Bhagwans Jüngern kennen. Ihnen war es gelungen, einen alkoholkranken Taxiunternehmer zu einer Zwei-Millionen-Bürgschaft für eine Jugendstilvilla in der Innenstadt zu verführen. Eine seiner Fahrerinnen war eine junge Sannyasin ohne Sexappeal; aber wie sie es schaffte, den Taximann unter ihre Fittiche zu bekommen, blieb für Janto immer ein Rätsel.

Zu diesem Zeitpunkt steckte Janto spirituell in den Kinderschuhen. Und doch fragte er sich in einer Nacht in seinem Tagebuch: “Wie kann Ahvaani nur andere Menschen in Sannyas einweihen? Sie ist nicht erleuchtet, sie hat nichts anderes als Geld im Sinn. Doch was passiert mit den Menschen, die von ihr eingeweiht werden?“

Postscript

Janto erfuhr erst nach vierzehn Jahren, daß die traditionelle Energieübertragung eines spirituellen Meisters “Shaktipat” genannt wurde. Für das, was bei seiner Freundin, der Luxushure passiert sein mußte, hatte er einen anderen Namen: Pillepalle.

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