Egon Erwin Kisch. Seit ein paar Tagen geht mir der Name dieses Menschen durch den Kopf. Nach Ernest Hemingway und Simone de Beauvoir könnte er derjenige sein, der mich einen Schritt weiterbringt. Würde ich studieren wollen, würde ich seine Veranstaltungen belegen. In meinem Alter sollte ich promovieren, und dann wäre er mein Doktorvater. In einer Welt des ganz normalen Wahnsinns wäre er der Richtige, denn ich bin endlich soweit, daß ich Unterstützung annehmen kann, um das zu schreiben, was geschrieben werden muß.

Lange bevor ich Autor geworden bin, arbeitete ich als freier Journalist; nicht im dem Sinne eines erfolgreichen Geschäftsmanns, eher im Sinne von Talent, denn ich erzähle gerne, nachdem ich etwas erlebt habe. Gleich nach dem Abitur war mir klar, daß ich Journalist werden wollte und so landete ich in den honorigen Redaktionsräumen einer Zeitung, die Egon Erwin Kisch zufällig bei den Recherchen für die „Weltumseglung des A.Lanna 6“ fand, wahrscheinlich ohne sich dort länger aufhalten zu müssen.

Meine Anwesenheit in den Reihen der Kollegen machte mir als erstes deutlich, daß die Studentenrevolte an ihnen wohl spurlos vorbei gegangen war, aber ich tat mein Bestes, um das zu tun, was ich tun wollte, auch wenn es dem Ressortchef nicht gefiel, daß ich mich um die Geschäftspraktiken eines Ehrenmannes kümmerte, der Menschen mit Heimarbeit ausbeutete. Das Thema kam mir zufällig zu Gehör, und so kümmerte ich mich um Fakten, auch wenn sie schwer zugänglich waren.

Das erste Dilemma war aus heutiger Sicht ein geringfügiges; ich hatte ein absolutes Faible für Relativsätze, weil mir Relationen wichtig erschienen. Das ,Wer ist wer‘ erschien mir in einer regionalen Zeitung besonders wichtig, und zwar anders, als es meine Kollegen verstanden. Beispielsweise ist es nicht möglich, einen Lehrer in einem Bericht auftauchen zu lassen, ohne seinen Hintergrund zu erläutern. So war es für mich von Notwendigkeit, einen Lehrer mit seinem psychischen Hintergrund ins Spiel zu bringen.

Also schrieb ich in einer Reportage über mein Gymnasium: „Ich lernte kein Englisch bei der Englischlehrerin Fräulein Dr. Böse, die irgendwann im Faschismus alles gelernt hatte, nur keinen Humanismus.“ Der Ressortleiter korrigierte, redigierte und lektorierte in einer Person, ohne mit mir über seine bedeutsame Arbeit zu kommunizieren, auch wenn er eine dicke Brille trug, die ihm helfen würde, sich vor meinen Augen zu schützen. In der Zeitung konnte ich einen Tag später eine Reportage lesen, die zwar mit meinem Namen unterzeichnet war, jedoch nicht mehr meinem Geist entsprach. So lernte ich in der neuen Geschichte „Englisch bei Fräulein Dr. Gut, die das Fach schon an einem humanistischen Gymnasium in Danzig gewissenhaft unterrichtete.“

Die zweite Hürde bestand in dem Wissen über die Funktion des Ressortchefs. Alles, was ich schreiben würde, mußte über seinen Schreibtisch. Ein Mensch seines Formats bedroht einen Volontär nicht mit körperlicher Gewalt, nicht einmal mit emotionalen Andeutungen oder psychischen Sadospielchen, wie es einige Lehrer des Gymnasiums taten; im Gegenteil, er geht auf Nummer sicher, indem er nicht da ist, wenn ein Artikel auf seinem Schreibtisch landet, und man geht auf leisen Sohlen an ihm vorbei, weil er in die jüngste Ausgabe des Blattes vertieft ist. Interessanterweise nimmt er sich irgendwann die Zeit, die Werke seiner Mitmenschen mit einem Filter zu überprüfen, der irgendwann während des Faschismus hergestellt sein mußte.

