Sonntage waren in dem Leben eines Jungen in den späten sechziger Jahren ein Horror. Mittags, gleich nach dem Essen, bescherte das Familienoberhaupt Blasmusik, nicht nur Ernst Mosch; die Hardcoreversionen der damaligen Zeit bildeten den Auftakt für ein stinklangweiliges Nachmittagsritual. Spazierengehen, einmal mehr als rund um den Pudding laufen, oberflächliche Kommentare zu Erscheinungen im Wald, Schweigen, nebeneinander, nacheinander, kein Miteinander.

Ich bekam Angst. Angst vor der braunen Vergangenheit, die sich mit jedem Schritt aus der Stille in die Gegenwart fraß. Eines Tages war Schluss damit, mit den Spaziergängen, eine andere Welt hatte sich schon lange vorher angekündigt. Ich folgte meiner inneren Stimme, und ich bedauerte es nicht. Nur drei Kilometer musste ich gehen, um in der neu eröffneten Kellerdiscothek mit Freunden zusammenzusein, das Schwert gezückt, die Scheide suchend. Ständig. Das waren die Sonntage mit Aphrodite’s Child, Jimi Hendrix, Santana, Led Zeppelin und Cream. Bevor sich mit Titanic – Santa Fé, Sultana und Searchin – ein neues, lockeres Dancefeeling entwickelte, kam die lange Ära von Black Sabbath, Ufo und Humble Pie. Rechtzeitig, um mich beim Entdecken meiner männlichen Seite zu unterstützen.

Lucifer hatte sich mir nicht persönlich vorgestellt, und wenn Ozzy Osbourne mit dem Kerl befreundet sein sollte, störte das keinen Großen Geist, die Musik war geil, stark und einzigartig, weil sie äußerst strukturiert, klangaufbauend, Emotionen steuernd war. Angst? Nicht die Bohne. Wer sich mit der Stimme identifizierte, kam an seine eigene Basskraft. Die Schwarzen Sonntage waren mit Black Sabbath endlich vorbei; die Band brachte Licht in die verkommene Gesellschaft, die nichts anderes tat, jedenfalls in ihrer Mehrheit, als zu lügen und zu verdrängen. „Wenn das Luciferqualität ist, werde ich Lucifers Freund,“ dachte ich mir.

Eines Tages stellte ich mir vor, riesengroße Lautsprecher in meinem Dorf zu installieren. Die Musik sollte die Traumata der Kriegszeit lösen, sollte zu Gesprächen herausfordern; zunächst die Einschüchterung durch Fliegergeräusche, dann die neue Hardrockmusik, und schließlich die Kraft der Jugend, das Einfordern der neuen Identität, das Verlangen nach Liebe, Frieden und Glückseligkeit, moderne Redekreise. Aber die alten Nazis überhörten meinen Ozzy. Die sauften sich die Hucke voll und schmiedeten Pläne, während ich in der Disco war. Und doch; Black Sabbath sollte mich mein ganzes Leben lang inspirieren.

Nach meiner Pubertät habe ich Black Sabbath vergessen; auch, wenn ich mir die Frage stellte, was ist „Paranoid?“ Sie waren für eine bestimmte Phase genau das Richtige, danach interessierten sie mich nicht mehr. Jetzt höre ich die erste LP und bin angenehm über den Sound überrascht. Sicherlich keine Klangcollage für ein Müsli bei Tiffany; just a little bit to strong. Aber genau die Begleitmusik für die zweite Pubertät.

ps

Unter der Dusche fiel mir ein, warum es mit mir und Ozzy nicht weiterging. Für liebevolles Petting war das Klangmuster nicht geeignet. So einfach ist das mit den Emotionen.

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