Der zweiten Hürde war die dritte Hürde vorangestellt. Es handelte sich um eine Ideenstube, die keine war, sondern um die Kommandozentrale des journalistischen Alltags, allerdings mit einer Bezeichnung, die klarmachte, daß es sich um eine Redaktionssitzung handeln würde. Steht Redaktionssitzung drauf, ist Kommando drin – das war schon in der ersten Woche klar, auch wenn der Umgangston freundlich war und der Kollege, der mir den Alltag des Journalismus beibrachte, herzlich erschien. Ohne Marschbefehl würde ich meinen Aufmacher vergessen können, und wenn ich die Erlaubnis bekäme, dürfte ich zufrieden sein, wenn mein Werk im hinteren Regionalteil erscheinen würde.

Die vierte Hürde bestand in der Zeit, die ich benötigen würde, um zwischen den Pflichtterminen, Dunkelkammerarbeit und des Textens zu einer vernünftigen Recherche zu gelangen, die fünfte in der Unwissenheit, wie ich einem ehrenwerten Gauner auf die Finger schauen konnte. Wenn du vom meinem Gymnasium kommst, hast du alles Mögliche gelernt, nur nicht, daß du dich um das Wesentliche im Leben kümmern kannst.

Ich hätte einen Rechercheplan benötigt – und eine Methodik. Mut hatte ich, aber keine Vision, was ich tun müsste, um zu einem Artikel zu kommen. Mir fehlte ein Konzept für den Fall der Fälle, falls meine Bemühungen im eigenen Haus scheitern würden.

***

Mittlerweile sind vierzig Jahre nach diesen Ereignissen vergangen. Die Details in puncto Heimarbeit kann ich nicht erinnern, aber um die Gewißheit des Themas an sich brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Die sechste Hürde läßt sich erst aus heutiger Sicht erkennen – es fehlte das eigene Erleben. Das wäre der Moment, um Egon Erwin Kisch ins Spiel zu bringen. Oder Günter Wallraff.

Auf dem Gymnasium wurde nichts über die beiden Journalisten gelehrt, der eine war zu aktuell, auch wenn er schon 1948 verstorben war, und der andere galt als abnormale Persönlichkeit, „für Krieg und Frieden untauglich,“ wie es in einem Attest hieß, ausgestellt von dem Doktor einer psychiatrischen Abteilung eines Bundeswehrlazaretts. in das Günter Wallraff eingewiesen wurde, nachdem er sich weigerte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Sein Bundeswehr-Tagebuch war in der Kriegsstadt den Schülern des Gymnasiums weitestgehend unbekannt, ebenso seine Industriereportagen als auch seine Unerwünschten Reportagen. Eigentlich waren all seine Werke unerwünscht.

Bevor es mir gelang, das Prädikat des gesellschaftlich anerkannten Redakteurs zu erlangen, wurde ich zur Bundeswehr gezwungen. Der Chef des Blattes vergaß in einem Anfall bösen Humors, das Honorar für meine Photographie auszubezahlen. Als ich ihn freundlich erinnerte, daß eine Summe von 36 Mark zu begleichen sei, weigerte er sich, ohne einen Grund nennen zu wollen. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Betriebsrat verlangte ich mein Geld – und diesmal selbstbewusster. So griff der Chef in seine hintere Hosentasche, zückte sein Portemonnaie, machte mich darauf aufmerksam, wenn ich darauf bestünde, würde er mich ausbezahlen und gleichzeitig ein lebenslanges Hausverbot über mich aussprechen.

Damit endeten meine Anfänge. Das war im Sommer 1974; ich wußte, woran ich war und in meinem Portemonnaie waren sechsunddreißig Mark, die morgens noch in dem Portemonnaie des anderen waren.

Postscript

Erst 1984 unternahm ich einen neuen Anlauf, um als freier Journalist und Photograph zu arbeiten. Was in jener Zeit geschah, und warum ich mir Egon Erwin Kisch als Mentor wünsche, ist eine andere Geschichte.


Die Kurzgeschichte als PDF:

Das Portemonnaie des Chefs

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